Flucht über die Nordsee 62. Gruppenfoto mit Dame(n)

ahorn

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Bauer und Jungfrau

„Maman“
Toni steckte ihren Kopf durch den Türspalt. „Maman. Maman, ich kriege mein Kleid nicht zu.“
Ihre Bluse zuknöpfend, marschierte Bärbel auf sie zu.
„Was gibt es? Wir müssen.“
„Ich bekomme mein Kleid nicht zu.“
„Warum kaufst du dir auch ein Kleid mit Knöpfen?“
„Weil es schick ist.“
Bärbel verdrehte ihre Augen. „Dreh dich um.“
Sie knöpfte Tonis Kleid zu, schritt sodann an ihren Kleiderschrank und deutete auf einen Sack. „Was ist da drin?“
„Benötige ich nicht mehr.“
Bärbel öffnete den Sack, zerrte eine Hose heraus. „Die ist neu!“
„Egal! Ich bin ein Mädchen und Mädchen tragen keine Hosen.“
„Du übertreibst es.“ Bärbel zupfte an ihrer Kostümhose. „Ich bin eine Frau und trage Hosen.“
„Ich aber nicht. Nie. Nie wieder.“
„Toni!“
„Ich heiß Antonia.“
Ohne auf Tonis Einwand einzugehen, griff Bärbel erneut in den Sack. „T-Shirts ziehen Mädchen an.“
„Aber keine Dunkelblaue mit Schiffen. Ich hasse dunkelblau.“
Toni schoss übers Ziel hinaus, dies war ihr bewusst, jedoch nur so konnte sie es dem Admiral zeigen, wie ernst es ihr war.
„Jetzt beeile dich. Sonst verpassen wir unseren Bus“, harschte sie Bärbel an, bevor sie Tonis Zimmer verließ.

Toni warf sich in der Diele aufs Parkett, schnappte sich ihre neuen rosa Pumps und schlüpfte hinein. Es waren zwar nicht jene, die sie sich erwünscht hatte, dennoch passten sie perfekt zu ihrem rosa Kleid. Sicherlich, sie war in einen Kaufrausch gefallen, hatte es übertrieben, aber ein echtes Mädchen benötigte eine ansprechende Garderobe.
„Du sitzt da wie ein Bauer. Man kann dir untern Rock glotzen.“
„Ich ziehe mir immer so die Schuhe an.“
„Gewöhne es dir ab“, harschte sie Bärbel an. „Jetzt komm, sonst verpassen wir wirklich noch den Bus.“
Kaum auf dem Bürgersteig, schnauzte sie Bärbel erneut an. „Bauer. Geh gerade. Ein Fuß vor den anderen.“ An der Bushaltestelle ging es zugleich weiter. „Eine Frau steht nicht breitbeinig herum, dies ist vulgäre.“
Toni ahnte, was sie vorhatte. Sie wollte ihr die Freude vermiesen.
Im Bus setzte sie sich galant einer älteren Dame gegenüber hin und lächelte diese an. Sie erinnerte sich an ihre letzte Busfahrt. An die Scham, welche sie empfand. Diesmal war es anders.
„Das Kleid steht dir hinreißend“, sprach sie die Dame an.
Toni zirpte: „Ich bin ein Mädchen“, dabei zeigte sie auf Bärbel, „und das ist meine Maman.“
Die Dame lächelte und Bärbel verdreht ihre Augen.



Mit kirchlichem Segen

„Warum gehen wir heute in die St. Elisabeth und nicht in die St. Ursula?“
„Weil du getrödelt hast.“
Es war alleinig ein Vorwand des Admirals. Obgleich sie es sich nicht eingestand, schien es Bärbel tatsächlich peinlich zu sein, immerhin kannten alle in der St. Ursula sie als Torben. Da Bärbel scheinbar die Gemeinde gewechselt hatte, gesellte sich Toni zu einer Gruppe Mädchen und stellte sich vor.
„Ich bin ein Mädchen. Ich heiße Antonia.“
Die Mädchen runzelten ihre Stirne, worauf Bärbel Toni zur Seite zerrte. Sie zupfte an Tonis Kleid. „Höre endlich mit dem Blödsinn auf. Bist du der Meinung, irgendwer nimmt an, dass du keins bist.“

„Toni, Antonia, jede Medaille hat zwei Seiten und du kannst mir glauben, wir Frauen leben wahrlich nicht auf der Schokoladenseite.“
Die Tatsache als solche war Toni bekannt. Wenn ein Kind das Los weiblich gezogen hatte, stand es wahrlich nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Unterdrückung, Ausbeutung, Misshandlung prangte auf ihrer Stirn. Es war kein Zuckerschlecken. Es war Kampf. Toni zupfte an ihrem Kleid. Da half keine hübsche Garderobe und kein süßes Lächeln. Frauen waren Menschen zweiter Klasse. Egal, was sie anstrebten, ein Anhängsel. Eine Frau konnte sich in einem feinen Anzug neben einen in einem Jogginganzug steckenden Mann stellen, trotzdem würde jeder, einerlei, ob Mann oder Frau, wenn jene eine Frage hätten, sich an den Mann wenden.
Ihr war dieses gegenwärtig. Sie hatte lange abgewogen, ausgelotet, die Vor- und Nachteile studiert, kam jedoch in tiefsten ihres Herzen immerfort auf dasselbe Ergebnis. Sie war ein Mädchen.
Nein! Diese Realität der Gesellschaft ließen sie nicht erfreuen, trotzdem hatte der Satz von Bärbel sie geschmeichelte. Sie hatte ‚wir‘ gesagt.

Der Pastor bat zum Heiligen-Mahl. Obgleich Toni weder an einen Gott, noch an den Laib eines Christus glaubte, erhob sie sich und reihte sich ein.
Sie legte ihre Linke auf ihre Rechte, wie es ihr vor der Erstkommunion gelehrt wurde. Jedoch anstatt der Pastor ihr die Hostie auf die Hand legte, hielt er diese ihr vor den Mund, wie er es oft bei alten Frauen vollführte. Toni nahm jene entgegen, worauf er ihr seine Hand auflegte.
„Dominus benedicet eum. Finis omnia erit“, murmelte er.
Toni stockte der Atem. Sie hatte sich nicht verhört und er als Priester bestimmt nicht versprochen. Mit eum nicht mit eam hatte er sie angesprochen. Der Herr sollte ihn segnen, nicht sie. Der Pastor war fremd in der Gemeinde, wie der Diakon vor der Messe verkündet hatte, einzig für dieses Wochenende angereist, um die Messen des erkrankten Pfarrers zu halten. Bevor sie dem Pastor ein weiteres Mal ins Gesicht sehen konnte, um vielleicht zu erfahren, ob sie ihn erkannte, war er bereits weiter. Dafür erblickte Toni eine in einem schwarzen Gewand gekleidete Frau, wovon Toni ausging. Es war eine Nonne, die ihr ihren Rücken zukehrte und in der Sakristei entschwand.



Berufung

„Weist, ich habe heute gar keine Lust zu kochen. Wie wär’s. Giovanni auf eine Pizza?“
„Ja“
„Dann ziehe dir etwas anders über.“
Toni lüfte den Rock ihres Kleides. „Warum gefällt dir das Kleid nicht?“
Bärbel verdrehte die Augen. „Ich weiß, du bist ein Mädchen und ja du ziehst hinreißend aus, aber ich sehe jetzt schon die Tomatensoßenflecke.“
Dieser Logik folgte Toni. Sie war zwar ein Mädchen, aß trotzdem eher wie ein Junge oder Bauer, jedenfalls dann, wenn es ihr schmeckte und Pizza gehörte zu ihren Lieblingsspeisen. Sie musste noch derart viel lernen, Sie fasste die Gelegenheit am Schopfe, um endlich in aller Öffentlichkeit einen der Röcke auszuführen, welche sie schon als Torben heimlich getragen hatte.
„So geh ich mit dir nicht raus?“
„Warum? Kann man aber gut waschen.“
„Toni, bring mich nicht zur Weißglut. Der Rock ist viel zu kurz, das Top bauchfrei, und die Strumpfhose zerrissen.“
„Menno. Das trägt man heute.“
„Mann bestimmt nicht. Erst recht nicht, wenn man mit mir essen geht.“
Gut, sie hatte es übertrieben. Dabei wollte sie dem Admiral nur beweisen, dass sie nicht allein auf feine Dame konnte, wie Bärbel ihr neues Outfit umschrieb, sondern sich gleichsam als normales Straßenmädchen zu kleiden verstand. Derart titulierte sie auch Bärbel, zumindest benutze sie das Wort Dirne. Nachdem sie sich ihre Schminke abgewaschen und in für den Admiral angemessene Kleider gehüllt hatte, ging es zu Giovanni.

Jedenfalls hatte Bärbel sie endgültig verstanden. Nachdem diese, wie üblich, sich herzlich, italienisch Giovanni an der Theke begrüßt hatte, setzte sie sich zu Toni an ihren Stammtisch.
Giovanni schritt auf sie zu und begrüßte sie nicht mit seinem üblichen Ciao Capitano, sondern mit einem Zwinkern und einem Signorina molto bella, dabei überreichte er den Damen jeweils eine Rose.
Dies ging Toni runter wie Öl. Trotzdem bestellte sie wie üblich eine Pizza Marina mit ausgiebig Tomatensoße und gegenüber der sonstigen Abwehr vom Admiral, verspeiste sie diese mit den Fingern.

Bärbel steckte ihre letzte Penne in ihren Mund, spülte diese mit Rotwein herunter, und stellte die Frage, auf die Toni bereits gewartet hatte. „Wie stellst du dir das weiter vor.“
Toni nahm all ihren Mut zusammen. „Erst gehen wir auf Weltreise, dann werde ich Braut Christi. Natürlich mache ich vorher die Schule fertig. Abitur kann man immer gebrauchen.“
Toni hatte Bärbels versteinerte Mimik bereits erwartet. „Du spinnst. Das geht nicht.“
„Meinst, ich soll kein Abitur …“
„Selbstredend.“
Sie füllte sich erleichtert. Bärbel schien ihren Entschluss zu akzeptieren.
„Trotzdem finde ich Abitur …“
„Nonne ist kein Beruf, wie Detektive, Pirat, Lokomotivführer oder Weltraumprinzessin.“
„Ist Weltraumprinzessin ein Beruf?“
„Von mir aus Astronaut. Mönch oder von mir aus Nonne ist eine Berufung.“ Bärbel lehnte sich vor und strich über Tonis Hand. „Von mir aus bist du irgendwann eine Braut, möglich ist alles, aber keine des Herrn.“
Es gab Themen, die Toni nicht vermochte, mit dem Admiral ausdiskutieren. Für diese war ein derartiger Wunsch Blasphemie. Dabei war es ihr kein Herzenswunsch, jenen Weg einzuschreiten. Es war der Wille des Herrn, obwohl sie weiterhin an keinen Gott glaubte, jedoch dieser Widerspruch, war für sie der Beweis.

Ihre erste Woche als Antonia verging für sie wie im Fluge. Wie es sich für eine brave Tochter zierte, machte sie, während ihre Mutter zur Arbeit ging, den Haushalt, kaufte ein oder übte die hohe Kunst des Strickens, Stickens und Nähens. Sie bereitet das Frühstück und kochte der Mutter ein Mahl, sodass sie sich nach ihrer Arbeit stärken konnte. Zumindest versuchte sie es.
Sie gingen in den Zoo, ins Museum, sogar an einem Abend auf eine Vernissage. Bärbel war überzeugt, dass Kultur das Wesen einer jungen Dame stärke.
Sie rührte die Tomatensoße, schmunzelte und zupfte an ihrem Ohrläppchen. War sie verrückt geworden? Sie zuckte mit ihren Schultern. Wieso? Sie war ehrlich zu sich. Er war ein Schauspiel, wie Torben oder Shila es eins waren.
Sogar dem blöden Jungen, der sie zuvor immer geneckt hatte, wies sie die Stirn.
Ich bin ein Mädchen. Und?, schrie sie ihm entgegen. Worauf dieser ihr just nur einen Vogel zeigte. Jedoch die Chuzpe ihm entgegenzutreten, genügte ihr, um ihr Selbstbewusstsein zu steigern.
Toni war glücklich. Sie senkten ihren Kopf, schaute in den Topf und griente. Sie war beglückt darüber, dass es ihr das erste Mal gelang, ohne, dass etwas überlief, Spaghetti mit Tomatensoße zu kochen.
Bärbel stürmte in die Küche und wedelte mit Dokumenten.
„Sie sind da.“
„Wer?“
„Deine Ausweise.“
Bärbel reichte ihr einen Reisepass sowie einen Personalausweis. „Das ging aber schnell?“
„Beziehungen.“
Sie entriss ihr die Ausweise und rannte in ihr Zimmer. Zuerst presste sie diese an ihre Brust, dann betrachte sie jene. Ihr Foto vereint mit dem Namen Antonia Tütken zu sehen, war wie eine Neugeburt. Endlich konnte sie ihr altes Leben abstreifen und ein neues beginnen. Wie gern hätte sie ihr Glück in die Welt geschrien? Bloß sie durfte es niemanden verraten, dies hatte sie geschworen. Trotzdem rief sie Matthias an, einfach nur mal quatschen.



Gruppenfoto mit Dame(n)

Der schrille Schrei, das Poltern eines leblosen, nackten Männerkörpers, der auf dem Fußboden aufschlug, brachte Paul in die Realität zurück. Ob der Anblick der blutverschmierten Brust, die Blöße, nie hatte er eine unverhüllte Frau gesehen, oder Catherines Hand, die schallend auf seiner Wange aufklatschte, ihn erschreckte, nahm er nicht wahr. Denn schmerzenden Griff ihrer Finger, die sich in seinen Oberarm gruben, ihn an der Leiche vorbei schleifend, spürte er. Die aufgerissenen Lider, den zu einem Schrei verformten Mund des Toten verankerten sich in sein Gedächtnis. Das letzte Bild des Vaters vor Augen, drängte ihn Catherine in die Küche, sprach, ohne, dass er es verstand.
Sie schritt weiterhin mit ihm im Schlepptau zum Küchenschrank, schnappte ein Foto, das zwischen Glaseinsatz und Rahmen der linken oberen Tür klemmte. Auf dem Bild eine dunkelhäutige Frau mit kurzem tiefschwarzem Haar. Soweit er dieses auf der schwarz-weißen Aufnahme erkannte. Ihr Oberkörper behängt mit Perlenketten, die ihre Brüste verdeckten. Um die Hüften ein Baströckchen geziert von gekrümmten hellen Früchten.
Mit einem Bleistift schrieb sie auf die Rückseite. ‚Envolez-vous vers ma soeur!‘

War die Frau ihre Schwester? Eine Schwarze? Sie bückte sich, manifestierte ihm ihre Rundungen und ergriff ihren milchtopfgroßen Weidenkorb, der sie bei ihren täglichen Besorgungen begleitete, stellte ihn auf die Ablage des Schrankes. Mit zitternden Fingern öffnete sie die Tür, an der zuvor das Foto hing, entnahm eine Spieluhr. Ein Spielzeug wie es Mädchen begehrten. Eine Tänzerin mit erhobenen Armen tanzte auf Spitze.
Sie fasste die Spieldose mit beiden Händen. „Pour ma soeur“, gab sie ihm zu verstehen und legte sie in den Korb. Ein angeschnittenes Baguette und eine halbe Wurst fielen auf die Dose mit der Ballerina. Mit einem weißen Leinentuch bedeckt hing sie das Körbchen über seinen Unterarm.
Schritte von Männerstiefeln drangen durchs Treppenhaus in die Wohnung, gefolgt von donnernden Rufen.
Catherine öffnete das Küchenfenster, schob Pauls Oberkörper an die Fensterbank. „Flieh!“ Sie stupste ihn gegen die Schulter. „Vite!“
Er guckte in die bodenlose Tiefe des Hinterhofes. Sie drehte seinen Kopf zur Seite. Das Dach eines Anbaues in Sprungweite kletterte Paul auf den Fenstersims. Er sprang. Die Wohnungstür zerbrach an ihren Ankern.


Toni atmete tief ein und zuckte mit den Schultern. Gerne hätte er erfahren, wie es mit Paul weiterging. Leider Ende der Text an der Stelle. Weder den Autor des Romans fand er im Internet, noch den Roman als solchen. In der Sammlung hieß der Text ‚Wendung‘, wie Müller oder Meier als Nachname ein Allerweltstitel.

Die Wohnungstürklingel verspürte ihren Charme gleich einer Straßenbahnglocke. Toni wandte den Kopf, erhob sich von der Brille und drückte seine Nase an das Badezimmerfenster. Ein ginstergelber Lieferwagen mit roter Aufschrift stand zur Hälfte auf der Straße, halb auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig.
„Kann man hier nicht in Ruhe scheißen!“, fluchte Toni und legte das Buch auf die Fensterbank.

„Paket für Krumbein“, stöhnte der Zusteller und hielt ihr eine Schachtel entgegen.
Toni stellte ihr Becken schief, verzog das Gesicht und wies auf die Wohnungstür vis-à-vis. „Die wohnen nebenan!“
Der Paketbote warf seinen Kopf in den Nacken. „Keiner da!“
Den Kopf wendend, die Augen verdrehend, nahm Toni die Postsendung entgegen.
Der Mann legte zwei Umschläge auf die Schachtel. „Und Post.“, pustete er, wandte sich ab und trottete die Treppe hinab.
Erst als sie die Tür schloss, war ihr wieder bewusst, dass sie noch in ihrem Nachthemd steckte.
Toni donnerte das Paket in die Diele. Die Arme verschränkt, marschierte sie in die Küche, warf die Briefe neben einen Teller, auf dem Marmeladenbrötchen lag.

Nachdem sie sich geduscht, das weiße, mit feinen minzgrünen Längsstreifen verzierte Kleid aus ihrer Truhe befreit hatte, schlüpfte sie in dieses hinein. Erworben hatte Toni es, nachdem Bärbel am Vortrag genervt nach Hause gefahren war. Entdeckt hatte sie es bereits beim gemeinsamen Einkaufsbummel.
Nie hätte es Bärbel ihr gestattet, es war zu kurz, oder wie der Admiral zu sagen pflegte, zu freizügig. Ganz zu schweigen von den Sandaletten, die sie gleichfalls aus der Truhe befreite.
Dabei war sie zumindest nach dem Pass sowie dieser Geburtsurkunde in einem Alter, in dem Mädchen dieses durften, verlangten. Einzig dieser dämliche Büstenhalter nervte sie, jedoch wie anders vermochte sie es einen Busen ihr eigen zu nennen.
Dieses Manko musste sie weitere Jahre in Kauf nehmen, denn egal, wie sich kleidete oder benahm, ihre Gene vermochte sie nicht zu verwandeln. Dass ihr Oheim Karl dem nächsten Schritt zustimmte, ging gegen null, auch wenn er ihren Entschluss annahm.
Immerhin war er Bischof, wenn nicht er, wer sonst, konnte, ihren Wunsch Braut Christi zu werden, verstehen. Denn ihr Traum, war kein normaler Traum gewesen, zu echt. Es war eine Prophezeiung, und der Mann niemand anders als der Heiland. Dabei glaubte sie nicht einmal an einen Gott. Dieses war jedoch der Beweis. Irgendwie freute sie sich, war gespannt auf ihre Prüfungen. Sie strich über ihr Kleid. War dieses bereits die Erste?
Bärbel war am Vortag nicht begeistert darüber gewesen, als sie ihr nochmals ihren Willen verkündete. Genauso wenig, wie sie allein auf die Reise zu schicken. Eine Kollegin war erkrankt, und Bärbel als Leiterin, für die Kranke in den Dienst gegangen. Er war von ihr gelogen. Der Admiral hasste Abschiede. Dies wusste Toni.
Sie stieg in ihre Sandaletten, stich über ihre minzgrün lackierten Fußnägel. Tanja würde den Mund nicht mehr zubekommen, wenn sie sie, Toni erblickte. Denn Tanja ahnte nichts von ihrer Entscheidung.
Jedenfalls war Bärbel auf ihrer Seite, obwohl sie sich nach ihrer Meinung in letzter Zeit eher merkwürdig benahm. Dies kam ihr entgegen. Die Tante tauchte mit ihr in ihre Welt ab. Sie war die Mutter und sie, Toni, die Tochter. Toni hatte sich sogar bereits Begründungen zurechtgelegt, dass Bärbel sie Sabine nannte. Wie sie jedoch es schaffen könnte? Sie schmunzelte, stellte sich den Admiral als Puffmutter vor. Wie diese in Wirklichkeit aussahen, wusste sich nicht. Sie kannte dergleichen Frauen nur aus dem Fernseher. So weit, dies war ihr klar, würde sogar Bärbel in ihrer jetzigen Verfassung nicht gehen.
Trotzdem benahm sie sich komisch. Bärbel zürnte nicht einmal, als sie am Vorabend mit einer Flasche Nagellack sich auf dem Sofa an ihre Seite setzte. Ganz im Gegenteil. Sie lackierte ihr sogar die Nägel. Ihr einziger Einwand bestand darin, dass sie himbeerrot für junge Damen besser fände. Nicht einmal als sie sich anschickte ihre Fußnägel zu lackierte, harschte der Admiral sie an. Dabei war sie immer der Meinung, jedenfalls Tanja gegenüber, dass sie bemalte Zehennagel als vulgär empfände.
Für Toni gab es nur eine plausible Begründung. Bärbel hatte Angst. Angst vor ihrer Operation, die in den nächsten Tagen anstand. Sollte sie dann mit Tanja einen Törn segeln? Nicht eher ihrer Mutter bestehen?

Toni stopfte sich eine Brötchenhälfte in den Mund, strich über die Tischplatte, ergriff eine Zugfahrkarte und murmelte, ohne zuvor herunterzuschlucken: „Bremen – Würzburg“.
Sie drehte sich zur Küchenwand um. Fünf vor neun verkündete ihr die Küchenuhr. Mehr als zwei Stunden hatte sie, um sich zu frisieren, sich zu schminken und den Weg zum Bahnhof anzutreten. Wenngleich ihr Talent, ihr Gesicht herzurichten sich in Grenzen hielt, bekäme sie dieses wohl hin.
Es war nicht das erste Mal, dass sie ohne Begleitung Zug fuhr, aber ihre Premiere in einem ICE. Zum Haus der Großmutter hatte sie die eine oder andere Fahrt mit der Bahn unternommen.
Zumindest musste sie nicht umsteigen und ihre Schwester hatte ihr zugesagt, sie in Würzburg in Empfang zu nehmen.

Die beiden Briefe lockten sie. Vielleicht war ihr Inhalt bedeutungsvoll und sie konnte der Tante diese nicht übergeben. Oder sie fand jene zu spät? Einer war an Madame Tanja Tütken, der andere an Frau Tütken adressiert. Sie schwang ihren Kopf. Bis zu einem gewissen Grad war sie Frau Tütken. Jedenfalls vom Amte her.
Über Wasserdampf die Briefe, wie Amanda aus ihrem Jugendkrimi, zu öffnen, verwarf sie. Hatten sie Geheimnisse?

Das Brötchen kam ihr hoch. Was sie las, war totaler Blödsinn. Eine Art Reisebestätigung in extrem schlampigen Deutsch verfasst. Von einem Reiterurlaub stand geschrieben, dass die Absenderin Tanja nicht telefonisch erreicht hätte. Ein Wasserschaden in der Unterkunft verlangte, in baufälliger Pension mit Tochter zu übernachten.
Ihr Zeigefinger tippte auf den Brief. „Riding vakantie – Van Dijk – België 8377 Zuienkerke Meetkerke“, flüsterte sie.
Die verunstaltete Sprache war ihr somit klar, dennoch verwirrte sie der Inhalt. Es sei denn? Konnte es sein, dass dieser Aufenthalt Tanja Aktion war? Die Bitte, die sie ihr abgenötigt hatte, für den Zwischenstopp auf der Insel Ailsa Craig.
Sie ergriff die Briefe, rannte in ihr Arbeitszimmer. Schwer atmend, nahm sie ihr Smartphone zu Hand und strich über das Display. Den Daumen auf dem Glas stockte sie. Möglicherweise war es eine Überraschung und sie vermasselte Tanja ihre Freunde.
Toni warf ihr Telefon auf den Schreibtisch. An ihrem Ohrläppchen zupfend, drehte sie den zweiten Brief.

Sie setzte sich auf ihr altes Bett, das sie zum Lesesofa umgestaltet hatte. Sie schütteltet, die Augen aufgerissen, den Mund aufgesperrt, den Kopf. Das Schreiben segelte zu Boden. Sie biss auf ihren Zeigefinger. Dass Bärbel sie in einem Internat angemeldet hatte, stand fest, obgleich diese ihr dies nicht bestätigt hatte. Jedenfalls hatte Tanja ihr versprochen, auf die Wahl der Anstalt Einfluss zu nehmen. Dabei hatte sie sich längst entschieden. Sie wollte als Antonia zusammen mit ihrer Geburtsurkundenmutter Bärbel auf Weltreise gehen. Die Hoffnungen zerbrachen. Die vor ihr auf dem Bodenbelag ruhende Hausordnung, zeigte ihr auf, dass sie in einem belgischen Internat aufgenommen war. Zum Überfluss unter dem Namen Antonia Tütken.

Übergeschnappt war Bärbel, dass sie nicht richtig tickte von Toni akzeptiert. Sie unter dem Namen dieses Fantasiekindes anzumelden, war für sie ein Ärgernis. Da der Admiral im Amt jedoch beteuert hatte, es wäre nur auf Zeit, eher aus behördlich Natur, weshalb Bärbel sie zu dem Mädchen Antonia verwandelt hatte, hinnehmbar für sie.
Nein! Sie schlug mit den Handballen gegen ihr Stirn. Hatte der Admiral ihr nicht erklärt, dass Antonia pro forma in Frankreich lebe. Sie grinste. Leben? Wie lebte, wohnt eine Fantasiegestalt?
Sie nahm das Anschreiben auf, ergriff den Brief an Tanja, zupfte an ihren Ohrläppchen und pikte ihren rechten Zeigefinger in ihr Kinn, stütze den Kopf auf.
Die Zeitangaben ließen sie stutzen.
Ankunft Hafen am selben Tag Reiterhof, Abschied Reiterhof, Stunden später Begrüßung im Internat.

Die Suche verlief im Sande. Egal, welche Schublade sie herauszog, welchen Schrank sie öffnete, in keinem Versteck fand sie Unterlagen, die ihren geplanten Aufenthalt in einem Internat bestätigten, weder in einen französischen, belgischen noch woanders.
Damit stand für sie fest. Es war kein Spiel, kein Theaterstück. Die Entscheidung gefallen. Der Brief, der Beweis. Bärbel sie immer und ewig verbannte, Antonia zu sein. Der Admiral hatte sie hereingelegt. Sie mit ihren eigenen Waffen geschlagen.
In Bärbels Schlafzimmer angekommen, hielt sie das mit den alten Bildern bestückte Fotoalbum in den Händen. Die ersten Seiten mit Fotos von seiner Mutter Sophia in trauter Zweisamkeit mit Bärbel, wie bei Zwillingen üblich, beide nicht unterscheidbar. Gefolgt von leeren Blättern, auf denen angeraute Fotoecken verrieten, dass diese nicht ihr gesamtes Dasein unbelebt waren. Die hinteren Kartons mit Abbildungen aus Zeiten, in welchen sie ein Kleinkind war.
Sie stutzte, besah sich das Sammelwerk von der Seite. Ein Blatt in der Mitte schien dicker als seine Nachbarn. Mit dem spitzen Nagel des rechten Zeigefingers pulte sie an einer Ecke. Ein Spalt tat sich auf, es trennte sich. Ein für sie bis dato unbekanntes Foto erblickte erneut die Welt.
Junge Erwachsende in eleganter Garderobe lächelten sie, gestaffelt in Reihen, an. Die Damen in festlichen Kleidern, wie sie diese bei Tanjas Hochzeit und dem Ballettabend getragen hatte. Die Herren posierten, gekleidet in schwarzen oder grauen Anzügen mit Krawatte. Beim Lösen aus ihrer Gruft hatte die obere rechte Ecke des Fotos nicht überlebt. Sie fehlte. Ein Schriftzug verriet, dass dieses Stück entscheidend war.
Sie murmelte: „Abi.“
Mit einem Fingernagel fuhr sie über das Foto, studierte jedes Frauengesicht, suchend nach dem Lachen ihrer Mutter. Denn eins wusste sie, Bärbel hatte keine Oberstufe besucht. Sie hatte erst die Schneiderlehre, dann die Ausbildung zur Hebamme abgeschlossen, und, dass sie in späteren Jahren ein normales Gymnasium aufgesucht hatte, schloss sie aus. Toni legte das Bild beiseite, schlug sich an die Stirn. Gerade sie! Sie dachte in Rollenklischees. Sie nahm das Foto erneut unter ihre Augen. Eine Person in einem stahlblauen Anzug, die sie zum Jungen gemacht hatte, enttarnte sich durch ihr zum Pferdeschwanz gebundenes Haar, der ihr über der rechten Schulter lag, sowie durch das Fehlen eines Binders, zu einem Mädchen. Ihr Hals, ihr Ausschnitt einzig geschmückt von einem Geschmeide.

Toni sprang auf, rannte in ihr Arbeitszimmer, kramte eine Lupe aus der untersten Schublade ihres Schreibtisches und hielt diese sich vors Auge. Sie beugte sich abgestützt über den Tisch, öffnete die Schatulle mit den Haargummis und Spangen, in der sie neuerdings ihren Schmuck verwahrte. Zurückgeben hätte sie ihn Bärbel bereits, wenn es ihr nicht gefallen hätte. Modeschmuck mehr nicht, trotzdem für sie ein Andenken an den Ballettabend mit Sonja. Sie streifte über die Steine, die wie echte Brillanten funkelten, betrachte durch die Lupe das Geschmeide um den Hals der Mutter.
Die Knie versagten ihr. Ihren Mund im stillen Schrei verdeckt, brach sie zusammen.



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