Ein wunderbares neues Buch von Mirjam Pressler

Rezension zu:

Mirjam Pressler, Wer morgens lacht, Beltz 2013, ISBN 978-3-407-81143-1


Die mittlerweile 74-jährige Mirjam Pressler hat mich mit ihren Büchern schon als junger Leser immer wieder begeistert. Später habe ich immer ein ganz besonderes Augenmerk gelegt auf die Vielzahl ihrer wunderbaren Übersetzungen - aus dem Belgischen und dem Holländischen vor allem. Wenn man all ihre eigenen Bücher und die, die sie in ihrem langen Leben übersetzt hat, in einer Bibliothek zusammenstellen würde, käme eine beeindruckende Sammlung wunderbarer Romane und wertvoller Jugend- und Bilderbücher zusammen. Keine leichte Kost, solche Bücher schreibt und übersetzt sie nicht, sondern anspruchsvolle Bücher, die sich nicht selten mit der Vergangenheit, auch der nationalsozialistischen Vergangenheit und der Geschichte der Juden auseinandersetzen.

In ihrem neuen, hier vorliegenden Roman, der sich an Jugendliche und Erwachsene richtet, taucht sie mit ihren Lesern ein in dunkle Familiengeheimnisse, deren Schatten Menschen in der Gegenwart an einem erfüllten und glücklichen Leben hindern. Sie erzählt von Anne und ihrer älteren Schwester Marie. Sehr unterschiedlich in Wesen und Charakter, ist ihr Verhältnis zueinander nicht das Beste. Als Marie eines Tages spurlos aus dem Leben der Familie verschwindet, legt sich das über viele Jahre wie ein Trauerflor über die ganze Familie, insbesondere aber über das Leben von Anne, für die Marie fast täglich in irgendeiner Weise gegenwärtig ist. Doch die Verdrängung ist lange Zeit stärker.

Als sie viel später von zu Hause auszieht, findet sie in einer Wohngemeinschaft eine Art neuer familiärer Heimat. Das Vertrauen, das sie dort aufbaut, ermöglicht es ihr auch, die Erinnerungen an Marie langsam zuzulassen.
„Ich muss sie loswerden, unbedingt. Ich halte es nicht länger aus, dass sie sich in mein Leben einmischt und mir die Luft zum Atmen nimmt. Ich muss sie loswerden, das ist meine einzige Chance, wieder nur ich zu sein oder endlich nur ich, so genau weiß ich das nicht, woher soll ich es auch wissen, es gab mich nie ohne sie, von Anfang an.“

So beginnt Anne ihren Bericht über eine bewegende Erinnerungsarbeit und lässt Anne immer mehr in ihr eigenes Leben wieder zurückzufinden. Das Buch erzählt von einer prägenden Großmutter, die ihre eigene Vergangenheit und Heimat verklärt und auch damit den beiden Schwestern verunmöglicht, in ihr eigenes Leben zu finden.

Von Beginn fragt sich der Leser, ob es Anne mit ihrer mutigen Erinnerungsarbeit gelingen wird, ihren Frieden mit der Schwester und der Familiengeschichte zu machen. Und: was ist eigentlich mit Marie geschehen?

Ein wunderbares Buch.
 

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