Exodus. Warum wir die Einwanderung neu regeln müssen

Rezension zu:

Paul Collier, Exodus. Warum wir die Einwanderung neu regeln müssen, Siedler 2014, ISBN 978-3-88680-940-0

In diesen Wochen und Monaten beginnen die Kommunen und Landkreise unseres Landes laut und öffentlich zu stöhnen über die großen Belastungen, die eine immer größer werdende Zahl an Flüchtlingen mit sich bringen, denen sie sich nicht gewachsen zeigen. Tatsächlich sind sie allein mit der guten Betreuung dieser traumatisierten Menschen überlastet.

Gleichzeitig aber, und das ist wohl der große Unterschied zu der letzten großen Flüchtlingswelle vor allem aus dem Balkan in den neunziger Jahren: es gibt in der Bevölkerung eine große und nachhaltige Hilfsbereitschaft, die man damals schmerzlich vermisste.

Bislang sind fremdenfeindliche Stimmen erfreulich selten. Die Menschen sehen ein, dass es den Flüchtlingen und Emigranten bis auf wenige Ausnahme um ihren Leib und ihr Leben geht und nicht um das „Erschleichen“ von bundesdeutschen Sozialleistungen.

Dennoch: die Einwanderung von Flüchtlingen aus instabilen Ländern in die Länder der EU, aber auch andere, wird noch weiter zunehmen. Das ist ein unumkehrbarer Prozess, auf den man sich einstellen und auf den man klug reagieren muss.

Paul Collier, der mit seinen Büchern über die „unterste Milliarde“ und den „hungrigen Planeten“ gezeigt hat, wie man globale Probleme scharfsichtig analysieren kann ohne den nötigen begründeten Optimismus für ihre gerechte Lösung zu verlieren, beschreibt in seinem neuen Buch „Exodus“, „warum wir Einwanderung neu regeln müssen“. Es geht ihm dabei zum einen um die Aufnahmegesellschaften, die von einer reinen Abwehrhaltung zu einer Begrüßungskultur kommen müssen, aber auch um die Zurückgebliebenen in den Heimatländern der Flüchtlinge, die nicht abgehängt werden dürfen vom allgemeinen Wohlstand.

Unaufgeregt und sachlich diskutiert Collier die nötigen Maßnahmen und hat am Ende einen wohltuenden, optimistischen, hoffnungsvollen und weiten Blick in die Zukunft. Seine konkrete Utopie hat mich dermaßen angesprochen, dass ich sie hier länger zitiere:
„Internationale Massenmigration ist eine Folge extremer globaler Ungleichheit. Wie nie zuvor sind sich junge Menschen in den ärmsten Ländern bewusst, welche Chancen sich ihnen anderswo bieten. Die Ungleichheit ist in den letzten zwei Jahrhunderten entstanden und wird im kommenden Jahrhundert beseitigt werden (!). Heute schließen die meisten Entwicklungsländer rasch zu den einkommensstarken Ländern auf. Diese Annäherung ist die große Geschichte unserer Zeit. Massenmigration ist daher kein dauerhaftes Merkmal der Globalisierung. Ganz im Gegenteil ist sie eine vorübergehenden Reaktion auf eine hässliche Phase, in welcher der Wohlstand noch nicht globalisiert ist.“

Auch in den Ländern, aus den die Emigranten kommen wird sich viel ändern: „Die Loyalität verlagert sich immer mehr von Clans zu Nationen.“
„Im Zuge der schrittweisen Umgestaltung ihrer Sozialmodelle werden sich die Identitäten von der Zersplitterung der Clan-Zugehörigkeit zum vereinigenden Nationalgefühl ausweiten, und indem diese Länder die gutartigen Seiten des Nationalismus nutzen, werden sie in zunehmendem Maße den alten einkommensstarken Ländern vorn der Migration gleichen.“

Ich glaube, es braucht einen solchen weiten, begründet hoffnungsvollen Blick nach vorn, um die gegenwärtig anstehenden Aufgaben im Zusammenhang mit der Einwanderung ohne Fremdenfeindlichkeit, aber mit klaren Entscheidungen zu bewältigen.
 

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