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Etma

Foren-Redakteur
Teammitglied
“[...] wenn es eine funktion und eine berechtigung von kunst gibt, dann kann es nur die der innovation sein.” - Gerhard Rühm

Die experimentelle Lyrik ist ein Versuch, ein Wagnis. In diesem Forum darf lyrisch experimentiert werden. Das heißt, Lyrik wird auf die Probe gestellt: Was kann / soll / muss / darf Lyrik, damit sie noch als Lyrik gilt? Oder muss Lyrik etwas anderes als Lyrik sein, damit sie zeitgemäß bleibt? Die experimentelle Lyrik ist oft (aber nicht notwendigerweise) ein Spiel mit dem Aussehen oder dem Klang von Sprache. Verse, Reime und Rhythmen fallen weg oder steigern sich in etwas Neues. Zum Beispiel werden Musik, Malerei oder Informatik genutzt, um lyrische Werke zu erschaffen. Sprache wird dekonstruiert oder neu aufgebaut. Wer experimentelle Lyrik schöpft, arbeitet als Pionier*in und erweitert die Grenzen der Dichtung. Hier wird belohnt, wer ein lyrisches Risiko eingeht, wer dreist ist, sticht und beißt. Der Bruch mit Konventionen wird hier groß geschrieben, das Extreme gesucht.

“[...] das gedicht in versform ist entweder eine historische größe oder, wenn heutig, eine kunsthandwerkliche reminiszenz. ein lebendiges ordnungsprinzip der sprache ist der vers nicht mehr. seine besondere sprache ist abgetrennt von der sprache des gelebten lebens. zwischen dem vers-gedicht und der gesellschaft besteht keine beziehung [...]” - Eugen Gomringer
 
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Tula

Mitglied
Hallo Etma
Nun ja, da kann ich dem Eugen ganz und gar nicht zustimmen. Glücklicherweise sehen das nicht alle so, einschließlich einiger der "großen" Dichter der Neuzeit, die uns noch immer hochklassige Gedichte in Vers-Strukturen anbieten. Für mich ist so etwas elitäres Geschwafel. Es gibt nicht wenige, die gereimte Lyrik anprangern und selbst kein vernünftiges Reim-Gedicht auf die Beine stellen können, so sehr sie sich auch mühen.

Also: experimentell ? - na sicher. Als elitärer Anspruch der "wahren Dichtkunst" - nie und nimmer!
Grüße
Tula
 

Etma

Foren-Redakteur
Teammitglied
Da scheinbar noch Bedarf herrscht könnt ihr nun hier weiter kommentieren
 
Ich kenne den Herrn Gomringer nicht, ich will ihn auch nicht kennenlernen: Er redet Blech. Schlichter kann ich es nicht ausdrücken. Es gibt eine Gefühls- und Geisteslage, ohne die der bewusst lebende Mensch nicht existieren kann: die innere und äußere Heiterkeit. Als Anlage, nicht unbedingt als Dauerzustand. Meinetwegen auch: Humor, Witz, Ironie – eben die Skala der Spielarten. Und all das kommt in der versbefreiten Lyrik kaum oder gar nicht vor. Es kommt bei Goethe vor, bei Busch, bei Morgenstern – bei Rümkorf, Roth und Gernhardt, aber nicht in den frei herumflatternden Wortgirlanden. Wenn es um Heiterkeit geht, ist das Formbefreite überfordert. Ich werde das hier nicht weiter ausführen, denn es genügt, sich umzuschauen, in den Anthologien zu blättern – und vor allem die trostlosen Dichterlesungen der Freitextler zu besuchen. Sie ziehen ihre Girlanden am Publikum vorbei und merken nicht, dass ihnen ab einem bestimmten Sättigungsgrad kein Mensch mehr zuhört. Ich rede keinen Unsinn, ich kenne mich aus. Ich habe gar nichts gegen die freien Rhythmiker, ich habe etwas gegen ihren Hoheitsanspruch. In ihrem Ausdrucksspielraum sind sie begrenzt, in ihren Ausdrucksmöglichkeiten (ohne Vers, Strophe, Form) sind sie eingeengt. Ein gutes Belegbeispiel für diese Einschätzung ist der bereits erwähnte Peter Rühmkorf – der hat im so genannten Experimentellen herumprobiert, wie kaum ein anderer, wenn er dann aber etwas Gültiges sagen wollte, das "ankommen" und "hängen bleiben" sollte, hat er den Vers, die Strophe und die Form gesucht. Ich habe ihn nie live gehört, aber bei ihm hätte ichs vermutlich anderthalb Stunden ausgehalten. Weil er sich mit seinen Gedichten in meiner Erinnerung eingenistet hätte. Oder Gernhardt, der den Verlauf seiner Krankheit bis zu seinem Tod in formgebundenen Gedichten aufgeschrieben hat. Den Tod vor Augen heiter! Leute, wie die Nachfahren der Dadaisten, der Jandl und ein paar andere, die gerne auch "im Freien" herumtoben, gehören zu den erfreulichen Außenseitern: Sie machen es gern frei und trotzdem heiter, sie suchen eher die Sprachspielerei, und weniger das lyrisch Davonströmende.
Joe Fliederstein

Die Bearbeitungsfunktion war noch freigeschaltet – in Eile noch ein Zusatz. Ich habe eine frei arbeitende Truppe vergessen zu erwähnen, ich nenne sie pauschal die "Kalenderblättler": Moralisten, Epigrammatiker, im weitesten Sinne Philosophen, Belehrende, Oberlehrer, Sprücheklopper. Sie alle tummeln sich gern auf der freien Dichterwiese und produzieren Kalenderweisheiten. Zu ihnen gehören auch die Prosaschnipsler, die ein Stück Prosa nach "Gefühl" in Zeilenstücke auseinanderreißen in kleine, kurze, große Stücke, wie das Gefühl es ihnen eingibt. Mit Dichtung oder Lyrik hat das aus meiner Sicht alles nichts zu tun.
 
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Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Das Zitat von Gomringer ist mal gelinde gesagt sehr ungeschickt gewählt.
Keine Lyrikform sollte sich über die anderen Formen stellen und dieser Alleinanspruch der Beziehung zur Gesellschaft ist mir gerade bei experimenteller Lyrik vollkommen schleierhaft, sperrt sie sich doch oft ganz bewusst jeglichem Zugang.
 

Etma

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ist experimentelle Lyrik elitär?


Nehmen wir die konkrete Poesie als Beispiel der experimentellen Lyrik, um die Frage zu durchleuchten, ob die experimentelle Lyrik elitär sei. Das obige Zitat von Eugen Gomringer, stammt nämlich aus dem Nachwort seiner Anthologie "konkrete poesie".

Um kurz den Begriff "elitär" zu klären: "elitär" ist das, was einer "Elite" angehört und die "Elite" ist "eine [...] Gruppe von Menschen mit besonderer Befähigung, besonderen Qualitäten" (Google Definition). Die konkrete Poesie ist gerade dafür geschaffen, für eine breitere Masse zugänglich zu sein.

Indem die konkrete Poesie, Sprache oftmals nicht linear nutzt, sondern weitaus unmittelbarer, wird das konkrete Gedicht im Gegensatz zum Vers-Gedicht einfacher, die Vermittlung von Inhalt schneller. Das Vers-Gedicht wird erst verständlich, wenn man von links nach rechts und von oben nach unten alle Wörter gelesen hat. Das konkrete Gedicht wird zum Teil nach einem einzigen Blick verständlich. Somit ist also schon auf der Ebene der Leser*innen, das konkrete Gedicht durch und durch weniger elitär, weil auch Menschen mit weniger "besonderer Befähigung" zu einem Verständnis und zu einer Interpretation des Kunstwerkes gelangen können.

Nun die andere Ebene, nämlich die Ebene der Dichter*innen: Gerade die konkrete Poesie lädt dazu ein, es sich nicht allzu schwer zu machen. Alle können ein konkretes Gedicht schreiben. Es erfordert vor allem Spiel, und zu spielen lernt man schon als Kind. Nicht alle können aber die hochkomplexe und verschlüsselte Art von Vers- oder Reim-Gedichten meistern, wie es auch Tula angemerkt hat:


Es gibt nicht wenige, die gereimte Lyrik anprangern und selbst kein vernünftiges Reim-Gedicht auf die Beine stellen können, so sehr sie sich auch mühen.

Also ist das konkrete Gedicht, als Beispiel der experimentellen Gedichte, sowohl auf der Ebene der Rezeption, als auch auf der Ebene der Erschaffung, weniger "elitär".



Wozu also experimentelle Lyrik?


Hierzu möchte ich Adorno zitieren. Weiterhin möchte ich betonen, dass dies lediglich als Inspiration für das eigene Schaffen dienen soll. Versteht dies als Einladung zum Experimentellen:

“[...] denn in der kunst ist es so: dass genau das, was sich für sich gesichert hält und für nicht experimentell, was also mehr oder minder sich im rahmen dessen hält, was schon vorgegeben ist, dass das zumindest in unserer situation heute völlig uninteressant und gleichgültig ist, dass es klischee ist, dass es ein bloßes nachbeten von formen ist, die ihre verbindlichkeit längst verloren haben und dass überhaupt nur das, was sich über diesen vorgegebenen umkreis hinauswagt, also das was die spießbürger experimentell nennen, überhaupt nur das eine chance hat, etwas wesentliches zu treffen und den zusammenhang, den verblendungszusammenhang der klischees und der vorgegebenen formen zu durchschlagen. ich würde also, wenn ich es einmal paradox ausdrücken darf, sagen, dass man beinahe auf der sicheren seite ist wenn man experimentiert, während, wenn man nicht experimentiert, dann verliert man erst recht alles.” - Theodor W. Adorno


YouTube: Adorno im Gespräch mit Stockhausen, 13:59-15:00
 

Tula

Mitglied
Hallo Etma

Kunst selbst ist sicher nie elitär, sondern gewisse Verfechter ganz bestimmter Richtungen, die uns davon überzeugen wollen, dass das allgemein Gängige in Wirklichkeit wertlos sei, weil, wie angegeben, nicht mehr dahinter steckt, als eine bloße Wiederholung althergebrachter Formen.
Jeder versteht, dass jemand, der wie Rembrandt malt, damit keine Preise gewinnt. Das hat mehr als einen Grund. Natürlich unterliegt Kunst wie alles andere dem steten Drang der Entwicklung und "Innovation" (dieses erste Zitat unterschreibe ich gern). Zum zweiten ist Kunst ja auch ein Markt, in welchem es ebenfalls um klingende Münzen geht. Also gewinnt kein Rembrandt, den man nicht vermarkten kann.

Mal davon abgesehen, dass wir hier in einem Literaturforum sind, welches nicht umsonst fünf verschiedene, gleichberechtigte Ecken für Lyrik eingerichtet hat, würde ich noch zwei weitere Aspekte anbringen:

1) Dada, konkrete Poesie und anderes sind heutzutage nichts Modernes mehr. Ich sehe da zumindest als Prinzip keine Innovation mehr, diese Unter-Gattungen der experimentellen Lyrik gibt es dafür schon viel zu lange.

2) Man sollte nicht nur auf Formen schauen, sondern auch auf sprachliche Verarbeitung neuer Gedanken. Ein herzhaftes Reim-Gedicht zu einem aktuellen Thema ist mindestens genauso unterhaltsam wie ein originelles(!) Dada oder Sprach-Klang-Experiment. Die Frage was dabei 'moderner' ist, wird belanglos. Und selbst das verschmähte Sonett kann auch heute noch sprachliche Überraschung und Neuwert bieten. Die Form schränkt nichts ein, eher die sprachlichen Grenzen bzw. Begrenztheiten des Autors.

Fazit: Gut ist, was unterhält.
Kommt natürlich auf das Publikum an.

LG
Tula
 
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Etma

Foren-Redakteur
Teammitglied
Um mich aber vielleicht etwas milder auszudrücken: Ich halte die Zitate die ich gebracht habe keineswegs für kategorisch richtig. Sie sollen nur als Möglichkeit dastehen, damit wir uns auch in anderen Bereichen erproben. Die Grenzen jeder Ebene von Lyrik austesten. Der Vers ist ja auch nur eine Ebene von Lyrik und es lohnt sich vielleicht mal zu schauen, was uns der Vers bringt und ob wir ihn immer benötigen.

EDIT: Tula, ich denke wir widersprechen uns gar nicht so sehr.
 

revilo

Mitglied
Auf der letzten Buchmesse in Leipzig bin ich voller Vorfreude zum Stand von Poetenladen gegangen , relativ schnell habe ich aber entsetzt Fersengeld gegeben. Es war eine Diskussion im Gange. Furchtbares , elitäres Geschwätz. Kein einziger gerader Satz . Und die Typen , die so schlau daherredeten , sahen so aus, als ob ihnen Mutti noch die Bremsspuren in der Unterhose wegschruppt. Schauderhaft . Damit seid ihr natürlich nicht gemeint . Aber wenn ich diesen selbstverliebten Mist von Gommringer und Adorno lese , fühle ich mich in die grauen Zeiten meines Soziologie - Grundkurses versetzt . Lg revilo
 

Mondnein

Mitglied
Was mir bei den Beiträgen zum Experimentellen im Allgemeinen hier oben fehlt, ist der
musikalische Aspekt der Sprache. Der kann den inhaltlichen überwiegen, oder sich ihm fügen. Inhalt spielt mit Form, Form spielt mit Inhalt. Auch sonst, auch im Gereimten, auch im Unreimen, auch im Zodiakus der Zwölftöner, auch im der Ein-Ton-Melancholie z.B. des "Julia"-Lieds von John Lennon. Ich meine nicht (außer beim letzten Beispiel) das, was Musik von außen an Texte heranträgt, sondern die innere Musikalität, den Rhythmus-Rhema-Spannungsbogen der Verse. Schwitter, Jandl, Joyce (Finnegans Wake).

Ein dreitausend Jahre altes Beispiel (Rgveda 10,129,1a)
nâsad âsîn no sad âsît tadânîm
nicht nichtsein war kein seiendes war damals

Ein tiefer Seufzer über die Feinde der Sprachmusik.

Aber im "Experimentellen" wird man uns vielleicht in Frieden lassen (von den Voranmerkungen bzw. der natürlich offenen, verbotsfreien Rahmendiskussion hier oben abgesehen). In Zukunft, meine ich. In Vergangenheit (bis vor wenigen Tagen noch) wurde man in diesem Kindergarten hier verprügelt, der falschen Kleidung wegen.

In einem Dichterforum sollte es erlaubt sein, die Musikalität der sprachlichen Künste und Wünste gelten zu lassen.
Ohne gleich als elitär verprügelt zu werden.
 

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