Ein Roman, der bei seinem Erscheinen seiner Zeit 10 Jahre voraus war

Rezension zu:

Richard Flanagan, Die unbekannte Terroristin, Piper 2016, ISBN 978-3-492-05710-3

Nach dem mit dem Man Booker Pricer ausgezeichneten Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“, der auch in Deutschland großen Erfolg hatte und von der Kritik begeistert aufgenommen wurde, legt der Piper Verlag nun einen Buch des Australiers Richard Flanagan vor, das dort schon im Jahr 2006 erschienen ist.

„Die unbekannte Terroristin“ ist ein Roman, der schon vor über 10 Jahren zum Thema gemacht hat, wie leicht und schnell die Angst vor dem Terrorismus und die vermeintlichen Schutzmaßnahmen davor umschlagen können in eine die Demokratie in ihren Grundfesten erschütternde Hysterie.

Sein mutmaßlicher Terrorist, sagt Flanagan, „musste jemand sein, der keine besondere Geschichte oder starke Überzeugungen hat. Ich wollte, dass die Menschen, die das Buch lesen, denken: Ich könnte der nächste sein. Und was würde ich tun, wenn das passiert?“

Dieser Vorsatz ist ihm gelungen. Wenn man die Geschichte der einfachen Nachtclub-Tänzerin Gina Davies liest, die durch einen Zufall und eine sich anschließende Kette von Missverständnissen in den Verdacht gerät, eine Terroristin zu sein, dann hält man das für ein aktuelles Geschehen. Tatsächlich aber war die Stimmung in der australischen Gesellschaft schon vor über 10 Jahren derart aufgeheizt, dass sie den engagierten Schriftsteller Richard Flanagan zu diesem kritischen Roman inspirierte.

Durch Zufall lernt Gina den attraktiven Tariq kennen und verbringt eine Nacht mit ihm. Tariq wird als islamistischer Terrorist verdächtigt, tatsächlich ist er aber ein Drogenkurier. Ein Foto zeigt die beiden gemeinsam, wie sie in eine Wohnung gehen. Von diesem Moment an befindet sich Gina im Fadenkreuz eines skrupellosen Journalisten namens Richard Cody, der Polizei, die nach einem Bombenfund in einem Stadion Erfolge vorweisen muss, und von Politikern, die unter einem extremen innenpolitischen Druck stehen und leichtfertig und verantwortungslos alle demokratischen Regeln außer Kraft setzen. Man fühlt sich wirklich in die diversen Ausnahmezustände in Frankreich und anderswo im letzten Jahr versetzt durch diesen fast prophetischen Roman.

Fassungslos liest man, wie eine einfache Frau binnen Tagen zu einem Feind wird, zu einem Spielball von Mächten, von denen sie bisher nichts wusste. In ihr personifiziert eine Öffentlichkeit ihre Angst. Mit ihr treiben skrupellose Männer ihr eigenes Machtspiel, aufgebaut auf Lügen und Intrigen.

Und man fragt sich, ob Gina, genannt die Puppe, auch nur den Hauch einer Chance hat, sich aus dieser Geschichte zu befreien. Diese Frage bleibt in einem gesellschaftskritischen und überaus spannenden Roman bis kurz vor dem Ende offen.

Ein sehr gutes Buch, das zeigt, wie Terroristen, Medien und Politiker mit der Angst der Menschen spielen. Ein Roman, der zeigt, wie Gerüchte und falsche Informationen zu Fakten werden, mit denen Politik gemacht wird. Ein Roman, der bei seinem Erscheinen seiner Zeit 10 Jahre voraus war und dennoch in Zeiten von Trump, fakenews und sogenannten alternativen Fakten unsere Zeit beschreibt.
 

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