Eva Menasse hat von Peter Truschner gesagt, dass der alles riskiere. Sie hat recht

4,00 Stern(e) 1 Stimme
Rezension zu:

Peter Truschner, Das fünfunddreißigste Jahr, Zsolnay 2013, ISBN 978-3-552-05481-3

Auf den neuen Roman von Peter Truschner hat man lange warten müssen. 2007, in seinem Buch „Der Träumer“, hatte er den Leser zum Zeugen einer verstörenden Entfremdung von Menschen von sich selbst und voneinander gemacht, in dem er eine traurige Geschichte von Menschen erzählte, die einander, sich selbst und auch der Welt langsam, aber sicher verloren gehen. Sie wähnen sich dabei auf der Suche nach eben dem, aber trotz oder vielleicht muss man sagen wegen all dieser Anstrengung verfehlen sie das Ziel.

Auch in seinem neuen Roman „Das fünfunddreißigste Jahr“ begegnen wir einem Ich-Erzähler und seinen Freunden, allesamt etwa Mitte Dreißig, die ein Leben führen ohne einen inneren Halt. Und auch ihre äußere, ihre wirtschaftliche Existenz ist mehr als prekär. Keiner von ihnen hat es bis zu diesem Alter wirklich geschafft, sich eine tragfähige berufliche Perspektive und Sicherheit aufzubauen, obwohl sie alle nicht ungebildet sind. Auch ihre Beziehungen sind prekär oder schon lange gescheitert.

Immer wieder befindet sich der Ich-Erzähler in einem Dialog mit seiner Mutter, der er an einer Stelle seine Gedanken schildert, als er erkannt hat, dass er langsam älter wird. Auf ihre Frage, was denn dabei eigentlich der Punkt sei, antwortet er ihr mit Sätzen, die hier gut als Zusammenfassung eines Romans zitiert werden können, in dem Peter Truschner ernsthaft und ohne Platitüden, letztlich aber auch ohne wirkliche Hoffnung die Seelenlage (s)einer Generation beschreibt.

„Dass man an einem bestimmten Punkt das Gefühl hat, dass nichts Großartiges mehr nachkommt. Dass man seine Chance vielleicht nicht genutzt hat.“ Dass man die Wohnung zu vernachlässigen beginnt, weil es keinen nennenswerten Grund gibt, sie sauber zu halten. Dass man am Anfang jeder Beziehung fragt, wie lange sie wohl dauern wird. Dass man leidenschaftslos in Bewerbungsgespräche geht, weil man im Voraus weiß, das es sich um einen Job handelt, der einen zwar ernähren, aber nicht erfüllen wird. Dass sich ein grauer Schleier über das eigene Leben legt, der schlimmer ist, als es die Entdeckung der ersten grauen Haare je sein könnte.“

Der Rezensent, der zu diesem Zeitpunkt seines Lebens die wirkliche Lebenskrise noch vor sich hatte, lange nicht wusste, ob er jemals aus ihr herauskommt, und mit fünfzig eine Familie gründete und als Vater eine Sohnes und Familienmanager eine bis heute täglich ihn erfüllende Aufgabe hat, fragt sich bange, was die in diesem Roman beschriebenen Menschen, die es im Kosmos des Autors wohl tatsächlich gibt, machen werden, wenn ihr ach so entfremdetes Leben einmal wirklich in eine Krise gerät. So etwas wie Resilienz (vgl. Christine Berndt, Resilienz: Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-out, DTV 2013) besitzen sie jedenfalls (noch) nicht.

Truschner hat seine Kapitel mit Zitaten aus den Essays von Montaigne eingeleitet und den Lesern so Hinweise gegeben auf die literarischen Wurzeln, aus denen er für dieses Buch sich genährt hat.

Eva Menasse hat Peter Truschner als einen Autor beschrieben, der alles riskiere. Sie hat recht. Indem er alles, zuletzt sich selbst riskiert, stürzt er den irritierten Leser mit hinein in einen Strudel, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint, außer dem, den der Leser selbst für sein eigenes Leben, seine eigenen Lebensängste wählt. Sich diesem Abgrund zu stellen und den Leser an seinen Rand zu führen, ist das große Verdienst auch dieses Buches.
 

Oben Unten