Frau Wolpertingers wunderbare Wohngemeinschaft, Teil IV

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Isbahan

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IV. Die Wohngemeinschaft bekommt einen Perser


Die stillen Tage christlicher Einkehr waren vorüber - seit die beiden bulgarischen Jungs eingezogen waren, gab es keine Ruhe mehr - für mich gab es nur noch einen permanenten Kampf um meine Rechte. Sie betrachteten nicht nur meinen Besitzstand selbstverständlich als den ihren, sondern mich auch als ihre kostenlose Putzfrau.
Wollte ich morgens frühstücken, hatten sie bereits ungefragt mein Geschirr benutzt, das sie verschmutzt auf dem Tisch stehen ließen.
Kam ich mittags nach Hause, um zu kochen, standen meine Pfannen und Töpfe mit ihren angebrannten, stinkenden Essensresten auf dem Herd. Unser Backofen war von ihnen innerhalb der ersten Wochen so versifft worden, dass er unbenutzbar war, ganz zu schweigen von meiner Mikrowelle …

Daher war ich heilfroh, dass noch ein WG-Mitglied, ein Iraner mittleren Alters, bei uns einzog. Der machte einen ganz gediegenen Eindruck und ich hoffte, dass er genügend Autorität verbreiten konnte, um den beiden Jungs etwas mehr Respekt und soziales Verhalten einzuflößen. Ich war kläglich an diesen beiden Berufssöhnen gescheitert und ließ diesem persischen Herrn gerne den Vortritt.
Bei unserem Kennenlern-Gespräch in der Küche klagte ich ihm mein Leid mit den beiden Paschas. Daraufhin sagte er ungerührt:“Bulgaren, äh: Haben keine Kultur! In meine Heimat, im Iran, Jungs mit so schlechte Benehmen gegenüber Frau, würde man rischtisch ...“, dabei machte er eine schlagende Handbewegung. Die war ein wenig zu martialisch, für meinen Geschmack, aber im Vergleich zu den beiden ungehobelten Kerlen schien dieser Iraner angenehm zurückhaltend, ruhig und kultiviert.
Bis zu dem Moment, wo er erzählte, seine Frau habe sich gerade von ihm getrennt – daher sein etwas überstürzter Einzug. Sie lebe jetzt mit den gemeinsamen Kindern in einem Frauenhaus …
Sprachlos sah ich ihm zu, wie er sich nach dieser Aussage ungerührt neuen Tee einschenkte und mich dabei charmant anlächelte:“Nix passiert, meine Frau lügen wie gedrückt, vor Polizei ...“
Näheres wollte ich nicht mehr wissen. Nur möglichst schnell in mein Zimmer flüchten.
Tags darauf fing er mich in unserer Gemeinschaftsküche ab, um mir ausgiebigst sein Leid zu klagen - und mir seine Version der Märchen aus tausend und einer Nacht zu erzählen: Eine dramatische Geschichte, in der er – ein gebildeter, friedliebender, liebevoller Ehemann und Vater – jahrzehntelang von einer bösen, hinterlistigen, verlogenen Schlange von Ehefrau provoziert, ausgenutzt, hintergangen und zum Schluss übelst verleumdet wurde.
Ich wusste, was davon zu halten war: In der psychiatrischen Klinik, in der ich gerade hospitierte, sah ich öfter weiblich Opfer psychischer und physischer Gewalt, darunter viele ausländische Frauen, die sich keinen anderen Rat mehr wussten, als in die Psychiatrie zu flüchten.
Obwohl der Iraner schon zehn Jahre in Deutschland lebte und arbeitete, sprach er ein fürchterliches Deutsch, manchmal war er kaum zu verstehen.
„Ich nix bin Tiger ...“
„Wie bitte?“
„Ich nix bin Tiger, wo fällt her über Frau. Du nix Angst haben für misch.“
Okay …
„ Mann muss Rucksischt nehmen auf Frau, nich umgekehrt.“
War jedenfalls nicht verkehrt.

Daher war ich auch die nächste Zeit bereit, ihm erst einmal behilflich zu sein. Jeder verdient eine reelle Chance. Ich zeigte ihm, wo er schnell und günstig an gebrauchte Möbel kommt. Ich war auch so hilfsbereit, ein paar Briefe an Behörden für ihn zu tippen und auszudrucken. Bereitwillig zeigte ich ihm auch in der Stadt, wo der Wochenmarkt stattfindet und wo er bestimmte Geschäfte findet– er kannte sich ja nicht aus in der Stadt, da ist man doch gerne behilflich …

Bis zu dem Tag, an dem er, kurz bevor er zur Arbeit ging – er arbeitete abends, als Hilfskraft in der Küche eines Restaurants - in unsere Gemeinschafts-Küche kam und über meinen Kopf hinweg beschloss:“Wenn Mittag du kommen von Arbeit: Setzen! Isch machen kochen für disch! Bringe imma Ässen, aus Restaurant, alles umsonst!“
Das war nett gemeint, doch es entsprach nicht gerade meinen Vorstellungen von abwechslungsreicher Kost, mich täglich mit aufgewärmten Restaurant-Abfällen von diesem persischen Hilfskoch bekochen zu lassen.
Ich versuchte, so höflich es ging, abzulehnen. Im Klartext: So höflich wie möglich zu lügen.
Doch ich lernte meine erste Lektion in Sachen Multi-Kulti: Orientalen verstehen, was Gastfreundschaft betrifft, keinen Spaß. Da sind sie beinhart: Was man angeboten bekommt, hat man zu schlucken, basta!
Es ging einige Tage lang hin und her: Er nötigte mir mittags seine Speisereste auf, ich probierte höflich – und abends kochte und backte für ihn mit, zum Ausgleich.
Bis mir das zu viel wurde und ich, freundlich, aber bestimmt, seine tägliche „Einladungen“, die für mich eher Zwangsbeglückungen waren, ablehnte und sagte: „Nett gemeint. Aber ich möchte das jetzt nicht mehr und lieber wieder für mich selber kochen.“
Er schüttelte gramgebeugt den Kopf. Und schien die Welt nicht mehr zu verstehen. Tagelang schlich ich mit schlechtem Gewissen herum und vermied jede Begegnung mit ihm.
Doch er stellte mich immer wieder, beispielweise frühmorgens, auf dem Weg zum Bad:
„Du morgen fahren mit in meine Auto: Isch für disch Fahrrad kaufen!“
„Aber ich habe ein Fahrrad.“
„Ist nix gut. Isch kann besorgen besseres.“
„Auf gar keinen F... ähm: Danke. Sehr freundlich. Aber meines reicht mir, so wie es ist.“
Es nutzte nichts, abzulehnen. Er kam jeden Tag kam mit anderen Angeboten an. Sobald er meine Tür klappen hörte, kam er direkt aus seinem Zimmer geschossen:
„Du mit mir schapazieren, draußen, in Stadt!“
„Nein danke, ich muss jetzt … äh: Habe Termine, tshüss!“
„Komm mit, fahren nach ...“ wahlweise: Super-Bau-Gemüse- ...Markt.
"Nein danke. Ich vertrage das Autofahren nicht."
Und eines Tages:
„Du allein, isch allein: Wir ßusamen läben!“

Uuuups. Ich hatte es wohl nicht bemerkt, aber der persische Herr war in den Werbewochen.
Und ich schien das Objekt seiner Begierde. Oder: Sein Ticket für die deutsche Aufenthaltsgenehmigung. Sein Betthupferl in spe. Oder seine Privatsekretärin …
Ich schnappte erschrocken nach Luft.
„Hören Sie zu“, sagte ich, als ich mich gefasst hatte und lächelte milde,“ich lebe hier alleine, weil ich das so möchte. Ich suche keinen Mann – sondern bin heilfroh, meinen letzten via Scheidung in gute Hände weitergegeben zu haben.“
Mein persischer Galan nickte verständnisvoll.
„Isch nix bin Tiger … wo will haben nur Säcks.“
„Da bin ich beruhigt. Trotzdem: Das mit uns, das wird nichts.“
Wieder heftiges Nicken.
„Gut. Wenn du nix willst, dass isch komme nachts in deine Zimma – du kommen ßu mir, in meine!“

Ich sah ein, dass unsere kleine Plauderei hier herzlich sinnlos war. So sinnlos, wie das ganze Unternehmen: „WG für Pendler und Studenten“.
Kaltlächelnd knallte ich meine Tür vor seiner Nase zu - um in Ruhe meine fristlose Kündigung an Willem van de Abzockers zu schreiben.



ENDE
 
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Hallo Isbahan,

jetzt weiß ich auch, warum ich das Experiment WG nie in meinem Leben gemacht habe und auch nicht machen werde.
Ganz vergleichbare Erlebnisse kann man aber auch machen, wenn man eine Eigentumswohnung in einem 8-Parteien-Haus hat. Da hatten wir einen Hausdrachen, der meinte, über alles bestimmen zu dürfen, was erlaubt ist und was nicht. Zum Glück ist dieses Kapitel schon lange beendet.

Trotz der Dramatik haben mich Deine vier Geschichten sehr amüsiert.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

Isbahan

Mitglied
@Rainer Zufall: Freut mich, dass Du Dich amüsiert hast. Ich mich auch - im nachhinein ;)
Diese Geschichte(n) sind autobiografisch. Bis auf Namen und best. Fakten, die erzählerisch verfremdet wurden, dass die Persönlichkeitsrechte aller beteiligten gewahrt sind, musste ich nicht viel dazu erfinden.
Ich finde: Es hat sich gelohnt, das olle Ding (ist ca. zehn Jahre her, dass ich in dieser WG gelebt habe) rauszukramen und nochmal zu überarbeiten.
 
Hallo Isbahan,

das hast Du Dir echt angetan. Hut ab. Das wäre mir zu stressig.
Überarbeiten lohnt sich eigentlich immer. Wenn ich ältere Sachen von mir ausgrabe, dann muss ich doch lachen, wie schlecht ich mal geschrieben habe. Hier in der LL habe ich eine Menge dazugelernt. Und das kann ich auf die alten Sachen anwenden. Sie können damit nur besser werden :cool:

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

Isbahan

Mitglied
@Rainer Zufall , das sehe genau so: Ich lerne viel durch ständiges Überarbeiten, posten, die Kommentare hier.
Ich weiß, dass viele andere es sicher besser formulieren können, hangele mich trotzdem schrittweise zu meiner nächsten Fähigkeitsstufe, ohne mich ständig mit den "Könnern" zu vergleichen. Erst, wenn ich nach Jahren alte Sachen von mir lese, wird mir so richtig bewusst, dass ich Fortschritte gemacht habe.
Mein erstes Buch (von 2013) ist mir geradezu peinlich, damals hatte der Kleinstverlag nicht mal ein Lektorat, da wurde alles so, wie ich es per Mail geschickt habe, gedruckt. Als ich dann das Buch in Händen hielt, waren etliche Druckfehler drin, falsche Reihenfolge der Satiren ...
Manchmal wünsche ich mir ein eigenes Lektorat - kann ich aber leider nicht leisten ;) , so muss ich eben weiter etwas mühsam selbst überarbeiten und vor mich hin in die Tasten hauen.
 


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