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Eines der bemerkenswertesten Romandebüts dieses Jahres

3,00 Stern(e) 1 Stimme
Rezension zu:

Olga Grjasnowa, Der Russe ist einer der Birken liebt, Hanser 2012, ISBN 978-3-446-23854-1

Das vorliegende Buch ist sicher eines der bemerkenswertesten Romandebüts dieses Jahres. Die 27- jährige, in Baku in Armenien geborene Olga Grjasnowa hat es geschrieben und mit der Hauptfigur des Buches auch viel von ihrem eigenen Leben erzählt und verarbeitet. Als Kind erlebte sie die blutigen Kämpfe zwischen Aserbaidschanern und Armeniern (Berg Karabach), kam als jüdischer Kontingentflüchtling mit ihren Eltern nach Deutschland und lebte dort in einer hessischen Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt. Sie spricht mehrere Sprachen, hat schon viele Preise und Stipendien erhalten, ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und blickt auf längere Auslandsaufenthalte in Russland, Polen und Israel zurück.

Nun hat sie mit der Geschichte von Maria Kogon, auch Mascha genannt, ein deutlich autobiographisches Buch veröffentlicht, das sehr eigensinnig einen neuen literarischen Ton anschlägt und zu Recht von vielen Kritikern gelobt wurde. Maschas lebt als Dolmetscherin in Frankfurt. Sie lebt ein chaotisches Leben, ist selbst sehr beweglich und flexibel, hoch intelligent. Mascha ist eine junge Frau, die, obwohl sie sie sucht, Nähe kaum wirklich erträgt. Und so flieht sie durch ihr Leben, und kann weder bei ihrer Familie noch bei ihrem Freund einen Halt finden. Auch ihr Beruf befriedigt sie nicht. Eines Tages wird ihr Freund Elias beim Fußballsspielen schwer verletzt. Eine auf den ersten Blick normale Oberschenkelfraktur wächst sich zu einer quälend schmerzhaften Sache aus, und nach langen Wochen der Pflege stirbt Elias an einer Sepsis. Mascha ist verzweifelt. Sie wird von Schuldgefühlen geplagt, die zu den permanenten traumatischen Kindheitserinnerungen noch dazu kommen.

Mascha flieht vor ihrer Vergangenheit nach Israel, um dort als Dolmetscherin zu arbeiten. Sie fährt ohne Illusionen dorthin und ist doch erschüttert von den Auseinandersetzungen und dem Hass zwischen Juden und Palästinensern. Sie trifft dort viele Menschen, macht Bekanntschaften und hat Affären, doch ihre innere Leere bleibt. Die Trauer über ihren Freund Elias ist übermächtig und überlagert alles. In Sami, einem früheren Freund hat sie einen Vertrauten, der immer zu ihr steht, und nach dem Tod von Elias die einzige wirkliche Konstante in ihrem wurzellosen Leben darstellt.

Alle Figuren dieses Romans haben ähnliche Züge. Sie sind politisch engagiert, denken und fühlen multiethnisch und haben wie selbstverständlich ein kosmopolitisches Bewusstsein. Doch obwohl sie hochintelligent und extrem beweglich sind, schaffen sie es nicht, ihre Lebenskraft und Kreativität umzusetzen, irgendwo anzukommen und Wurzeln zu schlagen.

Ich bin auf die nächsten Romane dieser außergewöhnlichen Frau gespannt. Gespannt darauf, wie sie weiter ihr Leben reflektiert und es in großer Prosa umsetzt.
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
Moin Winfried Stanzick,

mir wird leider in der Rezi nicht klar, was an dem Roman so bemerkenswert ist. Das solltest Du vielleicht noch herausarbeiten.
Weder die Autorenbio noch der Inhaltsabriss bringen mir als Leser Deine Begeisterung, die im Titel mitschwingt, näher.

cu
lap
 
Rezension zu:

Olga Grjasnowa, Der Russe ist einer der Birken liebt, Hanser 2012, ISBN 978-3-446-23854-1

Das vorliegende Buch ist sicher eines der bemerkenswertesten Romandebüts dieses Jahres. Die 27- jährige, in Baku in Armenien geborene Olga Grjasnowa hat es geschrieben und mit der Hauptfigur des Buches auch viel von ihrem eigenen Leben erzählt und verarbeitet. Als Kind erlebte sie die blutigen Kämpfe zwischen Aserbaidschanern und Armeniern (Berg Karabach), kam als jüdischer Kontingentflüchtling mit ihren Eltern nach Deutschland und lebte dort in einer hessischen Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt. Sie spricht mehrere Sprachen, hat schon viele Preise und Stipendien erhalten, ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und blickt auf längere Auslandsaufenthalte in Russland, Polen und Israel zurück.

Nun hat sie mit der Geschichte von Maria Kogon, auch Mascha genannt, ein deutlich autobiographisches Buch veröffentlicht, das sehr eigensinnig einen neuen literarischen Ton anschlägt und zu Recht von vielen Kritikern gelobt wurde. Maschas lebt als Dolmetscherin in Frankfurt. Sie lebt ein chaotisches Leben, ist selbst sehr beweglich und flexibel, hoch intelligent. Mascha ist eine junge Frau, die, obwohl sie sie sucht, Nähe kaum wirklich erträgt. Und so flieht sie durch ihr Leben, und kann weder bei ihrer Familie noch bei ihrem Freund einen Halt finden. Auch ihr Beruf befriedigt sie nicht. Eines Tages wird ihr Freund Elias beim Fußballsspielen schwer verletzt. Eine auf den ersten Blick normale Oberschenkelfraktur wächst sich zu einer quälend schmerzhaften Sache aus, und nach langen Wochen der Pflege stirbt Elias an einer Sepsis. Mascha ist verzweifelt. Sie wird von Schuldgefühlen geplagt, die zu den permanenten traumatischen Kindheitserinnerungen noch dazu kommen.

Mascha flieht vor ihrer Vergangenheit nach Israel, um dort als Dolmetscherin zu arbeiten. Sie fährt ohne Illusionen dorthin und ist doch erschüttert von den Auseinandersetzungen und dem Hass zwischen Juden und Palästinensern. Sie trifft dort viele Menschen, macht Bekanntschaften und hat Affären, doch ihre innere Leere bleibt. Die Trauer über ihren Freund Elias ist übermächtig und überlagert alles. In Sami, einem früheren Freund hat sie einen Vertrauten, der immer zu ihr steht, und nach dem Tod von Elias die einzige wirkliche Konstante in ihrem wurzellosen Leben darstellt.

Alle Figuren dieses Romans haben ähnliche Züge. Sie sind politisch engagiert, denken und fühlen multiethnisch und haben wie selbstverständlich ein kosmopolitisches Bewusstsein. Doch obwohl sie hochintelligent und extrem beweglich sind, schaffen sie es nicht, ihre Lebenskraft und Kreativität umzusetzen, irgendwo anzukommen und Wurzeln zu schlagen.

Das Buch ist deshalb so bemerkenswrrt und sticht unter vielen anderen Romandebüts besonders hervor, weil es nicht nur einen tiefen Innenblick in das Leben einer Einwanderungsgesellschaft bietet, die Deutschland zweifelsohne ist, sondern auch ganz eindrückliche und erhellende Sezenen beschreibt aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt, in denen man mehr begreift als durch das Lesen manch kluger politischen Abhandlung.

Ich bin auf die nächsten Romane dieser außergewöhnlichen Frau gespannt. Gespannt darauf, wie sie weiter ihr Leben reflektiert und es in großer Prosa umsetzt.
 
Lieber Lapismont,


vielen Dank für Deine Anmerkungen und Dene Kritik. Ich habe nun versucht, deutlicher herauszuarbeiten, warum ich das Buch für so bemerkenswrert halte.

WS
 
Rezension zu:

Olga Grjasnowa, Der Russe ist einer der Birken liebt, Hanser 2012, ISBN 978-3-446-23854-1

Das vorliegende Buch ist sicher eines der bemerkenswertesten Romandebüts dieses Jahres. Die 27- jährige, in Baku in Armenien geborene Olga Grjasnowa hat es geschrieben und mit der Hauptfigur des Buches auch viel von ihrem eigenen Leben erzählt und verarbeitet. Als Kind erlebte sie die blutigen Kämpfe zwischen Aserbaidschanern und Armeniern (Berg Karabach), kam als jüdischer Kontingentflüchtling mit ihren Eltern nach Deutschland und lebte dort in einer hessischen Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt. Sie spricht mehrere Sprachen, hat schon viele Preise und Stipendien erhalten, ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und blickt auf längere Auslandsaufenthalte in Russland, Polen und Israel zurück.

Nun hat sie mit der Geschichte von Maria Kogon, auch Mascha genannt, ein deutlich autobiographisches Buch veröffentlicht, das sehr eigensinnig einen neuen literarischen Ton anschlägt und zu Recht von vielen Kritikern gelobt wurde. Maschas lebt als Dolmetscherin in Frankfurt. Sie lebt ein chaotisches Leben, ist selbst sehr beweglich und flexibel, hoch intelligent. Mascha ist eine junge Frau, die, obwohl sie sie sucht, Nähe kaum wirklich erträgt. Und so flieht sie durch ihr Leben, und kann weder bei ihrer Familie noch bei ihrem Freund einen Halt finden. Auch ihr Beruf befriedigt sie nicht. Eines Tages wird ihr Freund Elias beim Fußballsspielen schwer verletzt. Eine auf den ersten Blick normale Oberschenkelfraktur wächst sich zu einer quälend schmerzhaften Sache aus, und nach langen Wochen der Pflege stirbt Elias an einer Sepsis. Mascha ist verzweifelt. Sie wird von Schuldgefühlen geplagt, die zu den permanenten traumatischen Kindheitserinnerungen noch dazu kommen.

Mascha flieht vor ihrer Vergangenheit nach Israel, um dort als Dolmetscherin zu arbeiten. Sie fährt ohne Illusionen dorthin und ist doch erschüttert von den Auseinandersetzungen und dem Hass zwischen Juden und Palästinensern. Sie trifft dort viele Menschen, macht Bekanntschaften und hat Affären, doch ihre innere Leere bleibt. Die Trauer über ihren Freund Elias ist übermächtig und überlagert alles. In Sami, einem früheren Freund hat sie einen Vertrauten, der immer zu ihr steht, und nach dem Tod von Elias die einzige wirkliche Konstante in ihrem wurzellosen Leben darstellt.

Alle Figuren dieses Romans haben ähnliche Züge. Sie sind politisch engagiert, denken und fühlen multiethnisch und haben wie selbstverständlich ein kosmopolitisches Bewusstsein. Doch obwohl sie hochintelligent und extrem beweglich sind, schaffen sie es nicht, ihre Lebenskraft und Kreativität umzusetzen, irgendwo anzukommen und Wurzeln zu schlagen.

Das Buch ist deshalb so bemerkenswert und sticht unter vielen anderen Romandebüts besonders hervor, weil es nicht nur einen tiefen Innenblick in das Leben einer Einwanderungsgesellschaft bietet, die Deutschland zweifelsohne ist, sondern auch ganz eindrückliche und erhellende Szenen beschreibt aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt, in denen man mehr begreift als durch das Lesen manch kluger politischen Abhandlung.

Ich bin auf die nächsten Romane dieser außergewöhnlichen Frau gespannt. Gespannt darauf, wie sie weiter ihr Leben reflektiert und es in großer Prosa umsetzt.
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
Wenn ich das richtig verstehe, ist das Besondere an dem Werk die Verbindung zwischen deutschem Alltag und dem Palästina-Konflikt?

Problematisch bleibt für mich, dass Du zwar mit lobenden Worten um Dich wirfst, aber letztlich nur die behandelte Thematik zur Begründung heranziehst.

Was ist nun aber der "neue litarirische Ton"? Der Nahe Osten und auch Migration sind durchaus breit aufgestellte Stoffe.

Was macht Olga Grjasnowa anders als die anderen?

Da ich Dich nicht kenne und auch nicht weiß, welchen literarischen Hintergrund Du hast, kann ich auch nicht wissen, welche anderen Debüts Du zum Vergleich gelesen hast.

cu
lap
 

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