Ein tragikomischer Roman zwischen Philo- und Antisemitismus

Rezension zu:

Howard Jacobson, Die Finkler-Frage, DVA 2011, ISBN 978-3-421-04523-2

Der Autor des vorliegenden, in England 2010 mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Romans, Howard Jacobson, stammt aus einer jüdischen Familie und fühlt sich gewissen jüdischen Traditionen und der Geschichte der Juden verbunden. In „Die Finkler-Frage“ taucht er tief hinein in das jüdische Leben in England, und erzählt eine Geschichte, die lustig und ernst zugleich, voller Tragikomik steckt.

Der Roman erfasst einen nicht näher genannten Zeitraum von einigen Jahren mit etlichen Rückblicken aus der Sicht seiner Protagonisten, dreier Männer, zwei davon Juden, und einer, der es gerne sein möchte.
Da ist der alte, aus der CSSR stammende Jude Libor Sevcik, fast neunzig Jahre alt und ehemaliger BBC Journalist. Er war über vierzig Jahre mit seiner Frau Malkie verheiratet, die für ihn eine glänzende Karriere als Konzertpianistin aufgab. Als Malkie nach unheilbarer Krankheit stirbt, bricht für Libor eine Welt zusammen, die er dadurch aufrechtzuerhalten sucht, dass er Schuberts „Impromptus“ spielen lernt. Vor ihrem Tod hatten die beiden mit dem Gedanken gespielt, gemeinsam vom Bitchie Head zu springen, „aber Malkie meinte, ich sei zu leicht, also würde ich bestimmt nicht gleichzeitig mit ihr im Meer landen. Und ihr gefiel die Vorstellung nicht, im Wasser auf mich warten zu müssen.“ Das Buch ist auf über 400 Seiten voll von solchem Humor.

Der zweite Protagonist ist der Jude Sam (Samuel) Finkler, ein erfolgreicher und in den Medien permanent präsenter Philosoph, der aber große Probleme hat mit der Politik des Staates Israel und sich deshalb schämt, ein Jude zu sein. Mit anderen, denen es ähnlich geht, gründet er die sogenannten ASCHandjiddn, unter denen es aber wiederum die heftigsten Auseinandersetzungen um Detailfragen gibt. Nie sind sie sich einig und selten gefeit vor unwillkommener Zustimmung von Antisemiten. Als die sie sich übrigens fast täglich selbst gegenseitig beschimpfen. Sam Finkler ist verheiratet mit Tyler, die für ihn zum Judentum konvertiert und über seine antijüdischen Aktivitäten entsetzt ist.

Sam Finkler ist mit dem dritten im Bunde, Julian Treslove über viele Jahre in die Schule gegangen und sie sind nach wie vor befreundet. Auch deshalb, weil Julian über viele Jahre bei der BBC gearbeitet hat, wo, wie er findet, unverhältnismäßig viele Juden sich tummeln. Doch die waren es nicht, die zum Ende seiner dortigen Tätigkeit als Journalist führten. Mittlerweile verdient er sein Geld bei einer Agentur, die ihn als Doppelgänger berühmter Personen vermietet. Treslove hat irgendwann mit der schon von ihrer Krankheit gezeichneten Tyler eine sexuelle Affäre und ist ganz enttäuscht, als er erfährt, dass sie gar keine „richtige“ Jüdin ist.

Der Roman beginnt mit einer Szene, die das Leben von Julian Treslove verändern wird. In einer Einfahrt wird er von einer Frau überfallen und ausgeraubt, und, je länger je mehr, ist er sich sicher, dass diese Frau zu ihm gesagt hat: „Du Jud.“ Seit langem fühlt sich Julian Treslove, der in zahllosen Beziehungen immer schnell gescheitert ist und auch als Vater zweier Söhne nicht gerade überzeugt, wieder glücklich. Endlich glaubt er dazu zu gehören. Er fragt sich, was wohl seine beiden Freunde Finkler und Tibor zu seinem Bedürfnis sagen werden, ein Jude zu sein, Juden, die alles dafür gäben, keine zu sein,

Howard Jacobson schildert mit vielen ironischen Stilmitteln sowohl die innerjüdischen Debatten um Identität, Israel, die Palästinenser, den Holocaust und „den HERRN“, als auch in der Person von Julian Treslove eine auch bei etlichen dem Judentum affinen Menschen bei uns eigene Sehnsucht nach dem Jüdischsein. Da hören wir von skurrilen Debatten im Kreise der ASCHandjiddn, lesen über die Frage , ob die jüdische Sitte der Beschneidung das sexuelle Verlangen nun steigert oder hemmt, einem jüdischen Blogger, der durch manuelle Stimulation seine entfernte Vorhaut wieder hochziehen will, und immer wieder köstliche Dialoge, die oft in nichts anderem bestehen als in Fragen und Gegenfragen.

„Die Finkler-Frage“, so nennt Julian Treslove für sich die Frage nach seinem Jüdischsein, ist ein unterhaltsamer Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen will. Der Roman ist ein interessanter Beitrag zu einer sowohl innerjüdischen als auch gesamtgesellschaftlichen Debatte zu dem ewigen Thema Israel und die Palästinenser. Aber er ist auch -ganz unpolitisch- ein bewegender und tragikomischer Roman über das Leben dreier Männer, über den Sex und das Altwerden und letztlich über den Tod.

Ich wünsche dem Roman in Deutschland einen großen Erfolg.
 

 
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