Für wen auch immer

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MicM

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[ 4]„Ich habe so ein Kribbeln im Bauch!“ Tom grinste Marc offensiv an. Über ihnen tschilpte ein Spatz auf einem Ast der Kastanie, während der Kellner unsanft die zweite Runde Radler auf den Tisch stellte. Die leeren Gläser klirrten auf seinem Tablett.
[ 4]Lustig, dass ich ausgerechnet jetzt an die Szene mit Tom denken muss, dachte Marc während er auf die unteren Haarstoppel von Jennifers Undercut-Frisur blickte. Das ist doch schon Jahre her.
[ 4]„Aha“, entgegnete Marc betont beiläufig und griff nach seinem Getränk. Der Baum mit dem sich entfaltenden Grün bot einen angenehmen Halbschatten an diesem warmen Frühlingstag.
[ 4]„Schon komisch, wenn ich dich so anschaue. Ich glaube, es ist wegen deinen Augen ...“ Tom versuchte, sein Grinsen noch offensiver zu gestalten. Marc bemerkte dies zwar, erneuerte aber sein beiläufiges „Aha“, während er begann, auf dem Boden nach etwas zu suchen.
[ 4]„Ich hoffe, dich stört es nicht, dass ich das so sage!?“ Toms Grinsen war in sein Gesicht zementiert. „Na, wenn's so ist ...“ murmelte Marc halblaut, um gedankliche Abwesenheit oder Desinteresse zu signalisieren. Er hatte ein paar kleinere Kieselsteine aufgehoben, mit denen er nun auf den Spatz zielte.
[ 4]„Du bist wohl nicht gut zu vögeln, was?“ Toms schmales Gesicht war nicht groß genug, um seinem gespannten Grinsen ausreichend Platz zu geben.
[ 4]„Boah, Tom! Das ist echt platt und widerlich. Ich weiß, dass du schwul bist. Und du weißt, dass ich hetero bin. Wir sind Studienkollegen. Freunde. Was soll das jetzt?“
[ 4]„Sei doch nicht gleich beleidigt!“ entgegnete Tom, ohne auch nur ein Stückchen seines Grinsens einzubüßen. „Du weißt doch, die alte Harry & Sally-Geschichte. Freundschaft ohne Sex ist halt schwierig. Warum soll das auf unserer Seite des Ufers anders sein?“
[ 4]Auch wenn die Freundschaft zu Tom nach diesem Vorfall im Sande verlief, bin ich mir meiner sexuellen Ausstrahlung immer noch nicht sicher, überlegte Marc und legte Jennifer die Hand auf den Rücken. Vielleicht sollte ich sie später fragen, wie ich auf sie wirkte, als sie mich traf. Jedenfalls hat sie mich offensichtlich nicht für schwul gehalten. Oder?

[ 4]Jennifer schien seinen kurzzeitigen Gedankenausflug nicht bemerkt zu haben. Er versuchte sich wieder auf sie zu konzentrieren, als ihm die Frage von Beatrice in Erinnerung kam. Sie hatten sich damals zusammen auf die Zwischenprüfung vorbereitet. In einer Lernpause saßen sie in der Küche seiner zweiten Studenten-WG, nippten an ihren Tees und plauderten über verschiedene Bücher außerhalb ihres Fachbereichs. Beatrice saß übers Eck, lehnte sich etwas ungelenk zu ihm rüber - womöglich um ihr üppiges Dekolleté zu präsentieren - und wechselte abrupt das Thema: „Sag mal, Marc, bist du eigentlich schwul?“ Er musste schmunzeln, als er sich an Beatrices verdutztes Gesicht erinnerte, nachdem er ihr ein schlichtes „Nein, wieso?“ entgegnet hatte.
[ 4]Marc hatte weder ein Problem mit Homosexualität noch damit, dass er für schwul gehalten wurde, auch wenn ihn wunderte, dass man es ihm hin und wieder andichtete. Ohnehin war in der Situation mit Beatrice wohl mehr Strategie als Überzeugung die Mutter ihrer Frage. Marc ging fest davon aus, dass ihr völlig unbeholfener verbaler Querschuss am Küchentisch nur darauf abzielte, möglichst schnell mit ihm im Bett zu landen. Doch trotz dieser überraschenden Gelegenheit und Beatrices barocken Reizen hatte er kein Interesse, an Sex mit ihr gehabt. Diese Feststellung, die ihn rückblickend gelegentlich nachdenklich machte, war der eigentliche Grund, warum ihm die Situation in Erinnerung geblieben war und er gerade jetzt wieder daran denken musste.

[ 4]Da Jennifer weiterhin nichts von seinen Erinnerungsblitzen mitzubekommen schien, überlegte er weiter, ob er vielleicht doch ein Problem mit seiner sogenannten Männlichkeit hatte, wenn er derartige Anmachen bekam und - im Fall von Beatrice – nicht nutzte. Auch die Sache am See mit Steffi, mit der er die längste Zeit während des Studiums zusammen war, kam ihm nun wieder ins Gedächtnis. Für ihn passte die Situation in dieselbe Schublade.
[ 4]Sie waren seit wenigen Monaten ein Paar mit sehr viel Harmonie in allen Belangen gewesen. Steffi war ein ruhiger und fröhlicher Mensch, etwas unsicher, aber umso tiefgründiger, je besser man sie kennenlernte. Als sie an einem Frühlingstag am See spazieren gingen, auf einem umgefallenen Baumstamm, der halb in den See ragte, eine Rast machten und etwas müde in die Sonne blinzelten, fragte ihn Steffi, ob sie ihm einen blasen solle. Die Frage kam mit so unaufgeregtem Tonfall, als wenn sie wissen wollte, ob er Hunger oder Durst habe. Obwohl er glaubte, dass sie einen Scherz machte, blickte er nicht nur verwundert in ihr Gesicht, sondern prüfte aus den Augenwinkeln gleichzeitig, ob sie alleine waren oder sich noch andere Spaziergänger in der Nähe befanden. Steffi lächelte ihn ohne jede sichtbare Zweideutigkeit an, während sie auf seine Antwort wartete. Marc wusste nicht, ob er hierin ein unbedarftes Geschenk ihrer aufblühenden Liebe oder doch eine Charakterprüfung hinsichtlich der sich anbahnenden längeren Beziehung erkennen sollte. Sein Gedankenkarussell drehte sich aber zu lange, als dass ihm noch ein unbefangenes „Ja, gerne!“ möglich gewesen wäre.
[ 4]Die Prüfung – wenn es denn eine war – hatte er somit ungewollt bestanden. Dennoch hatte er sich später mehrfach darüber geärgert, auch wenn er weiterhin der Überzeugung war, dass Freiluft-Oralsex zu dieser noch frühen Phase des Kennenlernens die nachfolgende fast zweijährige Beziehung unter andere Vorzeichen gesetzt hätte. Merkwürdigerweise kam es danach nur - aber immerhin wenigstens - einmal noch zu einem vergleichbaren Angebot. Es war an ihrem zweiten gemeinsamen Silvester - wenige Wochen, bevor sie sich trennten - mit einer Wohnung voll von angetrunkenen Gästen, als Steffi ihn kurz nach Mitternacht in ein Nebenzimmer lockte und die Tür von innen verschloss. Denselben unzweideutigen Blick wie seinerzeit am See bejahte er wortlos und in Dankbarkeit.

[ 4]Anders war es mit Sabrina. Eigentlich begann es mit ihr zunächst vielversprechender als mit Steffi, doch die Beziehung hielt letztlich nur wenige Monate. Sie hatten sich – nahezu klassisch – auf einer Studentenparty kennengelernt und waren bei den ersten zwei, drei Treffen nur spazieren gegangen, hatten im Café gesessen und geplaudert und sich ineinander verguckt – so glaubte er jedenfalls. Sabrina war eine spannende und neugierige Person, sie stellte unzählige Fragen über sein Leben, seine Reisen sowie alles Mögliche und hörte geduldig seinen Erzählungen zu. Nachdem sie dann recht schnell ein richtiges Paar geworden waren, schien sie aber genauso schnell wieder das Interesse an seinen Geschichten verloren zu haben. Oder sie wusste schon alles, was sie wissen wollte. Jedenfalls zeigte sich dann auch bald ihr launisches und temperamentvolles Wesen. Im Grunde bestand nach den ersten Tagen romantischer Plauderei der Rest der Beziehung aus häufigen und ausdauernden Sexeinheiten, unterbrochen nur von kurzen, heftigen Streits, welche dem Spannungsaufbau dienten.
[ 4]Dass es darauf hinauslaufen würde, hatte er bereits bei ihrer ersten gemeinsamen Nacht geahnt. Es war ein schöner Abend gewesen. Sie war zu ihm gekommen und er hatte ein nettes Candel-Light-Dinner vorbereitet. Obwohl die romantische Grundstimmung der ersten Tage noch da war, hatte er schon während dieses Essens festgestellt, dass der intensive Austausch, an den er sich gern gewöhnt hatte, in einigen Momenten kurzzeitig ins Stocken geriet. Als er kurz zur Toilette musste und das Badezimmer wieder verließ, rief sie ihm aus seinem Schlafzimmer „Hier, mein Süßer!“ zu. Er lächelte und war nur wenig überrascht, da die forsche Art durchaus zu ihr passte. Doch als er sein Schlafzimmer betrat, musste er sich zwingen, dass sein Lächeln nicht allzu offensichtlich seinem Gesicht entschwand. Sabrina lag bei voller Beleuchtung nackt und mit leicht gespreizten Beinen auf seinem Bett. Als sie ihm bemüht lasziv „Nachtisch!“ zuhauchte, starrte er auf ihre etwas hervorstehende Klitoris. Vor kurzem hatte er einen älteren Roman gelesen, der das Leben auf einem kantonalen Bauernhof beschrieb und häufiger das Wort accouchieren enthielt. Er hatte nachgeschlagen, dass dies so viel wie „Geburtshilfe leisten“ bedeutete. Marc erinnerte sich, dass der Begriff von dem Schweizer Autor sowohl für die Frau des Bauern bezüglich ihrer sieben Kinder als auch für die höfischen Kühe und Esel und ihre Nachfahren verwendet wurde.
[ 4]Was ebenfalls zu Sabrina passte, war, dass sie sich an seiner merklichen Irritation und seinen anschließenden Erektionsproblemen keineswegs störte. Sie bearbeitete seinen Penis mit Hand und Mund und als er den gewünschten Härtegrad erreicht hatte, setzte sie sich auf ihn und führte ihn in sie ein. Da er sich im Kopf weiterhin mühte, den Übergang vom liebevollen Gedankenaustausch zu offensivem Sex zu finden, und sie zudem sehr feucht war, musste er sich konzentrieren, um seine Erektion nicht wieder zu verlieren. Als sie am nächsten Mittag telefonierten und sie ihn nun ihrerseits zum Essen einlud, wurde ihm klar, dass er nicht die Partnerin fürs Leben gefunden hatte, aber doch – solange es eben ging – mit viel Sex rechnen konnte. Offensichtlich hatte er seinen Job nicht allzu schlecht gemacht.

[ 4]Der letzte Gedanke brachte ihn endlich wieder zurück zu Jennifer. Hieß sie überhaupt Jennifer? Als sie beim Verlassen des Clubs ineinander gelaufen waren, war sie ähnlich betrunken gewesen wie er selbst. Ihr breites amerikanisches Englisch machte es nicht einfacher, ihr alkoholgeschwängertes Gesäusel zu verstehen. Oberflächlich hatte sie sich von ihm den Weg zurück in ihr Hotel erklären lassen. Tatsächlich war ihm aufgrund ihrer distanzlosen Art aber sofort klar, dass sie auf ihrer Deutschlandreise noch nach einem nächtlichen Abenteuer suchte. Diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen!
[ 4]Während er sie nun von hinten nahm und die Frau, genannt Jennifer, übertrieben lustvoll stöhnte, freute sich Marc über seine gedankenschnelle Entschlossenheit, die sie zügig auf seinen blauen Langflor-Teppich gelotst hatte. Zwischen ihren Schulterblättern waren zwei Schwalben tätowiert, die sich mit ihren Schnabelspitzen wie zum Kuss berührten und durch die Bewegung von Jennifers oberer Rückenmuskulatur wie zur Balz umspielten. „Fuck me harder!“ wurde ihm von vorne befohlen und er gab, was ihm noch möglich war. Als er das Kondom abstreifte, erinnerte er sich, dass er sie unbedingt noch fragen müsse, ob er eine schwule Ausstrahlung habe. Und natürlich nach ihrem Name müsse er sie noch einmal fragen. Doch nachdem er von seiner kurzen Dusche zurückkam, war sie bereits verschwunden. Schade, dachte er und begann zu trällern. Jennifer, Alison, Phillipa, Sue … lalala … I forgot your name ...
 

MicM

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Hallo anonym,

danke für die Wertung, auch wenn sie nicht so positiv ist (habe ich kein Problem mit). Freue mich aber auch über Kommentare/Meinungen, was genau im/am Text stört oder missfällt.

Auf bald,
MicM
 
Ein junger Mann vor seinem Coming-Out? Man weiß es nicht genau, und das ist auch gut so. Schöne Geschichte!
Sprachlich angemessen, glaubhaft Szene gesetzt, was will man mehr?
 

MicM

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Hallo Binsenbrecher, danke für deine Eindrücke! Freut mich, dass dir das Ungewisse und die Geschichte gefallen haben.
Auf bald, MicM
 

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