Geister

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Roger Izzy

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Es war so gegen drei Uhr morgens. Drei Uhr: Die Zeit, in der Jesus Christus am Kreuz gestorben war und der Teufel die Dreifaltigkeit verhöhnt hatte. Ein leises Schlurfen hatte mich aufgeweckt. Der Wasserhahn wurde betätigt. Schlurf, Schlurf. Schlurf.

Ich stand auf. Mein Herz pochte. Ich ging ins Wohnzimmer.

“Fuck you! Verpisst euch!” Ich segnete die Küche, das Wohnzimmer, den Flur, das Badezimmer und Schlafzimmer mit dem Herz-Jesu-Gebet der Franziskaner, bekreuzte mich und segnete die Wohnung mit meinen Salbungsworten: “Jesus, Christus, Jesus, Christus.” Ein Ritus, der mich niemand gelehrt hatte.

Ich ging ins Badezimmer und machte mich frisch. Es stank nach Verwesung. Ich leide seit meinem Unfall an Anosmie. Ich rieche nichts. Nichts, keine blühenden Naturwiesen, auch der bezaubernde Duft der Frauen bleibt mir verwehrt. Ein Schicksal, eine Bürde, die ich ertragen muss oder darf – selbstverschuldet, seit ich sturzbetrunken die Treppe hinunter gestürzt war. Der Aufprall meiner Birne auf dem harten Betonboden hatte ein schweres Schädelhirntrauma verursacht. Die Riechnerven waren gerissen. Ende, aus, je ne sens plus, non plus, je cherche l’odeur, je ne le trouve plus.

Wie konnte ich diesen Gestank wahrnehmen? Ich betete wieder. Plötzlich nahm ich in der Küche eine unsichtbare Gestalt wahr.

“Wer bist du?”, fragte ich.

“Gan, flur”, sprach eine Frauenstimme. Phonologisch verstand ich nur Ga, Flu, Wörter, die ich nicht in meinem Wortschatz habe. Doch, Flu, Grippe oder Seuche auf englisch und französisch. Mehr wirklich nicht. Ich war doch ziemlich verängstigt, setzte mich aufs Sofa und zündete mir eine Zigarette an. Ich sah auf mein Reumière, das Polster gab ein wenig nach.

“Zeig dich”, sagte ich sanft und leise. Eine Frau erschien. Die Kontur konnte ich erkennen. Ein Schleier fiel über die Gestalt.

“Bist du alleine?” Sie hielt drei Finger hoch.

“Seid ihr unerlöste Seelen?” Ich nahm neben mir zwei andere Gestalten war.

Ich stand auf, ging in die Küche, machte mir einen Kaffee und gesellte mich wieder zu den drei Wesen. Sie waren immer noch da.

“Ihr dürft gerne bleiben. Es ist kein Zufall, dass ihr euch mir offenbart.”

Sie liessen meine Wohnung heller erscheinen. Zusammen liessen wir Schicksale, Tragödien, Schmerz und Leid, aber auch durchaus amüsante Anekdoten von Patienten und Patientinnen in einer Retroperspektive passieren.

Andrea, die mir auf einer geschlossenen Abteilung in der Psychiatrie in ihrem weissen Nachthemd und mit grauen, ungepflegten, langen Haaren betend entgegenkam.

Thomas, ein Jungspunt, der als Umweltbeauftragter der Stadt Zürich jeden Tag den Mülleimer im Aufenthaltszimmer leerte und den Unrat getrennt auf Sofa, Tisch und Stühle verteilte.

Ich unterbrach die Rückschau und hielt inne.

Die Geistseelen waren nicht mehr da.

Vor mir standen zwei Flaschen Gin.

Sie waren leer.

War ich in einem schweren alkoholbedingten Delir gefangen?

Nein!




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