Gedankenfetzen

Ciconia

Mitglied
Brachland

Welch schönes altes deutsches Wort: brach liegen.Talente können brach liegen. Eine Wiese auch.

Die Feuchtwiese hinter dem Ort war eine Brache, aber innerhalb dieser Brache gab es allerhand Leben. Dann kam die chemische Keule. Das Gras verfärbte sich braun.

Entsetzen beim Spaziergang.

Darf der Bauer das? Ja, er darf. Der Hobbygärtner darf nicht. Das Herbizid Glyphosat, gemeinhin als Round-up bekannt, darf auf Freiflächen nur angewendet werden, wenn diese landwirtschaftlich, forstwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzt werden. Welch ein Irrsinn!

Tagelanger Lärm von weither. Die Monsteregge, so groß wie drei Traktoren, vergewaltigt die Wiese und legt hässliche blanke Erde frei.

Nichts bleibt, was es mal war: Brutplatz für die Lerchen, Heimat für zahllose Mäusekolonien, Futterstelle für die Störche, Rastplatz für durchreisende Zugvögel.

Wo sollen sie denn alle hin: die Grillen, die jeden Sommerabend für ihre Konzerte nutzen, die Feldhasen, die die riesige Spielwiese schamlos als Rummel- und Rammelplatz verstehen, die flatternden Falter, die schwirrenden Libellen, die summenden Hummeln?

Haben sie den Großangriff überlebt? Sind sie ganz einfach weitergewandert? Ich stelle mir eine riesige Karawane kleiner Lebewesen vor, wie sie mit Sack und Pack ... ach Quatsch, es ist ja gar nicht mehr genug Quartier vorhanden. Auch auf den letzten Äckern wächst jetzt Mais, damit die Menschheit weiter ungebremst Gas geben kann.

Aus der Zeitung lerne ich, dass beim Abbau der organischen Bodensubstanz so viel Treibhausgas CO2 freigesetzt wird, dass dies von den Biogasanlagen selbst über Jahrzehnte nicht wettzumachen ist. Welch ein Wahnsinn!

Darf man das neue Maisfeld eine ökologische Brache nennen?

Heute Schmunzeln beim Spaziergang: Auf dem geschändeten, langweilig braunen, leblosen Acker ein paar aberwitzige Häufchen, akkurat aufgereiht in gerader Linie: Der Maulwurf hat offensichtlich überlebt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Mit nachdenklichen Grüßen
Ciconia
 

petrasmiles

Mitglied
Hallo Ciconia,

das ist schon etwas anderes, dem Wahnsinn nicht nur in den Medien, sondern in der eigenen Umgebung zu begegnen.
Vor allem erfährt man in den Medien selten etwas von dem Maulwurf :)

Liebe Grüße
Petra
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Petra,

ja, so ist der Mensch leider (?)! Er liest - und ist empört - und vergisst wieder – aber wenn sein eigener Freiraum plötzlich eingeschränkt ist, kommt die große, echte Entrüstung. Wer davon frei ist, werfe den ersten Stein ...

Kleiner Nachtrag: Ich vergaß zu erwähnen, dass auch Dutzende krächzender Krähen den toten Acker sofort beschlagnahmt hatten. Der Maulwurf im Untergrund, die unsympathischen, gierigen Massen an der Oberfläche ... ich grüble ...

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Demokratieverständnis

Ich frage den Nachbarn zur Rechten: „Was halten Sie denn nun von dem Urteil?“ – „Welches Urteil meinen Sie?“

Ich frage den Nachbarn zur Linken: „Wie ist denn Ihre Meinung zum Urteil?“ – „Wie bitte?“ – „Haben Sie denn heute nicht nach Karlsruhe gesehen?“ – „Ach, Politik interessiert mich nicht!“ – „Demokratie ist Ihnen wohl auch nicht wichtig?“ – „Wieso?“

Ich gehe zurück ins Haus und gräme mich.
 

Ciconia

Mitglied
Biedermänner

All die Biedermänner und –frauen, die wohlgefällig in ihren Glashäusern sitzen und steinewerfend hoffen, dass ihr eigenes Haus unbeschädigt bleiben möge,

all die Biedermänner und –frauen, die später bass erstaunt und lautstark wehklagen über die Ungerechtigkeiten anderer Steinewerfer,

all die Biedermänner und –frauen, die immer noch glauben, dass gegenseitiges Lob und Anerkennen automatisch zum Erfolg führen müsse –

sie sollten einmal darüber nachdenken, wie lange so ein System funktionieren kann.
 

Ciconia

Mitglied
all die Biedermänner und –frauen, die immer noch glauben, dass gegenseitiges Lob und Anerkennen automatisch zum Erfolg führen müsse –

sie sollten einmal darüber nachdenken, wie lange so ein System funktionieren kann ...


... und was es dem Einzelnen letztlich bringt.

Aus gegebenem Anlass noch einmal wiederholt.
 
D

Dominik Klama

Gast
Hallo Ciconia,
hier zur Abwechslung mal von mir eine „spontane Textassoziation“.

Nachträgliche Verweise deinerseits an anderer LL-Stelle auf diesen Thread führen einen zu dem Gedanken, dass du deine Notizen vom 15. Dezember 2012 nicht zuletzt mit Bezug auf die Leselupe, deren Mitglieder und ihren Umgang untereinander gemeint haben könntest. Doch gehe ich davon aus, dass mehr oder weniger niemand, der damals diesen Tagebuch-Thread las, auf so eine Idee gekommen war. Manchmal muss man Ross und Reiter einfach mal nennen. Nachdem der Thread sich vorher mit der deutschen Nahrungsmittelproduktion befasste, dann über die mangelnde staatsbürgerliche Interessiertheit des deutschen Normalbürgers klagte, konnte niemand auf die Idee kommen, dass es beim „Glashaus“ um die Leselupe ging. Auch die wiederholende Unterstreichung der Eintragung am Ende des folgenden Monats hat daran nichts ändern können. Denn das Textverständnis von Lesern bewegt sich in Kontextstrukturen. Unkrautvernichter, Maisfeld, Maulwurf, Bundesverfassungsgericht, wer das gelesen hat, denkt nie und nimmer an die Gebräuche innerhalb der Leselupe.

Überhaupt frage ich mich, ob solche Diary-Threads, die nur ab und an bedient werden, prinzipiell aber auf Jahre hinaus weitergehen könnten, nicht besser als Sammelwerke aufgezogen werden sollten, wo es eine Einleitungsseite, einen Klappentext gibt, darunter sich dann datierte Links zu allen späteren Abschnitten finden. Auf diese Art sieht man als Besucher sofort, von wann bis wann der Thread von Autor erstellt wurde und hat einen unproblematischen Zugriff zu den originalen Textstellen des Autors. Kommentare anderer LL-Mitglieder und nachträgliche Selbstkommentare, die sonst immer dazwischen stünden und einem die Übersicht erschweren würden, würden erst auftauchen, nachdem man die einzelnen Teilthreads angewählt und die primären Werkteile zuerst gelesen hätte. Allerdings habe ich mich bisher sehr selten mit der Sparte „Tagebuch“ in der LL beschäftigt und das Problem dürfte wohl darin bestehen, dass die Sammelwerkstruktur gemäß den LL-Regularien immer bei „Lange Texte“ eingestellt werden muss, wodurch die Zugehörigkeit zum Tagebuch-Genre verwischt werden könnte.

Zu deiner Frage, ob es wirklich effektiv sein kann, sich ein Netzwerk von „Freunden“ zu basteln, die sich gegenseitig ständig loben und nach vorne schieben. Natürlich kann das nützlich sein! Noch nie hat es ein einzelner Mensch ganz alleine nach oben geschafft und noch nie ist jemand, der oben war, oben auch geblieben, wenn er nicht auf die Unterstützung von „Freunden“ zählen konnte. Das wissen die Menschen auch und daher kannst du viele moralische Appelle aussenden, wirst dieses Klüngelverhalten aus der Menschheit aber niemals rausbringen. So ehrenwerte und hoch talentierte Schriftsteller wie Heinrich Böll, Martin Walser, Ingeborg Bachmann wären möglicherweise nie so groß herausgekommen oder aber später erst, wenn sie nicht ihre zugeneigten Bekannten unter Kollegen, Journalisten und Verlegern gehabt hätten, die sie bei der Gruppe 47 trafen. Und dasselbe versucht halt jeder Klein-Moritz-Schreiberling bei der Leselupe oder in anderen Internetforen auch. Letztlich stabilisieren sich solche Systeme nur, wenn jeder der Beteiligten davon Vorteile bekommt. Aber nehmen wir an, wir beide gehörten einem losen Sympathieverbund innerhalb der LL von acht Usern an. Dann lesen wir allein schon deswegen fast immer die Threads der anderen Beteiligten, weil wir doch einen gewissen emotionalen Bezug zu diesen Kollegen haben. Und werden geneigt sein, etwas einigermaßen Freundliches unter das Gelesene zu schreiben, weil wir wissen, dass die uns alle auch schon freundlich rezensiert haben. Abgesprochen und quasi in Vertragsform gegossen muss das überhaupt nicht werden. Aber es bewirkt eben, dass die Beiträge dieses Kreises öfter auf Platz 1 der Inhaltsverzeichnisse erscheinen und dort öfter als beantwortete und bewertete als die Arbeiten von Einzelkämpfern.

Wo du mit deiner Frage vielleicht hinzieltest: Muss das einander Helfen nicht aufhören, wenn es darum geht, den einzigen zu finden, der zum King über allen wird? Aber so jemanden muss man unter Künstlern doch gar nicht haben. Gerhard Richter benötigte nicht eine Position, die pausenlos jeden klar machte, dass er größer als Sigmar Polke, Markus Lüpertz oder Georg Baselitz ist. Grass musste nie beweisen, dass er genialer schreibt als Böll, Lenz und Walser. Anders verhält es sich bei politischen Diktaturen, aber es konnte sich schon auch auszahlen, ein treuer Freund von Baby Doc Duvalier zu sein und somit immer jemanden über sich zu haben, der einen beherrschte, den man nicht beherrschen konnte, dessen Lobredner man aber war.

Ein anderer Aspekt kommt durch dein Wort „Glashaus“ hinein. Gestern kritisierte ich bei einem Thread von EviEngel plumpen Satzbau. Ich schrieb dazu (hätte dies aber eigentlich nicht machen müssen), dass da ein Nachbar den Splitter im Auge der Nachbarin kritisiert, der vielleicht den Balken im eigenen Auge hat. Denn ich weiß, dass es plumpen Satzbau auch bei mir gibt. Aber: Alles, was kritisiert werden kann, wird irgendwann auch kritisiert werden. Es gibt kein einziges Goethe-Gedicht, wo nicht jede Schwachstelle irgendwann gesehen und dann auch angesprochen worden wäre von jemand, der, wohl gemerkt, als Dichter selber keineswegs so gut war wie Goethe. (Es ist durchaus möglich, dass in solchen Internetforen etliche Stellen, die Kritik verdient hätten, niemals kritisiert werden, in Jahren nicht ein einziges Mal, aber das liegt dann daran, dass Internetforen es an sich haben, dass fast ausschließlich neue „Ware“ begutachtet wird und viel seltener alte. Würde dort tatsächlich so intensiv nachgeschaut wie bei Goethe über einen Zeitraum von 200 Jahren, dann würde alles kritisiert werden, was nur kritisiert werden kann.)

Aber es gibt schon auch Kritik aus dem Mund von Leuten, die überhaupt nicht verstanden haben, was Sache ist. Es gibt scheinheilige Kritik, die vorgeblich über Details des sprachlichen Ausdrucks geht, tatsächlich aber den Zweck verfolgt, das Renommee des Kollegen zu schädigen. Es gibt Kritik, die irgendwie ein Problem erschnüffelt hat, in der Analyse dann am Problem aber vorbeigeht. Und so weiter. Es gibt einfach auch schlechte Textkritik wie es schlechte Texte gibt. Nun liegt es in der Natur der allermeisten von uns, dass wir nicht gerne kritisiert werden. Theoretisch ist uns das klar, Kritik könnte immer auch einen Anlass bieten, eigene Schwächen zu merken und dann besser zu werden. Kritik könnten wir als Geschenk betrachten. Aber wir tun das selten. Die meisten kritisierten Autoren neigen dazu, Kritik erstens für vollkommen falsch, zweitens aus niederen Instinkten heraus vorgebracht und drittens für persönlich diffamierend zu halten. Viele Autoren schlagen dann einen Weg ein, Kritik, weil sie ihres Erachtens eine von solcher Unart war, „sich zu verbitten“ bzw. „verbieten“ zu wollen. Einer der rhetorischen Winkelzüge auf diesem Weg ist: „Du sitzt ja im Glashaus. Du kannst doch selber nicht. Also darfst du mich nicht kritisieren.“

Das stimmt aber nicht. Kritik trifft entweder zu oder nicht. Und wenn sie zutrifft, wird irgendwann irgendwer das merken, ganz egal, wie lange und wie erfolgreich man zuvor versucht hat, sie zu ersticken. Wenn aber die Kritik zutrifft, dann ist es völlig unerheblich, ob ein großer Künstler oder ein hässlicher kleiner Neider sie zuerst vorgebracht hat.

Ich komme jetzt, mit Bezug auf deine Anmerkungen zur Kulturbrache in der deutschen Landwirtschaft zu einem Link, der dich zu einem Vortrag des VWL-Professors Heinz-Josef Bontrup (Hochschule Recklinghausen) führt, den dieser vor einigen Monaten bei der Fraktion der Piraten im nordrhein-westfälischen Landtag gehalten hat. Das ist ein sehr langer Film. Leider beginnt er auch noch mit einer ziemlich langen Phase, wo kein Ton zu hören ist. Aber du wirst sowieso nicht gewillt sein, dir die ganzen zwei Stunden anzuhören, bloß weiß ich sie dir hier hingestellt habe. Klicke darum einfach mal irgendwo mitten rein in diese Aufzeichnung und warte, bis dein Computer hoch geladen hat und der Film dann bei der von dir zufällig bestimmten Stelle anfängt zu laufen. Hör dir das mal eine Weile an und entscheide danach, ob dich das interessiert oder nicht.
http://www.youtube.com/watch?v=PfU0ex0MYrU
(Der Ton kommt ab 0:10:33 - und er setzt später noch paar Mal, dann aber nur kurz, wieder aus.)

Es geht in diesem Vortrag und der anschließenden Fragerunde um etwas, was du in deinem Thread überhaupt nicht behandelt hast, nämlich um den laut Ansicht des Ökonomieprofessors verhängnisvollen Verlauf der Weltwirtschaft in unserer Jetzt-Zeit. Du wirst, wenn du dich erst einmal in YouTube befindest, mühelos weitere Links zu anderen Bontrup-Auftritten finden, wo er im Grunde überall dasselbe sagt. Ich kenne den Mann nicht weiter, aber er scheint seit Jahren als Kassandra der politischen Ökonomie herumzureisen. Bontrup erklärt dir, warum in Deutschland die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer und immer mehr werden, warum das Problem der Arbeitslosigkeit mit allen bisher gebrauchten Mitteln überhaupt nicht in Griff zu bekommen ist, wie es zur Investmentbankenpleite von 2008 (folgende) kam, warum die Euro-Problematik (Stichwort: Griechenland) nichts anderes als eine weitere Phase derselben Krise ist, warum diese Krise nicht bewältigt wird von den politischen Eliten in Europa, warum sie sich in den kommenden Jahren immer weiter verschärfen und schließlich zum ganz großen wirtschaftlichen Desaster führen wird, wenn nicht schleunigst wirtschaftspolitisch radikal umgesteuert wird.

In diesem Film referiert Bontrup bei den Piraten. Man kann aber sehen, dass sie sich seiner Meinung nur partiell anschließen wollen. Andernorts kann m an ihn seine Theorien vor dem Bundestag darlegen sehen. Auch der Bundestag hat sich seiner Sicht der Weltwirtschaft nicht angeschlossen. Noch woanders kann man ihn bei der Stiftung der Linkspartei referieren sehen und man würde, wenn man ihm zuhört, sowieso glauben, dass er uns das erzählt, was die Linken wollen. Allerdings sagt Bontrup: „Die Linken haben an sich ja oft Recht, aber das ist witzlos, weil ihnen der deutsche Wähler nicht traut, sie daher nicht wählt, sie deshalb nichts umsteuern können.“ Wiederholt findet man bei Bontrup die Aussage, dass seine einzige Hoffnung in einer ersehnten Umkehr der SPD steckt. Außerdem sagt er, dass er von allen gesellschaftlichen Organisationen an ehesten auf Seite der Gewerkschaften steht, von diesen aber allenthalben als Provokateur und Traumtänzer belächelt wird.

Ich bringe das hier, weil der von dir angeprangerte Wahnsinn, der durch Deutschlands Felder und Auen tobt, selbstverständlich gar nicht denkbar ist ohne die durchgreifende Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche und also auch der Landwirtschaft. Worüber du aber kein einziges Wort verloren hast.

Herbizide, Pestizide und Dünger kosten ja was. Auch das Saatgut und das Umpflügen und der Sprit vom Traktor kosten was. Dies alles geht erst mal als Kosten und „Verlust“ in die ökonomische Rechnung ein. Es wird also nicht aus Jux und Gaudi gemacht. Wenige Leute, die über Kapital verfügen können, verspüren eine Lust, dieses Kapital zu reduzieren. Wenn also Maismonokulturen angepflanzt und Feldflurarten ausgerottet werden, dann dies nicht etwa aus destruktivem Willen und Lust an der Bosheit, sondern einzig und allein, weil es sich am Ende rechnet, weil es Gewinn, das heißt Kapitalvermehrung schafft. Also auch nicht, damit unsere lieben deutschen Mitmenschen was zu essen kriegen, sondern ganz allein deswegen, weil es Gewinn vermehrt.

Deine Notizen bewegen sich auf einem Niveau, wo du jetzt vielleicht sagen würdest: „Aber es ist doch nur die halbe Rechnung, die nur den Gewinn des Landwirts und des Handels und den daran hängenden Steuergewinn des Staates sieht und nicht den Verlust, den wir alle erleiden, indem die Natur zerstört wird!“ Hier liegt aber auch schon die Krux einer Denkweise wie deiner. Dass wir irgendein (von mir jetzt erfundenes) Goldmeiblümchen auf unseren Feldern stehen haben, das ist kein kapitalistisch zu fassendes Vermögen auf irgendeinem unserer Konten. Es ist somit nicht vorhanden. Was nicht gerechnet werden kann, zählt auch nicht. Dagegen ist der Profit, den Putenhof Praussel, die landwirtschaftliche Handelsgenossenschaft BEIBAG und die Discounthandelskette redalil machen, existent. Er schafft Kapital, das neu investiert und weiter vermehrt werden kann. Er schafft Wachstum. Und unsere Politiker, das sind die, welche die Gesetze machen und festsetzen, wer wie viele Steuern zahlen soll, die wissen, dass all die Genannten Arbeitsplätze bieten, das Goldmeiblümchen aber nicht, dass sie Steuern zahlen, mit Hilfe derer der Staat Straßen bauen und Arbeitslose verpflegen kann. Denn irgendwer muss das ja tun, das Goldmeiblümchen tut es so wenig wie die Kapitalbesitzer.

Mit dem Maulwurf ist das so: Irgendeinen Schaden wird der schon verursachen. Vielleicht dauert das maschinelle Abernten eines Ackers voller Maulwürfe fünf Minuten länger als das eines maulwurfshügelfreien Ackers. So was kann der Mensch heute berechnen, so intelligent ist der. Selbstverständlich wüsste der Mensch auch Mittel, die Maulwürfe von diesen Feldern alle zu entfernen. Die kosten aber auch was. Und solange die Entfernung des Maulwurfs mehr kostet als die fünf Minuten, die wegen dem Maulwurf länger geerntet werden muss, findet das nicht statt. Denn alles ist durchökonomisiert und sämtliche Entscheidungen fallen nach ökonomischen Rechnungen. Dein Maulwurf überlebt so lange, wie es sich anders nicht besser rechnet.

Im Übrigen kann aber auch sein, dass demnächst ganz schwere Trecker über die Äcker fahren und immer mehr Mais angebaut wird und der Boden sich so verdichtet, dass der Maulwurf nicht mehr darin leben kann. Dann ist das ein Kollateralschaden, den niemand beabsichtigt hatte. Niemand will den Maulwurf ausrotten, solange sich seine Ausrottung nicht rechnet. Andererseits könnte aber auch sein, dass der Maulwurf sich nach wie vor bester Gesundheit erfreut, weil in Form von Kollateralschäden diejenigen bereits ausgerottet worden sind, welche ihm sonst das Leben sauer machen täten. Dies könnten Milane, Falken, Bussarde, Igel, Füchse, Marder und dergleichen sein. Jetzt könnte sein, dass dein putziger Maulwurf, weil jetzt seine Köpfezahl höher wird, als dem ökologischen Gleichgewicht zuträglich, allerlei Krabbelgetier und Würmchen wegfrisst, welche dummerweise aber sein müssen, damit die Goldmeiblümchen überleben. Folglich stirbt dann das Goldmeiblümchen aus, die Maulwurfshügel aber werden mehr. Und das freut dich.

Ich mutmaße, dass Leute, die so denken, wie du es in deinen Texten tust, in einem der nächsten Texte wohl mal schreiben könnten: „Wir müssen uns eben verantwortlicher verhalten beim Konsumieren. Wir dürfen nicht dauernd die billigsten, weil billigst produzierten, weil in einem total durchindustrialisierten Produktionsprozess erzeugten Lebensmittel einkaufen. Wir haben es doch selbst in der Hand, ob wir dem rein ökonomischen Denken, wonach immer das das Beste ist, was sich am besten rechnet, auch folgen oder nicht.“

Und genau deswegen habe ich den Bontrup eingestellt. Denn der Bontrup macht dich darauf aufmerksam, dass es längst Leute gibt, die sich das einfach nicht leisten können, „verantwortlich“ zu konsumieren. Er lenkt deine Aufmerksamkeit auch darauf, dass die Zahl dieser Leute in den vergangenen zwanzig Jahren dramatisch angestiegen ist und immer weiter ansteigen wird, wenn nicht ein grundsätzlicher Wandel des Wirtschaftssystems eintritt. Wer von Hartz IV lebt, der muss überall sparen, der kann nichts, absolut gar nichts, einfach nach Lust und Laune oder nach ethischen Gesichtspunkten kaufen. Sondern er muss bei allem, was er kauft, im Geiste nachrechnen, ob sich das lohnt, welche Auswirkungen dieser Konsum auf seine individuelle monatliche Kapitalbilanz haben wird. Gehe doch mal von zirka 12 € pro Tag oder 84 € in der Woche aus. Das entspricht ungefähr Hartz IV. Nicht berücksichtigt das Wohnen, denn dafür bekommst du noch extra Geld, falls du es brauchst. Aber für alles und jedes andere, was es außer Wohnen sonst nur gibt. Dir ist dann schon klar, dass du nicht für 12 € pro Tag Essen und Trinken einkaufen kannst. Ebenso klar ist, dass mit „Hartz“ keineswegs bloß die Hartz-IV-Empfänger gemeint sind, sondern auch viele Rentner und Minijobber, die zwar ganz normal arbeiten, damit aber so wenig verdienen, dass sie zusätzlich aufstockendes Hartz benötigen.

Bontrup sagt dir unumwunden, dass die millionenfache Zunahme von Leben auf Hartz-Niveau in Europa nichts anderes als die andere Seite derselben Münze ist, die du siehst, wenn du liest, dass die Vermögen in Deutschland sich in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt haben. (Hundert Prozent Wachstum in zwanzig Jahren, das war kein Pappenstiel.) Es gibt das eine nicht ohne das andere. Der Reichtum ist nicht einfach so da, sondern er ist die Armut der anderen.

Das findet einer von den NRW-Piraten suspekt und da fragt er den Bontrup: „Ja, wollen Sie denn dann eine Umverteilung? Dass man denen, die Kapital haben, was wegnimmt, und es denen, die keines haben, gibt?“ Ich denke, dir geht es wir mir. Wir alle haben aus politischen Diskussionen diese rhetorische Figur im Gedächtnis. Wann immer jemand Linkes etwas zu Wirtschaft oder Steuerrecht sagte, warf irgendwer ein: „Aber ihr wollt doch bloß immer weiter umverteilen von oben nach unten!“ Bontrup sagt: „Die Weltwirtschaft ist jetzt so gelaufen, dass 30 Jahre lang die Seite der Kapitalbesitzer ihr Vermögen vergrößern konnte, die Seite der lohnabhängig Beschäftigten real gerechnet seit 30 Jahren konstant verliert. Es ist faktisch sehr wohl umverteilt worden und wird jeden Tag weiter umverteilt. Ja, das will ich umkehren. Ja, ich will umverteilen von oben nach unten.“ Da sagen die Piraten drei Sekunden nichts.

Wie es aber eine Frage bezüglich dem ökologisch verantwortlichen Konsumieren ist, ob man sich dieses überhaupt noch leisten kann, ist auch deine zweite Frage eine von der Sorte, ob man es sich denn noch leisten kann. „Interessiert es die normalen Deutschen gar nicht mehr, was politisch entschieden wird?“ (Ich erinnere mich übrigens auch nicht mehr, in welcher Sache das Bundesverfassungsgericht im September was entschieden hat. - Ha! Ich googelte. Und: Anscheinend in Sachen EU-Fiskalpakt. Das passt doch wie die Faust aufs Auge.)

Als kürzlich in Niedersachsen gewählt wurde, verfolgte ich ab 17.30 Uhr stundenlang die Berichterstattung im Rundfunk. Zu Beginn stand lange nicht fest, welche Koalition künftig an der Regierung sein würde. Es kamen zu dieser Zeit aber mehrere Stimmen von Politikern verschiedener Parteien, die sich sehr zufrieden äußerten, dass die Wahlbeteiligung nicht wieder so gering ausgefallen sei. Irgendwie klingt dauernde Wahlenthaltung des Volks fast nach Demokratieunlust. Die Leute scheinen an das demokratische System ja irgendwo nicht mehr richtig zu glauben, könnte man meinen. Drum also toll, wenn jetzt endlich mal wieder mehr gewählt wird. Am Ende kam es hingegen auch dieses Mal in Niedersachen genauso heraus, wie es seit unzähligen Terminen bei jeder deutschen Landtagswahl ausgeht: 60 Prozent der Berechtigen gehen wählen, 40 nicht. Das differiert immer ein wenig. Bei mir hier in Baden-Württemberg haben sich zuletzt nur 34 Prozent der Wahlberechtigten enthalten, in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt waren es jeweils fast die Hälfte. Bei der Bundestagswahl im Herbst werden es wahrscheinlich wieder nur 30 Prozent sein, aber ist eben Bundestagswahl. Ansonsten 60:40.

Klar, es kann sich theoretisch jeder leisten, sich um Politik zu kümmern. Gerade alle Hartz-IV-Empfänger könnten so viel an medialer Berichterstattung auf sich rieseln lassen wie sonst eigentlich keiner. Sie haben die Zeit. Dennoch dürfte die Zahl der Wahlboykottierer in kaum einer anderen Bevölkerungsgruppe so hoch sein wie bei Hartz-IV-Bezügern. (Darum müssen die etablierten Parteien auch keine Angst haben um ihre Pfründen. Eigentlich müssten die Hartz-Leute wohl Linke wählen, tatsächlich wählen sie aber schon lange gar nichts mehr.) Warum ist das so? Du interessierst dich für Politik nur, wenn sich die Politik für dich interessiert. Eine Politik, die sich für Euro-Stabilität und ausgeglichene Staatshaushalte in Europa, die Existenzsicherung der Banken und die Gewährleistung von Schuldenrückzahlung interessiert, aber nicht für die 50 Prozent Jugendlichen ohne Arbeit in Spanien und nicht für die 25 Prozent in Haushalten unter der Armutsgrenze aufwachsender Kinder und Jugendlicher in Deutschland, die interessiert Leute, denen niemand irgendwelche Schulden zurückzahlen muss, nicht die Bohne. Ob da oben ein Herr Steinbrück oder eine Frau Merkel vorn steht und den Zeremonienmeister macht, das ist doch so was von piepegal!

Auch das spricht Bontrup an. Er sagt uns für die kommenden Jahre die Verelendung breiter Bevölkerungskreise voraus und dann die Abkehr der Verelendeten von der Demokratie. Wollen wir mal zugucken, ob er Recht behält?
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Dominik,

der Umfang Deines Kommentars macht es mir unmöglich, auf Einzelheiten einzugehen, auch wenn viele Punkte sicher eine weitere Diskussion wert wären. Aber dies ist kein politisches Forum, und darum möchte ich in Kürze nur folgendes antworten.

Grundsätzlich finde ich die Idee der Tagebucheinträge nicht schlecht, deshalb habe ich damals auch damit begonnen - mit dem Gedanken, von Zeit zu Zeit kurze Impressionen, die keine ganze Geschichte ergeben, dort einzustellen.

Der erste Eintrag war das „Brachland“, weil ich dazu einen höchst aktuellen Bezug und eine richtige Wut im Bauch hatte. Wie gesagt, ich möchte hier nicht weiter über den Sinn und Unsinn von Maisanbau, Verspargelung norddeutscher Landschaften mit Windrädern u.v.m. diskutieren, es würde zu weit führen. Den Herrn Bontrup werde ich mir bei Gelegenheit mal zu Gemüte führen.

Der zweite Eintrag „Demokratieverständnis“ erfolgte dann aus großer Fassungslosigkeit nach dem Karlsruher Urteil vom 12.09.12, das die Verfassungsbeschwerde des streitbaren Herrn Gauweiler und anderer im Wesentlichen zurückwies - ein weiterer Schlag gegen die Demokratie in Deutschland. Mein Eintrag war symbolisch zu sehen für die Unaufgeklärtheit großer Teile der Bevölkerung. Und hinterher werden sie wieder alle von nichts gewusst haben ... (Dieser Spruch musste jetzt sein.)

Als drittes kam dann der Eintrag mit dem Glashaus, wobei ich gar nicht mal die LL als Glashaus sah, sondern die Leute meinte, die selbst im Glashaus sitzen und trotzdem ständig mit Steinen werfen. Um „Ross und Reiter“ zu nennen: Ein Forumsmitglied (lassen wir dahingestellt, ob männlich oder weiblich) hatte an jenem Abend mal wieder sehr theatralisch lamentiert, dass man seinem/ihrem neuesten Text anonym eine schlechte Bewertung gegeben hatte. Nun muss man wissen, dass eben dieses Mitglied selbst ausschließlich anonym bewertet und dabei nicht zimperlich ist im Umgang mit schlechten Zahlen. Na ja, die Gruppe der Buddies, die sich schon seit Jahren aus einem anderen Forum kennt, hat es wieder gerichtet, die Gruppe war hier einhellig für jemanden, so wie sie sich andererseits häufig gemeinsam gegen andere stellt. Ich war am Anfang meiner Mitgliedschaft selbst davon betroffen. Nur war es an diesem Abend so offensichtlich und so überzogen, dass ich es nur noch zum K… fand. Deshalb musste ich mir mal wieder Luft machen. Dass die Betroffenen sich nicht angesprochen fühlen würden, war mir schon klar. Ist ja auch nur mein Tagebuch.

Die Wiederholung der Glashausgeschichte in der letzten Woche beruhte auf der Beobachtung, dass eben dieses genannte Forumsmitglied am Morgen eine sehr gute Benotung für einen mehr als mittelmäßigen Text von einem ihrer Buddies bekam, die am Abend mit einer guten, der übrigen Bewertung angepassten Note vergolten wurde. Zu gut durfte die Note in diesem Fall nicht sein, dann wäre sie wegen der übrigen schlechten Bewertungen dieses Textes herausgefallen.

Ja, es ist schon interessant, was man hier so alles beobachten kann. Ab und zu habe ich den Eindruck, dass manche Mitglieder sowieso besser rechnen und netzwerken als schreiben können.
Aber es gibt schon auch Kritik aus dem Mund von Leuten, die überhaupt nicht verstanden haben, was Sache ist. Es gibt scheinheilige Kritik, die vorgeblich über Details des sprachlichen Ausdrucks geht, tatsächlich aber den Zweck verfolgt, das Renommee des Kollegen zu schädigen. Es gibt Kritik, die irgendwie ein Problem erschnüffelt hat, in der Analyse dann am Problem aber vorbeigeht.
Diese Aussage von Dir hat mir übrigens sehr gut gefallen – dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Ach ja, was Veränderungswünsche betrifft: Du siehst an der Anzahl der Klicks Deiner Vorschläge im Forum Lupanum (die vorher schon von USch vorgetragen wurden), wie uninteressant das Thema für die meisten ist. Schade drum! Aber ich bin sicher, dass wieder viele PNs darüber ausgetauscht wurden, die Klüngelei muss ja am Leben gehalten werden. Ich lehne PNs übrigens generell ab, denn was nicht offen gesagt werden kann, hat für mich auch keinen Wert. Spätestens seit mich ein junger Schreiberling in einer PN beschimpfte, weil ich seinen schlechten Text scharf kritisiert hatte, weiß ich auch, dass meine Entscheidung richtig war.

Ich möchte hiermit die Diskussion und auch diesen Thread schließen. Ich habe resigniert - auch weil ich aus Erfahrung weiß, dass man mit deutlichen Kommentaren in diesem Forum nur verlieren kann. Sei's drum.

Gruß Ciconia
 
D

Dominik Klama

Gast
Ach Ciconia...

Ich habe dich doch hoffentlich nicht mit meinem übermäßigen und nicht ganz passenden Kommentar (den ich aber immerhin als "spontan" versteckt habe, das muss du anerkennen) davon abgebracht, dein Tagebuch fortzusetzen?

Die Klickzahlen von meinem Lupanum-Thread habe ich die letzten Tage gar nicht nachgeschaut. Ich konnte bloß feststellen, dass dort außer dir und USch, auf den ja alles zurückgeht, niemand den Diskussionsfaden aufgegriffen hat. Dachte aber auch, es könnte sein, dass diese Dinge schon x-mal durchbesprochen wurden im Lupanum. Ich habe dieses Lupanum nämlich jahrelang nie nachgeschaut, weil mich so der Mitgliederstammtisch von solchen Foren null interessiert. Wurde erst vor einigen Monaten drauf aufmerksam, als ein Forenredakteur einen Beitrag von mir dorthin zwangsverschoben hat. In dem Zusammenhang ist mir PN-t worden, dass das Lupanum sehr oft von sehr vielen Leuten geklickt und dort fleißig mitdiskutiert wird. In diesem Fall nun aber nicht.

Das wiederum könnte aber dran liegen, dass wahrscheinlich eine Menge Leute mich längst als eine Person einsortiert haben, mit der man am besten umgeht, indem man die Existenz ihrer Äußerungen ignoriert. Weil, ich meine, ich kann das schon verstehen, sonst kriegt man so Antworten in seine Threads hinein wie du vorhin.

Ich habe so einige Mätzchen, die ich immer wieder mal mache. Eins davon hast du schon selbst erfahren: eine ganz offensichtlich nebensächliche Spontanassoziation wie eine fundierte Kritik einstellen bei den Antworten. (Und umgekehrt.) Oder auch einmal: Eine offensichtliche PN als allen sichtbare "Antwort" einzustellen. Da hat man mich auch schon hingewiesen, dies und jenes hätte ich als PN verschicken sollen. (Ich verschicke eher selten PNs.) Das war dann so ein Fall, wo ich sah, dass es durchaus Fälle gibt, wo die PN ihren Platz hat, ich schließe mich der Meinung, dass alle immer alles lesen sollten, also nicht an. Überhaupt nehme ich an - oder hoffe ich -, dass du die Bedeutung des PN-Wesens etwas überschätzt.

Freundeskreise finden sich eben. Ein Problem ist, dass man als Neuer lange braucht, bis man begriffen hat, wer welchem Zirkel angehört. Wenn du selber drin bist im Zirkel, sind das wahrscheinlich alles ganz liebe Menschen, die auch ganz gut schreiben und dir so manche produktive Anregung gegeben haben. Wenn du zufällig zu den vom Zirkel Aufgespießten gehörst, sind das für dich Seilschaften, Klüngel, Mafia, Mobber. Ein und dieselbe Sache wird bestimmt oft verschieden gesehen und bewertet.

Klar, halbwegs mit System und von einem ganzen Klüngel betrieben, kann so ein Wertungssystem, wie die LL es hat, dazu genutzt werden, bestimmte Leute aufzubauen, andere niederzudrücken. Aber wahrscheinlich vermutet man solche Vorgänge öfter, als sie tatsächlich stattfinden. Leute, die sich zusammenfinden, pflegen ähnliche mentale Strukturen zu haben, die finden dann bestimmt dieselben Text gut oder schlecht, einfach so, und müssen das nicht absprechen, dass sie sie gemeinsam rauf oder runter werten. Nachweisen kann man es sowieso nie.

An sich doch eine nette Idee, dass jeder benoten darf und so das Volk mit der Zeit befindet, was Beachtung verdient hätte. In der Realität stößt es an seine Grenze, wenn einerseits sehr viele überhaupt nie eine Wertung abgeben, dafür bestimmte andere Networker um so fleißiger.

Bei mir ist es so: Anfangs dachte ich, mittels dieses Notensystems würde ich immer bekannter und beliebter werden. Es würden mir erst wenige gute Noten, dann immer mehr, weil schon welche da wären, zuletzt eine Lawine zuteil und mein Stern würde steigen und steigen. Es dauerte paar Monate, bis ich erkannt hatte, wie die Geschichte in meinem Fall läuft. (Und so ist sie dann auch bis zu dieser Minute weitergelaufen, Jahre.) Es blieben die anonymen und per PN verabredeten Runterwerter aus, es blieb ebenso der Massendurchbruch aus. Das Übliche ist, dass bei mir kaum jemand wertet. Dann meist ganz gut. Den Rang "häufig gelesener" hatte ich nach drei Monaten Mitgliedschaft weg und der ist danach immer gleich geblieben. Insofern ist es mir mittlerweile recht egal, was ein einzelner jetzt noch werten mag.

Nämlich habe ich sogar meinen eigenen Fanklüngel. Und der besteht aus einem einzigen Mitglied. Dieses Mitglied hat praktisch alles von mir Veröffentlichte gelesen und wohl nie was unter 6 benotet. Es wertet auch anonym. (Ich nicht.) Was bewirkt, dass alle anderen nie sehen, dass es immer dasselbe ist, das mich gut wertet. Es schreibt nämlich keine Kommentare, also können die anderen nicht die Daten von der Antwort mit dem der anonymen Wertung vergleichen. Super System. Aber wir haben das nie besprochen. Das ist auch kein Kuhhandel. Ich werte die Beiträge diese Mitglieds nämlich nicht hoch. Es macht das einfach so, weil es Lust hat. Jeder, der keinen Kontakt zu uns hat, würde darauf schwören, dass das eine Seilschaft ist, wenn auch nur aus zwei Personen. Ist es aber nicht. Ich war schon "häufig Gelsener", bevor dieses Mitglied auftauchte, habe ich ihm also nicht zu verdanken. Aber es hat dann so oft gute Noten eingegeben, dass eine Masse anderer negative Noten erteilen könnte, bevor ich falle. Eine angenehme Position.

Aber viel wesentlicher sind die Klickzahlen. Die kann man ein wenig steuern, indem man sich angeseilt nach oben zieht, aber letztlich nicht wirklich. Meine Texte haben wenige Kommentare und Noten bekommen, aber es liest sie alle immer noch irgendjemand, wie ich an den Klicks sehen kann. Im Falle meiner eigenen Werke schaue ich die alle paar Monate nämlich nach. (Also richtige Werke, doch nicht so einen Lupanum-Diskussionsbeitrag!) Es liest das alles irgendjemand, obwohl ich nicht die geringste Ahnung habe, wer. Mache dir vielleicht klar, dass die Textinhalte gegoogelt werden können von Leuten, die mit der LL absolut nichts zu tun haben! Ich habe dann so interessante Vokabeln wie, pardon, "abspritzen" in meinen Texten und ich habe stark den Verdacht, dass Leute nach so was googlen. Kann natürlich nicht jeder machen. Lässt sich in Reimlyrik und Essays schlecht einbauen.



Puh! Also Verfassungsgericht zu Rettungsschirm und Finanzpakt. Du meinst wahrscheinlich, dass es vor allem darum uns alle interessieren müsste, weil es um die Souveränität geht. Bestimmt Brüssel oder Berlin, was in Deutschland geschieht? Bestimmt die Regierung oder bestimmen die vom Volk gewählten Parlamentarier über Maßnamen, die uns alle irgendwann berühren werden?

Ja, schon wahr. Theoretisch hast du Recht. Aber ich gehe davon aus, dass dieser Fall zu denen gehörte, wo das Verfassungsgericht faktisch nicht mehr anders entscheiden konnte, als es vorentschieden war. Theoretisch hätte es das noch gekonnt, aber faktisch eben nicht mehr. Das deutsche Verfassungsgericht kann nichts mehr aufhalten, was sämtliche in Europa Mächtigen (und das sind keineswegs nur gewählte Politiker, nein wirklich nicht) vorher abgesprochen haben, würde ich meinen. Und ich schätze, die Volksseele, die solche Dinge nicht unbedingt "intelligent" versteht, sehr wohl aber "fühlt", hat das auch verstanden. Darum muss man sich nicht mehr drüber informieren, was das Verfassungsgericht urteilt, man weiß eh vorher schon, dass das rauskommen wird, was "die da" haben wollen. Dies ist nichts anderes als ein Verluat an Glaube in die Demokratie. Aber der ist nun mal längst da - und nicht von ungefähr.

Jetzt die Materie als solche: Rettungsschirm? Finanzpakt? Da hatte doch im September in Wahrheit eigentlich niemand kapiert, was das heißt und bedeutet. Klar, Gauweiler, Schäuble, Sarrazin, Bontrup, Lafontaine... so Leute glauben zu wissen, was es heißt. Aber deine Nachbarn nicht. Die hören nur immer dasselbe Medienblabla, das ihnen zu den Ohren rauskommt. Von daher ist nicht verwunderlich, dass sie gerade über diese Thematik gar nichts mehr wissen wollten.

Wenn du mich gefragt hättest: Im September hätte ich ja gedacht, dass sich Rettungsschirm und Finanzpakt ganz vernünftig anhören und was taugen. Daher wäre ich dann dafür gewesen, dass das Verfassungsgericht das nicht kippt. Auch grade, wenn jemand wie Gauweiler dagegen Sturm läuft, von dessen Richtung ich sonst überhaupt nichts halte, wäre das für mich ein Zeichen dafür gewesen, dass das alles schon so sein muss. Wenn ich jetzt den Bontrup höre, auf den ich übrigens nur kam, weil ihn vor zwei Wochen jemand im Forum als Link unter was gepostet hatte, was ich getextet hatte, vorher hatte ich nie gehört von ihm, dann sagt der ja, dass Finanzpakt und Rettungsschirm den Deckel auf dem Sarg der EU bilden werden und dass die SPD mal wieder totalen Black-out hatte, als sie dafür stimmte. Also wird der das sicher auch nicht mögen, dass es zuletzt vom Verfassungsgericht nicht mehr gestoppt werden konnte.

Aber was er halt sagt: Es laufen Vorgänge ab, die von einigen Leuten sehr wohl verstanden werden und gewollt sind in ihrer Tragweite, die von den meisten Leuten aber ganz anders aufgefasst werden, um was es dabei denn ginge. Die von der Mehrheit der Parlamentarier nicht begriffen werden und von der Mehrheit der Medien ebenfalls nicht. Und vom Volk erst recht nicht. Aber das Volk spürt irgendwie, dass solche Dinge vor sich gehen, auch wenn es nicht versteht, wie genau. Und darum spürt das Volk, dass es reingelegt wird und dass es als Volk auf gar keinen Fall herrscht. Darum glaubt es an die Demokratie nicht wirklich. Darum interessiert es sich nicht groß für sie. Ist auch kein Wunder.
 

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