Eine literarische Abrechnung mit dem Regietheater der letzten beiden Jahrzehnte

Rezension zu:

Hansjörg Schneider, Hunkeler und die Augen des Ödipus, Diogenes 2012, ISBN 978-3-257-24005-4

Seit 1993, als der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider seinen ersten Kriminalroman um den Kommissär Peter Hunkeler veröffentlichte, ist er als Krimiautor ein Geheimtipp geworden. Obwohl seine Bücher keine hohen Auflagen erreichen, wie etwa die seiner modern gewordenen schwedischen Kollegen, sind die Romane auf höchstem Niveau, mit viel politischer Analyse, gesellschaftlich-hintergründigem Witz und immer auch angereichert mit einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, besonders denen in Basel und in der Schweiz.

Peter Hunkeler war früher verheiratet, hat aus dieser Ehe auch eine erwachsene Tochter, mit der sein Kontakt aber spärlich ist. Seit vielen Jahren ist er zusammen mit Hedwig, einer engagierten Erzieherin, die es trotz allem Stress versteht, ihr Leben zu genießen und auf diese Weise Peter Hunkeler immer wieder einen guten Ruhepol bietet, auch wenn ihre Streitgespräche ein wahrer Lesegenuss sind. Besonders wenn sie Wochenenden oder andere freie Tage in ihrem Häuschen im Elsass direkt hinter der französisch-schweizerischen Grenze verbringen.

Hunkeler hat eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. In der Studentenbewegung engagiert, hat er sich eine libertär-liberal-linke Position bewahrt, die nie dogmatisch war oder wird. Vielleicht ist er darin das treue Abbild seines genialen Schöpfers. Er kennt in Basel Gott und die Welt und seine sozialen Kontakte machen vor Klassenschranken und sozialen Milieus nicht Halt. Er verkehrt mit Schriftstellern, Künstlern und Theaterleuten, Lebenskünstlern, halbseidenen Figuren an der Grenze zur Unterwelt. Er trifft sie auf der Straße, in Cafes, vor allem aber abends und nachts in den alten Basler Beizen, die vom Aussterben bedroht sind, und denen Hansjörg Schneider in seinen Büchern nebenbei ein Denkmal setzt.
Er liebt Menschen und die Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Und weil er sich so gut in Menschen hinein versetzen kann, löst er alle seine Fälle mit diesem "Gspüri". Seine Kollegen halten Distanz zu ihm - seine Eigenständigkeit und innere Ruhe machen ihnen Angst. Der Staatsanwalt Suter, der in den Büchern Schneiders immer wieder auftaucht, achtet Hunkeler und unterstützt ihn heimlich. Denn die Erfolge des Kommissärs sprechen für sich. Ohne sie hätten ihn seine Obersten sicher schon vor 10 Jahren in den Ruhestand versetzt.

Doch nun in dem neuen Buch "Hunkeler und die Augen des Ödipus" steht der Ruhestand direkt bevor. Vielleicht hängt mit dieser einschneidenden Veränderung seiner Hauptfigur auch Schneiders innerzüricher Wechsel von Ammann zu Diogenes zusammen, wo er nun veröffentlicht.
Auch der neue Roman hat mit einem Lebensabschnitt und einer sich über sein ganzes Leben hinziehenden Erfahrung Hansjörg Schneiders zu tun. Er, der in jungen Jahren während der bewegten 68-er Zeit als Regie-Assistent am Theater in Basel gearbeitet hat, lässt seinen neuen Roman im Theatermilieu der Gegenwart spielen und arbeitet gleichzeitig eine für ihn letztlich gescheiterte und elitäre Theatertheorie und das dieser entsprechende Bewusstsein und Verhalten von Regisseuren auf, eine literarische Abrechnung mit dem Regietheater der letzten beiden Jahrzehnte.

Der Basler Theaterdirektor Bernhard Vetter ist verschwunden. Weil Hunkeler, kurz vor dem Ruhestand, nicht mehr mit ermitteln darf, meldet er sich krank und begibt sich auf eine Feldforschungsreise durch die Basler Theatergeschichte und die aktuellen Verstrickungen von Bernhard Vetter. Natürlich löst er den Fall, bekommt heraus, wer beteiligt ist und begibt sich zum wiederholten Mal in die schillernde Halbwelt des Basler Rheinhafens, mit seinen Kneipen, Dealern, Geschäftemachern, Dirnen und Wirten. Da geht es um das Theater, um Liebe und immer wieder um einen maßlosen Anspruch. Einer der Menschen, die Hunkeler bei seinen Recherchen um den verschwundenen Vetter trifft, beschreibt den schillernden Theatermann so:
"Wie Sie bestimmt wissen, war er Adorno-Schüler. Ich weiß nicht , wie er gelebt hat, ich weiß nur, wie er gedacht hat. Er hat sich überlegen gefühlt, hat aber gleichzeitig unter seiner Überlegenheit gelitten. Er hat ganz bewusst Macht ausgeübt. Er hat die Machtausübung als seine Pflicht verstanden."
Auf die Rückfrage Hunkelers, er hielte Adorno doch geradezu für einen scharfsinnigen Kritiker von Herrschaft und Macht, fährt der Kunsthändler Lardini, der sich nicht nur in der Theater- und Kulturgeschichte Basels auskennt, sondern auch im Milieu des Rheinhafens, ( so wie Schneider selbst), fort:
"Ich kenne einige Leute dieser Art. Sie kommen alle aus Deutschland. Sie können die Verbrechen der Nazis nicht in ihr Denken integrieren, was ja kein Wunder ist. Sie wittern überall nazistisches Gedankengut, faschistoide Mentalität, die sie aufdecken müssen. Das tun sie mit Hilfe der Frankfurter Schule, zu der Adorno gehörte. So ist diese Generation der eigenen Schuld, die meiner Meinung nach eine eingebildete Schuld ist, entkommen, soweit das überhaupt möglich ist. Denn ich denke, dass eine eingebildete Schuld noch schwerer drückt als eine wirkliche Schuld."

Hansjörg Schneider lässt Hunkeler mit einigen Regisseuren, mit vergessenen Arbeiterdichtern aus den Siebzigern und mit alkoholkranken und verbitterten, einst genialen Schauspielern zusammentreffen, und man hat den Eindruck, dass jede dieser Figuren Ebenbilder hat in der Basler Realität und Vergangenheit , in der Schneider nun selbst seit Jahrzehnten schwimmt, so wie sein Kommissär im Rhein.

Hunkeler löst den Fall, geht in Pension und sein Schöpfer hat den Verlag gewechselt. Sicher nicht, weil es das letzte Buch war über eine Polizistenfigur, wie sie ihresgleichen sucht.
 

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