Frau Wolpertingers wunderbare Wohngemeinschaft, Teil I

Isbahan

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Prolog


Wer sich nach den 68ern noch traut, im fortgeschritten Alter wieder in eine WG zu ziehen, dem ist offensichtlich nicht mehr zu helfen. Muss meine Maklerin gedacht haben, als sie mir ein Zimmer in einer offenen WG „für Pendler und Studenten“ schmackhaft machen wollte. Nach meiner Scheidung hatte ich als Spätberufene mit Vierzig nochmal ein Studium angefangen, arbeitete halbtags und suchte dringend ein kostengünstiges Appartement.
Gleich beim ersten Besichtigungstermin prophezeite mir die Maklerin, wenn ich in eines dieser Wohnklos in den Betonsiedlungen außerhalb der Stadt zöge, sehe sie mich schon als autistischen Single in kalter Einsamkeit vom Balkongeländer des einundzwanzigsten Stockwerks stürzen.
Sie habe da eine bessere Idee:“Nur vier Bewohner pro Etage, alles offen, gemeinsame Küchenbenutzung … zwei Zimmer habe ich bereits vermietet, ganz nette, kultivierte, junge Leute: Ein Lehramtsanwärter aus Stralsund und eine Rechtsreferendarin aus Berlin. In einer WG sehe ich Sie viel besser aufgehoben, Frau ...äh?“

Das Haus stellte sich dann de facto als eine, von polnischen Handwerkern bewohnte Baustelle heraus. Die liederliche Außenwirkung des Mehrfamilienhauses war dem niederländischen Besitzer, Willem van de Abzockers zu verdanken, der mit Null Investition und polnischen Tagelöhnern zahlreiche Schrottimmobilien billig runderneuern ließ, um sie dann teuer an Studenten oder als Single-WG`s zu vermieten. Die Hochschule Rhein-Vaal hatte an der kleinen Oase Kleve angedockt und Willem witterte ein Riesen-Immobiliengeschäft.
Mit dem Lächeln einer Hyäne schwor mir die Maklerin beim St. Kautionius (Schutzheiliger der Makler und Gaukler), in vier Wochen wäre alles bereit und tipptopp bis zu meinem Einzug.
Ich hätte sie fragen sollen, warum die beiden polnischen Bauarbeiter, Lolek und Bolek, sich bei ihrer Aussage mehrfach unauffällig bekreuzigten, bevor sie wieder zur Wodkaflasche griffen.
Und die Maklerin hätte mich aufklären können, dass Willem van de Abzockers unter „Single“ so ziemlich alles verstand, was Obdach suchte: Polnische Wanderarbeiter, Psycho- und Soziopathen, Jungs, die gerade aus dem Knast kamen … und dass sie den Auftrag hatte, jeden zu nehmen, der bereit war, horrende Summen für ein Zimmer zu bezahlen, mit spärlich eingerichteter Küche und einem Gemeinschaftsbad mit WC, pro Etage …
Statt dessen wurde ich als solvente Mieterin Willem van den Abzockers vorgestellt, der den jovialen Menschenfreund gab, so dass das Unglück seinen Lauf nehmen konnte …



I. Maria und die Wellness-Oase

Nachdem der gröbste Bauschutt geräumt war, zog ich ein – Lolek und Bolek hatten am Tag zuvor noch eben mal eine Wand in meinem Zimmer aufgestemmt, um ungebeten dort ein Waschbecken anzubringen. Wahrscheinlich dachten sie, es handele sich um ein Hotel- oder Pensionszimmer, jedenfalls stand ich fassungslos mit meinen Umzugsleuten vor einem Riesenschutthaufen und diesem Waschbecken. Eigentlich sollte dort mein Schreibtisch stehen. Das konnte ich nun knicken - der Umzugswagen stand unten auf der Straße und meine Sachen vor der Tür …
Meine Möbel wurden irgendwie provisorisch untergebracht, danach machte ich mich auf die Suche nach meinen Mitbewohnern, doch die schienen ausgeflogen. Bei meinem ersten Besuch im Gemeinschaftsbad konnte ich mir in aller Ruhe ein Bild von ihnen machen: Auf der rechten Seite der Dusche herrschte drangvolle Enge von ca. dreißig Badeutensilien, die sich über- und hintereinander stapelten. Zwischen exklusiven und teuren Fläschchen und Tiegelchen einer einschlägigen ich-bin-es-mir-wert-Kosmetik stach eine Flasche mit dem vollmundigen Logo „Volumenwunder“ ins Auge. Ich konstatierte, dass Mme Rechtsreferendarin nicht nur das Rechtswesen, sondern auch ihr Haupthaar fluffig pflegte. Das war also die Damenabteilung.
Die linken Seite der Nasszelle war überschaubar: Zahnbürste, Duschgel, Nassrasierer, Rasierschaum, aus die Maus. Der Nachbar aus dem Osten zeigte demonstrativ Abkehr vom Konsumterror des alten Klassenfeindes. Da in der Damenabteilung kein Platz mehr war, stellte ich mein bescheidenes Sortiment an Anti-Aging-Produkten aus dem Drogeriemarkt meines Vertrauens an seine Seite: Freundschaft!
Somit war ich aktives Senior-Mitglied dieser Wellness-Oase.
Dachte ich.

Nur hatte ich nicht mit der Egomanin Maria gerechnet, die in ihrer Suite gleich neben dem Bad residierte. Beides lag in einem separaten Eingang – und daher glaubte Maria, das Bad besetzen zu können, als gehöre es ihr allein.
Am nächsten Morgen wurde mir der Zugang verwehrt – beunruhigend, denn im Bad befand sich die einzige Toilette auf der Etage.
Ich hörte, wie im Bad das Wasser rauschte: Mme unterzog sich offensichtlich gerade einer nichtöffentlichen Sitzung und ihrem morgendlich Business-Ritual.
Ich wartete. Und wartete …
Das es Menschen gibt, die in solcher Ausgiebigkeit duschen, kannte ich bislang nur im Rahmen meiner Berufstätigkeit – aus der Psychiatrie, von zwängelnden Patienten.
Ich klopfte höflich.
Zu gerne wollte ich nur meine Notdurft verrichten - um anschließen der Hohepriesterin ritueller Wasserzeremonien generös alle Hähne zum Aufdrehen wieder zu überlassen.
Warten macht gefügig.
Und demütig.
Je dringender frau muss ...
Doch Madame schien sich einen feuchten Dreck um die Blasenprobleme älterer Mitbewohnerinnen zu kehren, überhörte geflissentlich mein Klopfen und ließ weiter fröhlich das Wasser plätschern.
Um mich abzulenken, pendelte ich eine zeitlang in gebeugter Oberschenkel-Klemme zwischen Bad und meinem Zimmer hin und her. Bis auch das nicht mehr ging. Irgendwann konnte ich nur noch an der Badezimmertür kratzen und meinem Blasensprung entgegen wimmern.
Unter der Folter begannen meine Gedanken zu entgleiten:
Das Wasser rauscht ...jaaa, spritz dir die ganze Pulle „Volumenwunder“ aufs Haar, du Bitch!
Das Wasser rauscht ...jaaa, leck da drinnen die Fliesen ab, du Luder!
Das Wasser rauscht... Komm! Jetzt! Raus! Miststück!
Plötzlich wurde es still. Endlich.
Doch dann hörte ich den Föhn. Scheiße! Jetzt föhnt die sich auch noch in aller Ruhe die Haare.
Was kommt noch alles: Eincremen, Enthaaren, Maske auftragen, Schminken …?

Als Maria mir endlich die Tür öffnete, schlitterte ich in höchster Not durch die dampfende, klitschnasse Tropfsteinhöhle zum WC, wobei ich mir fast den Oberschenkelhals brach.
Während ich erschöpft und ergriffen dem Plätschern eines nicht enden wollenden Strahls lauschte, schwor ich bereits am ersten Tag, gegen diese Warmduscherin beim Bundesgerichtshof Klage einzureichen ...




weitere Kapitel folgen
 
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@Isbahan: Liebe Isbahan! Ein sehr interessantes Thema. Hier kann man verschiedene Charaktere auf einander prallen oder ganz im Gegenteil überraschend harmonisch koexistieren lassen. Ich wünsche dir gutes Gelingen!
Mir persönlich haben 5 Jahre Studentenwohnheim in den jungen Jahren gereicht. Als ich daraus kam, verspürte ich einerseits Dankbarkeit für die gute Lebensschule, andererseits versprach ich mir: "Nie wieder!" :)
LG Liselotte
 

Isbahan

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Liebe @Liselotte Kranich, da ich gerade plane, eine "WG50plus" aufzumachen, habe ich diese ältere Erzählung nochmal rausgekramt und überarbeite sie gerade. Sie ist weitestgehend autobiografisch, natürlich erzählerisch so verfremdet, dass sich niemand wiedererkennt, doch ich habe sie genau so erlitten ;)
 

Isbahan

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Liebe @Inge. B :Freut mich, dass Du mit im Boot bist ... es folgen noch zwei weiter Kapitel und: Es wird lustig, versprochen! ;)
Morgen habe ich wieder Zeit zum tippen, da kommen die Handwerker ...
 

Isbahan

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Hallo @Rainer Zufall: Wie schön, dass Du auch dabei bist, so macht es doppelt Spaß, morgen den nächsten Teil einzustellen.
Da kannste mal lesen, was Dir (und Deiner Frau) alles entgeht, so ohne WG ;)
 


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