Ein neues beeindruckendes Werk von Philip Roth

Rezension zu:

Philip Roth, Nemesis, Hanser 2011, 220 Seiten, ISBN 978-3-446-23642-4

„Nemesis“, der neue Roman des großen amerikanischen Schriftstellers Philip Roth, der schon lange den Literaturnobelpreis verdient hätte, ihn aber wohl nie erhalten wird, sticht unter seinen letzten Büchern heraus. Zunächst ist man nämlich, auch weil die Handlung 1944/45 spielt und es um ein Geschehen in Newark geht, versucht, das Buch für ein bisher unveröffentlichtes Frühwerk zu halten.

Und dennoch ist es nach seinen eigenen Aussagen der letzte, abschließende Teil einer Reihe, die er selbst „Nemeses“ nennt, eine Reihe, die mit „Jedermann (2006) begann und dann im jährlichen Rhythmus von „Exit Ghost“ (2007), „Empörung“ (2008) und „Die Demütigung“ (2009) ergänzt wurde.

Eine Reihe, in der der Autor die Themenkomplexe Sterben, Altern, Krankheit, Unglück und Schuld im Großen wie im Kleinen beleuchtete und auf seine unverwechselbare und in ihrer Ausweglosigkeit stellenweise schwer zu ertragenden Art beschrieb.
In „Jedermann“ kämpfte sein namenloser Protagonist gegen die Hinfälligkeit, in „Exit Ghost“ verschwand Roths jahrzehntelanges Alter Ego Nathan Zuckerman für immer von der literarischen Bühne. Und auch in den beiden letzten Romanen „Empörung“ und „Die Demütigung“ leiden die Haupotpersonen unendlich an ihrer zu Ende gehenden Existenz und ihren Aporien.

Der Protagonist von „Nemesis“, Bucky Cantor, hat diese Existenz zu Beginn des Buches durchaus hoffnungsvoll noch vor sich. Während seine Freunde in Übersee gegen Nazideutschland kämpfen, sieht sich der wegen eines Augenleidens vom Militärdienst befreite Pädagoge und Sportler mit einem ganz anderen Kampf und mit ganz anderen Aporien konfrontiert.

Bucky Cantor muss mit ansehen, wie in seiner Heimatstadt Newark immer mehr ihm zum Feriensport anvertraute jüdische Jungen von dem Kinderlähmungsvirus befallen werden. Etliche von ihnen sterben. Die Stadt ist in Panik, Roths fiktive Schilderung (es gab 1944 keine solche Epidemie in Newark) hat zeitweise alttestamentarische Dimensionen.

Bucky flieht aus seinem Job in ein sicher geglaubtes jüdisches Ferienlager, wo auch seine Freundin Marcia Steinberg arbeitet. Als auch dort nach einiger Zeit die Polio ausbricht, fällt der Verdacht auf Bucky. Eine sofort angeordnete Untersuchung bestätigt den grausamen Verdacht und Bucky kehrt schon im Krankenhaus allem den Rücken. Nach seiner Heilung widersteht der nun behinderte Cantor allen Versuchen der ihn liebenden Marcia, an der Beziehung festzuhalten.

Wie eine Art moderner Hiob sucht er die Schuld nur bei sich und hadert mit einem Gott, an den er glaubt nach wie vor, dem er aber vorwirft, grausam zu sein.
Schon ziemlich am Anfang des Buches ist deutlich, dass es da einen Ich-Erzähler gibt, der aber lange anonym bleibt. Es ist Arnie Mesnikoff, ein jüdischer Junge, der zu Cantors Feriensportgruppe in Newark gehörte und ebenfalls an Polio erkrankte. Doch auch er kann, als er lange Zeit später Bucky Cantor wieder trifft, dem zwar seine Geschichte entlocken, um sie der Nachwelt zu erzählen, aus seinem Teufelskreis von Schuld und Selbstanklage kann er ihn nicht erlösen.

Das Buch ist spannend erzählt, sein Thema spricht an und bewegt. Ein Mann, der sich Nemesis, der Rachegöttin und ihrem Wirken ausgesetzt sieht, kommt anders als Hiob im Alten Testament aus dem Hadern mit Gott und aus der Hybris nicht heraus. Selbst die Liebe anderer Menschen kann ihn nicht retten, eine hoffnungslose Figur, der doch eine so hoffnungsvolle Zukunft offen stand.

„Nemesis“, das sei abschließend bemerkt, ist einer der wenigen Romane aus dem Werk von Philip Roth, in der Sexualität, und insbesondere die schwierige Sexualität von in die Jahre gekommenen Männern, keine Rolle spielt. Auch das hat zu meinem Lesegenuss beigetragen.
 

 
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