Erster Brief an Mascha Kaleko

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Vorbemerkung
Ein Gedicht Mascha Kalekos zu vertonen, ist nicht erlaubt. Vorher muss in München bei der Nachlassverwaltung angefragt werden, ob und unter welchen Bedingungen man es darf. München wird darauf bestehen, dass die Vertonung oder auch nur die kleinste Änderung des Gedicht-Textes strikt nach den künstlerischen Vorgaben der Nachlassverwaltung vorzunehmen sind. Man wird aus Bayern die Hölle androhen, sollte mit dem Gedanken gespielt werden, an der Nachlassverwaltung vorbei eine Veränderung der Werke Mascha Kalekos zu wagen. So sind die «Briefe an Mascha» entstanden, neue Texte, die, vertont und von einer Sängerin vorgetragen, im Mittelpunkt eines Kaleko-Bühnenprogramms standen. Die LL-Redaktion lässt die Veröffentlichung der mitgeschnittenen Songs nicht zu, darum stelle ich nur meine Texte ein. JF


Erster Brief an Mascha Kaleko

Ich schreib dir Briefe hoch in deinen Himmel,
Ich weiß nicht, ob’s dort oben immer schneit,
Vielleicht bist du am Ende aller Zeit
Und scherst den Teufel dich um’s Weltgewimmel.

Vielleicht musst du im Chor der Engel singen,
Vielleicht verträumst du dich auf Engelsschwingen
Im Blau der himmlischen Unendlichkeiten
Und pfeifst auf mich und Welt und Weltenzeiten.

Ich würde dir so gern von mir erzählen,
Und dass mich manchmal lange Träume quälen,
Dann spiel ich mit mir selber Blindekuh,
Dann bin ich fast ein bisschen so wie du.

Ich kann die Mücken wie ein Wunder sehen,
Ich kann den Blick in tausend Fernen drehen,
Und wenn’s vom Himmel Traurigkeiten regnet,
Ist mir ein Lächeln irgendwo begegnet.

Ich bin zum Staunen auf die Welt gekommen,
Und deine Bilder hab ich hier entdeckt,
Ich wär so gern mit dir davongeschwommen
Und hätt im Meer die Fische aufgeschreckt,

Dass sie uns zuhörn, wenn wir Wörter raunen.
Wir könnten über Tintenfische staunen,
Und mit der Tinte neue Wörter schreiben,
Wir könnten wie Ballons ins Weite treiben …

Ich hätt so gern mit dir die Welt verwandelt
Und mit dem Himmel um das Glück gehandelt.
 

Tula

Mitglied
Hallo Joe
Ich finde zwar ganz persönlich, dass die künstlerische Bedeutung dieser Autorin zum Teil etwas überbewertet wird, stimme aber ebenso gern zu, dass du ihren Ton, wie molly es nannte, hier sehr schön getroffen hast. Schade, dass du den Song nicht einstellen darfst.

LG
Tula
 
Hi Molly und Tula,
schön, dass der Text bei euch angekommen ist. Es folgen demnächst noch drei weitere Brief-Gedichte. Danke für die Sterne. Ich bin nicht deiner Meinung, Tula, dass Mascha Kaleko überbewertet wird, eher im Gegenteil. Sie beherrschte ihr Handwerk manchmal beinahe so perfekt wie der Kästner, sie hat sich nicht von freien Rythmen ins Unbestimmte davontragen lassen (manche ihrer Kolleginnen haben das), vielmehr ist sie immer konkret geblieben und hat den schwereren Weg der gereimte Strophe gewählt und – ein lautes "und" – sie hat den ihr eigenen Humor (oft Galgenhumor) in ihre Gedichte mitverpackt (fast allen ihrer Kolleginnen ist das nicht geglückt). Sie ist mit ihren Texten im besten Sinne volkstümlich geworden, viele ihrer Gedichte sind beim Publkum hängengeblieben – das muss man erst mal hinkriegen. Übrigens: Die Nachlassverwaltung weiß um die immer noch anhaltende Popularität der Kaleko und versteht sie zu vermarkten.
Gruß Joe
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Joe,

ich kann mit den Gedichten der Kaleko auch nicht immer etwas anfangen.
Aber wenn volkstümlich bedeutet, dass durch ihre Gedichte in Schulbüchern junge Menschen einen Zugang zu Lyrik finden, dann hat sie ihre Berechtigung.
Bei mir hat es damals auf jeden Fall funktioniert.
Sehr schönes Lied!

Liebe Grüße
Manfred
 

MarieA.

Mitglied
Hallo Joe,
Mascha Kaleko ist für mich das Beste überhaupt an (weiblicher) Liebeslyrik, das Schwerblütige soll ja für sie als Jüdin typisch sein. So wie auch Klara Blum.
Auch ich finde, dass dein "Brief" sehr fein auf Maschas "Handschrift" abgestimmt ist, vorzüglich!
LG
Marie,
(die als Schulmädel auch Mascha genannt wurde und eine jüdische Urgroßmutter hatte)
 

MarieA.

Mitglied
Mascha ist die russische Kurz- bzw. Koseform von Marie/Maria. Das ging also von der Russischlehrerin aus, obwohl Marie nicht mein wirklicher Name ist.
 
Zuletzt bearbeitet:
«seinen Senf dazugeben» – Diese Redewendung stammt nach Aussage diverser Historiker vermutlich aus dem 17. Jahrhundert. Damals galt Senf als ein Gewürz, das jede Mahlzeit als genüsslicher gelten ließ, selbst dann, wenn es nicht dazu passte. Sämtliche Wirte jener Zeit servierten, ob erwünscht oder nicht, einfach ihren Gästen zu jeder Speise Senf. Da dies ebenso unangenehm war wie ein unerwünschter Rat, bürgerte sich auf diese Weise nach einiger Zeit das Sprichwort «seinen Senf dazugeben» ein. (https://de.wiktionary.org)
 

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