Gedanken zum ersten Gebot

Man kann vom Glauben zwei Sätze sagen, die sich widersprechen. Der eine Satz lautet: der Glaube entwirft Bilder von Gott, weil er nicht blind leben kann.

Und der andere behauptet: der Glaube überholt die vorhandenen Bilder, und oft reißt er sie auch nieder und zerstört sie, wie etwa Mose den goldenen Stier am Sinai niedergerissen hat, in dem das Volk die Kraft seines Gottes verehrte.
Der Glaube entwirft Bilder. Ein bildloser Glaube ist ein trostloser Glaube. Denn in den Grundsituationen des Lebens kommen wir Menschen mit unserer einfachen Sprache nicht aus. Die Sprache selbst drängt sozusagen ins Bild. Sie verliert ihren bestimmenden Charakter und fängt quasi an zu fliegen, und keine Definition kann sie dann mehr einholen.

So reden wir, wenn wir lieben. So reden wir im Schmerz, in der Trauer, in der Sehnsucht. Wir fliehen in die Bilder, weil unsere normale Sprache zu eng ist. Aber, und das ist wichtig: diese Bilder, die wir da machen und benutzen sind keine Fotos; sie wollen niemand einfangen und festhalten. Es sind Bilder, die auf jemanden zueilen und ihn umarmen möchten. In der Liebe, in der Trauer, in der Sehnsucht spüren wir das Ungenügen unserer eigenen Sprache. Wie eine Welle die andere bricht und überholt, so überpurzeln sich die Bilder und man versucht immer neue. Das Bild selber bricht das Bild und ist somit bilderstürmerisch.

Aber, zum zweiten: der Glaube reißt auch Bilder nieder. Der Prophet Habakuk sagt an einer Stelle: „Das Bild lehrt lügen.“ Die Geschichte vom Goldenen Kalb ist sozusagen die Grundgeschichte des Bildersturzes.
Das Volk ist in der Wüste, Mose oben auf dem Berg; er scheint nicht wieder zu kommen. Woran sollen sie sich halten, wenn sie ihren Führer verloren haben? Sie sammeln ihren Schmuck und gießen das Bild eines goldenen Kalbs, ein Abbild der Stärke ihres Gottes. Keines fremden Gottes, sondern des Gottes, der sie kraftvoll und mächtig aus Ägypten befreit hat. Was war also so falsch daran?

Das Volk wollte die Garantie eines anwesenden Gottes haben. Seine Kraft sollte gefangen werden im kostbaren Bild des mächtigen Stieres. Er sollte dem Volk jederzeit zur Verfügung stehen in dem sichtbaren Bild. Und so wurde das Bild zum Götzenbild. Das war dann nicht mehr der Gott der Freiheit. Aus ihm war ein nach Menschenmaß berechenbarer und handhabbarer Gott geworden. Das Volk hat sich einen Götzen gemacht, indem es mehr haben wollte als das unangreifbare Versprechen seines Gottes, indem es also sich selber den Gott garantieren wollte.

Überall, wo die Bilder und die Namen Gottes nicht mehr Sprachversuche und Annäherungen sind, wo die Namen und Bilder nicht mehr große und zärtliche Liebesspiele sind, sondern als endgültige Feststellungen und Klarlegungen begriffen werden, sicher oft auch um unsere Angst und Unsicherheit zu binden, da besteht die Gefahr einen Götzen zu haben, statt einen Gott.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
"der Glaube entwirft Bilder von Gott, weil er nicht blind leben kann."
Erster Gedanke dabei: Wieso kann Gott nicht blind leben? Dann die Frage: Wieso hab ich es auf Gott bezogen statt auf Glaube, obwohl das grammatikalisch näher liegt? Weil es inhaltlich nicht näher liegt: Gott als Wesen lebt, Glaube lebt nicht.
 
A

Architheutis

Gast
Lieber Winfried,

jetzt weiß ich endlich, wie die Bilder in meinen Kopf entstehen. Nur was das mit Glauben zu tun haben soll, verrätst du mir nicht.

Ein Einwand:

Das Volk wollte die Garantie eines anwesenden Gottes haben. ... Er sollte dem Volk jederzeit zur Verfügung stehen in dem sichtbaren Bild. Und so wurde das Bild zum Götzenbild. ... Aus ihm war ein nach Menschenmaß berechenbarer und handhabbarer Gott geworden. Das Volk hat sich einen Götzen gemacht, ... indem es also sich selber den Gott garantieren wollte.

Überall, wo die Bilder und die Namen Gottes nicht mehr Sprachversuche und Annäherungen sind, ... sondern als endgültige Feststellungen und Klarlegungen begriffen werden, sicher oft auch um unsere Angst und Unsicherheit zu binden, da besteht die Gefahr einen Götzen zu haben, statt einen Gott.

Nun ja, hier widerlegt sich der Christ leider selbst. Wenn ich nicht irre, war es gerade Mose, dem die 10 Gebote auf Tafeln dargereicht worden sind.

Was, wenn nicht endgültige Festlegungen sollen diese Worte Gottes denn sein? Sind sie nicht mehr gültig? Darf ich jetzt klauen, oder was?

Mir schweben all die von Menschenhand erbauten Gotteshäuser im inneren Auge vor, all die Bildnisse in ihnen, all die Symbole. Mir schwebt ein mit Seide und Tand beschmücktes, goldbehangenes, selbsternanntes Sprachrohr Gottes vor und höre es Nächstenliebe und Kampf dem Welthunger predigen, derweil in seinen Gemächern der Menschheit grössten Schätze hausen.

Nach deinen eigenen Ausführungen, lieber Winfried, ist es mit dem Christentum bestellt wie mit jedem anderen Glauben: Er kommt ohne Götzenbildnis nicht aus.

Es manifestiert sich erneut die christlich-abendländische Kultur und schaut vom Throne der Arroganz auf alle anderen (Welt)Religionen herab, tut sie als Götzentand ab.

Mir persönlich ist ein tibetanischer Bettelmönch sympathischer als ein fetter Pfarrer, der Sonntag morgens gegen den Welthunger predigt und anschließend zum Mittagstisch schlendert, wo Braten, Rotkohl und Klöße auf seinen Wanst warten. Zum Nachtisch gibt es die Aids- und Kondomdebatte als Sahnehäubchen oben drauf. Das ist kein Glaube, sondern reinster Zynismus, unabhängig von der Konfession.

Eine Frage:
Wer sagt denn, dass das Christentum "wahrer Glaube" ist? Wer kann widerlegen, dass der Kölner Dom nicht mehr oder minder götzenhaft ist wie der goldene Stier? Dein Text jedenfalls nicht.

Mir ist dieses ganze Christengeschwafel eh suspekt. Wenn ich in der SB-Bahn aufstehe, um einer alten Dame Platz zu machen, dann tue ich das nicht, weil mir irgendein Pfaff was von Nächstenliebe vorlallt, sondern weil meine Eltern mir Anstand beigebracht haben. Und die waren nur in der Kirche, wenn sie mussten.

Die Bibel lasse ich als Fundament unserer Wertevorstellungen gelten. Aber dieses ganze Götzen-Glauben-Geschwätz gehört in die Mottenkiste. Meine Meinung.

Ein atheistischer Gruß,
Archi
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Redaktionshinweis:

Lieber Archi, bitte ein kleines bisschen respektvoller über (Gott)Glauben reden! "Lallen", "Geschwätz", der "Pfarrer mit dem fetten Wanst" als Generalbeispiel für Christentum etc. sind deplaziert, selbst wenn du (wie ich auch), mit "sowas" nichts anfangen kannst.


Diskussionsbeitrag zum Inhalt des Textes:

Dieses Thema gehört solange nicht in die Mottenkiste, wie es (Gott)Glaubende, wie es Religionen gibt. Im Gegenteil – das ist ein tauglicher Ansatz, um Fundamentalismus vorzubeugen.

Die Konzentration auf das Christentum mag in der Tat etwas einseitig sein, ich persönlich habe es als "Beispiel" aufgefasst. Wobei ich bei "Ein bildloser Glaube ist ein trostloser Glaube." sofort assoziierte, dass der Autor demzufolge den Islam als trostlos bezeichnet. Sicher wäre hier ein Schwenk zu "was ist in diesem Sinne ein Bild?" hilfreich gewesen. Auch ein Abstecher zum Nicht-Religiösen wäre hilfreich gewesen, denn in der Sache trifft dieses "Bild machen müssen, um sich an etwas halten zu können, aber das Bild auch (teilweise) loslassen können, um nicht zu erstarren" auf alles im Leben zu.



Textarbeit:

Der Glaube entwirft Bilder. Ein bildloser Glaube ist ein trostloser Glaube. Denn in den Grundsituationen des Lebens kommen wir Menschen mit unserer einfachen Sprache nicht aus. Die Sprache selbst drängt sozusagen ins Bild. Sie verliert ihren bestimmenden Charakter und fängt quasi an zu fliegen, und keine Definition kann sie dann mehr einholen.
Was willst du damit ausdrücken? Die ersten drei Sätze verstehe ich, da "weiß" ich, was da steht. (Wobei ich bei Satz drei inhaltlich Einspruch erheben würde, aber das ist ein anderes Arbeitsfeld.) Was ich nicht "sehen kann", ist die Sache mit der Sprache, die ins Bild drängt – sagtest du nicht eben, die Sprache reicht eben nicht, um etwas sichtbar/zeigbar/erlebbar/… zu machen? Wie kann sie sich da plötzlich "ins Bild" drängen? Und wenn sie sich "ins Bild drängt" (also auf ihr "bestimmend sein" drängt), wieso verliert sie dabei ihr "bestimmend sein"? Und was meint "die Sprache fliegt" (wenn auch nur quasi). Und welche Definition soll die Sprache wie einholen? Kurz gesagt: Klingt alles wunderschön gehaltvoll, offenbart (mir) seinen Gehalt aber nicht im geringsten.
 
A

Architheutis

Gast
Hallo jon,

ich habe es ja nicht auf den Autor bezogen, sondern allgemein gehalten. Dein Hinweis, dass ich mich zu hart ausgedrückt haben mag, ist zur Kenntnis genommen. Die harschen Ausdrücke nehme ich zurück, der Inhalt bleibt.

Mein Standpunkt ist: Wer austeilt, muss einstecken können. Ich sehe den Autor hier ordentlich austeilen, wenngleich subtil. Ich dagegen bevorzuge die klaren Worte. Fraglich bleibt, was schwerer wiegt. Ich werde mich aber bemühen.

Klingt alles wunderschön gehaltvoll, offenbart (mir) seinen Gehalt aber nicht im geringsten.
Eben. Worthülsen bleiben leer, daran verändert auch die schönste Verpackung nichts.

Eines eint wohl alle Weltreligionen:
Sie alle beanspruchen für sich die alleinige Gültigkeit.

Natürlich ist das Thema nicht ausgekaut; es beschäftigt uns schon seit über 2.000 Jahren, ein Ende nicht in Sicht. Es wird immer Menschen geben, die die unerklärlichen Dinge von einem selbsternannten Erklärer vorgekaut schlucken möchten. Das erspart einem das Selberdenken.

Zum Text:
Die Sprache selbst drängt sozusagen ins Bild. Sie verliert ihren bestimmenden Charakter und fängt quasi an zu fliegen, und keine Definition kann sie dann mehr einholen.

So reden wir, wenn wir lieben. So reden wir im Schmerz, in der Trauer, in der Sehnsucht.
Eine wunderschöne Beschreibung dessen was passiert, wenn wir weder im bewussten, noch im unbewussten Zustand verweilen:
Der in uns allen schlummernde Genius bricht sich Bahn. Bei manchen äußert er sich in Kunst. Mit Genius meine ich nicht das Genie im klassischen Sinne (das sind die allerwenigsten), sondern den eben beschriebenen Zustand. Den haben wir alle, wenn wir ihn zulassen.

Leider wird diese schöne Zustandsbeschreibung im folgenden christlich verklärt. Ich kann halt nicht anders, als relgiösen Glauben als Verklärung unseres Genius zu bezeichnen.

In der Hoffnung verbleibend, adäquat geantwortet zu haben,
Archi
 

Duisburger

Mitglied
Mir ist dieses ganze Christengeschwafel eh suspekt.
Mit so einer Ausdrucksweise disqualifizierst du dich.
Atheismus und Toleranz / Respekt schließen sich nicht aus.
Letzteres fehlt dir hier vollkommen.
Bezieht sich das "Geschwafel" bei dir nur auf die Christen oder beglückst du damit auch Muslime, Juden, hinus, Sihks ...?
Und wer schwafelt denn da? Alles Christen, nur die Würdenträger?

fragt
Uwe (Christ)
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
REDAKTIONSHINWEIS:
Dieses Thema bitte nicht hier diskutieren! Das führt zu weit vom Text weg. (Der Tonfall wurde bereits angemahnt, die Mahnung ist angekommen.)
 

Penelopeia

Mitglied
Sehr interessanter Text! Die Diskussion ist nachvollziehbar. Um sie vielleicht ein bissel zu entspannen, versuche ich mal Folgendes: ich ersetze ein bestimmtes Wort der ersten Sätze und füge noch ein zweites ein.

Man kann vom [red]Denken[/red] zwei Sätze sagen, die sich widersprechen. Der eine Satz lautet: [red]das Denken [/red]entwirft Bilder von Gott [red]und Welt[/red], weil [red]es[/red] nicht blind leben kann.

Und der andere behauptet: [red]das Denken [/red]überholt die vorhandenen Bilder, und oft reißt [red]es[/red] sie auch nieder und zerstört sie, wie etwa Mose den goldenen Stier am Sinai niedergerissen hat, in dem das Volk die Kraft [red]seiner[/red] [red]Welt[/red] verehrte.


Ich meine: es geht hier nicht primär um eine bestimmte Religion. Es geht um den Zusammenhang Ich und Welt, um unsere Erkenntnis - unser Denken. Wir haben nunmal nur Bilder, nur mit und durch sie funktioniert unser Denken, ganz unabhängig von unserer religiösen Ausrichtung. Das trifft also auch auf den Atheisten zu...

Ein Wort von Wittgenstein: "Es gibt keine Definition". Da steckt der ganze Sachverhalt drin, z.B. auch der Gedanke, dass wir Gott ohnehin nicht erkennen können; wer's behauptet, lügt.

P.
 
Mein Text versteht sich als ein Diskussionsbeitrag für Menschen, die mit dem ersten Gebot etwas verbinden. Es will ein Beitrag sein zu einem Verständis der Gebote als Einladungen in die Freiheit, anstelle ihrer traditionellen Interpretation als "Verbote".

Vielen Dank für die Beiträge von Duisburger und Penelopeia, von denen ich mich als Autor ernst genommen fühle.


Winfried Stanzick
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Oooch … *Schnute zieh* Ich nehm dich doch auch ernst. Mir (als Atheist) fiel nur auf, dass der Text viel universeller verstehbar ist, als nur auf den christlichen Glauben bezogen. (Sehr interessant, das.) Das "sowas" bezieht sich auf "gut sein, weil Christen gut zu sein haben" und ähnliches. (Ich kann damit nichts anfangen – wer es kann, soll es tun.) Alles andere ist doch aber Textarbeit, also Hinweise an den Autor …


Redaktionsfrage an der Stelle: Ist der Text ein Diskussionsangebot an die Lupinen (und gehört ins Forum Lupanum) oder möchtest du ihn vorher (also bevor über den Inhalt geredet wird) noch schreibhandwerklich verbessern (dann steht er hier richtig)?
 
Ich werde den Text in den nächsten Tagen noch einmal sprachlich überarbeiten. Dass er in einem erweiterten, universellen Sinn gelesen und rezipiert werden kann, freut mich.Dennoch: er dient nicht dazu, irgendjemand zu überzeugen oder gar zu missionieren.Es ist ein Selbstverständigungstext eines Theologen und Christen über den grundlegenden Satz eines Kanons, der nach wie vor für Juden und auch Christen eine zentrale Bedeutung hat.

Winfried Stanzick, der keine Schnute zieht, sondern ganz im Gegenteil gerade Jon für seine Geduld dankt.
 
Man kann vom christlichen Glauben an Gott zwei Sätze sagen, die sich widersprechen. Der eine Satz lautet: der Glaube entwirft Bilder von Gott, weil er ohne sie nicht leben kann.

Und der andere behauptet: der Glaube überholt die vorhandenen Bilder. Oft reißt er sie auch nieder und zerstört sie, wie etwa Mose den goldenen Stier am Sinai niedergerissen hat, in dem das Volk die Kraft seines Gottes verehrte.
Der Glaube entwirft Bilder. Bilder können trösten, sie weisne über uns selbst hinaus. Denn in den Grundsituationen des Lebens kommen wir Menschen mit unserer einfachen Sprache nicht aus. Die Sprache selbst drängt sozusagen ins Bild. Sie verliert ihren bestimmenden Charakter und fängt quasi an zu fliegen, und keine Definition kann sie dann mehr einholen.

So reden wir, wenn wir lieben. So reden wir im Schmerz, in der Trauer, in der Sehnsucht. Wir fliehen in die Bilder, weil unsere normale Sprache zu eng ist. Aber, und das ist wichtig: diese Bilder, die wir da machen und benutzen sind keine Fotos; sie wollen niemand einfangen und festhalten. Es sind Bilder, die auf jemanden zueilen und ihn umarmen möchten. In der Liebe, in der Trauer, in der Sehnsucht spüren wir das Ungenügen unserer eigenen Sprache. Wie eine Welle die andere bricht und überholt, so überpurzeln sich die Bilder und man versucht immer neue. Das Bild selber bricht das Bild und ist somit bilderstürmerisch.

Aber, zum zweiten: der Glaube reißt auch Bilder nieder. Der Prophet Habakuk sagt an einer Stelle: „Das Bild lehrt lügen.“ Die Geschichte vom Goldenen Kalb ist sozusagen die Grundgeschichte des Bildersturzes.
Das Volk ist in der Wüste, Mose oben auf dem Berg; er scheint nicht wieder zu kommen. Woran sollen sie sich halten, wenn sie ihren Führer verloren haben? Sie sammeln ihren Schmuck und gießen das Bild eines goldenen Kalbs, ein Abbild der Stärke ihres Gottes. Keines fremden Gottes, sondern des Gottes, der sie kraftvoll und mächtig aus Ägypten befreit hat. Was war also so falsch daran?

Das Volk wollte die Garantie eines anwesenden Gottes haben. Seine Kraft sollte gefangen werden im kostbaren Bild des mächtigen Stieres. Er sollte dem Volk jederzeit zur Verfügung stehen in dem sichtbaren Bild. Und so wurde das Bild zum Götzenbild. Das war dann nicht mehr der Gott der Freiheit. Aus ihm war ein nach Menschenmaß berechenbarer und handhabbarer Gott geworden. Das Volk hat sich einen Götzen gemacht, indem es mehr haben wollte als das unangreifbare Versprechen seines Gottes, indem es also sich selber den Gott garantieren wollte.

Überall, wo die Bilder und die Namen Gottes nicht mehr Sprachversuche und Annäherungen sind, wo die Namen und Bilder nicht mehr große und zärtliche Liebesspiele sind, sondern als endgültige Feststellungen und Klarlegungen begriffen werden, sicher oft auch um unsere Angst und Unsicherheit zu binden, da besteht die Gefahr einen Götzen zu haben, statt einen Gott.
 
Man kann vom christlichen Glauben an Gott zwei Sätze sagen, die sich widersprechen. Der eine Satz lautet: der Glaube entwirft Bilder von Gott, weil er ohne sie nicht leben kann.

Und der andere behauptet: der Glaube überholt die vorhandenen Bilder. Oft reißt er sie auch nieder und zerstört sie, wie etwa Mose den goldenen Stier am Sinai niedergerissen hat, in dem das Volk die Kraft seines Gottes verehrte.
Der Glaube entwirft Bilder. Bilder können trösten, sie weisen über uns selbst hinaus. Denn in den Grundsituationen des Lebens kommen wir Menschen mit unserer einfachen Sprache nicht aus. Die Sprache selbst drängt sozusagen ins Bild. Sie verliert ihren bestimmenden Charakter und fängt quasi an zu fliegen, und keine Definition kann sie dann mehr einholen.

So reden wir, wenn wir lieben. So reden wir im Schmerz, in der Trauer, in der Sehnsucht. Wir fliehen in die Bilder, weil unsere normale Sprache zu eng ist. Aber, und das ist wichtig: diese Bilder, die wir da machen und benutzen sind keine Fotos; sie wollen niemand einfangen und festhalten. Es sind Bilder, die auf jemanden zueilen und ihn umarmen möchten. In der Liebe, in der Trauer, in der Sehnsucht spüren wir das Ungenügen unserer eigenen Sprache. Wie eine Welle die andere bricht und überholt, so überpurzeln sich die Bilder und man versucht immer neue. Das Bild selber bricht das Bild und ist somit bilderstürmerisch.

Aber, zum zweiten: der Glaube reißt auch Bilder nieder. Der Prophet Habakuk sagt an einer Stelle: „Das Bild lehrt lügen.“ Die Geschichte vom Goldenen Kalb ist sozusagen die Grundgeschichte des Bildersturzes.
Das Volk ist in der Wüste, Mose oben auf dem Berg; er scheint nicht wieder zu kommen. Woran sollen sie sich halten, wenn sie ihren Führer verloren haben? Sie sammeln ihren Schmuck und gießen das Bild eines goldenen Kalbs, ein Abbild der Stärke ihres Gottes. Keines fremden Gottes, sondern des Gottes, der sie kraftvoll und mächtig aus Ägypten befreit hat. Was war also so falsch daran?

Das Volk wollte die Garantie eines anwesenden Gottes haben. Seine Kraft sollte gefangen werden im kostbaren Bild des mächtigen Stieres. Er sollte dem Volk jederzeit zur Verfügung stehen in dem sichtbaren Bild. Und so wurde das Bild zum Götzenbild. Das war dann nicht mehr der Gott der Freiheit. Aus ihm war ein nach Menschenmaß berechenbarer und handhabbarer Gott geworden. Das Volk hat sich einen Götzen gemacht, indem es mehr haben wollte als das unangreifbare Versprechen seines Gottes, indem es also sich selber den Gott garantieren wollte.

Überall, wo die Bilder und die Namen Gottes nicht mehr Sprachversuche und Annäherungen sind, wo die Namen und Bilder nicht mehr große und zärtliche Liebesspiele sind, sondern als endgültige Feststellungen und Klarlegungen begriffen werden, sicher oft auch um unsere Angst und Unsicherheit zu binden, da besteht die Gefahr einen Götzen zu haben, statt einen Gott.
 

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