Geh-schichten von der Via de la Plata

5,00 Stern(e) 8 Bewertungen

onivido

Mitglied
Hola John,
Du hattest uns wohlvergessen. Wieder ein Stueck weiter gekommen. Ich warte schon auf die naechste Etappe. Eine ganz kleine Kleinigkeit: "Buen provecho".
Beste Gruesse///Onivido
 

John Wein

Mitglied
Isbahan und Onivido,
Schön dass ihr noch dabei seid! Man sieht auch fußlahme können ohne Probleme weiter mitkommen. Die nächsten Etappen sind flach und leicht zu bewältigen und bis zum vorläufigen Ende in Cáceres brauchen wir noch zwei Tage.
Als denn: Buen Camino!
 

John Wein

Mitglied
Montag, 6. Mai, Aljucén Alcuéscar 20 km

Jeder Tag auf dem Camino hat seinen eigenen Charakter, da wiederholt sich nichts. Meine Wirtin hat ein fabelhaftes Frühstück bereitet, mit heimischen Zutaten garniert und gastlicher Wertschätzung serviert. Der Frühstückraum ist mit römischen Motiven dezent hergerichtet, die Dekorationen sind stimmig und die Serviettenschiffchen akkurat gefaltet und ausgerichtet. Sie empfiehlt mir dies und erklärt mir jenes, aber zu guter Letzt brät sie mir ein paar Spiegeleier mit Speck. Ich bin begeistert! Die Gute versteht ihr Handwerk und was Männer so brauchen!

Jener aber, in diesem Fall ich, muss hinaus in die raue Welt des Camino. Er verlässt diesen liebgewordenen Ort der Zimbeln und Kitharas. Der Morgen ist noch ungewaschen, ein wenig grau und frisch, der Himmel weiß noch nicht recht wohin er tendieren soll. Die ersten Schritte sind leicht und meine Stimmung serotoningesättigt locker. In der Aue des Rio Aljucén hat die Natur einen klatschmohnroten Teppich gewebt, für heute ist es ein schöner und willkommener Auftakt für die Etappe nach Alcuéscar.

Über das Flüsschen hinweg leiten die Pfeile in einen Naturpark. Ein Riese hat dem Camino eine Menge Gestein in den weg gewürfelt. In vielen Windungen zieht er seine Bahn um Felsbrocken dahin. Dicht stehen Stein- und Korkeichen beieinander und umrahmen das rote Band des Weges. Ich komme gut voran. Gegen Mittag hat sich das Blau durchgesetzt und für die Sonne das Feld geräumt. Die Farben der Natur bekommen ihren Kontrast und mein Hemd erste Schwitzflecken. So soll es sein! Es ist eine relativ leichte Etappe in abwechslungsreicher Landschaft und ohne schwierige Anstiege. Ich komme gut voran.

Aus der Ferne erkenne ich, umrahmt von roten Ziegeldächern auf einem Bühl, den Kirchturm von Alcuéscar. Rechts vom Weg unter den Oliven blüht ein Teppich weißer Margueriten bis an die Bergflanken und links die gleiche Orgie in Gelb, die Wucherblumen. So stelle ich mir das Paradies vor.

Ich muss mich am Wanderführer orientieren, der Camino führt unterhalb am Dorf vorbei zur Herberge im Kloster der Kongregation der Armen Brüder Mariens. Mein Ziel aber ist das Dorf oben auf dem Bergrücken.

In Alcuéscar ist natürlich wieder einmal Siesta, und blafften da nicht ein paar Dorfkläffer, die Gassen wären jetzt mausetot. Mit meiner provisorischen Weg Beschreibung zum Hostal, verliere ich mich orientierungslos in im Geflecht der Alcasaba mit ihren versteckten Passagen, Durchgängen und Fluchten. Das Casa Rural Grande Extremadura, mein Quartier, liegt unauffällig in einem Winkel hinter einem Garagentor. Ich drücke den Klingelknopf, nichts tut sich. Ich dürste wie eine sibirische Bergziege und hinter der Tür rührt sich nicht einmal der Hund. Vorn auf dem Kirchplatz ist jemand, der mir in meiner Verzweiflung helfen kann. „Yes!“, die junge Frau spricht sogar ein passables Englisch, führt mich durch die Schluchten Alcuéscars, zu einem Seiteneingang in eine Bar und übergibt mich Thomaso, dem Schankwirt unter der krakeelenden Männermeute am Tresen. „Si, si, un momento!“ füllt er mir das erste, dann ein zweites Mahou ein, danach schleppt er mich durch in das Labyrinth der Gässchen zum Casa Rural, öffnet das Garagentor und übergibt mir den massigen Schlüsselbund. Er zeigt mir den Schlitz in der vom Efeu zugewachsenen Mauer. Morgen früh soll ich ihn einwerfen.

Hinter dem Tor, ganz überraschend und überwältigend, öffnet sich mir eine vollkommen andere Welt, ein Arkadien mit Brunnen, Blumen und schattenspendenden Bäumchen. Das feudale Anwesen hinter dem Garagentor erweist sich als eine Posada und gehört mir heute ganz allein.

Im Hof, mit der Schwere des Biers in Kopf und Beinen, mache es mir, Unterhose und Naturbräune, im Schatten eines Zitronenbaums gemütlich. Die Kurzwäsche hängt auf der Leine und trocknet. Sorgenvoll begutachte ich meinen linken Fuß. Der große Zeh sieht nicht gut aus. Am Morgen hatte ich die Schuhe vorne zu locker geschnürt. Bei jedem Schritt ist der Nagel, ohne dass ich es bemerkt hätte, gegen die Kappe gestoßen. Nun ist der Zeh rot angelaufen und glüht. Es sieht nicht gut aus! Doch ich bin guter Dinge, und meine die Entzündung im Zaum halten zu können. Man wird sehen, bis Cáceres sollten die Füße durchhalten.

Das Casa Grande Extremadura trägt diesen Namen zu Recht. Es ist viel zu groß für eine Person. Zwei Schlafzimmer, eine Küche und Bad gehören zur Einrichtung. Das voluminöse Vestibül ist ein Jagdzimmer mit einem eindrucksvollen Kamin aus behauenem Granit. Schwere Gobelins verdunkeln den Raum. Um die Steinplatte eines Tisches formiert sich eine wuchtige Ledergruppe und über mir ist hängen allerlei Trophäen an der Wand. Ich sehe in die mit Hauern bewehrten, aufgerissenen Mäuler präparierter Wildschweinköpfe, dazu mannigfaches Gehörn von Rehwild und ausgestopfte Vögel. Gegenüber bedeckt die Seitenwand eine stattliche Sammlung kurioser Weinkrüge. Hinter einem Bogen, der die Räumlichkeit teilt, verliert sich ein stattliche Eichentafel ins tiefe Dunkel und unterstreicht den düsteren und unheimlichen Charakter dieser Wohnstatt. Wer mag hier leben oder gelebt haben? Ein lokaler Grande und Schützenbruder? Tomaso, der Wirt, das ist klar, ist nur Schlüsselknecht. In seiner Bar hinter dem Rathaus, buen provecho, serviert er mir am Abend zum Wein ein ordentliches und belastendes Menü.

Während in den Gassen allmählich das Licht versickert und die abendliche Frühlingswelt einer gelb leuchtenden Himmelswelt weicht, zieht die kosmische Kälte des Alls erste Sterne über den östlichen Himmel von Alcuéscar. Stratosphärische Streifen signalisieren den Wetterwechsel.

Ich öffne das schwere Garagentor. im Hof durchschneiden Fledermäuse die laue Luft. Mit Beklemmung stapfe ich die dunkle Außentreppe hinauf, stecke den voluminösen Bartschlüssel ins Schloss, die Tür schreit nach einem Tropfen Öl, taste mich durch die Finsternis zum Schalter und vermeide den Blick zu den Wildschweinmäulern im schauerlichen Schwarz des Salons. Die Kirchturmuhr schlägt 11. Ich wähne mich in Polanskis „Tanz der Vampire“. In einem der beiden Schlafzimmer werde ich mich heute Nacht einschließen, nein, verbarrikadieren werde ich mich, die Läden verriegeln und sorgsam auf jedes unbekannte Geräusch achten.

Vorsorglich schaue ich noch einmal unter das Bett, Spinnweben! Die Klinge liegt griffbereit auf der Häkeldecke des Nachtischchens. Ich lösche die Funzel auf dem wackeligen Möbel. Ein Knacken! Alte Gemäuer neigen dazu zu uns zu sprechen, so, als wollten sie uns etwas Wichtiges sagen. Ich versuchte die Antwort zu finden, einen Grund, der diesem Knacken ein Gesicht gibt. Ich zähle und warte auf das Geräusch. An Schlaf ist nicht zu denken. Ich bin übermüdet und finde doch nicht innere Ruhe. Halbschlaf! Zusammenhanglose Erinnerungsfetzen geraten durcheinander und mischen sich mit dem Knacken zu einer breughelschen Szenerie: Wildschweinköpfe, Fledermäuse, Spinnweben, Schlüsselbund, Thomaso und fetter Speck. Das Essen, es war reichhaltig, ich habe einen Klumpen Blei im Magen.

Die Kirchturmuhr, schlägt viermal an, hell und noch einmal dumpf. Das Knacken ist immer noch irgendwo da draußen hinter der Schlafzimmertür und gemahnt in unregelmäßigen Spannen ferner werdend, an seine Wahrnehmung. Dann endlich, fatalistisch ergeben, wiegt es mich in einen schneewittchentiefen Schlaf.

-Fortsetzung folgt-
 

onivido

Mitglied
Hola John, wieder ein Stueckchen weiter und eine Nacht in einem Haus in dem es ein wenig spukt.
Hoffentlich streikt die Zehe nicht.
Ciao//Onivido
 

John Wein

Mitglied
Dienstag, 7. Mai 2019, Alcuéscar - Aldea del Cano, 17 km

Es ist sieben Uhr. Gähnend öffne ich der Luft ein Fenster, sie schenkt mir Gänsehaut. In der Gasse unten ist es stockfinster, während oben zwischen den Dächern ein Anflug von Grau den Tag ankündet. In dieser Jahreszeit kommt die Morgendämmerung im südlichen Spanien spät. In meine Schlafkammer strömt die herbstlich riechende Luft einer regnerischen Sommerkaltfront. Daheim würde ich jetzt noch einmal die Decke über den Kopf ziehen. Träumend stolpere ich über meine Wanderschuhe und wache auf.

Ein aufgebrühter Instantkaffee weckt die Lebensgeister. Ich mache die Morgentoilette, krame meine Siebensachen zusammen, verlasse das Haus, schließe das Hoftor ab und bugsiere die Schlüssel durch den Briefkastenschlitz in der Mauer.

Die Kirchturmuhr schlägt 8, drüben im El Ancla richtet Tomaso mein Frühstück. Erst seit ein paar Minuten hat er die Bar geöffnet, ich bin der einzige Gast in einem Duftbukett zwischen altem Bratfett und frischem Kaffee. „No Thomaso, no Tortilla, no huevos fritos!“, und deute mit der Hand kreisend über den Bauch. Heute Morgen habe ich überhaupt keinen Appetit auf Gesottenes. Ich würge an einem mit Schinken und Käse belegtes Brötchen und spüle es mit einem schwarzen Kaffee in den Verdauungskanal. Es wird die Grundlage für den Tag. Mit einem Riegel und einem Apfel im Gepäck lassen sich 17 km gut bewältigen. Tomaso, der kommunikationsfreudige Frühmorgen Caballero versucht an mir sein Bestes. Nein, „me tengo que ir, amigo“, ich muss los, in mir findest du an diesem Morgen nicht den geneigten Zuhörer.

Die Mauersegler auf den Gesimsen von Alcuéscar fliegen tief. Der Himmel hat eine milchig gelbe Färbung angenommen. Erste grauschwarzen Truppen dräuen über den Kämmen am Horizont. Bis mittags, so denke, so hoffe ich, sollte es halten. Schnell liegt das verschlafene Dorf hinter mir und vor mir öffnet sich eine ebene und unaufgeregte Landschaft. „Ich kann es kaum erwarten dich zu finden“, hat ein Pilger in Deutsch auf das Verkehrswarnschild gekritzelt und darunter einen Piktogramm Engel mit Herz. Was für ein eindeutiges Angebot auf dem Camino! Ich bin gespannt!

Rechts und links gibt im Strauß der Natur das Violett der Disteln und das Gelb Wucherblumen alles, um den Weg auch an diesem trüben Tag ein freundliches Gesicht zu geben. Ringsum, auf den Weiden dösen Rinder mit traurigen Augen unter mächtigen Steineichen und verdauen ihre Mahlzeiten aus frischem Gras mit Gänseblümchen- und Schafgarbenwürze. Im Storchennest, hoch oben auf einem Telegrafenmast, turnt die Jugend auf dem Trampolin und klappert: „spute dich!“

Die Sonne ist noch zu sehen, doch nur als matte Scheibe inmitten dünner Wolkenschleier kann man sie erkennen. Nach und nach verblassen die Farben der Natur. Ein leichter Wind wispert in den Wipfeln der Pappeln und kräuselt das Wasser des Weiers im Reich der Rinder. Ringsum verwandelt sich alles Land in einen eigentümlich sentimentalen Kosmos. Alles fügt sich, es braucht nicht immer Spektakuläres und Aufregendes. Es sind in der Summe auch bescheidene und unscheinbare Eindrücke, die einem Tag seinen Sinn geben.

Einen merkwürdigen Charme bietet der aufgehübschte Komplex an der Nationalstraße 630, wo der Pilger je nach Konstitution oder Vermögen zwischen Altenheim oder Freudenhaus wählen kann. Auch so etwas gibt’s auf einem Pilgerweg! Kontenance und Feingefühl hindern mich hier zu recherchieren und weiter zu berichten. Da teile ich lieber den anderen Weg durch die Gasse einer uninteressierten Hammelherde, die der Landschaft ihr unverwechselbares Aroma schenkt.

Von Aldeas Kirchturm herab begrüßt mich ein Storchenpaar, sonst ist hier wieder einmal niemand, der mir die Tür der kleinen, reservierten Pension öffnen würde. Das Ajuntamento ist gleich nebenan, die Sekretärin des Bürgermeisters spricht ein passables Englisch. Nacheiner halben Stunde habe ich die Schlüssel in der Hand.

Es ist später Nachmittag.

„The Vultures“, antwortet er, als ich ihn frage, weshalb er hier Aldea del Cano sei. Winston hat jenen feinen Londoner Akzent, den man zwischen Westminster und Henley on Thames spricht, prononciert und bildhaft. Er scheint gebrechlich. Die eingefallenen Wangen, seine hervortretenden Halsstränge und der Tremor in den Händen zeigen einen fragilen älteren Herrn, gutmütig bauschiger Schnurrbart und ebenso gutmütige Augen, dazu das sonnengegerbte Gesicht, insgesamt die Mischung aus Albert Einstein und Luis Trenker. „Yes, I’m senior“, erklärt er mir spitzbübig „seventy five“. Ich erschrecke, es ist auch mein Wein!

Im Hof des Casa Rustica am Plaza Mayor sitzen zwei alte Männer auf klapprigen Metallstühlen, der Kühlschrank im Haus spendierte zwei Flaschen Mahou und philosophieren über ihre jeweiligen Neigungen. Lämmergeier, „my passion!“, sei die Triebfeder seines Aufenthaltes in der Einsamkeit der Extremadura. Seit über zwanzig Jahren komme er regelmäßig mit Auto und Fähre von Santander herüber nach Aldéa, um hier in der geschützten Natur die großen Vögel zu beobachten. Sein geschliffenes Wissen über die Tiere und ihre Verhaltensweisen ist erstaunlich. Mit angeregten Worten und bildhaften Vergleichen versucht er mich zu interessieren und obwohl Geier, außer in ihrer bloßen Existenz, bisher wenig in meine Welt des Camino geflattert sind, entfacht er in mir doch reges Interesse für die stolzen Tiere und deutliche Aufmerksamkeit bei seinen reich dekorierten Beschreibungen.

„Please! I don’t know“, sage ich von einer kleinen Wolke des Bedauerns herab und versuche so der Geschichte eine Wendung zu geben, als er mir anschaulich erklären will, wie die Vögel mit ihren langen Nackthälsen sich durch die natürlichen Öffnungen des Kadavers an ihre bevorzugten Innereien vorarbeiten. Ich möchte doch lieber erst noch mit Appetit das Essen in dem nahegelegenen Meson drüben an der N 630 einnehmen. Ich hatte mich gestern mit dem Basler hier für den Abend verabredet.

„Cheers, mein Freund auf Zeit, ich habe dir gerne zugehört!“

Wie wahr und wie anregend sind doch viele Geschichten, die uns der Camino einfach im Vorrübergehen erzählt, so unterschiedlich und vielfältig. Man muss hinhören und verstehen können, dann bekommen Begegnungen und Erlebnisse einen Sinn und verleihen dem Pilgerweg Gewicht und dem Leben Tiefe.

Im „Restaurante Las Vegas“ vor den Toren an der N 630 serviert man uns ein anständiges Abendmenü. „Morgen“, meint Urs mir zugewandt, „wird es den ganzen Tag regnen. Ich fahre mit dem Bus nach Cáceres, willst du nicht mitkommen?“ „Nein“, antworte ich, unsicher zwar, doch im Bewusstsein, dass es meine vorerst letzte Etappe sein wird, „nein, es wäre nicht angemessen.“

Der Tag schließlich verliert sein Gesicht in ein farbloses, stilles Dunkel. Ich breche auf und gehe mit zwiespältigen Gedanken zurück ins Dorf. Im Nass unter den Laternen, glänzt das Pflaster metallisch. Sternlos zieht die Nacht über Aldea del Cano herauf und aus der lauen, regungslosen Luft fallen ganz leise feine Tröpfchen.

- Fortsetzung folgt -
 
Kontenance und Feingefühl hindern mich hier zu recherchieren und weiter zu berichten.
Ach, wie schade ...! Nein, im Ernst: Das Faktum allein genügt und ist an sich schon bemerkenswert. Ähnlich verhält es sich mit den Ausführungen jenes Lämmergeierspezialisten. Wie du Derartiges einstreust und behandelst, sagt mr zu.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

John Wein

Mitglied
Mittwoch, 8.Mai 2019 Aldea del Cano - Cáceres,

Das Ende ist nah.

In der Nacht hatte sich der Wetterwechsel vollzogen, im Fenster meiner Kammer ist am Morgen der Himmel regengrau. Alle anderen Hausgäste sind bereits ausgeflogen und Winston ist hinüber zu seinen Geiern gesegelt. Ich bin allein und bereite unten in der Küche mein Frühstück aus der Kühlbox.

Draußen am verstürmten Himmel ziehen von Westen zerfaserte Wolkenbänder über das Land. Die Dächer von Aldea del Cano beziehen wütende Prügel und in den Gassen peitschen die Böen Regenvorhänge über das Pflaster. Mich fröstelt‘s. Ich ziehe jetzt zum ersten Mal den Poncho über den Kopf und mache mich missmutig auf den Weg zu meiner letzten Etappe nach Cáceres.

Im Begriff die N630 zu überqueren, sehe ich aus den Augenwinkeln linkerhand den Bus und erkenne, verschwommen durch die nasse Brille, Urs am Einstieg. Vehement winkt er mich herbei. Jetzt hilft keine Zögerlichkeit im Abwägen. Die Gewissensfrage Bus oder nass ist schnell entschieden. Die Fahrt nach Cáceres, immerhin 24 km kostet 1,87€, der Fahrer rechnet kilometergenau.

Durch die mäßig beschlagenen Fenster des Busses blickt die Traurigkeit eines Regentages. Es liegt Weltschmerz in der Luft und Kummer in meiner Brust. Betrübt über das vorläufige Ende in Cáceres und verzagt über die Entscheidung, die letzte Etappe auf diese unromantische Weise ausklingen zu lassen, fühle ich tiefe Leere in mir. Alle Empfindungen münden in der Gewissheit, es ist aus und vorbei! Die Vergangenheit mit ihren vielfältigen und schönen Erinnerungen der letzten Tage schwinden im zufälligen Stranden in einer noch nicht empfindbaren Gegenwart.


Cáceres

Es ist nicht gerade gemütlich im Gestühl des Restaurants unter den mittelalterlichen Arkaden. Ich hatte mich mit Urs zum Abendessen und Abschied in Cáceres verabredet.

„Ich muss morgen bis Cãnaveral“,

Der Baselschweizer trägt seine schulterlange Mähne zum Trocknen offen, ein Jesus von Nazareth.

„Die Herberge am Tajo Stausee ist geschlossen, 45 km!“

„Puh! ....Casar de Cáceres!“, schlage ich vor, „in Casar gibt es doch eine Herberge!“

„Da bin ich doch schon nach zwei Stunden. Meine Planung für die Etappen ist vollkommen über den Haufen geworfen“. Er greift sich in den Schopf, zwirbelt einen Haarstrang und knotet ihn geschickt zu einem Dutt. Die Tajo Herberge sei aus unerfindlichen Gründen geschlossen, angeblich gäbe es kein Wasser im Haus.

„Am Stausee und kein Wasser, wie das?“

„Die Gletscher“, er mit toternstem Blick und spöttischer Miene, „die Gletscher der Extremadura, Klimawandel, Polkappen, verstehst du?!“

Urs hat so einen reizend geschärften Blick auf das Leben, dringt tief ein in den Lebensgrund und schöpft daraus mehr Erkenntnisse und Erfahrungen als unsereins. Er ist einer der Menschen, denen ich auf dem Weg nicht nur getroffen habe, sondern auch begegnet bin. In seiner nassforschen Art, die ich zunächst als dominanten Gestus empfand, erkannte ich in ihm bald den aufrechten Charakter, einen kreuzehrlichen und klugen Unterhalter, der mit seiner Zunge ein philosophisch leichtes Florett zu führen im Stande war.

Die Regenwolken hängen noch immer störrisch am Himmel von Cáceres, wenigstens hat der Niederschlag nachgelassen. Im nassen Pflaster des Plaza Mayor spiegeln sich die Lichter des trutzigen Alkazars von gegenüber. Frisch streift ein kalter Wind aus den Höhen Kastiliens in die nördlichen Breiten der Extremadura. Es ist ungemütlich in den Arkaden.

Wehmut, Wein und Müdigkeit vermischen sich in meinem Bewusstsein. Heute, nach der vorläufig letzten Etappe, fällt mir der Abschied schwer. Ich kannte Urs seit dem ersten Tag auf dem Camino, als er mir in der Bar Frances in Guillena ein kühles Bier spendierte und dabei meine Lebensgeister neu erweckte. Er hat morgen den langen Weg nach Cãnaveral vor der Brust, während ich im Bus nach Madrid meinen Erinnerungen nachhängen werde.

Eine letzte Umarmung, dann verabschieden wir uns von einander:

„Chiao Urs, mach‘s gut und buen camino!“

An der oberen Ecke des Plaza Mayor, im kleinen Hotel Iberia, stapfe ich die Treppe hinauf, erschöpft und gedankenlos.
 


Oben Unten