Ein Roman, der selbst strahlt

Rezension zu:

Sara Stridsberg, Das große Herz, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25453-4

Sara Stridsberg hat diesen sehr stark autobiographisch geprägten Roman (vgl. seinen schwedischen Titel „Beckomberga. Ode till min familj“) all jenen gewidmet, die in den Jahren 1932 bis 1995 durch den Klinikpark von Beckomberga gingen.

Beckomberga war eine von mehreren zentralen psychiatrischen Anstalten, die der schwedische Staat mit viel Geld ab 1932 bauen ließ, bevor sie 1995 in Zuge einer Psychiatriereform für immer geschlossen wurden.

Die Ich-Erzählerin des Romans, Jackie, ist 14 Jahre alt, ihre Eltern sind schon getrennt. Sie lebt bei ihrer Mutter; ihr Vater Jim ist schwer alkoholkrank und bewegt sich permanent, eigentlich bis zu seinem Ende, am Rande des Selbstmordes. Eines Tages, wir schreiben das Jahr 1986, wird er nach einem schweren Tablettenmissbrauch in die Psychiatrie nach Beckomberga in der Nähe des Heimatortes von Jackie eingewiesen.
Obwohl Jackie eigentlich viel zu jung dafür ist, besucht sie ihren Vater dort fast täglich, obwohl er das eigentlich nicht will. „Du hast ein großes Herz“ sagt ihre Mutter einmal zu ihr, die Verständnis für ihre Tochter hat und sie gehen lässt, selbst aber kaum Gefühle für ihren Mann aufbringen kann. Tatsächlich kann Jackie mit ihrem großen Herz nicht nur ihrem Vater eine Hilfe sein, eine Brücke zum Leben draußen, sondern sie lernt auch viele andere Menschen kennen, denen sie nahe kommt.

Fast drei Jahrzehnte später beschreibt Sara Stridsberg ihre wohl eigenen Erfahrungen dort in Beckomberga in einem bewegenden und starken Roman und gibt all jenen Menschen eine Stimme, die damals und wohl auch noch heute solche Anstalten für mehr oder minder lange Zeit bewohnen, die Ausgebrannten, die am Leben Zerbrochenen, die, deren Geist an der Welt leidet.

Sara Strindberg lässt sie zu Wort kommen, widmet sich aber auch immer wieder dem Arzt Edvard Winterson, ein Mann der seine Patienten liebt, eine großes Herz für sie hat und für einige von ihnen immer wieder für einen besonderen „Ausgang“ sorgt, wenn er mit Patienten feuchtfröhliche Partys besucht.

Einen ganz besonderen Stellenwert in diesem sprachlichen Kunstwerk nehmen die sich durch das ganze Buch hinziehenden Beschreibungen von Lichtverhältnissen und Naturzuständen ein, die von einer sonst nur bei Künstlern anzutreffenden Feinheit und Differenziertheit sind.

Sara Stridsberg Roman verwischt wie ein Gemälde häufig die Grenzen zwischen Wahnsinn und Normalität, er thematisiert zwischen den Zeilen, wie der Sozialstaat auf der einen Seite mit sehr viel Geld sich um die Schwachen und Kranken kümmert, sie auf der anderen Seite aber auch herzlos absondert.

Und er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die mit ihrem großen Herz tapfer versucht, immer wieder Licht in das Dunkel zu bringen. Ein Roman, der selbst strahlt, der einen gefangen nimmt und bezaubert, weil er davon handelt, was in jedem Menschen steckt und in vielen verhärtet oder abgestorben ist: Mitgefühl, Unvoreingenommenheit und aufrichtige Liebe.
 

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