Fehlschlag

Penelopeia

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15. Fehlschlag

Vorab: Ich habe dieses Kapitel mit dem Begriff "Fehlschlag" übertitelt; erzählt wird vom Versuch Sparmanns, dem wirklichen Wesen der neuen Pflegerin auf den Grund zu kommen.



In dem Moment, als Maria dem neuen Heimbewohner mit einem sanften Schubs die Richtung zur Cafetería wies, sah ihr jemand heimlich zu: Sparmann.
Er stand in einer Fensternische am anderen Ende des Flures und tat, als sehe er mit äußerstem Interesse nach draußen.

Sicher: im Hof lag ein halber Meter Schnee, eine häufige Erscheinung der letzten Jahre und Folge einer chaotischen Klimaentwicklung, die Mitteleuropa zunehmend eisige Winter bei paradoxerweise weltweit weiter steigenden Durchschnittstemperaturen bescherte; das Verständnis der Bevölkerung für Klimaschutzmaßnahmen beförderte diese seltsame Entwicklung verständlicherweise ganz und gar nicht, worüber eine konservative Politikerelite, die seit je allen Fragen des Klimas skeptisch gegenüber stand, durchaus lachen konnte.
Aber wie auch immer: der in diesem Hof dieses Seniorenheims auch zu dieser Jahreszeit völlig überflüssige Schnee, dieses wiedergekehrte Relikt einer überwunden geglaubten archaischen Periode von Eiszeiten, winterlichen Verkehrsbehinderungen und Glätteunfällen auf offenen Straßen und in geschlossenen Anstalten, musste beseitigt werden. Nein: hätte längst beseitigt sein sollen! Und zwar vom Hausmeister Wang-Lang!

Wieso sich der Chinese sich bis jetzt nicht gekümmert hatte, sollte heraus zu kriegen sein. Und wenn der Grund Vergesslichkeit wäre, dürfte man ja wohl ein paar Strafarbeiten verhängen, zum Beispiel wäre es opportun, Wang-lang mit der Prüfung der neuen interaktiven Sparsteckdosen zu beauftragen, dieser studierte Germanist war ja wohl auch Kybernetiker, und mit der Haustechnik, den paar Schweinchen im Keller und der Funktion des Brandschutzbeauftragten noch lange nicht ausgelastet…

Sparmann nahm sich vor, der Gelbhaut einen kleinen Rüffel zu verpassen, vergaß sein Vorhaben aber im nächsten Augenblick: Die Frage, wer Maria sei, brannte ihm auf der Seele, sie bewegte ihn mehr als jeder dahergelaufene trottelige Chinese mit doppeltem Hochschuldiplom, mehr als jeder missgünstige oder unterwürfige Mitarbeiter, mehr sogar als dieser fette, hinterhältige, stichwütige Heimbewohner namens Kowalski, dieser wahrhafte Oberdoktor Mabuse-Caligari-Nosferatu im Gruselkabinett der organisierten Altersverwahrung!
Unauffällig drehte Sparmann seinen Kopf ein kleines Stück nach rechts. Maria und der tatterige Alte, der wohl Müller hieß – was für ein seltener und schöner Name! –, bewegten sich durch den Flur direkt auf ihn zu.

Diese Begegnung musste verhindert werden! Es war nicht gut, Maria das Gefühl zu geben, sie werde belauert oder gar verfolgt.

Sparmann schlüpfte aus der Fensternische in den danebenliegenden Fahrstuhl, die Tür war zufällig offen. Er drückte eilig den Knopf für die 1. Etage, hörte eine sonore Stimme: „Wohin des Wegs, sehr geehrter Herr, warum in die erste Eta…“
Noch bevor die Stimme den Satz vollenden konnte, hatte Sparmann seinen Minivideoprojektor in der Hand, zielte auf das Bedienfeld des Fahrstuhls und feuerte einen energiereichen Laserschuss ab.
Die Stimme brach ab, der Fahrstuhl ächzte wie ein alter Mann, schloss wie ein junger auf eine hochbeschleunigte Weise die Türen und setzte sich gehorsam wie ein zur Einsicht gekommener Angestellter in Bewegung, noch bevor Maria mit ihrem desorientierten Pflegling heran war.
In der ersten Etage war es ruhig. Sparmann verließ den Fahrstuhl, stellte sich in die nächste Fensternische, tat, als betrachte er den Himmel und den Hof, und schielte in kurzen Abständen ans Ende des Flures: dort befand sich die Eingangstür zur Damentoilette!

Sparmann hatte in den letzten Tagen hin- und herüberlegt. Es musste ein Mittel geben, Maria zu identifizieren, sie also entweder der menschlichen Gattung oder aber der neuen Individualserie aus den Laboren der großen Cyborg-Hersteller zuzuordnen.
Durch seinen Kopf schwirrte die alte Frage, was einen Menschen ausmache; die Antworten erschienen ihm bei genauerer Betrachtung nicht stichhaltig: Gefühle? Zeigten bereits die Billigrobos, diese knapp metergroßen Hilfswerkzeuge für sein Pflegepersonal. Reizbarkeit? Auch kein Alleinstellungsmerkmal seiner menschlichen Mitarbeiter, denn wenn man die Hilfsrobos mit Aufgaben zuschüttete, reagierten sie entweder überreizt und verlangsamten drastisch die Geschwindigkeit ihrer Bewegungen, oder sie verdünnisierten sich, verkrochen sich in irgendwelchen Ecken, wo man sie oft nach Tagen oder Wochen in einem lethargisch-deaktivierten, manchmal auch scheintoten Zustand fand – wenn man Glück hatte; manche trieben das Beleidigtsein auf die Spitze und fuhren sich selbst so komplett herunter, dass man sie für tot und erledigt hielt; es bedurfte anschließend umfangreicher Soft- und Hardwareanalysen und aufwendiger Reboots, um die Dinger auferstehen zu lassen. Weitergabe von Erbinformationen? Diese angeblich exklusive Eigenschaft organischen Lebens war zur völligen Selbstverständlichkeit für alle halbwegs intelligenten Maschinen, Roboter, Handys, Waschmaschinen, Mixer, Sonnenschutzrollos und sonstigen Gadgets geworden: kein vernetztes Gerät, das nicht automatisch, bevor es ausgetauscht wurde (weil es entweder planmäßig kurz nach Garantieende kaputt gegangen war oder überraschenderweise die prognostizierte Lebensdauer überschritten hatte und damit moralisch komplett verschlissen war), eine Sicherung seiner Daten – quasi seiner „Erbinformationen“ – durchführte und auf den Nachfolger übertrug! Nahrungsaufnahme? Sparmann bedachte dieses Kriterium eine ganze Zeit, verwarf es aber, als er sich die Kantine seiner Seniorenresidenz vor Augen führte: da saßen all die Mitarbeiterinnen in der Frühstücks- und der Mittagspause an den Tischen, die Dicken, die Dünnen, die Alten, die Jungen, die Schönen und die Hässlichen, und – schielten auf die Teller ihrer Nachbarn. Die meisten führten sich in der Frühstückspause winzige Bröckchen von Brot aus Hafer, Gerste, Buchweizen usw. zu Munde, bestrichen mit fettfreier und kaloriengenullter Margarine; manche beließen es bei einzelnen Salatblättern; einige lebten offenbar von der Luft und dem schlechten Arbeitsklima der Einrichtung, denn sie saßen nur und schauten.
Zum Mittagessen bevorzugten manche wieder den sparsam ausstaffierten Salatteller, oder sie ließen sich eine Schüssel mit kalorisch unbedenklichen Ingredienzien aus Brokkoli-, Linsen-, Apfel-, Karotten- oder Wirsingmehl vom Dinnerautomaten abfüllen. Auf jeden Fall war eine regelmäßige Nahrungsaufnahme kein zwingendes Kriterium mehr für die Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies.
Steuern? Die ersten Jahrzehnte nach Einführung der Roboter und Automaten in die Arbeitswelt versäumte man eine Besteuerung der neuen, effizienten Wesen. Lediglich die Arbeitseinkommen menschlicher Wesen wurden besteuert. Das führte binnen weniger Jahre zu einem Riesenvorteil für die Cyborgs: ihre Lohnkosten betrugen auf Grund ihrer Intelligenz, ihrer Langlebigkeit und Funktionssicherheit nur einen Bruchteil von jenen, die ihre menschlichen Konkurrenten verursachten. Die Folge war, dass das Heer der Roboter und Cyborgs überproportional schnell wuchs und die Anzahl der Arbeitsplätze für Menschen entsprechend schrumpfte. Daraus ergaben sich, man muss es nicht groß und breit erläutern, soziale Differenzen, schwere Schieflagen bei der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die wiederum echte Spannungen und Klassenkämpfe auslösten; das führte so weit, dass frustrierte Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger sich verabredeten und nicht mehr Jagd auf Andersfarbige, Andersdenkende oder Andersgestrickte machten, sondern auf Robos.
Die Hersteller versuchten der neuerlichen Maschinenstürmerei entgegenzuwirken, sie vermenschlichten die äußeren Erscheinungen ihrer Produkte in hoher Geschwindigkeit; das hatte aber nun zur Folge, dass die rasende Meute nicht nur Robos zwischen die Finger bekam und kurz und klein machte, sondern dummerweise immer wieder auch echte Menschen.

Eine wirkliche Änderung erreichte man zum Glück über den finanziellen Hebel: ab dem Jahre 2030 wurden Robos genauso wie Menschen besteuert; die Finanzämter errechneten an Hand solcher Kennziffern wie Lebensdauer, Reparaturanfälligkeit, Intelligenz, Sozialkompetenz, Produktivität, Betriebskosten, Pausen- und Urlaubsanspruchslosigkeit usw. einen Steuersatz für das jeweilige Fabrikat. Dieses auf Gleichstellung zielende Verfahren brachte eine Wende, es verhinderte das weitere Auseinanderdriften der Gesellschaft in Menschen und Maschinen, bremste den rasanten Arbeitsplatzabbau für die in vielen Punkten benachteiligte menschliche Spezies und stellte den sozialen Frieden halbwegs wieder her.

Die Frage, ob Steuern und Abgaben nun ein echtes Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden kaum noch unterscheidbaren Arten existierender arbeitender Einheiten wären, musste also mit Nein beantwortete werden: Jede Spezies war steuerpflichtig. Hätte Sparmann den Lohnsteuerausgleich einer Mitarbeiterin in die Hände bekommen, er hätte daraus nicht ableiten können, ob es sich um einen Menschen oder Cyborg handle, er hätte folglich rein gar nichts zum möglichen Gewicht von Gehirnmasse oder eben der Anzahl und Konfiguration von Platinen und Massenspeichern sagen können.

Nach langer Grübelei, ob es denn überhaupt noch eine echte Unterscheidungsmöglichkeit zwischen den althergebracht-gewöhnlichen Menschen und den neuesten Cyborgs gebe, kam ihm eine – wie ihm schien – geniale und erlösende Idee: Cyborgs benötigten keine Toilette!
Ein künstliches Geschöpf, sonst nicht zu unterscheiden von einem natürlichen, weder im Aussehen noch in Farbe, Frisur oder Geruch, weder in der Sprech- noch der von der Mitwelt wahrgenommenen Denkweise, weder bei Fleiß noch Faulheit, Trägheit, Reizbarkeit und dergleichen an sich rein menschlichen Eigenschaften –, eine solche perfekte Kreation war eben doch nicht perfekt: kein Konstrukteur würde auf den Gedanken kommen, seinem Entwurf die völlig überflüssigen Funktionen der Ausscheidung, des Wasserlassens und des Stuhlgangs zu implementieren! Folglich: Würde Maria in einer Toilette verschwinden, wäre das der Beweis für ihr Menschenwesen. Wenn nicht, wäre dies eine eindeutige Aussage für ihr „Anderssein“. Dann könnte man ja – zustechen!

Bei dieser Vorstellung durchzuckten Sparmann durchaus ambivalente Gefühle. Einerseits mochte es befriedigend sein, zu wissen, wen man vor sich habe. Man konnte mit diesem Wissen guten Gewissens und mit aller gesunden Kraft, zu deren ein leicht degenerierter leitender Büroarbeiter noch in der Lage war, ein schön-spitzes, elegant gebogenes und, wenn möglich, frisch geschärftes Fleischermesser in den Leib eines menschelnden Apparates wuchten, um zu beobachten, wie Funken sprühten, wie Leiterbahnen verschmorten, wie der ganze intelligente Humbug in sich zusammenbrach, die Bits und Bytes aushauchte und von einem Servicepartner zu Reparatur und Neuprogrammierung abgeholt wurde.
Andererseits tat es sicher weh, Gewissheit zu erlangen: Mit dieser wäre auch die schöne Illusion dahin, eine echte Frau zu beobachten, zu verfolgen, ja: zu lieben.
Insgeheim hoffte Sparmann daher, er könne irgendwann Maria in einer Damentoilette verschwinden oder aus einer solchen heraustreten sehen. Es wäre ihm einer Auferstehung dieser Person von den Totgeglaubten – darunter fasste er alle künstlich produzierten Maschinenwesen – gleichgekommen.
Das „Örtchen“ für die Aufnahme und Abfuhr des Letzten und Geringsten, was ein Mensch zu produzieren und auszustoßen in der Lage war, gleichzeitig als Prüfstein zum Erweis der wahrhaften menschlichen Identität zu benutzen, ließ in Sparmann archimedische Gefühle aufsteigen – er meinte eine Zeit lang tatsächlich, ein neues Paradox entdeckt zu haben. (Laute Heureka-Rufe verbiss er sich zum Glück.)
Aus irgendeinem banalen Grund aber kam der versuchten Beweisführung immer etwas dazwischen, so wie gerade eben.
Aber Sparmann wäre nicht Sparmann, wenn er nicht warten gelernt hätte! Und so drehte er den Kopf zurück zum Fenster und tat weiter so, als gäbe es aus den gelbfleckigen Wolken am Großstadthimmel und den schmutzig-grauen Schneehaufen auf dem Hofe der Seniorenresidenz interessante Neuigkeiten herauszulesen.

Er wartete nicht umsonst. Nach einigen Minuten erschien Maria am Ende des Flures der ersten Etage. Sparmanns Herz klopfte. Sie blieb vor der Tür zur Toilette stehen. Überlegte einen Moment. Griff sich in die Haare.
Sie drückte die Klinke der Toilettentür und verschwand.
Sparmanns Herz klopfte. Nein: sein Herz jubilierte! Maria war kein Cyborg! Er lag – Gott oder ihren Eltern sei’s gedankt –, falsch mit seiner Vermutung. Sie musste mal Pippi-machen, welcher Glücksfall!

Fünf Sekunden später verfluchte er seine überschnelle Freude: Die Tür flog auf, Maria trat in den Flur, mit tropfnassen Händen. Sie hatte sich die Hände gewaschen, und wahrscheinlich gab es wieder, wie so oft, keine Papierhandtücher am Waschbecken – die elektrischen Händetrockner hatte Sparmann schon vor Jahren aus Spargründen demontieren lassen.
Sie wischte sich die Hände eilig an ihrem Kittel ab und verschwand im Treppenhaus.
Sparmann seufzte und stützte sich schwer auf die Fensterbank. Jetzt würde er sich dem Gelbgesichtigen widmen, der bekam jetzt sein Fett weg. In der Einrichtung gab es ca. fünfhundert sprechende Steckdosen, eine schöne Aufgabe…
 
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