Ein paar Gedanken zur "Wende"

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Penelopeia

Mitglied
Aus Anlass des 30. Jahrestages der sogenannten „Wende“
  1. Handelte es sich um eine friedliche Revolution, die zur „Wende“ führte?
Nein. Denn: Es gibt keine „friedliche Revolution“. Revolution bedeutet Umwälzung, Überwindung, Ablösung einer Diktatur, einer Macht- und Gewaltherrschaft. Welche Diktatur trat bisher freiwillig zurück, welcher Polizei- und Obrigkeitsstaat löste sich aus Vernunftgründen auf? Ich kenne keinen. Folglich muss es sich bei der Überwindung des DDR-Regimes um eine andere Form als die der gewaltsamen respektive revolutionären gehandelt haben.
Wer sich den ökonomischen Zustand des Ostblocks zur Wendezeit ansieht, dürfte schnell zu einer Erklärung für die plötzliche Änderung kommen: Die Länder des RGW waren wirtschaftlich und ideologisch am Ende. Sie drohten unter Devisenschulden, Handelsdefiziten, Abraumhalden zusammenzubrechen, in Quecksilberseen zu ersaufen, in den Abgasen der völlig veralteten Chemie- und Industrieanlagen zu ersticken. Die Schutz- und Hegemonialmacht Sowjetunion löste sich auf. Nationale Bewegungen begannen aktiv zu werden. Glasnost und Perestrojka brachten gesellschaftliche Wahrheiten ans Licht und führten zur Auflösung staatlicher Autoritäten.
Es liegt also nahe, die allgemeine Schwäche der Ostblockstaaten als Hauptgrund für den Wechsel anzunehmen. Die DDR und die meisten anderen Ostblockstaaten kollabierten. Vielleicht könnte man, in Anlehnung an eine der marxistischen Thesen der staatlichen Ideologen, vom „parasitären, faulenden, absterbenden System“ des Sozialismus sprechen.
  1. Woher kam der Begriff der friedlichen Revolution?
Ja, woher kommen Begriffe, die ins kollektive Gedächtnis eingehen und gleich einem alltäglichen Haushaltsgegenstand, einem Staubtuch oder einem Läusekamm beispielsweise, bei der Erklärung – und Klärung, also: Aufarbeitung, Bereinigung – historischer Prozesse Anwendung finden? Sie können nicht immer die Erfindung eines einzelnen klugen Kopfes sein, sondern durchaus das Produkt eines kollektiven Bedürfnisses, das danach strebt, unangenehme Wahrheiten auszublenden, die eigene Rolle und Bedeutung zu überhöhen und das Selbstbewusstsein nachhaltig zu stärken.
Im vorliegenden Fall scheint das passiert zu sein: Ein Volk der Feiglinge, der Duckmäuser, der Mitläufer sah die Schwäche des Systems, sie war ja auch überdeutlich und selbst vom blindesten Demagogen und halsstarrigsten Verteidiger der überlebten Ordnung nicht mehr zu leugnen. Und das Volk, es wagte sich endlich hervor aus miefigen Wohnzimmern der fernbeheizten WBS-70 Plattenbauten, aus den Lauben ihrer Kleingartenkolonien, aus den Eckkneipen der verfallenen Altstädte…
Der Begriff der „friedlichen Revolution“ streichelt die Seele der feigen Ostdeutschen: Er suggeriert, sie hätten eine Revolution gewagt und gewonnen. Und das obendrein mit den Mitteln der Vernunft, der überlegenen Argumente, des klaren Verstandes und der Friedfertigkeit. Er passt allerdings auch gut den Westdeutschen ins Brevier des angeknacksten Selbstbewusstseins, liefert er doch offenbar den Beweis, dass die Deutschen nicht nur Nationalismus und Faschismus können, sondern auch Vernunft und Revolution…
Wirkliche Revolutionäre waren da wenige, ganz wenige, und die wurden systematisch in Gefängnisse gesteckt, abgeschoben oder zersetzt. Jene, die immer noch Kraft hatten, lieferten in der Vorwendezeit die Stichworte, die dann begierig von vielen, allzuvielen aufgegriffen und in kurzer Zeit ins Gegenteil verkehrt wurden: Aus „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“…
Alle, die den Begriff der „friedlichen Revolution“ für angemessen und korrekt halten, muss man fragen: Warum erst 89? Warum nicht 53, 61, 68?
  1. Christa Wolf und ihre Rede am 4. November 89
Tatsächlich hatte Christa Wolf keine Mühe, am 4.November 89 den Satz vom „Wir-Volk“ über die Lippen zu bringen. Es klang für mich sehr, sehr anmaßend.
Denn: Hatten plötzlich alle vergessen, wer da vor ihnen stand? War der breiten Masse, die andächtig zuhörte, in Anbetracht der nahenden Wende, die sicher das Paradies nach Ostdeutschland bringen würde, der letzte Rest kritischen Denkens abhandengekommen?
Es scheint so.
Um es kurz zu erinnern: Christa Wolf war nicht nur Schriftstellerin, sie war SED-Mitglied von 1953 bis 1989 und Kandidatin des ZK der SED; sie war IM Margarete und Mitglied der Akademie der Künste. Sie wandte sich 1965 gegen die „Kahlschlagpolitik“ der SED im kulturellen Bereich, verteidigte den „“Rummelplatz“-Roman von W. Bräunig, verweigerte die Unterschrift zur Zustimmungserklärung des Schriftstellerverbandes zum Einmarsch der Sowjetunion in die CSSR und unterschrieb den offenen Brief gegen Biermanns Ausbürgerung, worauf man sie aus dem Verband warf.
Christa Wolf hatte ab 1972 bis zum Ende der DDR Reisefreiheit und konnte, trotz Stasibespitzelung, weitgehend frei schreiben und veröffentlichen. Sie konnte bleiben und halbwegs komfortabel leben und arbeiten.
Sie war ein Teil des DDR-Establishments und blieb es trotz ihrer teilweise widerständigen Aktivitäten, weil die Mächtigen des Staates auf sie nicht verzichten mochten. Die Vorteile, als da waren: ihr Renommee, ihre internationale Anerkennung, ihre Buchtantiemen, überwogen.
Ich frage mich: Wollte Christa Wolf mit dem WirsinddasVolk-Satz ihre soziale Position und Funktion vergessen machen und sich als Teil des Volkes, dem man immer zugetan und für das man sich immer eingesetzt habe, beweisen? Wollte sie also unter den „Rock der breiten Masse“ schlüpfen, die sich gerade anschickte, alte Werte umzuwerten?
  1. Hätte man die DDR retten können?
Eher nein: Die Wirtschaft war ineffektiv, sie war von Anfang an geschwächt worden durch Reparationen, durch fehlende Investitionen, durch das Walten fachunkundiger Ideologen, durch politische Entscheidungen mit großer propagandistischer Wirkung und verheerenden ökonomischen Folgen – ich erinnere an die angenehm niedrigen Mieten und den daraus resultierenden grandiosen Verfall von Bausubstanz.
Sicher hat auch die schnelle Einführung der D-Mark zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit ostdeutscher Produkte beigetragen, und gewiss hat die Treuhand gemauschelt und gedealt, betrogen, verschoben und mitgeholfen, Konkurrenten westdeutscher Betriebe im Osten auszuschalten. Aber: Haben die Ostdeutschen mit ihrer Gier nach westdeutschen Produkten und der Verachtung der eigenen, nicht ihrer Industrie ein bisschen mit den Todesstoß versetzt?
  1. Was hat die Wende gebracht?
Eine Pauschalbeurteilung ist möglich, sie dürfte positiv ausfallen, da die Vorteile der Vereinigung überwiegen: Reise-, Meinungs-, Rede- und Wahlfreiheit sind hohe Güter, die es in der DDR gar nicht oder nur in sehr knappen Rationen und auch oft noch unterm Ladentisch gab.
Besser ist es natürlich immer, die heutige Situation nach verschiedenen Kriterien zu beurteilen. Nehmen wir Parameter wie Produktivität, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Lage, Gesundheitsversorgung, Renten etc., so lässt sich zumindest von aufgeblühten Landschaften reden.
Bei immateriellen Parametern wie Zufriedenheit, Selbstbewusstsein, Erwartungen an die kommenden Zeiten, scheint sich ein anderes Bild zu ergeben: Ostdeutsche fühlen sich benachteiligt, zweifeln stärker an sich, blicken pessimistischer in die Zukunft. Warum?
Mir kommt nur eine Erklärung plausibel vor. Ich gehe davon aus, dass die unterschiedliche Entwicklung des persönlichen Besitztums in einem direkten Verhältnis zu eben den genannten „Befindlichkeitsfaktoren“ steht, wobei ich den Begriff „Besitz“ nicht auf materielle Güter beschränke.
Die sind gewiss wichtig für fast jeden Menschen, oft auch den angeblichen Idealisten. Ein wesentlicher Bestandteil des „Besitzes“ sind heutzutage aber auch kulturelle Kompetenzen, die letztlich den Grad der Einfluss- und Entscheidungsmöglichkeiten auf gesellschaftliche Prozesse wesentlich bestimmen. Wenn ich lese – wie kürzlich im Interview mit A. Merkel –, dass die DAX-Konzerne komplett von Westdeutschen geführt werden und es keine Uni oder Hochschule in Deutschland mit einem Rektor gibt, der Kindheit und Jugend in Ostdeutschland erlebte, so komme ich zu dem Schluss, dass die damalige Einheit eine heutige Scheinheit sein muss, denn die Besitzstände (als Summe aus materiellem und ideellem Kapital) sind sehr ungleich verteilt worden und werden es wohl weiterhin werden.
Daraus folgt: Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten war keine auf der Basis der Gleichberechtigung, sondern hat Züge einer Annexion. Die heutigen FnL (fünf neuen Länder) wurden in der Art einer Kolonie erworben und werden in dieser Art bis heute verwaltet, leider.
Und leider haben viele Ostdeutsche genau diesen Eindruck und – suchen sich einfache Erklärungen und wählen Parteien mit einfachen Erklärungsmustern…
 
Ich habe den Beitrag sehr gerne gelesen. Er zeigt für mich in klarer Form und Diktion ein paar Selbstverständlichkeiten auf, die leider gar zu gerne verschwiegen, falsch bewertet oder verleugnet werden; das nicht nur von der offiziellen "Sieger-Geschichtschreibung", sondern leider auch von vielen Menschen, die sich ehrlich um einen halbwegs kritischen Blick auf das Zeitgeschehen bemühen, aber gerade im Fall des Falles der DDR nicht den seit Gründung der beiden deutschen Staaten erzeugten ideologischen Nebel zu durchdringen vermögen.

Kleine Anmerkungen

Reise-, Meinungs-, Rede- und Wahlfreiheit sind hohe Güter, die es in der DDR gar nicht oder nur in sehr knappen Rationen und auch oft noch unterm Ladentisch gab.
Immaterielle Güter unter dem Ladentisch - ein schönes Bild, mehr davon hätten den Text noch besser gemacht.

Daraus folgt: Die Vereinigung ...
Wenn man "Daraus folgt" sagt, sollten die Gründe für diese Folgerung unmittelbar vorangehen. Es handelt sich hier aber um ein Fazit des ganzen Artikels. So liest es sich, als würde das gerade aus dem vorhergehenden Punkt "1. Was hat die Wende gebracht" zu folgern sein.
Außerdem, wenn man seine Abschnitte durchnummeriert, dann sollte diese Nummer auch fortlaufend sein. (Ist vielleicht nur ein Computer-Artefakt, dass die Nummerierung nicht geklappt hat, oder sie funktioniert nur auf meinem Browser nicht)

Aber, wie gesagt, das sind nur Kleinigkeiten.

Grüße, Binsenbrecher
 

Tula

Mitglied
Hallo

Las ich gerade und musste sofort bei der Frage stutzen, ob es 'friedliche Revolutionen' gibt, so als ob Gewalt stets das Zeichen einer 'wirklichen' Revolution sei. Dann kommst du zum richtigen und eigentlich offensichtlichen Schluss, dass das ganze System wirtschaftlich am Ende war. Eben!
Stellt sich die Frage, ob es in der Geschichte Revolutionen gab, bei der das wirtschaftliche Ende nicht dem politischen bereits vor der eigentlichen Revolution vorausging. Denn wer die wirtschaftliche Macht in den Händen hält, hat in der Regel auch die politische und militärische. Weshalb in einigen Länder noch getrost ein paar Jahrzehnte ihre schein-demokratischen Regime wenig zu befürchten haben und Menschenrechte mit den bekannten Stiefeln treten dürfen.

Ob es sich um eine Revolution handelt oder nicht, kann man schwerlich mit dem freiwilligen Abtreten oder mit Gewalt allein begründen. Es geht um den Wechsel (sprich Umwälzung - von unten nach oben und vice versa) dieser Macht, der eine bloße Palastrevolte oder Militärputsch (meistens darauf ausgerichtet, bereits überkommene Verhältnisse mittels Gewalt am Leben zu erhalten) von einer wirklichen Revolution unterscheidet. Ich denke da eher an Schein-Revolutionen bei denen sich nach Auflösung der Rauchwolken herzlich wenig verändert hat.

Konkret zu 89, das "freiwillige Abtreten" hätte ohne unzufriedene Menschen nicht stattgefunden. Immerhin waren es die nicht mehr abbrechenden Proteste, die Züge nach Prag / Budapest usw. + die Absage der Sowjetunion, dass man auf militärische Unterstützung wie in den 50ern nicht rechnen konnte, welche die SED Führung insgesamt zur Einsicht brachte, dass das Ende unausweichlich war. Und das Öffnen der Grenze ein Verzweiflungsakt, mit dessen euphorischer Wirkung bei fast allen die Führung nicht gerechnet hatte. Aus der empfundenen Schwäche des einen erwächst die Stärke des anderen. Nur für den Betrachter von außen mögen solche Ereignisse dann 'unerwartet' kommen, für den der 'alles mitgemacht' hat, nicht unbedingt.

So klingen mir einige Passagen in deinem Text etwas zu akademisch. Wer aus der Geschichte wirklich lernen will, könnte sich die DDR auch als Beispiel für das Potential der 'stetig wachsenden Unzufriedenheit der Massen' nehmen. Die Populisten haben das längst begriffen.

LG
Tula
 

Penelopeia

Mitglied
Hallo Tula,

es ist schon spät, daher nur kurz zur Frage der "friedlichen Revolutionen": Ich habe zunächst rein instinktiv diese Formulierung abgelehnt, mich dann aber damit beschäftigt und Bestätigung bekommen: Von einem gewissen Hobbes. Der meinte vor längerer Zeit, eine Staatsmacht trete nie freiwillig ab, folglich komme es bei einem wirklichen Wechsel der Machtverhältnisse immer zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Weitere Anmerkungen zu Deinem interessanten Kommentar nach der Weihnachtspause!

Schöne Grüße

P.
 

Tula

Mitglied
Hallo Penelopeia

Ich stimme dem Hobbes da sehr gern zu. Die Frage ist, ob die Führung der DDR in der Tat "freiwillig" zurückgetreten ist. Das würde ich sehr eindeutig mit "Nein" beantworten. Es war eher eine Form der Ohnmacht, weiterer "staatlicher Widerstand" war zwecklos, es gab nach der unerwarteten Euphorie der Maueröffnung (die nur zeitweilig sein sollte) einfach kein zurück mehr. Der Ofen war aus. Keine Spur von Freiwilligkeit.

Es gibt ähnliche Beispiele in sich zusammenfallender Systeme. Die Revolution hier in Portugal 1974 zählt dazu. Anfangs eher eine Revolte einer Gruppe innerhalb des Militärs, welche durchaus hätte niedergeschlagen werden können, war der sofortige Zuspruch der Massen auf der Straße der wirkliche Gnadenstoß für das Regime, welches niemand mehr wollte.

Jedes dieser Ereignisse verläuft in einem bestimmten historischen Kontext. Da muss es nicht immer ein Sturm auf die Bastille sein, das zu den Waffen greifende Volk usw. Immerhin kippten alle Regierungen des ehemaligen Ostblocks auf relativ unblutige Weise. Das mag vielerlei Ursachen haben, unter anderem auch die Rolle der eigenen Armee, "Volksarmee" wie man sie nannte, da musste jeder seine 18 Monate Pflichtdienst absolvieren. Ganz anders als eine Militärelite wie zum Beispiel in Venezuela, deren Führung sehr viel zu verlieren hat. Rollende Panzer hätten 89 sicher zu einem tragischen Ausgang geführt, als Option lagen/standen auch diese nicht mehr auf dem politischen Tisch.

Ich habe bei deinem Text auch den Eindruck, dass du mit Begriffen wie "Volk" und "Revolutionär" etwas zu leichtfertig umgehst. Die letzteren sind bei jeder Revolution eine kleine Minderheit, können im entscheidenen Moment aber die Führung übernehmen. Als Leitfigur, mit oder ohne wirklichen Leit-Ideen. Das sogenannte Volk (stets ein sehr heterogenes Gebilde) tritt als aktives Element nur kurze Zeit in Erscheinung, in den Tagen des Aufruhrs, in friedlicher Blockade auf einem zentralen Platz oder eben mit Gewalt öffentliche Einrichtungen erstürmend. Kommt auf dasselbe heraus. Die Motivation bzw. das ZIEL der Massen scheint mir da stets in erster Linie der Umsturz an sich zu sein, weniger eine konkrete Vorstellung eines neuen Systems oder ein bestimmtes ideologisches Modell. Im Falle der DDR könnte man dies verneinen - das westliche Modell kannten fast alle aus den damaligen Medien. Und DAS wollten die meisten. Ich wollte aber mit dem letzten Satz meines ersten Kommentars genau das betonen: das Volk (in seiner allgemeinen Definition) wird von Unzufriedenheit bis hin zur Wut getrieben, es geht gerade bei der Anwendung von Gewalt ums "Abrechnen". Daher finde ich die um sich greifende Politik-Verdrossenheit der heutigen Zeit und den Einzug populistischer Parteien in die Parlamente durchaus beängstigend. Aber gut, das ist ein anderes Thema.

Das Volk "stürzt" die Macht, aber "ergreift" sie nicht, d.h. nur als Ideal, welches die Geschichte immer wieder ad absurdum führt. Daher ist es aus der Perspektive der Analyse heraus unerheblich wie zufrieden oder unzufrieden das Volk (im Durchschnitt) Jahre nach der Revolution ist. Der Mohr tut auch hier seine Schuldigkeit und darf gehen.

Auf Dauer "gemacht" wird die Geschichte zahlenmäßig stets von Minderheiten (schon weil stets eine kleinere soziale Gruppe den von bzw. mit Hilfe der Mehrheit erwirtschafteten Mehrwert für sich in Anspruch nimmt und sich damit den eigenen Machterhalt finanziert). Der Übergang vom feudalistischen Königtum zum bürgerlichen Parlament ist da ein gutes Beispiel. Eine neue, wirtschaftlich aufstrebende Schicht beseitigte eine andere, die eigentlich nur noch auf Pump überleben konnte. Der Revolution folgte die Erschaffung einer vollkommen neue Machtstruktur. Eine Mehrheit im eigentlichen Sinne war das jungkapitalistische Bürgertum aber nicht.
Traurige Beispiele der Gegenwart (für die bestimmende Rolle einer Minderheit) fehlen leider auch nicht; da denke ich sofort an den Balkankrieg, der als solcher (Krieg) von sich bewaffnenden, nationalistischen Fanatikern geschürt wurde. Und über die statistischen Besonderheiten moderner, demokratischer Wahlen gibt es nicht viel zu debatieren.

Entscheidend für eine Revolution ist nicht nur der Sturz einer herrschenden Elite, sondern (im Gegenstück zur Etablierung einer neuen, die aber nichts oder wenig ändert) der Übergang zu einer neuen politischen Macht und der ihr zugrunde liegenden Struktur. In der Regel geht die politische Macht in die Hände jener, welche auch die wirtschaftliche Macht haben. Da muss man kein Marxist sein, um zu erkennen, dass der Sieger der Revolution (oder eben des Zusammenbruchs des alten Systems) das altbekannte Kapital ist. Natürlich in seiner modernen Erscheinungsform - der Markt, die Wirtschaft oder wie man es nennen möchte. In sich selbst in einem steten Umwandlungsprozess, wie uns die Globalisierung vor Augen führt.

Es war eine Revolution. Kein blutiger Aufstand (um Himmels Willen), aber eben doch der Gnadenstoß des Volkes, das sich im entscheidenen Moment nicht nur vor Freude betrank, sondern sehr aktiv eine Mauer zertrümmerte. Das hämmerte mit seiner Symbolik viel tiefer in die Köpfe der SED-Elite als die Erstürmung irgendeines Regierungsgebäudes. Es war das Ende.

LG
Tula
 
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jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Bitte auch in der neuen LL Textarbeit (also das Scheibhandwerk ins Zentrum stellen)! In Ermanglung einer Ausblendfunktion trenne ich Diskussionen zum Textthema fürderhin ins Forum Lupanum ab.
 
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Tula

Mitglied
(von jon redigiert: Angriff auf Redakteursentscheidung entfernt.)

Zu einer guten Kolumne oder Rezension gehört nicht allein sprachliche Gewandheit, sondern auch eine überzeugende Argumentation, welche ich hier nicht vorfinde.

Der Text gliedert sich in mehrere Teile mit Thesen, Fragen und Behauptungen. Soweit so gut.

Der erste Teil startet mit der Feststellung, dass es keine friedliche Revolution gab. Die Begründung dafür findet sich in der weit bekannten Feststellung, dass der reale Sozialismus am Ende war. Das historische Ereignis selbst wird nicht weiter betrachtet. Ergo: zuerst starb das System, dann feierten die Menschen. Ich habe im Kommentar dargelegt, dass die Argumentation des ersten Teils "unzureichend" ist.

Der zweite Teil begründet weiterhin, dass der Begriff "friedliche Revolution" eine Erfindung ist. Nochmals wird nicht auf das Ereignis selbst eingegangen, das zentrale Thema des Textes. Die "zwingende Logik" ist vielmehr diese:

... sondern durchaus das Produkt eines kollektiven Bedürfnisses, das danach strebt, unangenehme Wahrheiten auszublenden, die eigene Rolle und Bedeutung zu überhöhen und das Selbstbewusstsein nachhaltig zu stärken.
Im vorliegenden Fall scheint das passiert zu sein: Ein Volk der Feiglinge, der Duckmäuser, der Mitläufer sah die Schwäche des Systems, sie war ja auch überdeutlich und selbst vom blindesten Demagogen und halsstarrigsten Verteidiger der überlebten Ordnung nicht mehr zu leugnen. Und das Volk, es wagte sich endlich hervor aus miefigen Wohnzimmern der fernbeheizten WBS-70 Plattenbauten, aus den Lauben ihrer Kleingartenkolonien, aus den Eckkneipen der verfallenen Altstädte…


Welche unangeneme Wahrheit hier ausgeblendet wird, wird nicht erklärt. Der Text stellt fest, dass das Volk erst dann auf die Straße ging, als bereits jeder Mensch wusste, dass das System längst nur noch vor sich hinröchelte. Es wird jedoch keinerlei glaubhafte Analyse der Geschehnisse im Vorfeld des Mauerfalls vorgenommen. Gerade das macht die zitierte Behauptung zu einer Beleidigung nicht weniger, die damals Wochen oder gar Monate vorher auf die Straße gingen. Dass die Entscheidung der Regierung, die Grenze zu öffnen, bereits Antwort auf den Druck von allen Seiten war, wird übergangen.

Der letzte Teil stellt die Frage nach den Ursachen der Wende, verliert sich aber schnell in Betrachtungen über Besitz und Befindlichkeiten, die ich als Leser nur schwer nachvollziehen kann. Das liegt meines Erachtens nach an der Schwäche schreibkünstlerischer Argumentation, obwohl es interessant ist, festzustellen, dass sozial-ökonomische und -politische Faktoren für die Analyse völlig uninteressant sind. Nein, es sind Befindlichkeitsfaktoren und mangelnder kultureller Besitz. Auch hier fehlt es an Beweisen, welche für diese literarische Gattung notwendig gewesen wären; es bleibt bei einer persönlichen Meinung des Autors.

So komme ich zu dem Schluss, dass die damalige Einheit eine heutige Scheinheit sein muss, denn die Besitzstände (als Summe aus materiellem und ideellem Kapital) sind sehr ungleich verteilt worden und werden es wohl weiterhin werden.
Daraus folgt: Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten war keine auf der Basis der Gleichberechtigung, sondern hat Züge einer Annexion. Die heutigen FnL (fünf neuen Länder) wurden in der Art einer Kolonie erworben und werden in dieser Art bis heute verwaltet, leider.


Hier wird die finale These aufgestellt, dass eine Summe aus materiellem und ideellem Kapital ungleich verteilt wurde (Frage: von wem und an wen; wie wird das ideelle Kapital "verteilt"?). Daraus folgt, dass die 5 neuen Bundesländer wie Kolonien verwaltet werden.

Ich habe als halbwegs gebildeter Mensch eine Vorstellung von der Verwaltung einer Kolonie, weshalb ich gern wissen möchte, mit welchen Argumenten dieser Text seine Behauptungen untermauern könnte. Mir fällt da leider nichts ein.

Fazit:
Unabhängig von meiner persönlichen Meinung zum Thema der Wende, halte ich diesen Text für pseudo-wissenschaftlich. Er stellt mehrere Behauptungen auf, welche (schreibkünstlerisch, der gewählten literarischen Gattung entsprechend) nicht oder nur unzureichend begründet werden. Das historische Ereignis selbst wird kaum betrachtet, was bei diesem immerhin sensiblen Thema notwendig wäre.


LG
Tula
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
Dies ist ein essayistischer Text, der - vermutlich - strengen wissenschaftlichen Regeln nicht unbedingt genügen will. Insofern sind gewisse pointierte Überzeichnungen erlaubt, ja geradezu geboten. Das sollte jeder halbwegs gebildete Mensch lesen und einordnen können, ohne mit dem Vorwurf der Pseudo-Wissenschaftlichkeit herumzufuchteln.

Man könnte, scharf betrachtet, ganz sicher diverse Mängel finden, die oben angeführten halte ich nicht für stichhaltig.
 

Tula

Mitglied
Hallo

In der Tat wäre es gut, wenn die Autoren in dieser Rubrik angeben, um welche der 3 Gattungen es sich handelt, da die Bewertungskriterien nicht unbedingt dieselben sind. Zum Thema Essay haben wir dieses Beispiel als Übersicht:

Essay Übersicht

Lassen wir nun die Autorin zu Wort kommen.

LG
Tula
 

Penelopeia

Mitglied
Hallo Binsenbrecher,

es freut mich, dass Du den Essay zu großen Teilen mit Gewinn lesen konntest. Zu Deinem Einwand, ich habe eine Folgerung gezogen, ohne die Gründe vorher zu beschreiben: Ich hatte beim Schreiben absichtlich keine zu starke thematische oder logische Ordnung im Kopf, es ging mir bewusst ums lockere Reflektieren. Der letzte Punkt kann trotzdem den Anspruch eines Resümees erheben, wenn ich in aller Bescheidenheit einmal eines ziehen darf.

Für mich hat die Diskussion zwei neue Fragen aufgeworfen: Zum einen muss ich nochmal nachforschen, inwieweit Thomas Hobbes heute noch aktuell ist. Die zweite Frage ist vielleicht interessanter: Darf bzw. kann man ein Volk als feige, mutig, besonnen oder wild-revolutionär einstufen? Vor allem: Können wir Deutsche uns selbst beurteilen? Entstehen dabei nicht - geschichts- und minderwertigkeitsbedingte - Verzerrungen? (Im Moment neige ich übrigens dazu, keinem Volk irgendeinen wesentlichen Vorteil zuzugestehen, und habe es auch die ruhmvollste Vergangenheit hinter sich und die höchste Kulturstufe erklommen.)

Ein Wort zur Frage der Wissenschaftlichkeit: Tula sieht hier einen Mangel. Ich frage mich, warum. Was soll eine wissenschaftliche Darstellung subjektiver Kategorien wie Mut, Wut, Verzweiflung, Feigheit? Ist sie überhaupt möglich? Ich habe Zweifel.

Woran ich keine Zweifel habe, sind die genannten Zahlen zu den Anteilen der Ostdeutschen am Gesamtvermögen und der Macht im Lande: Diese Zahlen können wohl als gesichert gelten und dürften damit den Anspruch der Wissenschaftlichkeit erfüllen - woraus ich die These von der Scheinheit und des "Regierens a la kolonialista" abgeleitet habe.

Noch ein Wort zu Jon: Ich verstehe nicht, wie es hier nur um den Schreibstil gehen soll/darf!? Bei jedem Text geht es doch vornehmlich um Inhalte, oder?

Herzlich

P.
 

James Blond

Mitglied
Nun ja - es geht auch hier vornehmlich um Inhalte. Allerdings darum, wie sie im Text aufbereitet und dargeboten werden und auch darum, ob sie dem Thema in dieser Form gerecht werden können.

Wo sich, wie hier, eine Meinung darstellt, ist es eigentlich nicht notwendig, ihr hier die eigene gegenüber zustellen. Der Augenmerk sollte darauf gerichtet sein, ob der Text sein Ziel auch erreicht und ob er sich dazu der richtigen Mittel bedient. So ist es nicht verkehrt, wenn der Text dies mit entsprechenden Fragen in Form von Überschriften gleich selbst versucht, denn dies ist ein probates Mittel, Interesse zu wecken. Nur liefern die nachfolgenden Absätze keine Antworten zu ihren Überschriften, sondern greifen sie lediglich stichwortartig auf, um anschließend zu ganz anderen Aussagen zu kommen. Auch bleibt zu fragen, ob die zur Beurteilung der Wende entscheidenden Fragen gestellt wurden. Wenn ich hier z. B. die Frage lese "Was hat die Wende gebracht?", so wäre eine Antwort zu erwarten, wem sie was gebracht hat. Stattdessen wird festgestellt, dass eine Vereinigung auf Basis der Gleichberechtigung schon deshalb nicht stattgefunden hat, weil bestimmte Schlüsselpositionen in Wirtschaft und Wissenschaft nicht paritätisch mit Ostdeutschen besetzt wurden. Folglich sollte die Frage besser lauten "Was hat die Wende nicht gebracht?"

Nicht allein hier geht die Autorin auch recht leichtfertig mit Fachbegriffen um. Eine Annexion ist eine einseitig und mit Gewalt erzwungene Eingliederung eines fremden Territoriums in das eigene Hoheitsgebiet. Davon kann selbst bei kritischer Sicht auf die sog. "Wiedervereinigung" Deutschlands keine Rede sein. Eine Trennung historischer Fakten (z.B. der DDR-Austritt aus der RGW) und die Interpretation ihrer Bedeutung findet nicht statt, die Argumentation setzt entsprechendes Wissen voraus und scheint nur noch das bestätigen zu wollen, was vermeintlich ohnehin schon feststeht.

Grüße
JB
 

Tula

Mitglied
Hallo Penelopeia

Danke für deine Antwort und Erklärungen, denen ich nun ein paar Worte nachstellen möchte:

Zu meinem Vorwurf: Ich habe nicht behauptet, dass der Text nicht wissenschaftlich sei, wobei mir klar ist, dass er diesen Anspruch auch gar nicht erhebt. Ich habe gesagt "pseudo-wissenschaftlich", im Sinne einer Pseudolehre, die nicht nur zweifelhafte Schlüsse zieht, sondern obendrein von falschen oder verzerrten Tatbeständen ausgeht. Zum Beispiel:

"Die Pyramiden wurden von Außerirdischen erbaut, schon weil die Ägypter die dafür notwendigen mathematischen Kenntnisse nicht besaßen."

Dass das Unsinn ist, werden hier im Forum wenige bezweifeln. Dennoch verkaufen sich Bücher und Dokumentarserien mit diesem und ähnlichem Unfug sehr gut. Die Argumentation der Verfasser erscheint in der Regel als solide, "überzeugend" oder zumindest "unterhaltsam" für ein durchaus zahlreiches Publikum.

So muss dein Essay, oder eben einfach nur Gedankenspielerei, nicht wissenschaftlich und vielleicht auch nicht in allen Punkten "zwingend logisch" sein. Ohne auf irgendein strukturelles Korsett zu bestehen, würde ich als Leser hier aber auf eine ausgearbeitete Linie der Argumentation bestehen, die mich von einem Anfang zu einem Ende führt. "Neue Gesichtspunkte und Perspektiven" zu einem bekannten Thema wären da in der Tat ein guter Ansatz bzw. Prinzip.

Nun hast du dir als Thema das bedeutendste Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte herausgesucht, über welches selbstverständlich schon alles mögliche geschrieben wurde. Ich finde im Text allerdings wenig neue Aspekte. Die Behauptung zum Beispiel, dass die Ostdeutschen nur ein Volk von Feiglingen und Mitläufern sei, ist 30 Jahre alt und wurde und wird bis heute zurecht als Beleidigung entgegengenommen. Dennoch gibt es so etwas wie die Psychologie der Sieger und Besiegten, mit kollektiven Rechtfertigungen wie beim "wir haben von alldem nichts gewusst", welches man mit Hinblick auf die Verarbeitung eines anderen Kapitels der deutschen Geschichte bereits gut kannte. Solche Aspekte der kollektiven Vergangenheitsbewältigung wären da ein sehr interessanter Ansatz für einen Essay, vielleicht mit der offenen Frage, ob der deutsche Vereinigungsprozess erfolgreich war oder überhaupt als abgeschlossen betrachtet werden darf. Die Mauer in den Köpfen usw.

Meine Kritik der Pseudowissenschaftlichkeit hat insgesamt mit der nach meiner Meinung nach grundsätzlichen Schwäche einer fehlerhaften oder eben zweifelhaften Argumentation zu tun. Wer eine Behauptung aufstellt, sollte sie begründen können. In diesem Fall wird die conclusio bereits an den Anfang gestellt (es gab keine Revolution; die Machtübergabe war freiwillig), gefolgt von einer schwachen Begründung und gleichfalls weithin anerkannten Tatsache (das System war (sowieso) wirtschaftlich am Ende). Obendrein ist die Aussage bezüglich der freiwilligen Übergabe schlichtweg falsch. Die Entscheidung der DDR-Regierung, die Grenze zu öffnen, war auf Machterhaltung ausgerichtet, ein politischer Schachzug, der voll in die Hosen ging, aber niemals eine Art Rücktrittserklärung. Die kam später.

Wer sich ein geschichtliches Ereignis als Thema nimmt, sollte sich, ob wissenschaftlich oder nicht, mit dem gesellschaftlichen Kontext und besonders mit den Ereignissen im unmittelbaren Zeitraum davor näher auseinandersetzen. Das sehe ich hier nicht. Eine zweite Forderung wäre die einer glaubhaften Interpretation der Umstände selbst. Wie im ersten Kommentar angedeutet, der Text wirft recht oberflächlich mit Begriffen wie Volk, Revolution und sogar Kapital umher. Wichtig ist, mit Hinblick auf den oben erwähnten Vorwurf (ein Volk der Feiglinge), eine weitere "Begründung", dass es kaum Revolutionäre gab. Wie schon angeführt, diese Sichtweise deutet auf ein Ideal hin, welches bei keiner Revolution wirklich gegeben ist. Schon gar nicht im Falle eines totalitären Regimes. Die Dynamik von Umsturz-Ereignissen jeder Art und insbesondere die Rolle des Volkes sind gewöhnlich eine andere. Das sollte man also keinem Volk als Vorwurf unter die Nase reiben.
Man könnte aber beleuchten, unter welchen Umständen sich unter einem totalitären Regime Widerspruch und Ablehnung (auch das stille 'nicht mehr mitmachen') und letzten Endes offener Widerstand der Bürger trotzdem regen, auf welche Weise sich die Masse im Laufe der Jahre schrittweise vom System abwendet (der ideologische Aushöhlungsprozess) bevor es zur eigentlichen Erhebung kommt. Das erfordert eine intensivere Auseineinandersetzung mit der Geschichte der DDR (der äußeren - als Teil des Ostblocks unter sowjetischer Vorherrschaft - und inneren Umstände) und hilft vielleicht auch bei der Frage: warum erst 1989?

Zur Verteilung des Vermögens: ich denke, du solltest die Dinge beim Namen nennen. Gleichheit der Löhne wäre als Argument ausreichend, um darzulegen, dass die Einheit auch in dieser Hinsicht noch nicht vollständig erzielt wurde. Zitiere eine der Statistiken. Aber "reelles vs. ideelles Kapital" ... mit diesem Schwulst verliert deine Aussage an Schlagkraft. Und mit kolonialer Verwaltung hat es wirklich nichts zu tun. Diese Art von Schlussfolgerung macht deinen Text "populistisch", solch eine Aussage kann man einfach nicht ernst nehmen.

LG
Tula

PS: den Kommentar habe ich unabhängig vom vorhergehenden geschrieben. Sollte es Überschneidungen geben, sind sie nicht beabsichtigt.
 
Zuletzt bearbeitet:

Penelopeia

Mitglied
Hallo Tula,

ich anerkenne Deine Mühe mit dem Thema. Kann es sein, dass Du eine Rolle innehattest beim Vereinigungsprozess? Viele Westdeutsche haben tatsächlich viel für den Vereinigungsprozess getan und tun es bis heute, gewiss. Die anderen gibt es natürlich auch...

Das war aber nicht mein Thema. Gedanken wollte ich äußern zu den Ursachen des Endes der DDR, zum Begriff der "friedlichen Revolution", und ich wollte ein Fazit ziehen.

Leider überzeugen Deine Einwände in keiner Weise. Daher nochmals in Kurzform:

1. Die Öffnung der Grenzen war das Eingeständnis vom politischen und ökonomischen Ende der DDR und des Ostblocks. Dieses Ende wäre eher gekommen, wenn die Grenze eher gefallen wäre. (Im Umkehrschluss: Ohne Grenze in 61 wäre die DDR keine 40 geworden.)
2. Die Deutschen haben ein Bedürfnis nach Streicheleinheiten für ihre von der jüngeren Geschichte gebeutelten Seelen. Daher die "plötzliche" Entdeckung von Hitler-Attentätern als echten Helden - in den Fünfzigern galten sie vielen noch als Verräter; daher die ins Romantisch-Mythische reichende Idee von der "Revolution", die obendrein, der Vernunft und Friedfertigkeit der (Ost-)Deutschen sei dank, eine vollendet unblutige war...
3. Die ökonomische Macht der BRD war erdrückend. Sie ist es bis heute, leider. Das spiegelt sich in den genannten Zahlen zur Besetzung wichtiger Schlüsselpositionen in Kultur, Bildung und Wirtschaft. Und in der Vermögensverteilung: Haben sich die Vermögen der Ost- und Westdeutschen angenähert? Die Statistiken sagen etwas anderes.
4. Das schlechte Selbstbewusstsein der Ostdeutschen verhält sich so ziemlich proportional zum Einfluss in den genannten Bereichen und den hinter ihnen stehenden Vermögenswerten. Leider. Aber so ist der Mensch wohl gestrickt, vermutlich seit einigen tausend Jahren.

Einen Punkt nehme ich teilweise zurück: Die Ostdeutschen waren so wenig feige und auch mutig wie es andere Völker waren, sind und sein werden. Sie sahen nur zu deutlich in 89 die Schwäche des Systems, kalkulierten ihre Chance auf einen Systemwechsel - der natürlich mit dem Euphemismus "Freiheit" bemäntelt wurde und die Hoffnung auf Reise- und Meinungsfreiheit, aber auch auf die Freiheit der besseren Kaufkraft enthielt -, und gingen auf die Straße. Nachdem ein paar echte Widerständler, die teilweise durch die Gefängnisse gegangen und jahrelang als Spinner oder Querulanten verlacht worden waren und sich doch nicht hatten kleinkriegen oder vertreiben lassen, es vormachten. Es waren dies weiß Gott nur eine Handvoll Leute. Das weiß ich ziemlich genau.

Ich schreibe diese Zeilen ohne größere Emotionen, weil mir die Tatsachen sehr klar scheinen. Dummerweise musste ich vieles von dem, worüber ich hier - für manche ev. sehr anmaßend - urteile, selbst erleben. Ich wünsche diese Erfahrungen keinem der Leser, akzeptiere aber natürlich, wenn man mir nicht folgen kann oder will.

Schönen Abend

P.
 

Tula

Mitglied
Hallo Penelopeia

Vielleicht nur zu Punkt 1, da fand ich diese Zusammenfassung, die ich für ziemlich gut halte. Da kann sich jeder seine eigene Meinung zur Frage der Natur der Ereignisse machen.

Webseite zum Mauerfall

Alles weitere wäre nun in der Tat eine hier nicht erwünschte Diskussion inhaltlicher Punkte.

LG
Tula
 

Penelopeia

Mitglied
Hallo Tula, die Quelle ist sehr akribisch, kein Zweifel. Allerdings gilt wie Immer: aus der Fülle der Einzelfakten ein schlüssiges Bild zu fertigen...

Schöne Grüße

P.
 

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