First-World-Problems

Milja Lajoie

Mitglied
Im Dunkeln und über eine schmale Brücke erreichen wir das Bambusgebäude von Professor Robinson. Hier findet unser Workshop statt, hier werden wir wohnen, lernen und arbeiten. Unsere Hütte ist ausgestattet mit einem Bett, und einer Hängematte. Anstelle von Fenstern schirmen uns Fliegengitter von der Außenwelt ab und so verbringen wir unsere Nacht mit den Tieren des Dschungels. Es summt, brüllt, zwitschert und quakt als fände draußen eine artenübergreifende Konferenz statt.

Bereits zu Beginn des Workshops stellt sich heraus, dass Bambus eine empfindsame Mimose ist was Anbau, Ernte, Verarbeitung und Pflege angeht. Ich glaube nicht, dass die Student*innen in Berlin die kostspielige Nachbehandlung der Bambusstäbe in ihrer Kalkulation berücksichtigt haben. Zwei- bis dreimal im Jahr müssen diese für etwa 250 Euro nachlackiert werden. Kosten, die für die Gemeinde Las Gilces schwer zu tragen sein werden, zumal niemand für das Gemeindezentrum verantwortlich sein wird. Hat unser Verein ein Projekt in die Wege geleitet, das den ökologischen Stempel hinter die Nachhaltigkeit positioniert? Wird das Gebäude - wie andere westliche Bauprojekte, die sich gestützt auf Spendengelder der Nachhaltigkeit verschrieben haben - innerhalb von wenigen Jahren verwesen und unbrauchbar werden? Sixto, Landschaftsarchitekt aus Manta, bietet durchaus Lösungen für unsere Probleme an. Das Dach des Gemeindezentrums könne statt aus Palmenblättern besser aus Wellblech gefertigt werden. Wellblech müsse weder ausgetauscht, noch nachbehandelt werden und biete zudem einen besseren Schutz für die Bambuskonstruktion. Wellblech macht allerdings einen sehr viel schlechteren Eindruck auf den Präsentationen in Berlin.

Das Hauptgebäude, in dem der Workshop stattfindet, besticht durch seine klare Konstruktion und die großzügig angelegten Säulenverbindungen. Hier mache ich mir keine Sorgen, dass die Nachbehandlung nicht finanziert werden kann. Ein nie versiegender Strom an nordamerikanischen und europäischen Student*innen mit liquiden Eltern, wird immer bereit sein, um die halbe Welt zu fliegen und beträchtliche Summen zu investieren, um sich über das Bauen mit Bambus aufklären zu lassen.

„Stay hydrated“ ist das Motto dieser Generation. Die Trinkflaschen scheinen ihnen heute das zu sein, was uns die Federmappen waren. Markenzeichen exklusiver Einzigartigkeit und zugleich Aushängeschild uniformer Zugehörigkeit. Je abgenutzter, desto besser. Einige sind verbeult, Andere mit abgewetzten Aufklebern versehen, wieder Andere von Haarbändern umspannt. Die Königin unter den Wasserflaschen weist alle Merkmale zugleich auf. Zudem baumelt an ihr ein massiver Karabiner, der Mutmaßungen über etwaige Freizeitaktivitäten des Besitzers zulässt. Möglicherweise Bergsteigerklientel. Wahrscheinlich Möchtegernabenteurer. Dem aufmerksamen Beobachter verraten die Aufkleber dabei nicht nur etwas über die bereits bereisten Länder oder die bevorzugte Outdoormarke, sondern auch über den CO2 Fußabdruck des Flaschenbesitzers.

„Stay hydrated“ - als gehe die Fähigkeit, über den Tag genug zu trinken einher mit dem Potential, die Welt zu verbessern.

Während wir mit Laptops und Notizbüchern unter eilig laufenden Ventilatoren sitzen und der Präsentation des Professors folgen, bahnen sich draußen drei Eucuadorianer mit Macheten einen Weg durch schulterhohes Gras. Die kontinuierlichen Schnitte bilden einen meditativen Klangteppich für unsere Studien und mit jedem Hieb werde ich daran erinnert, dass die Weißen drinnen Wissen anhäufen, während die people of colour sich draußen die Hände schmutzig machen.

Ob sie schon jemand daran erinnert hat, genug zu trinken?
 

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