Entwurf eines zeitgenössischen Gedichts

blackout

Mitglied
Womit
vergleichen diese Tage
hinterm Fenster, Tage, die umsonst gelebt,
in einer Welt, die zum
Stillstand verdammt ist?

Erwachen, das Bad, das Frühstück.
Die Tage gleichen sich zum Verwechseln.
Ich muss den Kalender befragen, ob wir
Dienstag oder Sonntag haben.
Schon die bunteste Abbildung des Virus
verursacht mir Brechreiz.

Nichts lesen
will ich mehr, sehen nichts
von den Gestorbenen,
die auf einer Insel nahe New York in
Massengräbern verscharrt werden
wie Kriegstote.

Als ich erfuhr, dass in Italien
die Alten mit Opium ruhiggestellt werden,
damit sie ihren Erstickungstod
anstandslos hinter sich bringen können,
verlor ich den Rest des Glaubens daran,
dass diese Welt keine verlorene ist.

Wir wissen nichts.
Ein Ahnen ist in manchem von uns, dass da
etwas geschieht, das man uns nicht
zu sagen getraut, wir könnten, so glauben
die Regierungsinhaber,
mit dem Wissen der Wahrheit
überfordert werden.

Wer sich Fragen stellt
in diesen Wochen, kommt von selbst
auf die zutreffende Antwort. Der braucht
ihre Wahrheiten nicht.

Die Tage gehen.
Ich erwache, ich gehe ins Bad, ich frühstücke.
Außer dem gibt es nichts mitzuteilen.

12.4.20
 
Zuletzt bearbeitet:

Baskerville

Mitglied
Vieles davon kann ich nachvollziehen, insbesondere den Teil über die grauenhafte Ruhigstellung der Todgeweihten in Italien. Die quasi-Wiederholung der zweiten Strophe am Ende: 'ich erwache, ich gehe ins Bad, ich frühstücke' finde ich eine passende Untermalung für die der quälende Wiederholung des Tagesablaufes. Noch passender wäre es wenn sich erste und letzte Strophe derart gleichen würden, so dass sie einen Rahmen für das vermeintliche Bildnis der Eintönigkeit bieten. Vermeintlich weil es ja keine echte Eintönigkeit ist, denn die Schreckensnachrichten aus den Medien werden ja immer düsterer.....
 

blackout

Mitglied
Danke sehr, Baskerville. Das wäre zu überlegen, ob ich die Conclusio als Spiegelbild der zweiten Strophe schreibe. Aber wie du selber meinst, ist es ja keine echte Eintönigkeit mit all den entsetzlichen Nichtnachrichten. Denn die, um die es wirklich geht, die sagen sie uns nicht, wir sollen uns ängstigen und nicht von der Stelle rühren. Ja, aber wer liest das.

Gruß, blackout
 

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