Feuerbär - Eine schamanistische Begegnung

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Feuerbär - Eine schamanistische Begegnung (Kinder des Velt)

Es war einer dieser Abende, an denen sich alle Kinder des Wolf-Clans um die Feuerstelle im Zentrum des Lagers geschart hatten. Gebannt saßen sie da, während sie der Stimme des alten Mannes lauschten, der ihr Schamane war und ihnen zum wiederholten Male die Geschichte von Feuerbär erzählte. Jedes Mitglied des Clans wurde bereits als Kind mit der Geschichte ihres Vorvaters bekannt gemacht. Und im Laufe ihres Lebens hörten sie sie nicht nur einmal oder zweimal, sondern unzählige Male. Aber die Angehörigen des Wolf-Clans wurden es nie müde, die Geschichten über ihren Beschützer erzählt zu bekommen. Niemals käme einer von ihnen auf die Idee, sich darüber zu beschweren und so waren es jedes Mal nicht nur die Kinder, die um das Feuer herum ausharrten. Und es waren nicht nur diejenigen, die die Erzählungen zum ersten Mal hörten, die darüber staunten. Die Geschichten gefielen den Menschen auch deswegen, weil sie im weitesten Sinne von ihnen selbst handelten. Sie erzählten davon, wie Feuerbär in die Wälder ihrer Heimat gekommen war und Erster Schamane anvertraute, er wäre aus Richtung der Morgendämmerung gekommen. Erster Schamane gab alles, was er erfuhr, an die Kinder der Clans weiter. Auf diesem Weg erfuhren diese auch, wie Feuerbär ihren wilden Vorfahren die Errungenschaften der Zivilisation gebracht hatte. Sein höchstpersönliches Geschenk war natürlich das Feuer, stellte dieses doch die Grundlage seines Wesens dar. Aber dies sollte nicht das einzige Geschenk bleiben. Bevor er den Wald erreichte, hatte er bereits Schlange und Adler einen Besuch abgestattet. Bei dieser Gelegenheit luchste er den beiden, mit List und Tücke, die Errungenschaften der Sprache und der Jagd ab. Dies hatte er den Vorfahren der Kinder allerdings nicht verraten, denn dann hätten diese ja auch erfahren, dass er kein Recht gehabt hatte, ihnen diese Errungenschaften zu schenken. Damit brachte Feuerbär ihnen aber auch die List und die Lüge, gut versteckt zwischen den anderen Geschenken und den Beschenkten fielen sie erst auf, nachdem sie bereits lange ihre Bäume verlassen hatten und zu Menschen geworden waren.

Aber selbst nachdem ihnen endlich bewusst geworden war, dass Feuerbär ihnen etwas verheimlicht hatte, verbannten sie ihn trotzdem nicht aus ihren Herzen. Sie wussten, dass sie ohne das Geschenk des Feuers niemals Menschen geworden wären und so verziehen sie ihm seine Geheimnisse. Erst sehr viel später begriffen sie, dass sie sich mit ihrer Entscheidung die Feindschaft von Schlange und Adler zugezogen hatten. Die Bestohlenen hatten sich nämlich, nachdem ihnen der Diebstahl aufgefallen war, an die Verfolgung des Diebes gemacht und so stießen sie am Ende auf die Menschen. Diese waren aber nicht bereit, die Geschenke ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben. Sie beriefen sich darauf, sie hätten mit dem Diebstahl nichts zu tun gehabt und so entstand eine Feindschaft, die bis zum heutigen Tage anhielt. Schlange stellte den Menschen mit seinem Gift nach und Adler schlug ihre Krallen in ihre Tiere. Auf der anderen Seite nutzten die Menschen die Geschenke der Sprache, der Jagd und des Feuers, um sich Schlange, Adler und deren geringerer Kinder zu entledigen.

Es waren Teile dieser Geschichte, die der Schamane am abendlichen Feuer erzählte und wie an anderen Abenden auch, blieben die Kinder noch eine ganze Zeitlang sitzen, auch nachdem er aufgehört hatte zu sprechen. Sie genossen die Sicherheit des nächtlichen Dunkels, das die Yzamy nicht mehr fürchteten, seit ihr Beschützer ihnen das Feuer gebracht hatte. Die Nacht hatte für die Menschen ihren Schrecken verloren. Irgendwann aber begannen die älteren unter den Kindern damit, die jüngeren zu den Zelten ihrer Eltern zu führen. Am Ende blieb der alte Mann alleine am Feuer zurück, gedachte Feuerbärs und achtete dabei nicht auf die Bewegungen der Jüngeren um ihn herum. Für ihn schien es keinen Unterschied zwischen dem durch seine Erzählung heraufbeschworenen Geisterwesen und den menschlichen Kindern zu geben. Ihm kamen sie alle wie Geister der Nacht vor, so tief war er in seiner eigenen Erzählung verschwunden.

Langsam brannte das Feuer herunter, bis nicht mehr als tiefrote Glut zurückgeblieben war, die den Schamanen in ihren rötlichen Schein tauchte. Geraume Zeit blieb dies die einzige Lichtquelle auf der kleinen Lichtung, bis Mondfrau hinter den Wipfeln der Bäume erschien und den alten Mann in das silbrige Licht ihrer Lampe hüllte. Als sie den von vorne rot und von hinten silbern angeleuchteten Menschen erblickte, kam er ihr selbst wie ein Wesen aus einer alten Erzählung vor, wie einer der uralten Naturgeister. Sie lächelte ihm zu, aber er bemerkte sie nicht.

Immer tiefer versank der Schamane in der Trance und so war er sich schon seit geraumer Zeit seiner Umgebung nicht mehr bewusst. Vor seinem inneren Auge sah er nicht die Zelte seines Stammes, die Behausungen der Wolf-Yzamy, sondern die Bäume des urzeitlichen Urwalds, von denen Feuerbär die Vorfahren der Menschen heruntergeholt hatte. Und zwischen diesen riesigen Bäumen loderte in der Ferne ein Feuer auf. Zuerst wirkte es klein und unbedeutend, aber während er es beobachtete, wurde es immer größer und heller. Dann bemerkte er, dass es sich ihm näherte und nach einiger Zeit entdeckte er in dem Feuer die Umrisse eines riesigen Bären. In dem Moment erkannte er den Beschützer, Freund und Vorvater der Yzamy. Feuerbär näherte sich ihm immer weiter, aber der Schamane verspürte keinerlei Angst beim Anblick des Geisterwesens. Er fürchtete sich auch nicht davor, in diesem Feuer zu verbrennen. Feuerbär würde nie einen Menschen des Waldes verletzen. Schließlich waren sie sein Volk.

Endlich hielt der riesige Bär, der aufrecht ging wie ein Mensch, auf der dem Schamanen gegenüberliegenden Seite des Glutbetts an und musterte den alten Mann aus seinen rotgoldleuchtenden Augen. Dann streckte er seine rechte Pfote aus und begann zu sprechen.

Seine Stimme klang tief und der Mensch hörte in ihr das Grollen des Donners, das Brausen des Wasserfalls und das Poltern der Steinlawine. „Komm mit mir, mein Kind.“ Seine Worte vibrierten im Inneren des Schamanen. „Ich muss dir etwas zeigen. Und wenn du alles gesehen hast, dann musst du es meinen anderen Kindern mitteilen. Und ich meine nicht nur den Wölfen, sondern auch den Luchsen und den Wildkatzen, den Füchsen, den Mardern und den Dachsen und all den anderen Clans, die sich meinen Wald teilen. Komm mit mir, denn ich muss dir eine Gefahr zeigen, die all meine Kinder bedroht.“

Der Schamane ergriff die ihm entgegengestreckte Pfote, ohne jede Furcht und ließ sich von Feuerbär in den dunklen Wald führen. Die beiden wandten sich in Richtung der Morgendämmerung, wo Sonnenmann jeden Tag seine Reise begann und bewegten sich dabei mit einer Geschwindigkeit, die es ihnen möglich machte, das viele Tage entfernte Ende des Waldes zu erreichen, bevor Mondfrau mit ihrer Lampe einen großen Teil ihres Weges zurückgelegt hatte. Als sie dann den Schatten der Bäume verließen, war der Schamane froh über den festen Griff des Geisterwesens, denn als das Kind des Waldes, das er ja nun einmal war, überfiel ihn jetzt doch Furcht. Nicht etwa Furcht vor dem Geisterwesen an seiner Seite, auch nicht Furcht vor dieser Reise durch die Geisterwelt, sondern die Furcht vor dem unendlichen Himmel, vor dem ihn in diesem Moment keine Bäume schützten. Jenseits des Waldes lag eine dem Schamanen völlig fremde baumlose Ebene und diese überquerten sie mit langen raumgreifenden Schritten. Dahinter befand sich eine für ihn noch unvorstellbarere weite Sandfläche, die schließlich an einem Hindernis in Form hoher Berge endete. Nicht einmal in seinen kühnsten Träumen, hätte er sich so etwas vorstellen können. Von weitem schon, konnte er den Schein riesiger Feuer auf den Gipfeln flackern sehen und als die beiden näherkamen, erkannte der Schamane mit einem Mal, dass sich auf all diesen Bergen zahllose weitere Feuerbären aufhielten, die aber alle viel kleiner waren als der Beschützer der Yzamy.

„Dies sind meine älteren Kinder“, erklang die Stimme des riesigen Bären neben dem Menschen, „die ich gezeugt habe, bevor ich in meinen Wald kam und deine Ahnen traf. Lange haben sie geschlafen und deshalb dachte ich, sie ohne Probleme alleine lassen zu können. Aber ich hatte nicht mit der Bosheit meiner Feinde gerechnet. Schlange und Adler taten sich zusammen und sperrten meine älteren Kinder hinter dicken Mauern ein und sorgten dann dafür, dass sie in ihren dunklen Gefängnissen erwachten. Meine armen Kinder fürchteten sich in dieser Dunkelheit und riefen nach mir, aber ich konnte sie nicht hören. Sie suchten nach einem Ausweg, aber es war keiner zu finden. Sie warteten auf einen Retter, aber niemand kam ihnen zur Hilfe. Und je mehr sich meine älteren Kinder fürchteten, desto wütender wurden sie auch. Und je wütender sie wurden, desto heißer brannte ihr Feuer. Nun ist es zwar so, dass ich niemals durch mein eigenes Feuer verletzt werden kann, aber die Mütter meiner älteren Kinder waren keine Feuerwesen wie ich eines bin und aus diesem Grund sind meine Kinder nicht so unverletzlich wie ich. Irgendwann brannte ihr Feuer so heiß, dass sie sich selbst Schmerzen zufügten.“

Der Bär seufzte und blieb dann einen langen Moment ganz still, gefangen in seinem Schmerz. Schließlich fuhr er aber fort: „Aber obwohl ihnen ihr Feuer solche Schmerzen bereitete, konnten sie es nicht mehr ersticken. Schließlich war es derart heiß geworden, dass es die Mauern ihrer Gefängnisse schmelzen ließ und sie wieder frei waren. Die enormen Schmerzen hatten sie aber wahnsinnig werden lassen. Obwohl ich ihnen sofort zur Hilfe eilte, als ich nun endlich ihre Schreie hören konnte, kam ich doch zu spät. Ich konnte sie nicht mehr retten. Nun wollen sie in ihrem Wahnsinn alles um sich herum zerstören. Die Berge, die Täler, die Pflanzen, die Flüsse und alle Wesen, die sich dort befinden. Sie wollen nicht nur die Tiere töten, die dort leben, sondern auch eine andere Art von Menschen, die vor langer Zeit aus Richtung der Morgendämmerung in diese Berge gekommen sind. Du musst wissen, mein Kind, dass dein Volk nicht die einzige Art Mensch ist, die in dieser von den Göttern vor so langer Zeit geschaffenen Welt lebt. Auch andere Geisterwesen haben ihre Völker gefunden und ihnen geholfen, so wie ich deinen Vorfahren geholfen habe. Bei den Menschen, die seit langer Zeit in diesen Bergen leben, handelt es sich um die Kinder Erddrachens. Seitdem sie sich ihrer Umgebung bewusst sind, war es immer ihr Ziel, sich alles untertan zu machen. Sie jagen nicht nur Schlange und Adler, wie ihr es tut, sondern alle Tiere und auch andere Menschen. Zum Glück waren sie lange damit zufrieden, in diesem Gebirge zu verweilen. Aber jetzt, wo meine älteren Kinder aus ihren Gefängnissen entkommen sind, müssen sie von dort fliehen. Und sie haben beschlossen, in eure Richtung zu ziehen. Auch der Sand und die weite Ebene werden sie nicht aufhalten, wenn sie sich erstmal in Bewegung gesetzt haben. Haben sie euch dann erreicht, werden sie versuchen euch zu vernichten, denn dies ist der Wille Erddrachens, der sie immer noch unterstützt. Jeder ihrer Anführer überlässt ihm seinen Körper und so ist er in der Lage, ihnen seine Magie zur Verfügung zu stellen. Und ich muss dir leider sagen, dass selbst ich nicht stark genug bin, ihn in dieser Form zu besiegen. Dazu benötige ich Hilfe.“

Feuerbär verstummte und als der Schamane zu ihm aufblickte, bekam er einen großen Schrecken. Er erkannte ihn fast nicht, denn sein Feuer war so gut wie erloschen. Genau wie in der Feuerstelle, an der der Schamane den Kindern vom Geisterwesen erzählt hatte, war nur noch die tiefrot schimmernde Glut übriggeblieben. Noch nie hatte er den Beschützer seines Volkes in einem solchen Zustand erlebt. Immer wenn er ihm zuvor erschienen war, hatten seine Flammen rot und gelb aufgelodert und der Mensch hatte den Eindruck gehabt, dieses Feuer könne niemals verlöschen. Ihn nun so sehen zu müssen, erschütterte die Sicht des Schamanen auf seine Welt. Wenn er sich nicht einmal mehr auf Feuerbär verlassen konnte, musste der Untergang der ihm bekannten Welt bevorstehen. Wie sollte er da keine Furcht verspüren?

Aber während er ihn noch voller Schrecken betrachtete, stellte er fest, wie das Feuer sich langsam wieder erneuerte. Er konnte erkennen, wie zuerst eine kleine Flamme erschien, dann eine weitere ebenfalls kleine Flamme und dann wurden es immer und immer mehr. Aus der tiefroten Glut entstanden hellrote Flämmchen, die sich zu orangefarbenen Flammen wandelten und schließlich zu einem gelbleuchtenden und hochauflodernden Feuersturm wurden, der so wild und gierig erschien, dass der alte Mann beinahe die Pfote des Geisterwesens losgelassen hätte. Im letzten Moment erinnerte er sich daran, dass er die Verbindung zu seinem Führer nicht unterbrechen durfte oder er ginge in der Geisterwelt verloren. Als ein Wesen der bewussten Welt, konnte er in der Welt Feuerbärs und der anderen Naturgeister nicht aus eigener Kraft überleben.

„Verlier nicht den Mut, mein Kind“, ertönte die tiefe Stimme seines Begleiters erneut. „Lass uns in die andere Richtung reisen und ich werde dir zeigen, dass durchaus noch Hoffnung besteht. Sieh, Mondfrau weist uns den Weg.“

Der Schamane hob seinen Blick zum Himmel und aus Richtung der Abenddämmerung winkte ihnen tatsächlich die silbrige Gestalt mit ihrer Lampe zu, bat sie mit einer Handbewegung näherzukommen und zu schauen und lächelte ihnen ermutigend zu. Erneut überquerten sie mit riesigen Schritten das Land, zuerst die weite Sandfläche, dann die baumlose Ebene und endlich kamen sie wieder am Wald Feuerbärs an, in der Heimat der Yzamy.

Aber Feuerbär stoppte nicht etwa hier, sondern schritt weiter aus, in Richtung der Abenddämmerung, während Mondfrau ihnen immer einige Schritte voraus war und ihnen weiterhin aufmunternd zuwinkte. Weiter ging die Reise und dann endete zum großen Schrecken des alten Mannes der Wald plötzlich auch in dieser Richtung. Er hatte in seinem bewussten Leben niemals das Ende der Bäume erblickt, obwohl er schon seit vielen Jahreszeiten im Wald lebte. Aber die Yzamy blieben mit ihren Clans in der Mitte des Waldes und achteten immer darauf, sich von seinen Grenzen fernzuhalten. Deshalb erschreckte es ihn auch sehr, als er nun von Feuerbär gezeigt bekam, dass sein Wald nicht nur in Richtung der Morgendämmerung, sondern auch in Richtung der Abenddämmerung begrenzt war. Niemals hätte er sich das vorstellen können. Und niemals zuvor in seinem Leben hatte er eine derart große Angst empfunden. Er war sich auch ganz sicher, dass niemand sonst aus seinem Stamm oder seinem gesamten Volk sich etwas derart Schreckliches, etwas derart Unerwartetes vorstellen könnte. Tief in ihren Herzen waren die Yzamy davon überzeugt, der Wald Feuerbärs wäre nicht endlich und außer ihm existiere nichts auf dieser Welt.

Jenseits der Bäume schloss sich auch auf dieser Seite wieder eine baumlose Ebene an, die nur vom breiten Band eines Flusses durchbrochen wurde. Staunend starrte der Schamane auf die schier unendlich erscheinende Wasserflut. Kein Strom, kein Fluss und kein Bach des Waldes war derart breit, keiner führte derart viel Wasser, keiner plätscherte, rauschte und säuselte mit derart vielen verschiedenen Stimmen.

„Merk dir diesen Fluss, mein Kind, sieh ihn dir genau an“, wies Feuerbär ihn an und riss ihn mit diesen Worten aus seiner Erstarrung heraus. „Ihn werdet ihr überqueren müssen. Sieh, wie er an einigen Stellen sehr flach ist und wie sich an anderen Stellen Erde und Steine zu Inseln zusammengefunden haben, die von den Wurzeln der Bäume in ihrer Form festgehalten werden. Präge dir gut ein, an welchen Stellen ihr diesen Fluss gefahrlos überqueren könnt, mein Kind.“ Sein Begleiter wies den Schamanen auf diese und jene Furt hin, an denen sich Sand, Steine und Erde knapp unter der Wasseroberfläche ausbreiteten und dem Wissenden eine Überquerung ermöglichten.

Mit nur einem Schritt ließen sie den Strom hinter sich. Vor ihnen breitete sich die Ebene aus, die jetzt im Dunkeln lag, nachdem Mondfrau sich zu Bett begeben hatte, Sonnenmann aber noch nicht aufgestanden war. Hier und dort standen vereinzelte Grüppchen von Bäumen wie dunkle Schatten und machten auf den Schamanen den Eindruck, dass aus ihnen einmal ein richtiger Wald werden konnte. Allerdings ging er davon aus, dass es sich bei ihnen wohl eher um die kümmerlichen Reste des alten Waldes handelte, den es hier vor der Zeit der Menschen mit Sicherheit gegeben hatte. Dieser Anblick stimmte den Schamanen unendlich traurig. Wie konnte jemand diese trostlose Ebene dem Wald vorziehen?

Das Geisterwesen schritt nun langsamer voran und wies den alten Mann auf dieses und jenes hin. An einigen Stellen zeigte er ihm große rechteckige Flächen, auf denen immer nur eine Art von Pflanze wuchs. So etwas hatte der Schamane noch nie zuvor gesehen. Zwischen diesen Flächen konnte er Pfade entdecken, die wohl von zahlreichen Füßen gebildet worden waren. Wie viele Menschen mochten hier die Erde auf diese Weise markiert haben, sodass der Wind ihre Spuren nicht mehr verwehen konnte? Und dann erblickte er auch die ersten Hütten, ein Anzeichen dafür, dass sich auch auf dieser Seite des Waldes eine Art der Menschen niedergelassen hatte. Nach all den Dingen, die Feuerbär ihm gezeigt und erzählt hatte, kam es ihm nicht mehr seltsam vor, dass es noch andere Menschen als die Yzamy gab, obwohl er zuvor nie etwas von ihnen gehört hatte.

Nach und nach war der Schamane in der Lage, immer mehr zu erkennen, denn hinter ihrem Rücken hatte sich Sonnenmann aus seinem Bett erhoben und mühte sich mit seiner Fackel in der Hand ab, den Rand der Welt zu überwinden. „Sei gegrüßt, Spender des Lichts“, murmelte der alte Mann den traditionellen Morgengruß, denn die Yzamy konnten es sich nicht leisten, Sonnenmann durch respektloses Verhalten zu verärgern. Ohne ihn und seine Fackel würde es auf der Welt dunkel bleiben und die Menschen müssten darben.

Jetzt konnte er auch ohne Probleme erkennen, dass aus den schmalen Pfaden zwischen den bewachsenen Flächen breite Wege geworden waren, auf denen sich große Karren bewegten. Diese wurden von riesigen, ihm nicht bekannten Tieren gezogen. Die Wege wurden immer breiter und vereinigten sich schließlich zu einem einzigen, der von immer mehr Menschen in beiden Richtungen genutzt wurde. Als der Schamane, mit Feuerbär an seiner Seite, an ihnen vorüberschritt, reagierte allerdings keiner dieser Menschen auf sie. Es war, als hätte der alte Mann sich ebenfalls in ein Geisterwesen verwandelt. Diese Menschen waren offensichtlich nicht in der Lage, ihn wahrzunehmen. Aber auch bei den Yzamy besaß nicht jeder die Fähigkeit, in die Geisterwelt zu blicken. Vielleicht waren diese Menschen ihm doch nicht so fremd, wie er in dem Moment geglaubt hatte, als Feuerbär sie ihm zeigte.

„Sieh!“ Sein Begleiter deutete nach vorne und der Schamane blickte auf einen steinigen Hügel. Als er näherkam, bemerkte er, dass die breiten Wege zu Höhleneingängen zwischen den Felsen führten und die Menschen darin verschwanden. Mit einem weiteren Schritt erreichten Feuerbär und er die Erhebung und der Schamane musste feststellen, dass er sich geirrt hatte. Dies war gar kein Hügel, sondern ganz offensichtlich Menschenwerk, denn hier standen viele kleine und große Hütten, teils aus Holz, teils aber auch aus Stein und auf den Pfaden zwischen ihnen tummelten sich viele Menschen.

„Hier leben die Vassu und diese werden es euch nicht erlauben, in ihr Land einzudringen. Sie sind die Kinder des Velt, gesegnet vom Leben und von ihm mit der Aufgabe betraut, das Velt zu verteidigen. Mit ihnen müsst ihr euch messen.“ Den Schamanen schauderte es bei dem Gedanken, dass sein Volk sich diesen Menschen würde nähern müssen, die sich des Schutzes der Bäume beraubt hatten, um sich dann aus deren Holz – und den Steinen der Berge und der Erde – einen neuen Schutz zu bauen.

Dann wandte sich das Geisterwesen in Richtung des Mittags und seine Schritte verlängerten sich wieder, sodass der Schamane keine Gelegenheit mehr hatte, auf das zu achten, über das er hinwegschritt. Im nächsten Moment hatten sie die nächste große Ansammlung von Hütten erreicht.

„Hier leben die Oixya. Sie sind ebenfalls Kinder des Velt. Auch sie werden es euch nicht erlauben, in ihr Land einzudringen. Auch mit ihnen müsst ihr euch messen.“ Noch mehr von diesen seltsamen Menschen, die sich nichts aus Bäumen zu machen schienen.

Abrupt drehte Feuerbär sich um und führte den Schamanen zurück, über die baumlose Ebene und immer weiter in Richtung der Mitternacht, bis sie an einen riesigen See kamen, den sie mit einem gewaltigen Sprung überquerten. Auf der anderen Seite wuchsen endlich wieder Wälder, wenn diese auch nicht ganz so wild, nicht ganz so dicht und nicht ganz so dunkel erschienen wie die Heimat der Yzamy. Trotzdem verspürte der alte Mann eine enorme Erleichterung, nach der Überquerung der großen Ebene fast ohne Bäume und dem riesigen Wasser. Aber inmitten dieses Waldes stand auch hier eine dieser Hüttenansammlungen.

„Hier leben die verstoßenen Kinder des Velt, die Sarvar. Mit ihnen müsst ihr euch ebenfalls messen, denn sie werden es euch auch nicht erlauben, in ihren Wäldern zu jagen.“

Kaum hatte Feuerbär diese Worte ausgesprochen, wandte er sich wieder in Richtung der Morgendämmerung. Mit einem riesigen Schritt führte er den Schamanen wieder in seinen heimatlichen Wald, aber dann wurde er langsamer, denn er war noch nicht fertig mit seinen Erklärungen.

„Mit allen Kindern des Velt müsst ihr euch messen, um den Kindern Erddrachens nicht zu unterliegen. Unterwerft euch die Menschen des Abends und sichert euch damit deren Unterstützung oder Erddrache wird euch verschlingen.“

Endlich waren sie wieder am Startpunkt ihrer Reise angekommen und Feuerbär und der Schamane standen sich an dem in der Zwischenzeit erloschenem Feuer, inmitten der Zelte des Wolf-Clans gegenüber.

„Merke dir meine Worte gut, mein Kind, denn ich übertrage dir die Aufgabe, alle Clans der Yzamy in Richtung der Abenddämmerung in Bewegung zu setzen. Mache ihnen die Gefahr durch Erddrachen bewusst.“

Feuerbär entzog dem Schamanen seine Pfote und dann entfernte er sich. In kürzester Zeit waren seine Flammen zwischen den Bäumen nicht mehr zu erkennen. Der alte Mann ließ sich langsam neben der kalten Asche zu Boden sinken und dachte über alles nach, was ihm der Beschützer seines Volkes in dieser Nacht offenbart hatte.

Als Sonnenmann sich mit seiner langsam erlöschenden Fackel hinter den Rand der Welt zurückzog, saß der Schamane immer noch an seinem Platz zwischen den Zelten und dachte über die Zukunft seines Volkes nach. Und er dachte über die Aufgabe nach, die ihm übertragen worden war. Morgen würde er damit beginnen müssen, aber in dieser Nacht wollte er noch einmal meditieren. Die Größe der Aufgabe, die Feuerbär seinem Volk aufgebürdet hatte, überwältigte ihn. Er wusste auch noch nicht, wie er den Clans erklären sollte, dass der Wald Feuerbärs nicht so unendlich war, wie die Yzamy glaubten. Noch schwieriger würde es werden, ihnen beizubringen, dass sie über das Ende des Waldes hinausgehen mussten. Wie sollte er den Kindern des Waldes begreiflich machen, dass die Menschen, die sie besiegen sollten, nicht zwischen Bäumen lebten, sondern sich der Unendlichkeit des Himmels ungeschützt ausgesetzt hatten. Würden die Clans ihre Furcht überwinden können, die sie sicherlich ergriff, sobald sie verstanden, dass sie sich ebenfalls der unendlichen Weite aussetzen mussten. Er hoffte in der Meditation zu erfahren, wie er den Yzamy die Gefahr durch Erddrachen erklären konnte. Er seufzte, denn er war auch nur ein Mensch, aber er würde Feuerbär niemals enttäuschen. Er würde dafür sorgen, dass sein Volk nicht unterging.

Ende
 
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flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
ja, ist besser. du hast fast alle fehlenden erwischt und noch ein paar mehr eingesetzt.
bei ". . . brannte das Feuer herunter, bis nicht mehr als . . ." fehlt wohl bei "nicht" ein s?
das wird ein ganz toller roman.
lg
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
gut. bei näherer betrachtung hast du recht. kurzgeschichtensammlung ist auch in ordnung. hauptsache, du gibst immer vorher "Kinder des Velt" an, damit man sie korrekt zuordnen kann.
freue mich auf weiteres.
lg
 


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