Eine gelungene literarische Annäherung an ein schwieriges Thema

Rezension zu.

Emmanuele Bernheim, Alles ist gutgegangen, Hanser Berlin 2014, ISBN 978-3-446-24499-3

Die Debatte um die Straffreiheit von aktiver und passiver Sterbehilfe wird in vielen europäischen Ländern engagiert geführt. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte gültige Tabus und Wertecodices sind dabei aufgeweicht und verändert worden. Ein Ende der Debatte ist nicht abzusehen. Doch sie ist längst aus den Bereichen der medizinischen Ethik und der Politik ausgewandert in den Bereich, in dem schon immer gesellschaftliche Veränderungen und Transformationen von moralischen und ethischen Dimensionen und Haltungen zuerst und nachhaltig thematisiert werden: in die Literatur.

Die Zahl der meist sehr persönlich gefärbten Bücher, in denen Menschen über ihr Sterben berichten, geht in die Hunderte. Und es kommen auch immer mehr dazu, in denen das Thema Sterbehilfe vorurteilsfrei angesprochen wird. Zuletzt etwa hat Martin Winckler einen Roman vorgelegt mit dem Titel „Es wird leicht, du wirst sehen“, der unter die Haut ging. Er verführt zu schneller Zustimmung zu dem, was die Hauptperson tut, (Menschen beim Sterben helfen) und legt doch immer wieder Spuren aus, auf denen der Widerspruch gehen kann. Denn es bleibt einer der drängendsten Fragen: darf ein Arzt oder irgendwer sonst einem Menschen auf dessen Wunsch zum Sterben verhelfen?

Genau diese Frage muss sich auch die Autorin des hier anzuzeigenden neuen Buches stellen. Die französische Schriftstellerin Emmanuele Bernheim hat es geschrieben. Ihr Vater Andre Bernheim, ein Pariser Kunstsammler jüdischer Herkunft, mittlerweile 88 Jahre alt, hat in den letzten Jahren viele lebensbedrohliche Krankheiten und Situationen immer wieder gut überstanden, er hat sein freies Leben mit viel Kultur und mehreren Restaurantbesuchen in der Woche geführt wie ehedem, als ihn über Nacht ein Schlaganfall ans Bett fesselt.

Emmanuele Bernheim und ihre Schwester Pascale kümmern sich um ihn. Die Sprache, atemlose, kurze Sätze, in der sie davon berichtet, trifft den psychischen Zustand von Verwandten, die mit einer solchen Situation sich konfrontiert sehen, sehr gut. Sie müssen funktionieren, ihr normales Leben irgendwie weiter geregelt bekommen und sich doch mit dem nun scheinbar Unausweichlichen auseinandersetzen, zumal die Mutter, Andres Frau durch eine fortgeschrittene Parkinsonkrankheit selbst schon vor langer Zeit zum Pflegefall geworden ist.

Es dauert nur wenige Tage, da konfrontiert Andre Bernheim seine Tochter mit einem Wunsch: „Ich möchte, dass du mir hilfst, Schluss zu machen.“
„Mein Vater lächelte mich an. Ein richtiges Lächeln, ein Lächeln wie früher, mit strahlenden Augen und Lachfältchen rundherum.“

Emmanuele muss diesen Satz, der wie ein Schock auf sie wirkt, erst verarbeiten. Doch sie hat keine einzige Sekunde einen Zweifel, dass sie dem Wunsch ihres Vaters nicht entsprechen wird. Sie öffnet sich langsam ihrem Mann Serge und ihrer Schwester Pascale, die zwar erschüttert sind, aber nicht grundsätzlich das Recht Andres auf Selbstbestimmung in Frage stellen.

Es zeichnet das Buch übrigens aus, dass es an keiner Stelle die Kategorien richtig oder falsch ins Spiel bringt oder eine ethische Reflexion über die Zulässigkeit einer solchen Sterbehilfe bietet. Der Wunsch des Vaters ist legitim, nur Cousinen aus den USA die später anreisen, versuchen ihn erfolglos von seiner Entscheidung abzubringen.

Dennoch wird auf jeder Seite überdeutlich, mit welchen großen Belastungen der Wunsch des Vaters besonders für die beiden Töchter verbunden ist. Da die rechtliche Lage in Frankreich eine Hilfe beim Sterben nicht zulässt, weichen die beiden aus in die Schweiz zu einem Verein für Sterbehilfe.

Es ist ein atemloser Kampf gegen die Bürokratie und die Zeit, der nun beginnt, und der einen das Buch nicht aus der Hand legen lässt, bis man weiß, wie „alles gut gegangen ist.“

Die Rezeption, die das Buch schon in den ersten Tagen nach seinem Erscheinen in Deutschland erhalten hat ( der Spiegel hat in seiner aktuellen Ausgabe das Thema zur Titelgeschichte gemacht) zeigt an, dass es die Thematik die Menschen bewegt. Peter Praschl nennt in seiner Rezension in der Welt am Sonntag „Alles ist gutgegangen“ „ein Buch, das alle Debatten über Sterbehilfe verblassen lässt“.

Ja, gerade weil es die bisherigen Pfade der Debatte verlässt, und versucht das Thema literarisch zu bewältigen. Das ist Emmanuele Bernheim eindrucksvoll gelungen. Es werden Bücher wie dieses sein, die über die Zeit ihre Wirkung entfalten in einem Diskurs, der nicht den Theologen, Philosophen und Politikern überlassen bleiben darf, sondern an dem sich breite Schichten der Gesellschaft beteiligen sollten.

Die Freiheit des modernen Menschen scheint übergroß. Die Verantwortung, die ihm daraus erwächst, droht ihn zu überfordern. Noch einmal. Es bleibt einer der drängendsten Fragen: darf ein Arzt oder irgendwer sonst einem Menschen auf dessen Wunsch zum Sterben verhelfen?

Und, so möchte ich persönlich hinzufügen: Kann ich Menschen, die ich mehr liebe als mein Leben, um einen solchen Dienst bitten?
 

 
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