Fallada

blackout

Mitglied
Carwitz, das Haus
im Grauputz der kleinen Leute.
Hier leben, fernab der großen Städte,
bei den Wäldern, dem Wasser, dem Nebel.

Fallada, der Unordentliche
aus ordentlich-bürgerlichem Hause,
der mit der widerständigen Demut vor Autoritäten,
der mit dem kleinen lauten Leben,
der bescheidene Unbescheidene.

Dunkel, das ihn umgab, Dunkel der
Genüsse, der Drogen, der ewige Hader
zwischen Wollen und Nichtkönnen.

Suse, wäre sie nicht. Ohne sie nicht der
Dichter, nicht Fallada.

Buch um Buch, rastlos.
Von Bauern, Bonzen und Bomben,
der kleine Mann Pinneberg,
die aus dem Blechnapf fressen -
Fallada, das Lämmchen unter Wölfen.

Die schreckliche, die blutige Zeit.
Kein Kompromiss. Dann lieber das Idyll,
Ferienfantasien, die kleinen Märchen,
Geschichten aus der Murkelei.
Er stand auf der Liste.

Frieden, endlich.
Becher holte ihn nach Berlin.
Wieder die Drogen, wieder der Alkohol.
Das letzte Buch: Beichte halb, sein Testament.

Der kalte Winter des Jahres 47.
Vollendet das Dichterleben.
Tief saß der Frost.
 

revilo

Mitglied
Hallo, ich habe die jüngste Bio von ihm gelesen und war total beeindruckt. Was mir in diesem Gedicht fehlt oder besser gesagt zu kurz kommt, ist seine Schreibmanie. Ich meine mich erinnern zu können, dass er dann in so eine Art Trance gefallen ist, 80-120 Zigaretten am Tag geraucht, nichts gegessen hat und komplett nicht ansprechbar war.

LG revilo
 

blackout

Mitglied
Revilo, was du monierst und in einem langen Satz sagst, das habe ich mit einem Wort gesagt: rastlos. Ob Fallada nun beim Schreiben in Trance gefallen ist, also sich von der Realität abgehoben hat, das ist kaum glaubhaft, denn seine Bücher sind so realistisch, wie es realistischer nicht geht. Sicher meinst du den Schreibrausch, das sagten alle, die ihn kannten, aber mit Trance hat das nichts zu tun. Er hat Kokain genommen, in den zwanziger Jahren eine Modedroge, soviel ich gelesen habe, aber im Rauschzustand wird er wohl nicht seine Bücher geschrieben haben. Das machen übrigens viele Schriftsteller, die sich "ausgeschrieben" fühlen, meist aber ist es Alkohol. Natürlich ist was dran, vielleicht hat er sich von der Droge Inspiration erhofft, ich denke aber, das war ein Fehlschluss. In keinem seiner Bücher habe ich auch nur die kleinste Stelle gefunden, die er im Rauschzustand geschrieben haben wird. Sein letztes Buch "Der Trinker" hat er in der Entzugsklinik geschrieben, also nicht unter Drogen. Ich denke aber, ohne Drogen und ohne Alkohol hätte er wohl noch viel besser schreiben können, obwohl seine Bücher die ganze Misere seiner Lebenszeit hervorragend aufgreifen.

blackout
 

revilo

Mitglied
Nein , rastlos trifft es nicht, er war ein eher Getriebener.....und wie man seinen Zustand beim Schreiben definiert, ist letztendlich wurscht....deine Darstellung entpricht nicht dem Eindruck den ich nach dem Lesen hatte.....er war wesentlich härter drauf, als du ihn schilderst.....aber das liegt im Auge des Betrachters.....
 

blackout

Mitglied
Wer oder was hätte ihn denn treiben können? Er schrieb gegen gesellschaftliche Zustände seiner Zeit an, zum Beispiel ganz scharf in "Wolf unter Wölfen" und "Bauern, Bonzen, Bomben". Da musste er sich durchsetzen gegen eine ganze literarisch gehoben bürgerliche Phalanx der Reaktion. Ich weiß nicht, wo du das herhast. Ich habe hier von Tom Crepon vorliegen "Leben und Tode des Hans Fallada", eine Denunziation Falladas, die sich als Biographie ausgibt, wo eben solche Äußerungen fallen wie, er sei "ein Getriebener" gewesen. Alles Quatsch. Und das liegt nicht im Auge des Betrachters, sondern hat weitgehend damit zu tun, dass er nach 1945 sich mehr dem antifaschistischen Umbau in der SBZ, die ihm durch Becher auch menschlich unter die Arme griff, zuwandte als der kapitalistischen Restauration im Westen. Wenn er länger gelebt hätte, wäre er für den Westen eine Unperson geworden, denke ich. Bezeichnend ist zum Beispiel: Ich bin viel in Westberliner Antiquariaten zugange und habe von Fallada lediglich "Der eiserne Gustav" gefunden, ein, wie ich finde, schwacher Roman. Zum Beispiel "Jeder stirbt für sich allein" wirst du in einem Westberliner Antiquariat nach meinen Erfahrungen nicht finden. Ich bin der Ansicht, man soll nicht so eine Wolke von Schwachsinn um ihn verbreiten, was wirklich zählt, sind seine Bücher, und die sind von einem ethischen Humanismus getragen, von dem sich mancher Autor von heute eine Scheibe abschneiden kann. Man muss, wenn man so schwierige Autoren wie Fallada wirklich kennenlernen will, zu den richtigen Quellen greifen, das sind in erster Linie seine Bücher, dessen bin ich ganz sicher.

blackout
 

Oben Unten