Frau Wolpertingers wunderbare Wohngemeinschaft Teil II

Isbahan

Mitglied
II. Die Prinzessin aus Bhutan


Beim ersten Rudel-Kochen am Abend in unserer gemeinsamen WG-Küche isistierte ich, deutlich gereizt, auf einem Badnutzungsplan für den frühen Morgen.
Malte aus Stralsund rührte versunken in seinem Bio-Vollkorn-Haferbrei aus nachhaltigem Getreideanbau und referierte, er stehe ja mehr "so auf themenzentrierte Interaktion nach kognitiv-lerntheoretischem Konzept", ich solle doch meine Thesen mal schriftlich ausarbeiten ... abschließend sei er der Meinung, das reguliere sich von selbst, er würde notfalls auch draußen, in den Garten pinkeln …
Super Idee.
Ich atmete ein. Ich atmete aus.
„Fein“, entgegnete ich, „als Stehpinkler bist du da fein raus. Ich bin wohl einfach zu prüde, um morgens zwischen Tag und Tau rauszuhechten und mich hinter die Rabatten zu hocken, nur weil unser Bad stundenlang besetzt ist.“
Maria stand am Herd und lauschte fein lächelnd unserem Disput, während sie drei Möhren und zwei Kartoffeln beobachtete, die sie in einem fünf-Liter-Topf schwimmen ließ. Nachdem sie sie eine halbe Stunde unter fließendem Wasser geschält und geduscht hatte.
Dann hub sie zu sprechen an: Das BGB regele ausreichend alle Primärverbindlichkeiten, eine Badnutzung hingegen sei eine Sekundärverbindlichkeit und sie persönlich sei da ungeheuer flexibel …
Ach. Was.
Am nächsten Morgen war das Bad wieder abgeschlossen – und Beckenbodentraining angesagt.
Nur meiner emotional gereiften Zurückhaltung, gepaart mit akademischer Beißhemmung, hatte Maria es zu verdanken, dass ich ihr nicht an die Gurgel gegangen bin, um sie standesrechtlich zu meucheln, als sie wieder nach gefühlten Stunden aus dem Bad kam.

Im Laufe der nächsten Zeit stellte sich heraus, dass Mme Volumenwunder einen niederländischen Freund hatte. Wenn sie vorhatte, ihn an den Wochenenden zu besuchen, lief sie erst so richtig zu Höchstform auf: Tags zuvor schlief sie sich so richtig satt – um ausreichend Kraft zu tanken für ihre Wochenend-Zwängelei. Generös meldete sie das vorher an – um uns wenigstens eine reelle Chance für hastig verrichtete Grundsäuberung und unsere Notdurft zu gewähren. Dann schloss sie sich ein und für weitere drei Stunden wurde das Bad von ihr okkupiert und so lange geduscht, bis sich die Kacheln von den Wänden lösten.
Mit gemischten Gefühlen sahen Malte und ich ihr hinter, wie sie schließlich, mit fluffig geföhntem Haar, dem Bus nach Nijmegen entgegen schwebte.
Keine Ahnung, was Maria so lange im Bad getrieben hat - selbst wenn ich Waschen, Färben, Föhnen, Enthaaren, Augenbrauen zupfen, Maske, Schminken einkalkulierte, kam ich nie und nimmer auf geschlagene drei Stunden.
Zähneknirschend beschlossen Malte und ich, uns zu solidarisieren – und sannen darüber nach, ihr einen Flyer anzufertigen: "Anonyme Warmduscher&Badbesetzer" und in ihren Briefkasten zu stecken.
Monate später schoben wir ihr eine "Einladung zur Selbsthilfegruppe anonymer Zwangerkrankter" unter der Badezimmertür durch. Danach zog sie bald aus und zu ihrem holländischen Freund nach Nijmegen. Seitdem versinken die Niederlande vermutlich um 62,8% schneller, während unser WG-Bad nun allen jederzeit zum Wellness-Pinkeln zur Verfügung stand.



Wochen später ließ eine junge Frau aus dem Reich des Donnerdrachens, dem Königreich Bhutan, ihr Jugendzimmer von Mama und Papa und einem Hofstaat von zehn engsten Freunden bei uns einziehen. Ja, richtig: Sie ließ einziehen. Sie selber rührte keinen Finger, schleppte kein einziges Möbelstück, sondern telefonierte nur ununterbrochen.
Mein Erstkontakt mit ihr fand in unserer WG-Küche statt, wo sie amüsiert unseren Putzplan studierte und unaufhörlich dabei kicherte. Sie sei, plapperte sie gleich munter drauflos, das Jüngste unter zahlreichen bhutanesischen Geschwistern – und noch nie, niemals habe sie kochen, geschweige denn putzen müssen!
„Na, dann lernst du es hier!“, klopfte ich ihr aufmunternd auf die Schulter und verschwand schleunigst in meinem Zimmer.

Wochenlang habe ich schweigend und in buddhistischem Mitgefühl für ihre schwierige Situation verbracht und nur beobachtet, wie sie überall Chaos verbreitete und in der Küche herumsaute. Dann beendete ich meine Schweigemeditation abrupt und drückte ihr einen Besen in die Hand:
„Ich verstehe deine schwierigen Lebensumstände, als Prinzessin im Hotel Mama. Und dann musstest du noch verkraften, dass euer König inzwischen anderweitig liiert ist ...“
Das war doch außerordentlich höflich, oder?
Malte hatte ich anfangs nur angebellt:
„Bei der Truppe gedient?
Nein?
Zivildienst gemacht?
Nein?
Wenigstens Praktikum, soziales Jahr?
Nein?
Menschenskind, was habt ihr Jungs bloß gemacht, im Osten?
Was sagt man(n), wenn er einer erwachsenen Frau gegenübersteht:
Nicht die Mama! Nicht die Mama! Nicht die Mama!
Noch Fragen?"

Ich war es gewohnt, beruflich Praktikanten in alle Aktivitäten des täglichen Lebens (Kaffeemaschine bedienen, Spülmaschine befüllen, Wäsche waschen, etc.) einzuweisen, bevor ich überhaupt Berufliches angehen konnte – doch privat hatte ich wenig Bock darauf, erwachsene Mitbewohner*innen so lange „auszubilden“, bis ihre Alltagsfähigkeiten zum eigenhändigen Schmieren eines Butterbrotes ausreichten, einschließlich anschließender Entfernung sämtlicher, dabei verwendeter Küchen-Utensilien.
Schon aus diesem Grund hatte ich an der Prinzessin aus Buthan nur eine kurze Freude.
Ihr anstrengendes Studium der Kommunikationswissenschaften bestand darin, morgens erst mal sehr lange zu schlafen. So bis Mittag. Danach telefonierte sie pausenlos per Handy, Laptop und via Skyp mit ihren zahlreichen, innigsten Freunden auf der ganzen Welt und bei Facebook. Gleichzeitig schob sie dabei hre Frühstücks-Pizza in den Ofen, putzte ihre Zähne, schminkte sich oder bürstete ihr Haare über ihrem Teller.
Was unseren Putzplan anging, wartete sie scheinbar auf ein Wunder: Dass der Müll sich wie durch Zauberhand selbst sortierte und entsorgte, Mülleimer sich selbständig leerten, Putzmittel, Klopapier Gewürze und Grundnahrungsmittel sich automatisch auffüllten und Herd, Backofen und Mikrowelle sich selbsttätig reinigten.
Das Bruttoszialglück in Bhutan ist sicherlich angestiegen, seitdem sie dort nicht mehr weilte - meines nahm eher durch ihre Anwesenheit ab: Die Prinzessin war ein märchenhaft faules Stück.

Sie war auch das Partygirl unserer Etage. Ab 22Uhr wurde sie umtriebig - und nachtaktiv wie ein Vampir.
Eines Morgens, als die Welt für mich noch in Ordnung schien, fand ich sie halbnackt und leblos im Bad – zusammengerollt auf dem Badezimmer-Flokati, tief und fest schnarchend. Nachdem ich lebenswichtige Körperfunktionen gecheckt und sie mehrfach gerüttelt und geschüttelt hatte, war klar: Die Prinzessin war hackedicht. Asiaten vertragen keinen Alkohol, sagt man - jetzt hatte ich mal ein Anschauungs-Objekt: Stimmt.
Meine gut gemeinten Versuche, sie wachzuklopfen, von der Flauschmatte hochzuwuchten und das gehasselhoffte Geschöpf in ihr Bett zu bekommen, goutierte sie mit einschlägigem „fuck you!“-Gebrabbel. Andere, schlimmere englische Verwünschungen nahm ich ihr übel – zu ihrem Leidwesen war ich der englischen Sprache - und einigen Flüchen - ebenfalls mächtig.
Als sie am nächsten Tag einigermaßen ausgenüchtert war, bat ich alle zum klärenden Gespräch in unsere WG-Küche. Nachdem sie vehement alle Vorwürfe hinsichtlich ihres unsozialen Verhaltens und ihrer alkoholischen Exzesse abgestritten hatte, war mein Vorschlag: Sie möge besser wieder ins Hotel Mama zurückkehren, für eine WG sei sie mit Anfang Zwanzig einfach noch nicht reif genug.


Als sie uns dann nach einiger Zeit mit ebenso viel Trara verließ, wie sie eingezogen war (ihre armen Eltern mussten wieder den Umzug alleine stemmen), zog in der Etage unter uns, die bislang von zwei Männern bewohnt war, eine straßenköterblonde, etwas abgelebte Lebedame aus dem „Milieu“ mitsamt räudiger Katze ein. Seitdem ging es unten noch lauter und lustiger zu, denn man kannte sich offensichtlich, war sogar miteinander verwandt, wie sie mir im Treppenhaus erzählte: Sie sei aus Griechenland wegen der Wirtschaftskrise „geflüchtet“, habe deutsche Wurzeln, wie ihr Bruder, einer der beiden Mieter unten. Der sei „krank“ und sie nun verantwortlich, ihn zu versorgen.
Ihr Bruder machte eigentlich keinen kranken Eindruck. Nur den eines Kleinkriminellen. Und den eines Kiffers. Und Dealers. In der unteren Etage wurde so ziemlich alles illegal verkloppt – das hatten Malte und ich bereits beobachtet. Dort herrschte Tag und Nacht ein reges, geschäftliches Treiben: Autos wurden an- und verkauft, Fahrräder … sicher wanderte auch das eine oder andere Päckchen mit gewürz-ähnlichem Inhalt von Hand zu Hand. Jedenfalls roch es öfters danach.
Nun kamen zur allabendlichen Geräuschkulisse noch einschlägige Geräusche anderer Art hinzu: Die griechische Lebedame hatte Herrenbesuch. Ziemlich oft. Von ziemlich vielen Herren ...



Teil III folgt
 
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