Gebrauchte Jahre

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Ciconia

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Am dritten Tag des neuen Jahres übermannte mich die Neugier. Zweimal war ich jetzt schon an der Bretterbude mit der Aufschrift „Rücknahme gebrauchter Jahre“ vorbeigefahren. Sie stand direkt neben dem Platz mit entsorgten Weihnachtsbäumen. Gestern hatte ich gesehen, dass der Schriftzug in der Dämmerung in fahlem Blau leuchtete.
Im Vorübergehen warf ich einen wehmütigen Blick auf den täglich anwachsenden Haufen Tannenbäume. Der weißhaarige ältere Herr hinter dem offenen Tresen der Bude sah mir erwartungsvoll entgegen.

„Moin“, grüßte ich, „ich wollte mich nur mal erkundigen, wie das funktioniert mit den ‚gebrauchten Jahren‘. Würden Sie meins auch zurücknehmen?“
„Grundsätzlich ja“, erwiderte er und schob eine aufgeschlagene Zeitung zur Seite. Er schien sich auf ein Beratungsgespräch einzustellen. „Es kommt darauf an, welche Spuren Sie in diesem Jahr zurückgelassen haben, ob es für Sie von großer Wichtigkeit war oder ob Sie von vornherein darauf hätten verzichten können.“
„Mit den Spuren ist das so eine Sache“, begann ich. „Ab einem gewissen Alter hinterlässt man doch nicht mehr viele Spuren, nicht wahr?“
„Das würde ich so nicht stehen lassen. Wenn Sie natürlich kaum noch unter Leute gehen oder für niemanden mehr wichtig sind, weil Sie keine Angehörigen haben, dann könnte so ein Jahr spurenlos bleiben. Aber wenn Sie sich irgendwo für Andere engagieren, wenn Sie Gutes tun für Menschen, denen es nicht gut geht – dann werden Sie natürlich eine Menge Spuren hinterlassen.“
Es klang, als habe er diese Sätze schon sehr häufig sagen müssen.
„Also, wenn ich ganz ehrlich bin, war mir das vergangene Jahr überhaupt nicht wichtig. Ich hätte genauso gut darauf verzichten können, denn es hat mir nichts als Kummer und Leid beschert.“
„Sind Sie da ganz sicher? Gab es da nicht doch irgendwelche schönen Momente, zum Beispiel mit einem liebsten Menschen oder auf einer Urlaubsreise?“
Ich überlegte. Der liebste Mensch war ja nun schon seit Ewigkeiten liebster Mensch, da hatten die schönen Momente keine so große Bedeutung mehr wie früher. Verreist waren wir im letzten Jahr auch nicht, weil … aber das ging ihn wirklich nichts an.
Spontan fiel mir nur das ein: „Ich habe sehr viele Ärzte, Physiotherapeuten, Heilpraktiker und Apotheker beschäftigt. Hinterlässt man dabei nicht auch Spuren?“
Er verzog ein wenig abschätzig das Gesicht. „Na ja, vielleicht in den Krankenakten und auf den Konten der Ärzte, aber sonst?“

Ich beobachtete nachdenklich ein junges Paar, das mit Gelächter einen riesigen Weihnachtsbaum zu den anderen warf. Hatten sie Spuren hinterlassen?
„Das heißt für mich also, dass Sie mein gebrauchtes Jahr nicht zurücknehmen möchten? Zu uninteressant, zu spurenlos?“
Sein Blick schien mir jetzt fast ein wenig mitleidig.
„Ich fürchte, das müssen Sie für sich zu den Akten legen. Am besten, Sie vergessen es ganz schnell und konzentrieren sich auf das neue Jahr. Machen Sie Klarschiff, nehmen Sie sich für dieses Jahr nur das Schönste vor, beginnen Sie Neues. Vielleicht bleiben dann am Ende interessante Spuren zurück. Und wenn nichts dazwischen kommt“ (er fuhr sich mit einer koketten Handbewegung durch seine schlohweißen Haare), „dann sehen wir uns hier in einem Jahr wieder. Ich würde mich freuen und wünsche Ihnen bis dahin viel Glück.“

Ich bedankte mich. Während ich in einigem Abstand zu den Weihnachtsbäumen grübelnd eine Zigarette rauchte, strebte eine junge Frau der Bude zu. Nach nur wenigen Sätzen zog der alte Herr mehrere Formulare aus einer Schublade und trug die lebhaft vorgetragenen Angaben der Frau ein.

Welchen Wert der Mann einem gebrauchten Jahr beimaß, hatte ich vergessen zu fragen.
 

Vagant

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Bitte.
Ich wollte mit der Wertung die Idee honorieren - sie hat es verdient. Dein Stil ist ohnehin ohne Fehl und Tadel; aber das weißt Du auch ohne mich.
Vagant.
 

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