Enttäuschte Liebe macht wütend. Aber auch klarsichtig. Und realistisch.

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Rezension von:

Cora Stephan, Angela Merkel. Ein Irrtum, Knaus 2011, 224 Seiten, ISBN 978-3-8135-0416-3

Enttäuschte Liebe macht wütend. Aber auch klarsichtig. Und realistisch.
Und weil man nach einer solchen Enttäuschung auch mutiger ist, wagt man sich heraus. Setzt sich aus. Riskiert etwas. Seinen Ruf. Die Sympathie alter Freunde und Weggenossen.

Cora Stephan, jener Publizistin, deren Beiträge in HR 2 ich schon Anfang der achtziger Jahre als wichtige und differenzierte zeitgenössische Kommentare und Beobachtungen geschätzt habe, und die später als Anne Chaplet in ihren Kriminalromanen auf eine andere, nicht weniger luzide und kritische Weise gesellschaftliche Erscheinungen beobachtete und beschrieb - ihr ist das so ergangen, vermute ich.

Und dann hat sie sich hingesetzt und sich ihren ganzen Frust von der Seele geschrieben in einzelnen Essays, die nicht nur ihre Enttäuschung über Angela Merkel und ihre Politik zum Thema haben. Sie, die lange, bis auf wenige Zeitungsartikel, zum politischen Alltag der Republik und ihrer Kultur geschwiegen hatte, hat, endlich, wieder ein politisches Buch geschrieben, sich eingemischt mit beißender Kritik. Nicht nur an Angela Merkel und ihrer Wandlung von Angie zu Tina (das ist Cora Stephans geniale Abkürzung für den Killersatz „There is no alternative“, mit der Angela Merkel seit einiger Zeit jede Debatte abwürgt), sondern am gesamten Politikbetrieb in den Parteien und im Parlament. Schonungslos und fern jeglicher political correctness, deckt sie Entwicklungen und Paradigmen auf, vom Umgang mit Thilo Sarrazins Thesen, über Stuttgart 21 bis hin zur verlogenen europäischen Währungspolitik unserer Regierung.

Was sie in guter Tradition politischer Kritik immer wieder reklamiert, ist Wahrheit; das Ernstnehmen des Bürgers nicht nur als Stimmvieh bei den Wahlen, sondern als jemand, der selbst denken kann, und den man nicht bei jeder ungewünschten Meinung (sie nennt immer wieder die ernorme Zustimmung der Bevölkerung zu Sarrazins Zwischenrufen) unter den Generalverdacht stellen darf, da würde sich wieder etwas typisch Deutsches zeigen.

Das Buch ist nicht nur eine nach der Enttäuschung nüchtern gewordene Abrechnung mit einer Politikerin, die mehr versprach als sie hielt, sondern es ist auch eine beißende, stellenweise ironische Kritik an einer politischen Kultur, bis hinein in die meisten Medien, die vor lauter Selbstgerechtigkeit nur so triefen, die den Bürger nicht ernst nimmt, Angst hat vor seinen Einschätzungen (siehe bei Sarrazin oder Stuttgart 21) und ihm deshalb in einer schrecklichen und politisch korrekten und deshalb katastrophal falschen „new speech“ die Wahrheit vorenthält.

Ein Zwischenruf einer engagierten Publizistin zur rechten Zeit. Wann bietet eine der großen Wochenzeitungen Cora Stephan endlich eine regelmäßige Rubrik an?
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Krümelkram:

Hinweis: In den bibliografischen Angaben sind Autor und Titel optisch nur schwer zu unterscheiden. Ich las auch Merkel als Autorin. Es ist (hier) sicher sinnvoller, den Titel optisch zu markieren – Cora Stephan: „Angela Merkel. Ein Irrtum“ oder so.

Schwierig sind auch Satz-Kostruktionen zu lesen, die ein Nicht-Subjekt zum Subjekt "umeseln" wie bei
bis hinein in die meisten Medien, die vor lauter Selbstgerechtigkeit nur so triefen, die den Bürger nicht ernst nimmt, Angst hat vor seinen Einschätzungen
Hier erwartet man eine Attributsatz-Aufzählung (die Medien, die dies, die das und die jenes), du machst aber eine "fortlaufende Kette" (die, wenn man sie schon benutzt, besser mit "welche" oder so {statt "die" oder "der"} gestaltet) der Art "die Medien, die dies, welches jenes" (und dann sofort eine Aufzählung "die Medien, die dies, welchen jenes und das auch").

Das sind aber, wie gesagt, nur Feinheiten, über die ich in dem ansonsten guten Text gestolpert bin.
 
Cora Stephan, „Angela Merkel. Ein Irrtum“, Knaus 2011, 224 Seiten, ISBN 978-3-8135-0416-3

Enttäuschte Liebe macht wütend. Aber auch klarsichtig. Und realistisch.
Und weil man nach einer solchen Enttäuschung auch mutiger ist, wagt man sich heraus. Setzt sich aus. Riskiert etwas. Seinen Ruf. Die Sympathie alter Freunde und Weggenossen.

Cora Stephan, jener Publizistin, deren Beiträge in HR 2 ich schon Anfang der achtziger Jahre als wichtige und differenzierte zeitgenössische Kommentare und Beobachtungen geschätzt habe, und die später als Anne Chaplet in ihren Kriminalromanen auf eine andere, nicht weniger luzide und kritische Weise gesellschaftliche Erscheinungen beobachtete und beschrieb - ihr ist das so ergangen, vermute ich.

Und dann hat sie sich hingesetzt und sich ihren ganzen Frust von der Seele geschrieben in einzelnen Essays, die nicht nur ihre Enttäuschung über Angela Merkel und ihre Politik zum Thema haben. Sie, die lange, bis auf wenige Zeitungsartikel, zum politischen Alltag der Republik und ihrer Kultur geschwiegen hatte, hat, endlich, wieder ein politisches Buch geschrieben, sich eingemischt mit beißender Kritik. Nicht nur an Angela Merkel und ihrer Wandlung von Angie zu Tina (das ist Cora Stephans geniale Abkürzung für den Killersatz „There is no alternative“, mit der Angela Merkel seit einiger Zeit jede Debatte abwürgt), sondern am gesamten Politikbetrieb in den Parteien und im Parlament. Schonungslos und fern jeglicher political correctness, deckt sie Entwicklungen und Paradigmen auf, vom Umgang mit Thilo Sarrazins Thesen, über Stuttgart 21 bis hin zur verlogenen europäischen Währungspolitik unserer Regierung.

Was sie in guter Tradition immer wieder reklamiert, ist Wahrheit, das Ernstnehmen des Bürgers nicht nur als Stimmvieh bei den Wahlen, sondern als jemand, der selbst denken kann, und den man nicht bei jeder ungewünschten Meinung (sie nennt immer wieder die ernorme Zustimmung der Bevölkerung zu Sarrazins Zwischenrufen) unter Generalverdacht stellen darf, da würde sich wieder etwas typisch Deutsches zeigen.

Das Buch ist nicht nur eine nach der Enttäuschung nüchtern gewordene Abrechnung mit einer Politikerin, die mehr versprach als sie hielt, sondern es ist auch eine beißende, stellenweise ironische Kritik an einer politischen Kultur, die auch und gerade in den Medien vor lauter Selbstgerechtigkeit nur so trieft, die den Bürger nicht ernst nimmt, Angst hat vor seinen Einschätzungen (siehe bei Sarrazin oder Stuttgart 21) und ihm deshalb in einer schrecklichen und politisch korrekten und deshalb katastrophal falschen „new speech“ die Wahrheit vorenthält.

Ein Zwischenruf einer engagierten Publizistin zur rechten Zeit. Wann bietet eine der großen Wochenzeitungen Cora Stephan endlich eine regelmäßige Rubrik an?
 

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