Frau Wolpertingers wunderbare Wohngemeinschaft, Teil III

Isbahan

Mitglied
III. Das original bayrische Dirndl und die Jungs aus Schafskäseland


Kurz vor Weihnachten nutzten Malte und ich die kleine Verschnaufpause, in der das Zimmer der Prinzessin aus Bhutan noch nicht weitervermietet war und schoben täglich neue Pizza-Kreationen in den Ofen, um uns für WG-Castings zu rüsten. Nicht dass wir neue Mitbewohner casten wollten oder irgendein Mitspracherecht gehabt hätten: Wir waren es, die täglich begafft wurden.
Willem van de Abzockers sprintete mit der Maklerin und irgendwelchen Interessenten fast täglich unangemeldet durch unser Refugium.
Dabei kam es immer wieder zu bizarren Situationen, beispielsweise, wenn sie abends, nach zwanzig Uhr vom Flur durch unsere offene Küche stapften und sich keinen Deut darum scherten, dass wir dort waren – ich, beispielsweise im rosa Flauschanzug Bilder malend und Malte, in seiner XXL-Schlaf-Schlabberbuxe vor dem Herd, der sich Spiegeleier briet.
“ … ja und hier kann man sehen, was man aus einer Gemeinschaftsküche so alles machen kann, mit Vitage-Möbeln vom Flohmarkt und ein klein wenig Geschick und Sinn für Deko ...“
Oder früh morgens: Malte saß gerade in karierten Unterhosen am Küchentisch und kellte sich stoisch seinen Bio-Grießbrei direkt aus dem heißen Topf rein, den er auf die Niederrhein-Nachrichten vom Vortag gestellt hatte. Ich kam, mit Lockenwicklern auf dem Kopf und ebenfalls in Unterwäsche, gerade aus dem Bad gewuselt, als mich im Flur drei Interessenten plus Maklerin neugierig musterten. Da hatten Malte und ich einfach keine Kraft für einen herzlichen Willkommensgruß. Wir fühlten uns eher vorgeführt, wie seltene Tiere im Zoo.
Daher entwarfen wir eines Abends dieses Schild:
VORSICHT: FREILAUFENDE BEWOHNER!
BITTE NICHT FÜTTERN!
und hängten es, gut sichtbar, an unsere Küchentür.



Nicht lange, da wurde uns eine neue Mitbewohnerin angekündigt: Josefine aus Bayern.
Sie und ihre Entourage überraschten uns eines Nachmittags, wie ein bayrisches Unwetter: Laut, stürmisch, alles beiseite wirbelnd:“Grüaß eich, hier kimmt die Josi!“
Die bayrische Mama platzierte sich unaufgefordert am Kopfende des Tisches, fuhr ihrer Josefine stolz übers lockige Haar und strahlte:“ Dös is mei Josi. Ganz eine Begabte - und was ganz Bsonderes, gell, Josi?“
Doch ihre Josi blickte nur kurz unwirsch von ihrer Gitarre auf, an der sie nervös herumzupfte und brummelte: “Macht`s hi mit die Möbeln, Mama! Der Papa muss heim, oarbeitn!“
Die Freundin von der Josi, die Miri, fand das scheinbar auch, jedenfalls nickte sie bekräftigend.
Es war klar: Die Mädels wollten unter sich sein. Und das schnellstmöglich.
Doch da hatten sie nicht mit der Mama gerechnet. Die ließ sich alle Zeit der Welt und wollte erst mal die Mitbewohner ihrer Josi checken: „Jo, habt`s ihr denn kei` Hauswirtschafter hier? Und euer Glump zum Putzen, is das Bio? I putz nur mit Bio. Dös geht fei net, dass die Josi ihre Möbeln hier so reinghaun werdn. Da muss ich erscht feucht durchfeudln, durch den Saustall!“
Also rief sie erst mal den Familienrat zusammen und Malte und ich traten diskret den Rückzug an und verdrückten uns in unsere Zimmer. War auch kein Platz mehr für uns am Tisch …

Am nächsten Morgen saß der bayrische Clan bereits – oder immer noch? - in der Frühe einträchtig am Tisch und so zogen wir uns erneut zurück, um gemeinsam in der Stadt zu frühstücken.
Als wir nach der Arbeit zurückkamen, war unsere Küche immer noch besetzt - und alle bester Stimmung: Die Mutti hatte Spaghetti gekocht, der Papa eine Flasche Wein spendiert, die Freundin den Nachtisch gezaubert … nur die Josi, die saß mit ihrer Gitarre da und hatte nix gemacht. Dafür war ihr Geklampfe und Gesinge unüberhörbar: „I bün a byrisches Mä-hä-döl ...!“

Die nächsten Tage war bei uns ein solcher Betrieb – vor allem im Bad – dass wir seufzend das Feld räumten. Zwischen den überall verstreuten Familienklamotten, unausgepackten Kisten und Tüten mussten wir Slalom laufen, an Sitzen in der Küche war nicht zu denken, nicht mal an Stehen. Langsam wurde es uns zu eng. Und zu nervig.
Nach vier Tagen Dauerbesetzung, begleitet von Josis Geschrammel auf der Klampfe, nahmen wir die dauerputzende und -kochende Mama mal in der Küche beiseite, um sie ein wenig auszufragen: Wie lange denn der Clan gedachte, UNSER ALLER Küche zu okkupieren …?
„Och,“ hub die Muddi an, „so oan- zwoa Wochn, das müßt scho` reichn … mei Josi, die is ja so überfordert und ihrn Wurzln entrissn, do muss i schon a bissl hölfn, bis die sich hier einglebt hot, dös arme Ding ...“
Alles. Klar. Malte und ich sahen uns schweigend an. Wie zwei Verschwörer. Die Situation musste geklärt werden.
Das war einfacher gesagt, als getan. Der Papa war ja bereits sang- und grußlos verschwunden – aber wie sollten wir die Muddi loswerden?

Unverhofft kam uns das Schicksal zu Hilfe: Wir hatten nämlich kein gutes Chi.
Meinte die bayrische Muddi, nachdem sie sämtliche Möbel ihres Kindes abgewaschen, deren Krimskrams eingeräumt und deren Bude und Fenster geputzt und sämtliche Räume ausgeräuchert hatte. Weihrauchschwaden waberten durchs ganze Haus, so dass sogar die Jungs von unten neugierig bei uns vorbeischauten, um abzuchecken, ob wir gerade einträchtig Joints rauchten.
„I sogs net gern, ober: Dös is a saumiserabels Chi, wo i jemals ausgräuchert hob!“, konstatierte die Muddi und: Um das zu beheben, müsse sie wohl länger als geplant bleiben …
Als das die Josefine im Vorbeigehen hörte, kreischte sie ihre Mutter auf bayrisch an, die sogleich zur Salzsäule erstarrte. Zu gerne hätten wir inhaltlich alles mitgekriegt, verstanden aber wegen des Dialekts leider nur die Hälfte: Von nicht loslassen können war die Rede, von Übergriffigkeit – und dass die Josi endlich mit ihrer Freundin Miri allein sein wollte, basta!
Wir hätten gerne geklatscht. Zeigten uns aber angemessen betroffen, als die Mutti zu weinen begann.
Sie habe es doch nur gut gemeint, schluchzte sie, und wolle doch nur noch ein paar Tage bleiben und für ihre Josi was einkochen …
„Schluss!“, fauchte ihr Kind. „Die Miri und i, wir brauchn unsre Ruh beim schtudiern!“
Der Streit eskalierte zusehends und wir zogen uns wieder – wohlig erregt – in unsere Zimmer zurück. Sah ganz so aus, als wären wir die Problemmuddi bald los …

Tatsächlich, nach dem Streit dauerte es nicht lange und sie packte ihre Koffer. Und zog von dannen – jedoch nicht, ohne uns mit ihren düsteren Prophezeiungen und Verwünschungen zu beglücken: Wo ihre Räucherware nichts hatte ausrichten können, das wäre auch für ihre Josi kein gutes Sein. Das würde sicher bald ein böses, böses Ende nehmen …!
Mich nahm sie vor ihrer Abreise nochmal zur Seite: Bittschön, sieh zu, dass meine Josi auch regelmäßig was isst, ja? Dös is so eine Nervöse …!“
Darüber hätte sie sich wirklich keine Sorgen machen müssen. Kaum war die Mutti weg, okkupierten täglich zehn beste Studi-Freunde von Josi und Miri unseren Herd und die Küche. Die Josefine brauchte Gesellschaft. Und Publikum, für ihr Geklampfe. Auch Nachts. Da wurde oft und viel gemeinsam gesungen … und unser WC belegt.
Daher waren wir auch, milde ausgedrückt, nicht sehr bekümmert, als die beiden bayrischen Mädels uns eines Tages mitteilten, es sei ihnen „alles irgendwie zu eng“. Schon nach drei Monaten Anwesenheit zogen sie aus – und Malte und ich klatschten uns ein fröhliches „give my five“ in die Hand und feierten bis in die Nacht, dass unser Problemkind Josi endlich mit ihrer Freundin abgedampft war.
Unseren anstrengenden Job als Ersatzeltern für unsere Mitbewohner*innen, mit dem vollem Erziehungs-Programm: Einfühlsame, pädagogische Einzelgespräche, Heimwehberatung, Alltagsfähigkeiten trainieren, Regeln aufstellen, Liebeskummer-Erste-Hilfe, Psycho-Coaching vor Semesterprüfungen ...konnten wir nun, nach zwei Jahren WG, ad acta legen. Also nicht wirklich. Malte machte das zu seinem Beruf: Er bestand sein Lehrer-Examen und ließ mich allein zurück. Und ich ahnte, dass auch meine Zeit in der „WG für Pendler und Studenten“ bald vorüber sein würde.


Als ob meine diffusen Vorahnungen in handfeste Absichten verwandelt werden sollten: Es zogen – und das ist sehr freundlich formuliert - am zweiten Weihnachtsfeiertag zwei bulgarische Studenten in die verwaiste WG ein. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet: Ausgerechnet an Weihnachten.
Wie eine Horde Besatzer kamen sie die Treppen hinaufgepoltert, dass die Kerzen an meinem Adventskranz zitterten und unruhig begannen, zu flackern.
Mir war nichts bekannt, welchen Krieg wir schon wieder verloren hatten, also kapitulierte ich auch nicht umgehend mit weißer Fahne, sondern sprintete angesäuert aus meinem Zimmer nach draußen, in den Flur, um dem vermeintlichen Feind Einhalt zu gebieten: “STOPP!“
Das fanden die beiden Jungs wohl ziemlich doof. Als ich sie auch noch in die Küche komplementierte, um abzuklären, ob es sich hier um den Tatbestand eines Einbruchs oder eines Einzuges handelte, trotteten mir die zwei nur widerwillig hinterher.
Obwohl beide gut deutsch verstanden, waren sie offensichtlich keinen direkten Augen- und Sprechkontakt mit einer Frau mittleren Alters gewöhnt. Oder: Es handelte sich um Mitglieder der bulgarischen Mafia. Die reden ja nicht gerne mit Frauen. Sie meucheln sie lieber. Jedenfalls schielten sie nur verschlagen und verstockt durch die Gegend, während ich sprach. Nur der Größere, scheinbar der Boss, ließ sich dazu herab, mir ein paar Sprachbrocken vor die Füße zu spucken:
„Ich und Vassili, wir haben Vertrak. Gleich komen Kumpels, mit Möbbel!“
Ihm reichte das wohl als small talk – mir nicht.
Außer zwei Reisetaschen hatten die Jungs nichts dabei – was mein Misstrauen ihnen gegenüber nur geringfügig schmälerte. Auch sie musterten mich argwöhnisch – wie Kampfhunde, jederzeit zu kleineren und größeren Raufereien bereit …



Letztes Kapitel, Teil IV, folgt
 
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