Ein Roman, der männliche Gefühlswelten erkundet und beschreibt

Rezension zu:

Per Petterson, Nicht mit mir, Hanser 2014, ISBN 978-3-446-24604-1

In seinem neuen Roman erzählt der norwegische Schriftsteller Per Petterson die Geschichte zweier Freunde, die vor fünfunddreißig Jahren eine dicke und enge Beziehung verband und deren Wege sich dann trennten.

Nun, im Jahr 2006, sieht Tommy, mittlerweile nach bewegter Geschichte als Investmentbanker erfolgreich (es ist die Zeit vor dem großen Crash), als er über eine Brücke fährt seinen ehemaligen Freund Jim im Morgengrauen beim Angeln. Dass es eine Brücke ist, auf der sie sich wieder begegnen, ist treffend in der Bildsprache, denn in der Kindheit und Jugend waren sie so etwas wie „Strombrüder“, also Menschen, die sich ohne Worte verstanden, quasi ihre Gedanken gegenseitig lesen konnten. Aber das ist lange vorbei. Die frühere Freundschaft lebt nur noch in der Erinnerung weiter.

Das letzte Mal, als sie sich sahen, war ein Moment vor 35 Jahren, vor dem Eingang jener psychiatrischen Klinik, in die Jim nach einem Selbstmordversuch eingeliefert worden war. Später fand er einen Job als Bibliothekar und ist zum Zeitpunkt der Begegnung am frühen Morgen auf der Brücke seit einem Jahr krankgeschrieben. Doch auch Tommy, der äußerlich so Erfolgreiche, ist labil und hat sein Leben nicht im Griff.

In wechselnden Perspektiven erzählt Per Petterson die Geschichte dieser Freundschaft und der Lebensschicksale von Jim und Tommy. Ja, es kommen durchaus auch ambivalente Frauenfiguren vor in diesem Buch. Doch im Grunde ist es, wie in vielen seiner Romane zuvor, ein Buch, das handelt vom Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen, ein Buch, das bis in tiefe Verästelungen männliche Gefühlswelten erkundet und beschreibt.

Jim ist ohne Vater aufgewachsen und Tommys Erzeuger war ein brutaler Schläger, der seine Kinder an dem Tag verlässt, als Tommy sich zum ersten Mal gegen ihn zur Wehr setzt. Man wundert sich nicht, dass beide Männer in ihrem Erwachsenenleben Probleme damit haben, Nähe zuzulassen und zu erleben.

In einer Sprache, die sich an vielen Stellen in reine Poesie verwandelt, erzählt Per Petterson von zwei Männern, die ihr ganzes Leben lang auf der Suche sind nach sich selbst, mit ihren Ursprüngen hadern und ihnen doch nicht entrinnen können und immer wieder versuchen, so etwas wie Liebe zu wagen.

Indem er vieles bewusst offen lässt, fordert er seine Leser dazu heraus, selbst herauszufinden, was die beiden Freunde zu dem hat werden lassen, was sie da bis zu der zunächst gegenseitig unbemerkten Wiederbegegnung morgens auf der Ulvoyabrücke geworden sind. Obwohl Petterson bewusst keine Fragezeichen benutzt, ist das Buch voller Fragen, die er dem Leser vor die Füße legt.

Erneut hat Petterson ein Buch geschrieben mit einem wunderbaren Sprachzauber, der den Leser gleich von Anfang an gefangen nimmt. Ein Buch, dem es gelingt zu zeigen, in welche Dimensionen der menschlichen Seele die Sprache, die Poesie vordringen kann. Und heilen.
 

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