G wie Germanwings und Gutenberg - Endlich wieder Zeit für journalistische Selbstbesch

Der erste GermanwingsSchock ist verdaut. Offenbar Zeit, Noten zu verteilen, Zeit für ein wenig mediale Nabelschau. Aus der „Absturzkatastrophe“ wurde für viele die „Berichterstattungskatastrophe.“ Und jetzt geht es erst mal um Ethik. Wie nah darf man an Angehörige und Opfer ran, darf man den Nachnamen des mutmaßlichen Täters nennen? Es bleibt doch festzuhalten: Je näher ein Geschehen, desto lauter die Forderungen nach „respektvollem“ Umgang. Rückblick Erfurt…

Am 26. April 2002 erschoss Robert Steinhäuser in Erfurt elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten. Anschließend tötete er sich selbst. Hier war die Rede von einem Amoklauf, nicht von einem erweiterten Suizid – das aber wäre wieder eine andere Diskussion und Frage für einen der vielen „Experten“.

Als Mitarbeiter eines Mediums vor Ort, waren wir direkt betroffen und aus dieser Betroffenheit gingen wir äußerst behutsam vor, auch wenn wir uns trotzdem später eine Rüge des Presserats einhandelten. Aus der Betroffenheit handelten wir, wie die meisten Menschen aus dem näheren Umfeld, am ersten Tag im Schock, am zweiten Tag in Trauer und erst am dritten Tag begannen wir mit der Ursachenforschung. Nicht so die überregionalen Medien. Hier musste es schneller gehen. Hier ging es bereits nach Stunden um die Ursachenforschung, was uns mehr als pietätlos erschien.

Den Vogel schoss Johannes Baptist Kerner (ZDF) ab, der vor der Schule ein Zelt aufbaute und noch am gleichen Abend einen 11 jährigen Schüler vor die Kamera zerrte, was im Übrigen auch noch ein Verstoß gegen den Jugendschutz war.

Auch wir kamen um die Rüge nicht herum. Kurz nach der Tat baute sich die Nachrichtenlage nur langsam auf. Zunächst hieß es, „Vorfall an der Schule“, dann „Schießerei“, dann mehrere Tote. Ein Kollege kannte eine der Schülerinnen am Gutenberg-Gymnasium, hatte ihre Handynummer. Selbstverständlich riefen wir diese Nummer an, nicht wissend, dass sie sich in diesem Moment unter einem Tisch versteckt hielt, während der oder die Täter noch schießend durch das Gymnasium zogen. Wir gingen mit ihr sofort „on air“, ohne sie darüber zu informieren, dass sie nun live zu hören sei. Gegen diesen Verstoß und wegen einer möglichen Gefährdung kassierten wir später die Rüge. Journalisten, die behaupten würden, sie hätten in einer solchen Situation anders reagiert, lügen.

Schon vor 13 Jahren schwärmten die Journalisten nach der Tat aus, um Schüler oder Angehörige vor die Kamera oder das Mikrofon zu bekommen. Der Grad der Unverfrorenheit wuchs mit der Distanz, die der einzelne Journalist zu dem Ort hatte. Es ist wie beim GermanWings Absturz: Gibt es keine neuen Fakten, müssen Emotionen her. Diese Art des Betroffenheitsjournalismus hat nichts mehr mit journalistischer Recherche zu tun, es ist lediglich blanker Voyeurismus. Es war damals nicht anders als heute, mit dem Unterschied, dass es heute schneller und direkter ist und auch in den sozialen Medien jeder seinen Senf in Echtzeit dazu geben kann.

Und noch etwas darf nicht unerwähnt bleiben: Wir haben damals mit dem Amoklauf richtig Geld verdient, unabhängig ob private oder öffentlich-rechtliche Medien. Jeder Sender oder Freie Journalist konnte pro Aufsager oder Artikel eine Rechnung schreiben. Wir bekamen Anfragen aus ganz Europa. Die Rechnung ist ganz einfach: Mehr Berichte, mehr Einnahmen. Und auch so mancher „Experte“ erhält sein Scherflein. Da erzählt man das Gleiche dann auch gerne ganz vielen Medien.

Für Menschen, die außerhalb der Medien arbeiten, ist das ganze sicher recht ernüchternd bis empörend. Journalisten, die sich jetzt gegenseitig beharken, gießen lediglich ihr narzisstisches Pflänzchen. Denn eines eint sie alle. Findet so etwas in den USA, im Jemen, Donbass oder anderswo statt, schert sich keiner um Nachnamen, Spekulationen oder die Echtzeitbilder trauernder Angehöriger.
 
A

aligaga

Gast
Ja und?

Die Medien tun das, was der Konsument von ihnen erwartet - was die besten Einschaltzahlen und damit auch die höchsten Einnahmen bringt. Da gehen nicht nur "Journalisten", sondern (fast) alle über Leichen, wenn's pressiert: Extrablatt!!

So war's, so isses und so wird's immer sein. Sich darüber aufzuregen, ist müßig. Solches Echauffement klingt stets ein wenig nach Gutmenschengehabe. Nicht nur Witwenschüttler, sondern auch Pharisäer haben was Widerliches. Da mag ich die Hand nicht umdrehn ...

Gruß

aligaga
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Dieser Blick "hinter die Kulissen" ist hilfreich. Das kollektive Aufheulen über die pietätlose Presse stört mich auch. Nicht, dass ich es entschuldigen will, was da mitunter abgeht, und nicht, dass ich das Argument "wenn wir es nicht bringen, bringen es andere und wir sind Leser/Zuschauer/Hörer los" für die beste aller Entschuldigungen halte. Allerdings würde dieses Argument ja gar nicht greifen, wenn die Leser/Zuschauer/Hörer nicht wild auf diese Infos wären und auch deshalb rumzappen, weil sie hoffen, mehr zu erfahren.

Spezielles Thema im aktuellen Fall: Nachname im Klartext. Nun ja – Zum einen weiß man im Umfeld ziemlich schnell, wer da gemeint ist, denn nichts ist so schnell wie Klatsch und Tratsch (oder glaubt wirklich jemand, niemand – auch die Nachbarn und Bekannten nicht – hätte ohne das rausbekommen, wer da das Flugzeug zum Absturz gebracht hat?), zum anderen findet der Klarname heute so schnell ins Internet (aus eben jenem Umfeld z. B.), dass das Verkürzeln in der Presse rasch albern wirkt. Ist das toll? Nein. Ist das zu ändern? Wohl kaum, vor allem nicht durch die Presse.
 
D

Die Dohle

Gast
... nun ja, was sich verkauft, was die Branche nährt, ist der Werbeclip. Zu sagen, der Leser wolle das, ist eine unverschämt selbstgerechte Frechheit. Was bleibt mir denn als Nachrichteninteressierter anderes übrig, als diesen Rotz & Plunder durchzuhören, zu lesen, zu sehen, falls ich irgendwie erfahren will, was passiert ist.
Die Medien verdienen nicht am Rezipienten, hier Konsument genannt, sondern alleine die den vorgeschalteten Werbeclip mit Wert ausstattende Anzahl Rezipienten liefert das Brot. Es geht schon lange nicht mehr um Nachrichten, sondern um journalistisch verbrämt ausgestattete Werbeplattformen. So gesehen, setzt der oben vorgelegte Text nicht unbedingt profund an der Stelle an, die es in dem genannten Zusammenhang genauer zu untersuchen gilt.

lg
die dohle
 
A

aligaga

Gast
Offenbar hat hier jemand (wieder mal) gar nicht gelesen, worum's eigentlich geht. Die Rede ist von der Ware "Nachrichten", die sich dann am besten verkauft, wenn's ans Eingemachte geht. So wie unlängst bei Walter Scott, North Charleston. An dessen armer, durchlöcherter Seele wurden inzwischen Millionen verdient.

Tipp, @Dohle: Selbstgespräche unter deinem eigenen Thread führen. Bei Dialogversuchen auf das Thema achten und sachbezogene Beiträge liefern. Dann haben andere User ggf. auch etwas davon.

So aber erfahren sie nur, dass dich Werbung nervt. Wow! Wer hätte das gedacht!

Gruß

aligaga
 

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