Eine wunderbare poetische Fiktion

Rezension zu:

Eshkol Nevo, Neuland, DTV 2013, ISBN 978-3-423-28022-8

Man wird diesen monumentalen neuen Roman des israelischen Schriftstellers Eshkol Nevo nicht ganz verstehen bzw. ihn auf eine reine romantische Liebesgeschichte oder einen dramatischen Familienroman reduzieren ohne den Hinweis auf die gewollte Nähe zu Theodor Herzls utopischem Roman „Altneuland“, der im Jahr 1902 erstmals erschien und in dem er sechs Jahre nach seinem sachlich-konzeptuellen Buch „Der Judenstaat“ seine Utopie einer jüdischen Gesellschaftsordnung in Palästina beschrieb.

Nun ist seit 1948 der Staat Israel ein zwar von vielen seiner Nachbarn nach wie vor bekämpftes Faktum, doch von den ursprünglichen Utopien oder Ideen, wie sie in der Kibbuzbewegung lebendig wurden, ist im heutigen Staat Israel nicht mehr viel zu spüren. Nicht nur durch die Besatzungspolitik, auch durch viele Kriege ist die israelische Demokratie angeschlagen. Viele israelische Schriftsteller haben in ihren Romanen der letzen Jahre immer wieder dieses Thema behandelt und versucht, neue Szenarios zu entwerfen, wie Juden und Palästinenser ohne den religiösen Einfluss der Orthodoxen auf beiden Seiten in Zukunft friedlich miteinander leben könnten.

Dieser Rekurs auf die Vergangenheit und ihre Bedeutung für die Zukunft einzelner Menschen und Familien, aber auch des ganzen Landes zieht sich durch Eshkol Nevos Buch wie ein roter Faden. Der Roman überspannt mehrere Generationen, von der Flucht Lillis, die jetzt eine alte, von Demenz bedrohte Frau ist, 1939 aus Warschau, wo sie ihren Vater zurücklassen musste, was sie nie verwunden hat, über Rumänien bis nach Palästina, bis zu einer eher freiwilligen Flucht im Jahr 2006, als der etwa sechzig Jahre alte Meni Peleg, ein ehemaliger, im Jom Kippur Krieg dekorierter Offizier plötzlich seinen Rucksack packt, und seinem Sohn Dori und seiner Tochter Zeela mitteilt, er wolle nun eine längere Zeit in Südamerika verbringen. Ähnlich wie die vielen jungen Israelis, die, nicht selten an ihrer Seele verwundet, nach ihrem Militärdienst, sich eine Auszeit nehmen und als Backpacker in exotische Gegenden, oft nach Südamerika gehen.

Als Berater war Meni Peleg nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch in Israel ein sehr bekannter Mann. Als seine Frau stirbt, mit der er glücklich verheiratet war, kommt er aus der Spur, zumal sich über Jahrzehnte verdrängte und vergessene Traumata aus dem Krieg bemerkbar machen.

Seine Familie akzeptiert notgedrungen diesen Entschluss, doch als kurz nach seiner Abreise seine Telefonate immer merkwürdiger werden und er schließlich mitteilt, er werde sich nun eine lange Zeit nicht mehr melden, bricht sein Sohn Dori mit der Unterstützung seiner Frau auf, um seinen Vater mit Hilfe eines professionellen einheimischen Vermisstensuchers, den sie im Internet entdeckt haben, zu finden und nach Hause zu holen. Dori ist ein sehr engagierter Geschichtslehrer und ein liebevoller Vater, dem es schwer fällt, seinen sehr auf ihn fixierten Sohn zurückzulassen.

In Peru, nicht lange nachdem er zusammen mit Alfredo, dem menschlichen Spürhund, seine Suche begonnen hat, trifft Dori auf die junge Israelin Inbar. Die erfolgreiche Radiomoderatorin ist, nachdem sie ihre Mutter in Berlin besucht hat, die dort mit einem Deutschen zusammenlebt, kurz entschlossen nicht nach Israel zurückgekehrt, sondern hat den erstbesten Flug nach Lateinamerika gebucht. Auch sie ist „verwundet“, wie Meni Peleg das später beschreiben wird. Sie hat den Tod (war es ein Selbstmord?) ihres jüngeren Bruders beim Militär nicht verwunden. Inbar ist die Enkeltochter jener oben erwähnten Lilli, die sich auf dem Schiff, das sie 1939 von der Schwarzmeerküste nach Palästina brachte, in einen Mann namens Jizchak Fimstein verliebte, der später der Großvater von Dori Peleg werden sollte. Und sie ist zusammen mit Eijtan, einem Mann, der in der Folge ein ungewöhnliches und beeindruckend liebevolles Verständnis aufbringen wird für die Flucht seiner Partnerin.

Doch all das erfahren Dori und Inbar erst zu einem späteren Zeitpunkt ihrer gemeinsamen Reise. Denn Inbar schließt sich Dori und Alfredo an bei der Suche nach Meni Peleg. Eine abenteuerliche Reise wird dort geschildert über mehrere lateinamerikanische Länder. Immer wieder unterbrochen durch Rückblicke in das schwierige Beziehungsgeflecht der beiden Familien und ihrer Geschichte, die eng bezogen wird auf die bis in den frühen Zionismus reichende Geschichte Israels. Dori und Inbar nähern sich einander an, ohne dass es zu einer von beiden phantasierten Liebesbeziehung kommt. Als sie schließlich in Argentinien erfahren, wo der Vater steckt, was mit ihm geschehen ist und was ihn bewegt, da wird die Bezugnahme von Eshkols „Neuland“ zu Herzls „Altneuland“ überdeutlich, ohne die man den ganzen Roman nicht verstehen kann.

„Neuland“ ist ein Roman über Israel, seine Kriege und die vielen Wunden seiner Bürger. Alte aus der Shoah und viele neue aus den zahlreichen Kriegen, ohne die Israel längst nicht mehr existierte. Ein Roman, der zeigt, wie diese Wunden schwären und schmerzen und wie sie rufen nach einer Alternative für die Zukunft, für das Land und für seine Menschen.

„Neuland“ ist ein großer Roman, der wie kaum ein anderer Roman zuvor mit deutlicher Stimme den Ruf nach einer Erneuerung der israelischen Gesellschaft erschallen lässt. Es ist ein sehr jüdisches Buch, trotz seiner unübersehbaren israelischen Züge, weil es seine Figuren um keinen Preis entkommen lässt. Dabei geht es Eshkol Nevo niemals um richtig oder falsch, sondern immer um menschliches Empfinden. Eine wunderbare poetische Fiktion.
 

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