Emil und die wilden Tiere

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Ciconia

Mitglied
Opa Emil Dollinger stand wie jeden Morgen auf der Terrasse und schaute versonnen in seinen gepflegten Garten, auf den er sehr stolz war. Es schien ein sonniger Tag zu werden. Während er noch überlegte, welche Gartenarbeiten er heute als erstes in Angriff nehmen sollte, rief seine Frau Irmchen plötzlich aufgeregt durch das geöffnete Küchenfenster: „Er ist wieder da!" Emil brauchte nicht nachzufragen, wen sie meinte.

So schnell es seine alten Pantoffeln hergaben, wieselte er um die Ecke zu seinem Gartenhäuschen. Die Schaufel stand immer griffbereit neben der Tür. „Heute pack‘ ich dich!", hörte Irmchen ihn durch das Fenster vor sich hin brummeln. Ihr schwante nichts Gutes, sie ahnte: Es würde enden wie immer. Der Tag war gelaufen, bevor er richtig begonnen hatte.

Sie sah zu, wie sich ihr Mann mit vorsichtigen Schritten dem kleinen Erdhügel näherte, der ganz leicht in Bewegung war. Noch zögerte Emil, die Schaufel anzusetzen.

Unter dem gepflegten kurzgeschorenen Rasen war Familie Maulwurf schon lange mit dem Frühstück fertig, und Vater Maulwurf machte sich wie jeden Morgen daran, weitere Gänge für die vielköpfige Kinderschar zu buddeln. In diesem Frühjahr war ein besonders guter Wurf gelungen, sechs Junge mussten versorgt werden. Aber in Emil Dollingers Garten waren genügend Larven, Würmer und dergleichen Leckereien mehr zu holen. Das hatte schon der Urgroßvater von Vater Maulwurf gewußt und sich deshalb mit der ganzen Familie hier angesiedelt. Schädlinge wurden bei Dollingers selbstverständlich nicht bekämpft. Alles hatte seine Lebensberechtigung, meinte Emil immer. Ganz abgesehen davon, dass Maulwürfe sowieso unter Artenschutz standen, da war Emil schon korrekt.

Und so hätte er es auch nie ertragen können, einem Tier wirklich etwas zuleide zu tun. Er hatte allerhand Erfahrungen mit mehreren Generationen Maulwürfen, die seit Jahren Emils Rasen verwüsteten und von ihm „Grabowski" genannt wurden. Was hatte Emil nicht schon alles versucht! Irmchen brachte eines Tages eine Tüte voller stinkender Toilettensteine nach Hause. Sie hatte in einer Zeitschrift gelesen, dass Maulwürfe sehr geruchsempfindlich seien. Es hatte nichts genützt. Auch Knoblauchzehen und mit Essig getränkte Lappen brachten nicht den gewünschten Erfolg. An die hohe Wasserrechnung, die durch Emils Bewässerungsaktionen der Maulwurfsgänge entstanden war, dachten die Dollingers auch immer noch sehr ungern.

Alles vergebens, bis Emil eines Tages von einem Nachbarn Folgendes hörte: Man solle sich vorsichtig an den Maulwurfshügel heranschleichen, während der Maulwurf buddelte, denn die Tiere seien sehr lärmempfindlich. Das wusste Emil natürlich schon, denn er hatte ja auch in dieser Hinsicht schon allerhand versucht, z. B. Flaschen umgekehrt in den Boden gesteckt. Auch so ein Unsinn, den Irmchen wieder irgendwo gelesen hatte! Aber dem Nachbarn war es doch tatsächlich gelungen, einen Maulwurf zu überlisten, und zwar so: Er hatte mit einer Schaufel unter den Hügel gefasst, das Tier lebend herausgehoben und auf der nächsten Wiese ausgesetzt! Der Nachbar hatte allerdings auch noch dazu gesagt, dass man unheimlich schnell sein müsse.

Diese Geschichte ließ Emil Dollinger keine Ruhe, warum sollte ihm das nicht auch gelingen?!

Unterdessen lauschte Vater Maulwurf eine Etage tiefer den Geräuschen, die nun deutlich näher kamen. Er ahnte, was das bedeutete, und er trieb dasselbe Spiel mit Emil wie seit Monaten. Schnell noch eine leichte Erdbewegung - und dann blitzschnell ab in den Nachbargang! Ihm blieben nur ein paar Sekunden Zeit, bevor Emil die Schaufel ansetzte, die Erde anhob und gleich darauf fürchterlich zu fluchen begann. „Das Biest ist schon wieder abgehauen!", rief er Irmchen zu und warf die Schaufel mit Schwung auf den Rasen.

Irmchen zuckte zusammen, sie kannte diese Wutausbrüche schon. Trotzdem blieb sie ruhig und rief beschwichtigend aus dem Fenster: „Komm doch erst mal rein, Frühstück ist fertig!" Brummelnd schlurfte Emil in die Küche. Wenn der Tag schon so anfing …

Vater Maulwurf freute sich nun schon darauf, seiner Familie von seiner neuesten Heldentat zu berichten, wenn sie sich später in einem der abgelegenen Gänge versammelten. Dann würden sie beratschlagen, an welcher Stelle des Gartens morgen gegraben werden sollte. Die Jungen würden wahrscheinlich wieder Wetten darüber abschließen, wie lange es morgen dauerte, bis die Dollingers bemerkten, wo diesmal das Spiel beginnen sollte.

Bis morgen also, Emil!
 
E

eisblume

Gast
Hallo Ciconia,

diese Geschichte finde ich jetzt wirklich sehr nett, auch sehr gut geschrieben.
Mir ist nur nicht klar, für welche Altersgruppe sie gedacht ist.

Lieben Gruß
eisblume
 

hera

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ja, eine gut geschriebene und unterhaltsame Geschichte! Ich würde sagen für Vor- und Grundschulkinder.

Viele Grüße, hera
 

Ciconia

Mitglied
Freut mich, dass es Euch gefällt!

Über die Altersklasse habe ich mir - ehrlich gesagt - keine genauen Gedanken gemacht. Ich denke, Eltern wissen selbst am besten, was ihre Kinder schon verstehen und vertragen können. Aber Vorschulalter könnte wahrscheinlich am ehesten zutreffen.

Gruß Ciconia
 

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