Ein Tag im Leben des Dichters H.

Anonym

Gast
Ein Tag im Leben des Dichters H.

Während H. vor sich hinstarrte, rührte er mechanisch in der Buchstabensuppe. Die misslungenen Zeilen seines letzten Textes flirrten durch seinen Kopf: „Trage mir, Muse, das Raten des vielignorierten H., welcher so schwer verwirrt, nach nicht noch länger – er war nie ein Sänger...“
H. suchte nach einem kräftigen Fluchwort, merkwürdigerweise fiel ihm wieder keins ein. Das passierte ihm in letzter Zeit häufiger. Er hatte sich verändert.

Drei Jahre war er nun hier, im Metaphernbruch. Keine lange Zeit, wenn man bedachte: er hatte lebenslänglich. Schwer erträglich die Vorstellung, sein ganzes Leben zwischen diesen Idioten – da war eins der gesuchten Worte! – zu verbringen. Zwischen lauter Künstlern! (Da war schon wieder eines. Er glaubte für einen Moment, ein schwacher Hauch von Stolz auf die unergründlichen Tiefen seines phänomenalen Gedächtnisses wehe ihn an wie ein Gruß aus vergangenen Zeiten. Ergriffen hielt er inne. Aber er war wohl einer Täuschung erlegen. Oder einem Wunsch.)

Zufrieden mit sich, aus den trüben Tiefen seines Schimpfwortschatztümpels doch noch diesen oder jenen Unflat angeln zu können, lehnte er sich zurück. Sein Blick fiel auf die Türme, die Wachen. Wut schlug hoch. Die Männer träumten und dösten in der Sonne scheinbar friedlich und harmlos vor sich hin. Aber auch das täuschte. Sie hatten sich längst auf ihn eingeschossen. Beim kleinsten Stirnrunzeln brächen sie in wüste Schreiereien aus: „Jambus Hinkefuß, nun denke schneller!“ Oder: „Was holpert, was stolpert, was fliegt nicht und frisst auch kein Gras? Des Pegasus Esel, er träumt vom Versmaß!
Er spuckte in seine Buchstabensuppe, ohne die Stirn in Falten zu ziehen, denn er beherrschte es mittlerweile perfekt, sich den Anschein des Nichtdenkens zu geben. (Vielleicht dachte er auch schon nicht mehr, manchmal war er sich unsicher, wo Verstellung endete und Wahrheit begann.)
Er starrte wieder in die Buchstabensuppe, sah seinen Rotz darin schwimmen. Nickte. Eines Tages würde er es denen zeigen! In einem selbstgebauten Gleichnis würde er davonfliegen. Weit hinein nach Fantasia. Bis dahin musste er noch ausharren.

Aus einer plötzlichen Eingebung heraus tauchte er seinen Löffel in die verrotzte Buchstabensuppe, verrührte alles, füllte den Löffel, nahm ihn hoch. Beäugte den Inhalt. Phlegmatisch schwammen ein E und ein A nebeneinander. War das E der abgebrochene Anfang des Wortes Erfolg? Er wusste es nicht. Das A erinnerte ihn an eine häufig gebrauchte Injurie, sie entzog sich offenbar momentan seiner Wortangel, flüchtete in die entlegensten, tiefsten Tiefen des erwähnten Tümpels.
War sie überhaupt noch da, die Muse, die Eingebung? Er dachte nach. Es war gut möglich, dass sie sich infolge des exzessiven Gebrauchs abgeschliffen, aufgebraucht oder aufgelöst hatte.
Oder selbständig geworden war, ihn verlassen hatte und nun in den schwarzen Nestern anderer Mäuler nistete. Um immer wieder ausnehmend auffällig, unerwartet und dumpf daraus hervorzuspringen...
Ein großes I und ein kleines i berührten sich zart und fast rechtwinklig. Waren die beiden einst ein glückliches Paar? Bildeten sie selig ein L, das der Kochvorgang auf der Herdplatte des Lebens voneinander riss?

Ja, das ewige Kochen und Brutzeln und Ineinanderrühren der bekannten Stoffe und Themen, das dauernde Zitatemelken und Modewürzen mit Schockparolen...
Er suchte den ganzen Löffelinhalt aufmerksam nach einem Punkt ab. Fand aber keinen. Nicht einen!
Nun, es ging auch ohne Punkt. Wer macht schon gerne Schluss.
Vor seinen Augen tanzten mehrere Ausrufezeichen, tauchten auf und nieder, warfen dabei giftig-eitrige Bläschen um sich her. Warum nur? War der eingerührte Rotz die Ursache?
Wild entschlossen schob er den Löffel in seinen Mund, leckte ihn ab, schluckte.
Geschmacklos war die Suppe, eindeutig. Und daraus sollte nun die Welt gemacht sein? Aus Buchstaben?
Er korrigierte: Aus Buchstaben und Rotz. Voller Einverständnis mit dieser Definition nickte er sich selbst zu, ängstlich bemüht, auf seiner Stirn nicht die kleinste Falte des Denkens entstehen zu lassen. Die Wachen äugten interessierter...

Er selbst hatte sich die Suppe eingebrockt, die ganze. Er wusste: er musste sie auslöffeln, löffelweise, und er würde das nie schaffen. Die Suppe, der Rotz, der Löffel: sie würden ihn begleiten und sie, die Wachen, würden ihn beobachten, bis Gelegenheit wäre, den Löffel abzugeben. Oder mit seinem Gleichnis davonzufliegen. Wenn es denn flog.

Der Suppentopf war riesig.

Ein paarmal in letzter Zeit war ihm schon der Gedanke gekommen, auszubrechen. Einfach die festgefügte Form des Lagers verlassen! Einfach loslaufen, locker, selbstbewusst, den eigenen Gedanken und Träumen hingegeben. Aber – sie würden schießen. Von den Wachtürmen der Interpretationshoheit würden sie schießen, die wachen Kritiker und Rezensenten, mit schwerem Geschwätz, mit hohlen Phrasen von hassglühenden Federn.... Und alle Kläffer und Köter würden sie von der Leine lassen. Sie würden ihm den Löffel wegreißen und ihn zerfleischen; den Teller schlüge man ihm auf den Schädel. Die Reste seines Körpers kämen in den großen Suppentopf. Das war auch kein schönes Ende.

Oder sollte man mit seinen Händen einfach in den Elektrozaun der anerkannten Bedeutungen greifen und getroffen zu Boden sinken? In seiner Vorstellung starb er einen Heldentod vor seinen Feinden, selbstbewusst die letzten Gedichte reklamierend, während sie aus Tintenpatronen gezielt Scheisse verspritzten.

Er sah sich unauffällig nach seinem Kumpel um, das war der Dramatiker O.; der litt schon länger hier im Lager. Ein besonders tragischer Fall. Erstarrt schon zehnmal in fünf Akten. Der Arme. O. hatte gehofft, sie würden ihn irgendwann aufgeben und er könne als Denkmal auf dem Innenhof des Lagers sein Gnadenbrot in Ruhe genießen. Denkste! Immer wieder klopften ihn die unerbittlichen Wachen mit Lobeshymnen munter, die eigentlich Beschimpfungen und Erniedrigungen waren, wenn man richtig hinhörte. Aber welcher Dichter hört schon richtig hin, von einem Dramatiker ganz zu schweigen. Dramatiker sind schon nach ganz wenig Drama von den vielen lauten O!’s taub. Ein Drama neben den Dramen, ja.
Funktionierte die moralische Zuckerpeitsche nicht mehr, gaben ihm die Wachleute Infusionen in Form von höher dotierten Preisen. Was man im Lager allerdings mit dem Geld machen sollte, war schleierhaft. Bestellte man sich ein paar der irdischen Genüsse von draußen, ein paar Huren, ein paar Drinks, oder leistete sich gar eine Meinungsänderung, gab‘s sofort Quarantäne, Einzelhaft.

Der Dramatiker O. rührte sich noch immer nicht. H. beschlich ein ungutes Gefühl. Irgendwas stimmte hier nicht. Es hatte zwar noch nie alles hier und mit O. und mit ihm selbst gestimmt, aber jetzt war noch etwas hinzugekommen. Langsam schob H. den Teller mit der verrotzten Buchstabensuppe zur Seite, rutschte an O. heran. Stieß ihm den Finger zwischen die Rippen. Ein leises Zischen, lauwarme, übelriechende Luft entwich. Der Körper von O. sackte in sich zusammen wie ein Luftballon mit Loch. O. war also gar nicht mehr hier. Er hatte nur seinen Körper zurückgelassen, der Glückliche.
H. löste den Blick angewidert von O.’s traurigen Resten, sah versonnen in den blauen Himmel. Einzelne Wolken zogen vorüber, formten sich zu Buchstaben. Nein, dahin war O. nicht gegangen, sicher nicht. Er zog die Stirn in Falten, begann nachzudenken…
 

 
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