Gedanken bei der Grabpflege

5,00 Stern(e) 1 Stimme

Ciconia

Mitglied
[ 4]Wir stehen am Ufer des großen Flusses und versuchen, die Namen der vorbeiziehenden Schiffe zu lesen. Manchmal können wir auch den in kleineren Lettern geschriebenen Heimathafen erkennen und unser Wissen testen, zu welchem Land dieser Hafen gehört. Die Flagge, sofern sie aufgezogen ist, hilft uns eventuell weiter. Sind wir mit unserem Latein am Ende, schlagen wir Zuhause in Knaurs Lexikon nach.

[ 4]Sonntags fahren wir in den Wald. Ich sitze auf einem kleinen Sattel an der Lenkstange von Mutters Fahrrad. Meistens halten wir an der alten Wassermühle, wo wir die mitgebrachten Brote auspacken und dem plätschernden Wasser zuschauen. Der Vater ritzt unsere Namen in Baumrinden, und wenn wir im nächsten Jahr wiederkommen, sind die Buchstaben schon ein wenig mitgewachsen. Er zeigt mir große Ameisenhaufen, kann es nicht lassen, darin herumzustochern, und freut sich diebisch über das einsetzende Gewusel der Tierchen.

[ 4]Im Sommer bringt er mir die ersten Kirschen aus dem Dorf mit, in einem niedlichen Henkelkörbchen, wie Kinder sie zum Blumenstreuen bei Hochzeiten verwenden. Er hängt mir Zwillingskirschen über die Ohren. Die leicht abstehenden Ohren habe ich von ihm.


Zu seltene unbeschwerte Momente. Liebend gern würde ich mich an mehr erinnern. Aber da ist zu viel von diesem Anderen, diesen Auswüchsen seines unberechenbaren Wesens, das alles überlagert. Jahrelang habe ich ihn wirklich verabscheut. Erst bei meinem letzten Besuch, als er durch eine unheilbare Krankheit bereits schwer gezeichnet war, konnten wir Frieden miteinander schließen. Wenigstens das ist uns zum Schluss noch gelungen.

Eigentlich ist noch ein Platz im Familiengrab für mich vorgesehen, die Mutter hatte beim Tod des Vaters praktisch gedacht. Ich werde sie enttäuschen müssen.

Begraben möchte ich hier nicht sein.
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo Circonia!

Ein nachdenklicher und nachdenklich machender Text.

Es ist geradezu gespenstisch, wie gut ich ihn nachvollziehen kann. Da sind sie, die schönen, unvergessenen Erinnerungssplitter an eine unbeschwerte, so weit zurückliegende Kindheit und an den Vater, den man geliebt hat.
Und dann ist da sofort auch wieder das Andere, an das man lieber nicht denken möchte ...

Du hast das alles wunderbar in Worte gefasst.

Doch am Ende: So viel Bitterkeit?

Gruß, Hyazinthe
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Hyazinthe,

vielen Dank für Deinen Leseeindruck. Es freut mich, dass der Text für Dich gut nachvollziehbar ist.

Aber: Hat denn das LyrI den Vater wirklich geliebt? Wahrscheinlich war es sowieso nur ein Scheinfriede, den es kurz vor seinem Tod mit ihm schloss. Und das hier
Jahrelang habe ich ihn wirklich verabscheut.
sitzt immer noch tief.

Gruß Ciconia
 

molly

Mitglied
""Hat denn das LyrI den Vater wirklich geliebt? Wahrscheinlich war es sowieso nur ein Scheinfriede, den es kurz vor seinem Tod mit ihm schloss.""

Ich sehe keinen Scheinfrieden, denn das LyrI schreibt:

""Wenigstens das ist uns zum Schluss noch gelungen.""

Frieden schließen ist das eine, aber Verzeihen dauert länger.

Viele Grüße

molly
 

Ciconia

Mitglied
Ja, molly, Du hast vollkommen recht. Da hab ich mich vorhin etwas unglücklich ausgedrückt. Der geschlossene Friede hat dem LyrI letztlich wohl nicht dabei geholfen, das „tief sitzende“ Vergangene zu überwinden. Und so lange das so ist, wird ein Verzeihen kaum möglich sein.

Danke für die Richtigstellung.

Gruß Ciconia
 

Oben Unten