Filter- und Seifenblasen und des Königs neue Kleider

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Die Jugend geht auf die Straße. Für das Klima. Endlich. Ihr Engagement und die entsprechenden Reaktionen müssen ihnen das Gefühl geben, sie seien die erste Generation, die etwas tut. In Zeiten durchdringender Narrative, gefühlter Wahrheiten und Klickquotengetriebener Berichterstattung durchdringt dieses „Nurwirtunwas“ und „Ihr habt versagt“die ganze Gesellschaft. Ihr Älteren geht in Sack und Asche!

Zurück bleibt die Masse der Ahnungslosen, Widerständigen, hinterm Mond Lebenden. Es ist interessant an sich selbst die Wirkung zu spüren, die ein „Du machst alles falsch, Du bist nicht konsequent genug“, hinterlässt. Dies macht wütend, wenn man auf ein gelebtes Leben, inklusive allerlei Art von Engagement zurückblickt. Vielleicht ist dieses Gefühl vergleichbar mit der hilflosen Wahrnehmung einiger ostdeutscher Brüder und Schwestern, die von „nicht anerkannter Lebensleistung“ sprechen, sich aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen oder ziehen wollen oder ihr Heil woanders suchen?

Zurück zu dieser selbst empfundenen „First Generation, die etwas tut“.
Es deutet wenig darauf hin, dass sie sich in irgendeiner Tradition sieht. Das scheint für Bewegungen dieser Art unabdingbar zu sein. Diese Haltung, „wir sind die Ersten“, gibt möglicherweise die notwendige Triebkraft. Es gibt möglicherweise mehr Energie, sein eigenes Tun als neu und singulär zu betrachten, als mit dem Anspruch anzutreten, etwas so zu machen, wie andere es auch schon gemacht haben, vielleicht ein wenig konsequenter oder effizienter.

In der jüngeren Historie unseres Landes gab es allerdings zahlreiche dieser Bewegungen, mal aus existentieller Not geboren, mal einem größeren humanitären oder ökologischen Ziel dienend, mal friedlich, mal spaßig, mal radikal, mal gewaltbereit. Ihn allen gemein war - und das wird auch aktuell möglicherweise so deutlich nicht wahrgenommen - dass es sich bei den Aktiven immer um eine Minderheit handelte, die gegen einen tatsächlichen oder kommunizierten Mainstream agierte, der vertreten war durch die herrschende Schicht (Elite), begleitet von einer schweigenden Mehrheit, die mehr oder weniger interessiert, wütend, gleichgültig, mitfiebernd oder ablehnend zuschaute. Und immer wurden die Aktiven auch von Menschen begleitet, denen die Ziele weniger wichtig, die Vorteile, die sie daraus ziehen konnten, aber umso interessanter erschienen oder solchen, die die Ziele aus blankem Opportunismus begrüßten.

Der Blick in die Geschichte
Aus der Not geboren waren die Bauerkriege des ausgehenden Mittelalters, in denen sich ausgebeutete und unfreie Menschen gegen die herrschende Obrigkeit wandten, letztendlich zunächst erfolglos. Ihr Aufbegehren war teilweise flankiert und teilweise bekämpft von den herrschenden Eliten, beispielsweise dem Klerus. So führte der Theologe Thomas Münzer einzelne Bauernhaufen an, der große Reformator Martin Luther hingegen verdammte die Aufstände gegen die „gottgegebene“ Obrigkeit. Teile der politischen Eliten machten Zugeständnisse aus taktischen Gründen, nur um sie bei erster Gelegenheit wieder zurück zu nehmen.

Die Wartburgfeste seit 1817 und die Revolution von 1848 kämpften eher für idealistische Ziele, wie Reichseinheit, Freiheit von Wort und Schrift oder Mitbestimmung. Auch diese Ziele wurden über lange Zeiten wieder zurückgedrängt. Die zeitweise Erfolglosigkeit von 1848 führte übrigens zu einer Fluchtwelle von 10-tausenden „Demokratiefreunden“, die in Nachbarländern oder Übersee Zuflucht fanden und zwar aus politischen Gründen. Freiwillig ging von denen niemand fort, auch wenn hier der eine oder andere Glücksritter oder Romantiker im Fahrwasser mitgeschwommen sein mag

Immer wieder kam es zu wahrnehmbaren Protesten, Aufständen oder Fluchtbewegungen einzelner Gruppen, bei denen es um Partikularinteressen ging. Im kollektiven Gedächtnis verhaftet - oder auch nicht - sind vor allem frühindustrielle Unruhen, wie der Weberaufstand oder andere Revolten, die sich in Folge der Massenindustrialisierung und dem wachsenden Heer der Arbeitslosen formierten.

Flankiert wurden die Bewegungen vom Zeitgeist oder sie waren Vorläufer eines neuen Zeitgeistes. Stärkste Zeitgeistformer der Frühzeit waren absolutistische Staatsformen oder Religionen. Es entstanden neue Ideologien und Überzeugungen aus den Bewegungen, die die nachfolgenden Bewegungen zum Teil erst ermöglichten. Ein ewiges Wechselspiel. Schon etwas in die Jahre gekommen sind dies die Ideologien des Kommunismus auf der einen und des Kapitalismus auf der anderen Seite. Jüngere Formen sind die Friedenbewegung, der Umwelt- oder der Artenschutz und der Klimaschutz.

Der letzte große Coup, auch entstanden aus dem idealistischen Wirken Weniger, ergab sich aus der Katastrophe des 1. Weltkriegs. Das Versagen der Monarchie und der alten Eliten machte den Weg frei für das demokratische Wesen, auch wenn dieses, nicht nur in Deutschland, im 20. Jahrhundert den ein oder anderen Dämpfer oder auch schweren Rückschlag erlitt.

In eben diesem 20. Jahrhundert gab es immer wieder Protest- oder auch Widerstandsbewegungen junger Menschen, die sich mit dem Status Quo nicht zufrieden geben wollten, sei es unter demokratischen oder diktatorischen Vorzeichen.

Die „Weiße Rose“ oder die „Edelweißpiraten“ im Dritten Reich. Die 53er in der DDR. Die 68er Bewegung in der BRD gegen Restauration, Wiederbewaffnung und den Vietnamkrieg. Die Antiatomkraftproteste und Friedensmärsche der 70er und die Umweltschutzaktivitäten der 80er Jahre und schlussendlich die Friedensgebete, Oppositionsgruppen und Absatzbewegungen der abgehenden DDR, die mit zum Fall der Mauer und der Wiedervereinigung führten. In den letzten 30 Jahren wurde es dann insgesamt ruhiger, saturierter, im Land von Luther, Marx und Engels, Hitler, Göbbels, Adenauer, Ulbricht, Honecker und Kohl, Heine, Goethe, Grönemeyer und Loriot, BILD, Spiegel, ARD und RTL.

Bei den meisten Bewegungen wird deutlich: War der Anspruch der meisten mindestens die Revolution und meint man, diese seien im Nachhinein gescheitert, da sich die Maximalforderungen nicht durchsetzen ließen, übersieht man, dass alle diese Engagements in der Regel zu Evolution geführt haben, dass sich schrittweise Prozesse zu mehr Gerechtigkeit entwickelt haben. Selbstverständlich für die Initiatoren nie schnell genug, nie gründlich genug. Die ersten Aufständischen gegen Sklaverei erlebten deren Abschaffung nicht mehr, waren dennoch wichtige Impulsgeber. Auch andere Errungenschaften, wie das Frauenwahlrecht, die Ehe für alle und vieles mehr sind heute nicht mehr wegzudenken, auch wenn es ein weiter Weg war. Auswüchse wie die RAF oder der NSU haben es dagegen – noch nicht – zu kollektiver Akzeptanz gebracht.

Jetzt formieren sich neue Gruppen auf der Straße. Die Freunde von Restauration und Abgrenzung bei AFD & Co. Die Gegenspieler im Kampf für eine offene und bunte Gesellschaft. Die oben genannte Jugend bei Fridays for Future. Alle Gruppen nehmen für sich das Recht in Anspruch, im Besitz einer großen Erkenntnis zu sein. Sie verachten all diejenigen, die nicht gewillt sind, ihnen zu folgen. Ihnen stehen die umfassendsten Kommunikationsmöglichkeiten aller Zeiten zur Verfügung. Zum Vergleich: Vom Mittelalter bis zur friedlichen Revolution 1989 waren das in der Regel Flugschriften, Farbe und Pinsel.

Hier der Mainstream, da die „Filterblasen“
Drei große Gruppen sind mit diesen Phänomenen konfrontiert: Die herrschende Elite aus Politik und Wirtschaft, die Medien und die große Mehrheit der Bevölkerung. Durch diese drei Gruppen schlängelt sich eine Persönlichkeit, die es immer schon gab: Der Auskenner oder die Auskennerin, die sich irgendwie schon immer auf der richtigen Seite wähnten und nun endlich Gehör bekommen, weil sie alles erklären können. Der Unterschied zwischen den Völkisch-Nationalen auf der einen und den Demokratie- und Klimaschutzfreunden auf der anderen Seite ist, dass letztere besser in den – derzeit – herrschenden Mainstream passen und deshalb die wohlwollenderen Noten bekommen.

Wort des Jahres sollte „Filterblase“ werden. All diejenigen, die es nicht so sehr mit der bunten Demokratie und dem radikalen Klimaschutz haben – Klimaschutz immer im Sinne der wirkmächtigsten Klimaschützer – leben angeblich in einer Filterblase. Sie konsumieren die falschen Medien, sie hören auf die falschen Einflüsterer, sie frönen dem Konsum, wie im kapitalistischen System gewünscht. Nur die Fortschrittlichen, besonders die Auskenner, können die in der Filterblase Gefangenen erklären, auch warum und wie sie in die Filterblasen gelangen.

Die Auskenner, die die Aufmerksamkeit, die Schlagzeilen und die Sendeminuten bekommen, sind in der Lage, all diese Phänomene von ihrer Warte aus zu bewerten und zu interpretieren. Es sind dies SchriftstellerInnen, PolitologInnen, PhilosophInnen, KünstlerInnen, „NetzexpertInnen“ und viele andere. Um ihren Worten das nötige Gewicht zu geben, werden sie in der Regel zu „Experten für irgendetwas“ erklärt oder ihrer Tätigkeit wird das Etikett „renommiert“ gegeben. Vom grauen Rest der Masse unterscheidet sie ihr Platz auf der Warte, sie scheinen zu schweben. Sie alle eint, dass sie in der Regel ohne Amt und ohne Mandat agieren. Ihnen wird der Teppich ausgebreitet, von etablierten Medien, von etablierten KommentatorInnen, von den Regierenden (wie sehr die Regierenden im Walde mitpfeifen und hoffen, dass bald wieder Ruhe einkehren möge, sei dahingestellt, s. Bauernkriege des ausgehenden Mittelalters).

Die Pointe auf die ich hinaus will ist aber eine andere. Wo steht sie denn die Warte, von der aus alles so trefflich erklärt wird? Gibt es denn Filterblasen und Nichtfilterblasen? Ist es nicht eher so, dass die derzeit vorherrschende Meinung auch nur in einer Filterblase stattfindet, aber einer so großen, dass sie von denen, die sich in ihr befinden, einfach übersehen oder weggedacht wird? Ich lausche immer mit großer Verblüffung den Schwebenden vom Kaliber eines Richard David Precht oder Sascha Lobo, die scheinbar fern jeder Filterblase, die Dinge auf den „wahren“ Kern bringen. Ihnen wird die Bühne geboten von Medien und Medienschaffenden, bei denen auch die Frage statthaft ist, ob sie sich ihrer eigenen Filterblase bewusst sind. Die Tonlage von EdelmoderatorInnen wie Claus Kleber, Anne Will oder Frank Plaßberg lässt daran zweifeln. Personen und Persönlichkeiten die sich mit einer Aura des Unangreifbaren, weil immer auf der richtigen Seite stehenden, umgeben, stärken nicht per se die Demokratie, sondern immer nur das jeweilige System, die Filterblase, in dem oder der sie ihre Brötchen verdienen. Sie, die das Zweifeln aus ihren öffentlichen Verlautbarungen tilgen, führen zu Verhärtungen, nicht selten zu Ablehnung. Und was passiert, wenn diese große, diese übergroße Filterblase kleiner und andere größer werden? Wenn diese große Filterblase wie eine Seifenblase zerplatzt, so wie die übergroße Filterblase des Kaiserreichs, des Nationalsozialismus, der DDR auch irgendwann geplatzt ist? Mit welchen „Auskennern“ und „Experten“ haben wir es dann zu tun oder sind es die Alten in neuem Gewand?

Hier gilt es dem Schreiber dieser Zeilen ein lautes Stop zu zurufen: Von welcher Warte schreibt er denn? Wo ist denn seine Blase? Selbstredend lebt auch er in einer Blase: „westdeutsch sozialisiert“, „deutsch“, „weiß“, „Europäer“, „nie von Krieg und Vertreibung betroffen“, nie von „Armut betroffen“. Daraus ergibt sich eine deutliche Blase.

„Was tun“, sprach Zeus – in seiner Filterblase
Was könnte aus diesen Erkenntnissen folgen? Die Erkenntnis, dass Gesellschaft immer in Bewegung ist, dass das Pendel der Geschichte immer nach der einen oder anderen Seite ausschlägt. Dass sich all diejenigen, die sich in Absolutheitsgewissheiten bewegen, vergegenwärtigen sollten, dass sie eben nicht die sind, die das Denken und Handeln erfunden haben.

Vielleicht ist es der schwache Wunsch, dass es eine große Koalition derjenigen geben möge, die sich mit aller Kraft für den alten Gedanken der „Gerechtigkeit“ stark machen. Dass eine Neugierde für den Nächsten einkehren möge. Dass sich die Erkenntnis durchsetzt, dass der Mensch seit seinem Entstehen den Wunsch nach möglichst großer Sicherheit in allen Belangen des täglichen Lebens hat. Dass eine wütende und zweifelnde Jugend wichtig ist, um immer wieder Schwung in das Denken und Handeln zu bringen. Dass es einen Unterschied zwischen Aktivisten und politisch Handelnden gibt. Das dies auch von den multiplizierenden Medien berücksichtigt werden sollte. Dass die Menschheit noch nie richtig gut mit Heilsversprechern und Heilsbringern gefahren ist. Dass alle Lautsprecher sich ihrer Verantwortung für das Gemeinwesen bewusster werden. Dass jeder „normale“ Mensch in der Welt an sich nur einen Wunsch hat, in Sicherheit zu leben und das aus dieser Erkenntnis eine weltweite Rücksichtnahme entstehen möge.

Mögen wir unsere Filterblasen akzeptieren, mögen wir sie eher als Seifenblasen verstehen, mögen wir versuchen, viele vereinzelte Seifenblasen wieder zu größeren, stabileren zu formen. Mögen wir verstehen, dass es Kraftanstrengungen bedarf, für eine Demokratie zu kämpfen, in der nicht 25 Prozent dieses System ablehnen und viele weitere Prozente durch Armut, mangelnde Teilhabe, Behinderung, Migrationshintergrund ausgeschlossen sind. Noch sind es zu sehr die immer gleichen, die sich für die real existierende Demokratie stark machen. Irritierenderweise zumeist in Mehrheit die, die zu Recht für ihre Demokratie eintreten, die ihnen ein sorgloses Leben ermöglicht. Hier müssen wir mehr Seifenblasen gewinnen. Wir brauchen demokratische Gerechtigkeit für viele mehr und viele mehr, die für demokratische Gerechtigkeit kämpfen. Wir brauchen die schweigende Mehrheit.
 

 
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