Fahrstunde

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Ciconia

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Am Samstagmittag herrscht Ruhe im ohnehin beschaulichen Wohnviertel. Aber man muss ja gar nicht aus dem Haus gehen, um etwas zu erleben.

Bernhard steht zufällig am Fenster im 1. Stock, als ich ihn rufen höre: „Das kann doch wohl nicht wahr sein! Komm mal schnell her!“ Ich eile ans Fenster und sehe, wie Jette, die Nachbarstochter, eine quirlige, zierliche 11-Jährige, auf dem Fahrersitz eines der elterlichen Autos Platz nimmt, das in der Parkbucht vor unserem Haus steht. Noch hoffen wir, dass sie nur etwas herausholen will. Im selben Moment springt das Auto an und bewegt sich mit einem Hopser einige Meter vorwärts. „Ich glaub’s nicht!“, ruft Bernhard außer sich und sprintet die Treppe hinunter. Während er zur Straße rast, macht das Auto einen weiteren mehrere Meter weiten Satz und gerät damit in bedrohliche Nähe zu Zaun und Hecke. Jettes Oberkörper schnellt bei beiden Fahrversuchen abrupt nach vorn und zurück. Natürlich ist sie nicht angeschnallt.
Mir stockt der Atem. Was hat das Mädchen vor?

„Halt an! Halt an!“ Bernhards Stimme überschlägt sich. Ich sehe das kleine Gesichtchen hinter der Scheibe, ihre Mimik eine Mischung aus Hilflosigkeit, Erschrecken und Ertapptsein. Bernhard reißt die Tür auf und holt Jette behutsam aus dem Auto. „Ist dir was passiert?“
Den folgenden Dialog kann ich vom offenen Fenster verfolgen. Die Kleine ist jetzt wieder erstaunlich gefasst. „Nein, mir geht’s gut. Könnten Sie bitte das Auto wieder zurücksetzen. Bitte!“
Bernhard fragt fassungslos; „Wo wolltest du denn hin?“ Sie murmelt irgendetwas von „nur mal ausprobieren“.
„Bitte, meine Mutter darf das nicht erfahren.“
Bernhard überlegt, was er tun soll. Das Auto steht nun, etwas schräg, mitten auf der Straße. Glücklicherweise wohnen wir in einer Sackgasse. Der Vater ist offensichtlich mit dem Zweitwagen unterwegs.
„Wo ist denn deine Mutter?“
„Die ist oben.“
„Dann hol sie bitte.“
Das Kind bewegt sich langsam Richtung Haustür und kehrt schnell wieder um. „Die ist gerade in der Badewanne. Bitte, bitte, setzen Sie das Auto zurück!“

Bernhard kommt erst mal ins Haus, um sich feste Schuhe anzuziehen. Man kann doch den Wagen nicht so auf der Straße stehen lassen, überlegt er. Jette hüpft währenddessen ungeduldig neben dem Fahrzeug auf und ab. Als er zu ihr zurückkehrt, erklärt sie ihm seelenruhig, wie das Auto funktioniert:
„Man muss nur auf den Knopf drücken, dann springt es an. Den Schlüssel braucht man nur zum Aufsperren.“
Bernhard setzt sich hinein und sucht den Rückwärtsgang. „Da müssen Sie hier drücken“. Sie kennt jede Funktion genau, nur für die Pedale haben ihre kurzen Beine wohl noch nicht gereicht.

Vorsichtig rangiert er das Fahrzeug in die Parkbucht zurück. Jette erklärt ihm alles Ernstes, dass er jetzt noch die Handbremse anziehen müsse. Sie bedankt sich überschwänglich. Dass sie gerade einer mittleren Katastrophe entgangen ist, scheint ihr nicht bewusst zu sein. Auf Bernhards inständige Bitten, ihren Eltern alles zu erzählen, antwortet sie mehrfach mit „Ja, mach ich!“.
Erleichtert hopst sie ins Haus. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Angelegenheit für sie erledigt ist.

Wir debattieren anschließend sehr lange. Wird Jette ihren Eltern die Wahrheit sagen?
„Sie hat es mir doch versprochen!“
Es geht ermüdend lange hin und her. Ich neige zum Stillschweigen, er hat schließlich seine Schuldigkeit getan und das Mädchen vor Schlimmerem bewahrt. Wir sind uns einig, dass sie auch noch zu einem dritten Versuch bereit gewesen wäre, der dann unweigerlich in Zaun oder Hecke oder gar am Baum geendet hätte.
„Ich muss den Eltern sagen, dass ich das Auto gefahren habe. Ich kann doch nicht einfach ein fremdes Fahrzeug bewegen. Und die Eltern müssen schließlich wissen, was passiert ist. Vielleicht macht Jette das noch einmal, es passiert etwas und ich hätte das verhindern können. Dann würd ich mir ewig Vorwürfe machen. Ich geh nachher rüber.“
„Warte doch erst mal ab, vielleicht kommen die ja von selbst. Brichst du nicht Jettes Vertrauen, wenn du zu den Eltern gehst?“
Nebenan regt sich nichts, bis der Vater nach Hause kommt. Nach einer halben Stunde verschwindet er wieder.

Es wird später Nachmittag, bis Bernhard Herrn Z. nach dessen erneuter Rückkehr endlich diskret abfangen kann. Er weiß von nichts. „Das hätte mir meine Frau doch erzählt!“ Dass sie zur genannten Zeit in der Badewanne gesessen haben könnte, hält er allerdings für extrem unwahrscheinlich. Bernhard spielt Jettes unbedachtes kindliches Verhalten ein wenig herunter, um ihr nicht zusätzlich zu schaden.
Niemand macht irgendwem Vorwürfe, Herr Z. ist dankbar und entschuldigt sich für die Aufregung. Dennoch scheint ein klein wenig Stolz über die Pfiffigkeit seiner Tochter durchzuklingen. Dem Auto schenkt er im Vorbeigehen keinen Blick.

Bernhard wirkt beruhigt, als er wieder ins Haus kommt.
„Und was ist, wenn Jette und ihre Mutter die Sache unter sich ausmachen wollten und nur der Vater nichts wusste?“, frage ich.
Daran hat er noch gar nicht gedacht.
Wie auch immer – die Luft im Nachbarhaus wird an diesem Abend sehr dick gewesen sein. Aber was hätten wir besser machen können? Hauptsache, dem Mädchen ist nichts passiert.


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Zuletzt bearbeitet:

rainer Genuss

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Hallo Circonia
eine amüsante, lebensnahe Komödie mit teils liebenswerten, teils bemitleidenswerten, von Gewissensbissen, Selbstzweifeln und gutgemeinten Absichten geplagte Mitmenschen.
Ja, unser Leben ist inzwischen so kleinteilig wie der Schatz im Silbersee und der bajuwarische Mummenschanz
gern gelesen
Ra
 

Ciconia

Mitglied
Hallo rainer Genuss,

ein bisschen wundere ich mich, dass Du diese Geschichte als Komödie ansiehst – eigentlich ist es alles andere als lustig, wenn ein hochtouriges Auto mit einem Kind losrast. Dass das Mädchen nicht mit Karacho am nächsten Baum gelandet ist, hatte es nur einem Schutzengel zu verdanken. Und ein klein wenig auch Bernhard …

Danke trotzdem fürs Lesen, Deine Interpretation und die Wertung.

Gruß, Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Was dem Einen noch längere Zeit nahegeht, lässt Andere offensichtlich vollkommen kalt.

Ich hatte eigentlich erwartet, dass sich zu diesem Text etliche Fragen ergeben würden. Aber die Tatsache, dass ein elfjähriges Mädchen das elterliche Auto in Bewegung setzen kann und sich damit in äußerste Gefahr begibt, scheint heutzutage eine Selbstverständlichkeit und keiner weiteren Diskussion wert zu sein. Kinder dürfen ihre Grenzen austesten. Und die Eltern zucken nur mit den Schultern.

Da ist man im Nachhinein fast versucht zu sagen: Entschuldigung, dass wir uns eingemischt haben.
 

molly

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Entschuldigung, dass wir uns eingemischt haben
Hallo Ciconia,

Was hätte nicht alles passieren können, wenn ihr euch nicht eingemischt hättet.
Ich finde es richtig, dass Bernhard den Eltern von dem Vorfall berichtet hat, sie müssen darüber Bescheid wissen.
sich damit in äußerste Gefahr begibt
Nicht nur das Mädchen war in Gefahr, es hätte, bei Weiterfahrt, andere verletzen können.
Andere Dinge, wie z. B. Ball im Garten, kann man mit den Kindern selber regeln.

Aber wie kommst Du darauf:
„Und was ist, wenn Jette und ihre Mutter die Sache unter sich ausmachen wollten und nur der Vater nichts wusste?“
Es schien doch so, dass der Vater zwar dankbar für die Nachricht, aber doch ein wenig stolz auf seine Tochter war.

Sich in so einer Situation nicht einzumischen, im Sinne, "was geht das mich an", gehört bestraft.

Viele Grüße
molly
 

Ciconia

Mitglied
Hallo molly,

ich freue mich, dass Du das „Einmischen“ als richtig ansiehst und auch die Gefahren erkannt hast. Wir hatten den Eindruck, dass dem Vater dies gar nicht richtig bewusst war.

Dass Mutter und Tochter etwas vor dem Vater verheimlichen, kenne ich gut aus dem Freundeskreis. „Papa muss das nicht wissen“ wird dort öfters propagiert …

Danke für Deinen Kommentar.

Gruß, Ciconia
 
Werte Ciconia,

den durchaus gelungenen, auch inhaltlich interessanten Text habe ich schon vor Tagen gelesen und war nahe daran, ihn so zu bewerten, wie ich es nun gleich tun werde. Ich habe nur gezögert, um nicht in sehr kurzen Abständen fast nur ausgesprochen positive Urteile abzugeben. Ich scheue mich allgemein meistens, überhaupt eine ungünstige Bewertung zu Protokoll zu geben. Umgekehrt fürchte ich, durch permanente Bestbewertung unangenehm aufzufallen. Um diesem Dilemma zu entkommen, halte ich mich nach dem Lesen oft ganz zurück.

Hier sollte schon die Textarbeit im Vordergrund stehen, weniger unsere Meinungen zu Sachthemen. Was erstere betrifft, finde ich keinerlei Kritikwürdiges, Dass die Aufsichtspflicht und die Kontrolle über ein Kraftfahrzeug hier etwas lax gehandhabt wurden, ist ja offensichtlich. Fazit: Es gibt Texte, die sind so gut geschrieben und ihr Inhalt so eindeutig, dass manchen Lesern dazu nichts von zusätzlicher Bedeutung mehr einfällt. Schweigen bedeutet nicht immer Ablehnung oder Desinteresse.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
Liebe Ciconia,

ich handhabe es manchmal auch so, dass ich nach dem Lesen den Inhalt erstmal sacken lasse, bevor ich etwas dazu schreibe. Insofern schließe ich mich der Beurteilung von Arno an. Das ist ein sehr präzise formulierter Text, der gleichzeitig die Gleichgültigkeit mancher Menschen beklagt, dass über Konsequenzen solcher 'Streiche' der Kleinen zu wenig oder zu spät nachgedacht wird, sie womöglich eher als selbständiges Lernen hochgelobt werden.
Was ich während meiner Arbeit als Busfahrer aus dem Fahrgastraum in Sachen Erziehung so alles aufschnappe, ist manchmal echt haarsträubend.

Ich kann aber auch Deine Gedanken nachvollziehen, wenn Du Dich wunderst, dass eine Geschichte überhaupt keine Reaktionen auslöst, die dann in Form von Kommentaren zum Ausdruck gebracht werden. Da weiß der Autor dann nicht, war dieser Text jetzt so schlecht, oder sind die Leute so erschlagen, dass sie nicht wissen, was sie schreiben sollen. Ich habe auch Texte hier der LL, auf die noch gar nicht reagiert wurde :(

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

Ciconia

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Hallo Arno,

vielen Dank für Deine lobenden Worte. Ich war nicht sicher, ob der Text das rüberbringen würde, was ich zwischen den Zeilen, ohne anklagend zu klingen, ausdrücken wollte: Empörung und Unverständnis.

Dass man hier mittlerweile bei Kommentaren und Bewertungen zurückhaltend wird, kann ich nur bestätigen. Aber Dein Satz
Schweigen bedeutet nicht immer Ablehnung oder Desinteresse.
beruhigt mich. Danke dafür!

Gruß, Ciconia
 

Ciconia

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Hallo Rainer Zufall,

danke auch für Deine Erläuterungen.

Grundsätzlich sind wir eigentlich heute so weit, dass wir zu drei Themen nicht mehr diskutieren oder uns einmischen: mit Eltern, Hundehaltern und Radfahrern. Es bringt meistens nichts. In diesem Fall, der alles andere als ein Kinderspiel war, mussten wir allerdings eine Ausnahme machen … :confused::rolleyes:

Gruß, Ciconia
 
Hallo Ciconia,

da pflichte ich Dir bei. In der aktuellen Zeit gibt es noch das Problem mit den Maskenverweigerern, aber das wurde an anderer Stelle schon diskutiert.
Und ich als Busfahrer habe mich halt noch mit den aggressiven Verkehrsteilnehmern herumzuschlagen, die auch frei von jeder Einsicht sind, dass sie gegen mich im Ernstfall keine Chance haben ;)

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

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