Einer will nicht hören, was der andere sich nicht zu sagen traut

Rezension zu:

Stephan Thome, Gegenspiel, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42465-0
Wenn man den neuen Roman von Stephan Thome zur Hand nimmt und sich noch gut an seinen letzten mit dem Titel „Fliehkräfte“ erinnert, da kommt einem eine literarische Parallele in den Sinn. Und zwar die beiden Bücher von Rachel Joyce, die zunächst in „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ von einem Mann erzählt, der sich auf den Weg zu seiner ehemaligen nun im Sterben liegenden Kollegin macht und einige Jahre später mit „Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry“ eben diese Kollegin Quennie ihre Version der Geschichte und ihr Leben erzählen lässt.

Die Sätze, mit denen ich damals den Inhalt von Thomes „Fliehkräfte“ beschrieb, können sozusagen eins zu eins für das neue Buch „Gegenspiel“ übernommen werden:

In seinem neuen Roman erzählt der in Biedenkopf in Hessen geborene Stephan Thome von einem Philosophieprofessor, dessen Leben und dessen Ehe aus den Fugen geraten sind, und der, seiner Vergangenheit nachdenkend und seiner Zukunft entgegenpilgernd, versucht, den „Fliehkräften“, die ihn und sein Leben auseinanderzureißen drohen, Einhalt zu gebieten.

Wie schon die Hauptperson in Thomes gefeierten Debütroman „Grenzgang“ stammt auch Professor Hartmut Hainbach aus der oberhessischen Heimatstadt von Thome, die hier wie dort Bergenstadt heißt. Hartmut Hainbach ist Ende fünfzig, seine Tochter ist erwachsen geworden, und lebt in Santiago de Compostela mit einer Freundin zusammen. Gegen Ende des Buches wird sie ihren Vater über die wahre Natur dieser Freundschaft aufklären. Hartmuts Frau Maria stammt aus Portugal, wo die Familie über viele Jahre jeden Sommer verbracht hat.

Doch seit zwei Jahren hat sie die gemeinsame Wohnung in Bonn verlassen, wo Hartmut Hainbach seit vielen Jahren eine Philosophieprofessur innehat. Sie lebt in Berlin und arbeitet dort als Assistentin und auch zeitweise Geliebte eines außergewöhnlichen Theaterregisseurs. Unglücklich über diesen Zustand, versuchte Hartmut Hainbach bislang vergeblich sich beruflich zu verändern. Da kommt ihm ein Angebot des Eigentümers eines wissenschaftlichen Verlags in Berlin gerade recht, wo er das philosophische Programm ambitioniert betreuen soll.

Hartmut Hainbach weiß nicht, wie er sich entscheiden soll, nicht zum ersten Mal in seinem Leben. Er fragt sich, ob seine Frau überhaupt möchte, dass er nach Berlin kommt. Kann er aus seinem Vertrag an der Uni Bonn heraus? Wird er nicht erhebliche Teile seines Pensionsanspruchs verlieren? Das sind nur wenige der Hunderten von Fragen, die Stephan Thome seinen Protagonisten in diesem Roman immer wieder stellt. Fragen, die manches Mal keine Antwort finden und im Raum stehen bleiben.

Hartmut Hainbach hält die unklaren Lebensverhältnisse nicht mehr aus. Er setzt sich in sein Auto, verlässt Bonn und bricht zu so etwas wie einer Pilgerreise auf, bei der ihm und dem Leser sein ganzes bisheriges Leben vor Augen geführt wird. In Paris trifft er seine erste große Liebe wieder, in Südfrankreich besucht er einen ehemaligen Bonner Kollegen, der vor Jahren schon der Uni aus Frust über den unsäglichen „Bologna-Prozess“ den Rücken gekehrt hat und am neuen Ort ein Weinlokal betreibt. Überall dort erhofft er sich Antworten und wird doch immer nur mit neuen Fragen konfrontiert. Wie auf einem echten Pilgerweg eben. Schon hier und erst recht auf seiner Weiterfahrt nach Portugal zu den Verwandten seiner Frau und seiner Tochter wird nicht nur ihm, sondern auch dem Leser deutlich, dass das Leben eines Menschen mehrere Anfänge hat, dass es aus Abschnitten besteht, die jeweils ihren eigenen Beginn, ihr eigenes Ende und ihren eigenen Sinn haben, auch wenn der sich nicht immer sofort und oft erst unter Schmerzen erschließt.

Sehr geschickt wechselt Stephan Thome die Zeitebenen und lässt seinen Protagonisten immer klarer werden, ohne dass er gleich die Antwort auf seine Fragen wüsste. Aber er macht sich immer weniger selbst etwas vor, lässt seine Verzweiflung zu und kommt so langsam sich selbst und in der Folge dann auch den Menschen, die er liebt, wieder näher. Immer mit der Maxime: „Manchmal ist es besser, einen falschen Schritt zu tun, statt grübelnd auf der Stelle zu treten.“

Soweit die Häutung von Hartmut Hainbach. Wie seine Frau, die aus Portugal stammende Maria, das alles erlebt, blieb in „Fliehkräfte“ eher dunkel bis unterbelichtet. Doch nun kommt sie als „Gegenspiel“ mit ihrer Lebensgeschichte zu Wort, die sich spannt von ihrer Jugend im Portugal kurz nach der Nelkenrevolution bis zu ihrem Wechsel von Bonn nach Berlin als Assistentin eben jenes exaltierten Regisseurs, den sie als Studentin in Berlin schon kannte und liebte, bevor sie Hartmut kennenlernte. Wir erfahren von ihren Träumen und Sehnsüchten, von ihren Problemen als junge Mutter und von ihrer immer weiter wachsenden Unzufriedenheit mit einer Schattenexistenz als Professorenfrau, die sich der Berufungspolitik der Universitäten mit ihrem Privatleben und ihrem Wohnort über eine lange Zeit unterordnet.

Stephan Thome führt seine Leser in wechselnden zeitlichen Ebenen nicht nur in das nachrevolutionäre Portugal, sondern auch in die Hausbesetzerszene in Berlin in den achtziger Jahren, ins alternative Theatermilieu und in die deutsche Provinz vor und nach der Wende, sondern er lässt sie mit überraschender Sensibilität auch für seine weibliche Protagonistin teilhaben an Marias Entwicklungsprozess, ihrem Drang nach Freiheit, der unter dem Druck von sie einengenden Verhältnissen sie irgendwann ausbrechen lässt aus einer Ehe und Beziehung, in der sie sich selbst verloren hat.

„Gegenspiel“ ist mehr noch als die Version der Geschichte der Hainbachs ins „Fliehkräfte“ ein stellenweise verstörender, aber auch durchweg berührender Roman über Täuschung und Selbsttäuschung, über Lebenslügen und den Aufbruch daraus, und immer wieder geht es um Verantwortung, nicht nur für den Partner, sondern für das eigene Leben. Und es wird am Ende darum gehen, wie echte Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben die einzige Möglichkeit ist, die einsturzgefährdete Brücke zum geliebten, aber entfremdeten Partner neu zu begehen.

„Gemeinsame Lebenslügen sind komplizierte Gebilde“, schreibt Thome an einer Stelle, „aber das zugrundeliegenden Prinzip ist simpel: einer will nicht hören, was der andere sich nicht zu sagen traut.“
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Winfried,

ich fühle mich ein bisschen überfordert von Deiner Rezension, auf die ich durch den Titel aufmerksam - und neugierig wurde.

Jemand, der einen Autor und sein Werk gut kennt, könnte es einem Nicht-Kenner leicht machen, indem er erst das Buch vorstellt und dann eine Einordnung vornimmt. Ganz gewiss nicht auch noch Parallelen zu anderen Büchern seiner Besprechung voran stellt.
Am Ende wusste ich nicht mehr, von welchem Buch Du erzählst, von den 'Fliehkräften' oder 'Gegenspiel'.
Insgesamt scheinst Du auch zuviel Hintergrundwissen für den Wissenschaftsbetrieb vorauszusetzen - welcher Art Zeitenwende war der Bologna-Prozess an den Universitäten?
Sehr schade finde ich, dass mir Dein Text keine Lust auf den Autor oder nach dem Buch macht, weil Du die verursachenden Momente nicht einfängst. Einen Uni-Professor hat seine Frau verlassen, seine Tochter ist lesbisch. Na und? Worum geht es bei alledem? Warum ist das spannend, erhellend, mitreißend, warum soll ich das Buch lesen?
Bis hierher ist das alles nur 'Jammern auf hohem Niveau', Luxusprobleme, jemand, der sich selbst das Leben schwer macht, wenn es keine wirklichen Probleme macht.
Vielleicht schießt Du ja noch etwas nach?

Liebe Grüße
Petra
 

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