Gefängnisfilme

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Drei Perlen auf DVD: "Lilies" von John Greyson, "Proteus" von John Greyson und Jack Lewis, "Gefangen" von Jörg Andreas

Früher hatte ich einen Freund, der auf dem Frankfurter Flughafen arbeitete. Er sagte mir: "Wenn die Normalen zum Bumsen in den Urlaub fliegen, dann meistens nach Bangkok." Darauf ich: "Wie heißt es im Fernen Osten: Neckelmann, no good man ... Und die Homos?" - "Andersherum. Gegenverkehr nach New York. Oder nach San Francisco." - "Praktisch für die Airlines, erhöht die Auslastung bei Flügen rund um den Globus."

Bei Sexfilmen haben wir eine ähnlich strikte Scheidung des Publikums. Der normale Porno hat von jeher zwei Lieblingsschauplätze: die Mädchenschule und das Nonnenkloster. Wohingegen die männliche Homosexualität sich am liebsten in Gefängnissen auszuleben scheint, glaubt man dem Film. Niemals wollte ich mir früher so etwas ansehen. Ich hielt es für weit unter meiner Würde.

Doch - ich tat Unrecht. In letzter Zeit habe ich drei Filme gesehen, die Männerliebe hinter Gittern zum Gegenstand haben. Ich war erstaunt, so viel künstlerische Qualität hätte ich nicht vermutet.

John Greysons "Lilies - Theater der Leidenschaft": Die Rahmenhandlung spielt 1952 in einem kanadischen Gefängnis. Ein Bischof soll einem älteren Häftling die Beichte abnehmen. Doch das ist eine Finte. Die Gefängniskapelle verwandelt sich in einen Theatersaal. Der Bischof kennt den Gefangenen, sie waren vierzig Jahre davor Schulkameraden. Nun sieht er mit ihm gemeinsam an, wie junge Sträflinge ihre Geschichte von damals nachspielen. Am Ende ist der Bischof als Mörder entlarvt.

Der Film ist jenseits seiner spektakulären Handlung vor allem unter ästhetischen Gesichtspunkten sehr lohnend anzusehen. Er verbindet die opulenten Bilder des großen italienischen Kinos mit Brechts Verfremdungstheorien. Wenn die Szene im Jahr 1912 spielt, wird der Schauplatz von damals ganz im Sinne Brechts mit den einfachsten Mitteln angedeutet. Und dann wechselt die Darstellung blitzschnell zu betörend schönen Bildern des wirklich großen Kinos. Kurz darauf befinden wir uns wieder in der Gefängniskapelle, wo junge Gefangene als Laiendarsteller die Rache eines alten Mannes vorantreiben. Eine Vertiefung in der Kapelle wird mit Schläuchen geflutet - das ist der See von damals. Und dann sitzen Bischof und alter Gefangener am Ufer eines wirklichen Sees in der Weite Kanadas. Dieser permanente Wechsel der Perspektive verwirrt nicht, er ist ein einziges großes Vergnügen und hilft unserer Erkenntnis auf die Sprünge.

"Proteus - Meine Liebe ist deine Freiheit" hat John Greyson gemeinsam mit dem schwarzen Südafrikaner Jack Lewis gedreht. Es ist ein historischer Film, der vor allem auf der Gefangeneninsel Robben Island vor Kapstadt spielt. Richtig, das ist der Ort, an dem Nelson Mandela lange inhaftiert war. Die Handlung beruht auf einem Gerichtsprotokoll von 1735, das Lewis in einem Archiv entdeckt hat. Zwei Gefangene, ein Holländer und ein Khoi ("Hottentotte") hatten im Gefängnis über lange Jahre ein Verhältnis. Dann schwappte die von calvinistischen Eiferern ausgelöste Welle der Intoleranz von Holland nach Südafrika, die beiden wurden vor Gericht gestellt und zum Tod verurteilt. Traurig, aber wahr. Und hier dazu auch noch schön gespielt. Nebenbei erfahren wir allerlei über die botanische Forschung jener Zeit (Linnaeus) und die schon damals komplizierte ethnische Situation am Kap. Einige Szenen spielen im Amsterdam des frühen 18. Jahrhunderts.

"Gefangen" ist der erste Spielfilm von Jörg Andreas. Von ihm ist auch das kluge Drehbuch. Die Handlung ist nachvollziehbar und bleibt im Kopf. Als Drehort diente ein leer stehendes Gefängnis in Neustrelitz. Es verschafft dem Film viel Atmosphäre. Der Regisseur hat Gefühl für stimmige Bilder und die Choreographie von Schauspielern. Zwar agieren überwiegend Laiendarsteller - das Ergebnis kann sich trotzdem sehen lassen. Oder gerade deswegen?

Die Hauptfiguren sind die Gefangenen Dennis und Mike, gespielt von Marcel Schlutt und Mike Sale. (Marcel Schlutt war bis dahin nacheinander Pferdewirt in Westfalen, Fotomodell in London und Moderator bei Beate Uhse-TV. Mike Sale ist ein in London geborener Schwarzer, der als Künstler vor allem mit Videoinstallationen hervorgetreten ist.) Als Dennis vorzeitig entlassen wird, hat Mike noch lange Jahre abzusitzen. Wegen Dennis will Mike ausbrechen. Dennis will es verhindern und dann lieber selbst in den Knast zurück. Zu diesem Zweck bricht er die Auslage eines Juweliers auf, löst damit den Alarm aus und wartet seine Festnahme ab. Damit endet der Film. Die Scherben, vor denen Dennis steht, sind auch die seiner bürgerlichen Existenz. Und das Loch in der Scheibe versinnbildlicht noch etwas: Dennis ist aus dem Gefängnis seines Selbst ausgebrochen. Das Problematische an einer Gefängnisliebe und das Unvereinbare von Bürgerlichkeit und Glück, sie könnten nicht klarer und schöner dargestellt sein als hier.

Was ist das Gefängnis für diese drei Filme? Ein letzter noch möglicher Fluchtpunkt für die Kunst, die Wahrheit und das Glück.
 

 
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