Ein Roman, der moralisch ist, obwohl er so viel Unmoral beschreibt

Rezension zu:

Herman Koch, Angerichtet, Kiepenheuer & Witsch 2011, ISBN 978-3-462-04347-1

Dieser neue Roman des holländischen Kolumnisten, Komikers und Autors Herman Koch war in den Niederlanden ein großer Erfolg und bis jetzt ist auch die Rezeption in Deutschland ganz enorm. Das hängt mit dem Thema des Buches zusammen. Es geht um Moral, um Unmoral, über political correctness; es ist eine zutiefst verstörende und den Leser irritierenden Lektüre, die ihn gleichwohl von der ersten Seite an nicht mehr loslässt und ihn in wechselnde, dennoch immer nur kurz andauernde Solidaritäten mit den einzelnen Protagonisten zwingt.

Die ganze Handlung dauert so lange wie das Menü, das die vier Hauptpersonen eines Abends in einem gehobenen Lokal mit gesalzenen Preisen, aber wenig substantiellen Speisen einnehmen. Da sind die beiden Ehepaare Serge und Babette und Paul und Claire. Die beiden Männer sind Brüder, ihr Verhältnis gespannt und ungeklärt. Serge ist ein hochrangiger Politiker, der nach der nächsten, in wenigen Monaten bevorstehenden, Wahl große Chancen hat, den bisher blassen Ministerpräsidenten abzulösen. Neben seinen beiden Kindern hat er zusammen mit seiner Frau Babette vor vielen Jahren schon ein Kind aus Burkina Faso adoptiert. Die Motive der beiden sind mindestens suspekt.

Paul war Lehrer und ist nun im Ruhestand. Im Verlauf des Abendessen, in dem der Ich-Erzähler Paul immer wieder in Rückblenden für den Leser immer schockierendere Zusammenhänge herstellt, wird auch klar, warum er nicht mehr arbeitet. Er leidet an einer Krankheit, die nicht benannt wird, mich aber immer wieder an bestimmte Ausprägungen des Tourette-Syndroms erinnert hat.

Ihr gemeinsames Essen hat einen Anlass. Serge hat um ein Treffen gebeten, weil die beiden Ehepaare über ihre beiden Söhne Michel und Rick sprechen sollen. Beide haben etwas Furchtbares getan, so wird am Anfang schon angedeutet, und erst langsam kommen ihre Taten ans Tageslicht. Aber auch die Art und Weise, wie die Erwachsenen damit umgehen. Wie weit dürfen Eltern gehen, wenn sich ihre Kinder mit großer Schuld beladen? Was müssen sie tun oder lassen, damit ihre Kinder noch eine Zukunft haben und nicht ihr ganzes Leben mit dieser Tat konfrontiert werden?

Herman Koch nimmt in diesem Roman auf den Leser keine Rücksicht. Er stürzt ihn in einen Strudel von Gefühlen, dauernd zwingt er ihn, Stellung zu beziehen, was ist richtig, was ist falsch. Dabei haben alle Personen, Erwachsene und Jugendliche Anteil, niemand ist frei von Schuld. Herman Koch selbst enthält sich jeglicher Wertung, er mutet sie seinen Lesern zu. Und das ist gut. Denn der Roman spricht Themen an, die nicht nur Eltern von Heranwachsenden unter die Haut gehen.

Ein hervorragender Roman um Schuld, Verantwortung und Liebe. Ein Roman, der moralisch ist, obwohl er so viel Unmoral beschreibt. Ein Buch, das den Leser sehr lange nicht loslässt. Ein Psychothriller auf der einen, und ein Psychogramm einer bestimmten Schicht auf der anderen Seite.
 

Oben Unten