Geliebte Bücher - ungelesen, Teil 1 (gelöscht)

Nur zu einem Punkt möchte ich nachhaken: Wie viele Seiten hat denn das Gesamtwerk? Nur so kann man die bisherige Leserleistung zum Pensum insgesamt ins Verhältnis setzen.

Ansonsten mit Interesse und Sympathie gelesen. Ist da nicht auch ein wenig Identifikation der Leserin mit der observierten Figur im Spiel, natürlich nur formal gesehen?

Nun überlege ich, bei welchen Werken es mir ähnlich ging. Bei dem Buch über die Lebach-Morde - dafür habe ich Jahrzehnte gebraucht.

Arno Abendschön
 
Liebe petrasmiles,


vielen Dank für diese sehr persönliche und sprachlich eindrucksvolle Vorstellung eines Buches. Dein Text ist ja mehr als eine Rezension, es ist eine Art Reisebericht über eine Deine ganze Person umfassende Lektüregeschichte mit einem Buch, das Dich über lange Zeit nicht losgelassen hat.

Vielleicht gibt es Leser der LL, die ähnliches mit anderen Büchern erlebt haben.

Herzliche Grüße

Winfried Stanzick
 

petrasmiles

Mitglied
... ich habe noch gedacht - eigentlich muss da die Seitenanzahl hin, aber wie es so geht, wurde der Gedanke von anderen Gedanken überlagert. Ich habe das Buch jetzt nicht bei mir, aber ich denke, es sind zwischen 350 und 400 (?). Ich werde das heute Abend konkretisieren.

In der Tat kann man eine Biographie mit solchen Büchergeschichten schreiben (wie ich das einmal anhand von Marmeladen getan habe ;)). Die prägenden moralisch, stilistisch, emotional; die wütend machenden Bücher, die enttäuschenden. Wer war ich, als jenes Wort auf welchen Zustand von mir traf und was wurde daraus ... und so fort.

Es ist aber nicht die Figur, die fesselt; ich glaube sogar, dass die Identifikation mit dem Protagonisten das Einfachste ist. Lass ihn leiden und/oder lieben und schon gehörst du ihm :). Nein, es geht um die geistige Durchdringung der Welt und ihrer Gesetzmäßigkeiten, ein Ausloten der Optionen und Potenzen des Menschlichen, die einem Autor gelingen kann - wenn auch nicht unbedingt bei jedem Buch.

Trotz des Themas und der Beklemmung, die ich bei diesem Buch auszuhalten habe - das ist eine Sprache und eine Wahrhaftigkeit, die für mich das Höchste ist, was ein Geist an Literatur ersinnen kann.
Das hält man nur nicht immer aus, denn dieser Autor schafft eine Realität, die die eigene zu verdrängen trachtet. Dem muss man Einhalt gebieten, wenn einem am eigenen Leben auch etwas liegt :)

Danke fürs Lesen mit Sympathie.

Liebe Grüße
Petra
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich empfinde bei diesem Ansatz einen schalen Beigeschmack. Weniger der Idee wegen als angesichts der dann erfolgten Ausführung.

Bei einer "regulären/klassischen" Rezension erwarte ich, dass der Rezensent das ganze Buch kennt. Wenn er dann auf den allgemeinen Ton des Textes eingeht, weiß ich, dass das das Erwähnenswerte ist, die Story selbst (also auch das Ende) eher üblich oder nicht wirklich ergreifend ist. Hier scheint aber die Story „ergreifend“ zu sein - nur lässt sich über sie halt nur Rudimentäres sagen, wenn man das Ende nicht kennt. Das wirkt, als würde man über die Süße einer unbekannten Frucht schreiben und diese preisen, bevor man ausgetestet hat, ob sie nicht zu Vergiftungen führt.

Bei einem Ansatz der Art „Biografie(*) anhand ungelesener Bücher" erwarte ich, dass ich eben keine "klassische Rezension" bekomme. Da dies hier der erste Teil ist (ACHTUNG! ES GIBT EIN MEHRTEILERVERFAHREN IN DER LL!), erwarte ich hier den Ansatz "ungelesene Bücher" am Anfang und nicht mittenrein gestreuselt (diese Streusel-Technik tut dem Text unabhängig von der Einstufung nicht gut). Und dann erwarte ich Biografisches(*), also keine explizite "neutrale" Inhaltsangabe des Buches oder gar nüchterne Infos über Autor und Ausgabe, sondern die Konzentration darauf, wie das Buch auf den „zu Biografierenden(*)“ wirkt und warum er letztlich nicht weiterlas. (PS: Zwei Wochen Pause sind keine so dramatische Spanne, dass man daraus ein "ungelesen, weil …" stilisieren könnte. Zwei Wochen deuten eigentlich eher auf "keine Zeit zum Lesen" als auf "nicht ertragbar" hin. Sollte es bei LyrIch anders sein, dann gehört diese Erklärung in den Text, als Biografie-Element.)

*Ich nehme eher an, das könnte auf ein Porträt (Vorstellung/Sichtbarmachung eines Menschen in einer konkreten Lebensphase) hinauslaufen, eine Biografie ist die Wiedergabe des Lebenslaufes. Das geht natürlich auch, aber das hieße zum Beispiel, dass du eine Kette von Büchern herbeinimmst, die du als Kind, als Jugendliche, als junge Frau, als reifende Frau … nicht gelesen hast (und immer klar machst, warum nicht!).


Kurz gesagt: Entweder du machst eine Rezension, dann das Buch vorher zu Ende lesen, damit du weißt, wovon du redest (oder wenigstens nicht verraten, dass du es nicht weißt, und so tun, als sei der Klang wirklich das Wesentliche), ODER du nutzt „ungelesene Bücher" als Aufhänger für ein/e Porträt/Biografie, dann aber keine klassische Rezi zu schreiben versuchen!
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Jon,

ich verstehe sehr gut was Du meinst.

Im Vordergrund steht das 'geliebt' und das 'ungelesen' daran ist das eher biographische Element.
Genau weil dieses ganz persönliche Erleben eines Buches auch sehr viel über die Qualität eines Autors und/oder eines Textes aussagen kann. Und davon soll sich 'mein' Leser dann ermuntern lassen.
Ich bin davon überzeugt, dass dieser Titel eines der wichtigsten Bücher ist, das ich in den letzten Jahren in die Hand genommen habe und diese Einschätzung wird nicht davon eingeschränkt, dass ich es noch nicht zu Ende lesen konnte.

Was ich nicht nachvollziehen kann ist der Hinweis darauf, das 'ungelesen' sei versteckt - denn schließlich heißt dieser Beitrag schon so.

Ich werde mir Deinen Kommentar noch einmal genau durchsehen und die Anregungen durchdenken. Auf den ersten Blick weiß ich noch nicht, wie ich das 'eindeutiger' handhaben sollte, denn ich meine nicht, dass ich jetzt von mir selbst schwadronieren sollte - was es zu meinem Erleben zu sagen gab, habe ich gesagt. Im Vordergrund steht das Buch - und mein Text soll eine eindeutige Empfehlung sein, sich auf das Wagnis einzulassen. Das spricht eher für eine Rezension. Ich gebe zu, dass das ungewöhnlich ist. Könntest Du unter gar keinen Umständen mit dieser Form leben?

Ich habe in der Tat an eine lose Reihe gedacht - ich schau mir das mit dem Mehrteilerverfahren mal an.

Erst einmal vielen lieben Dank für Deine Eindrücke.

Liebe Grüße
Petra
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Was ich nicht nachvollziehen kann ist der Hinweis darauf, das 'ungelesen' sei versteckt - denn schließlich heißt dieser Beitrag schon so.
Das verstehe ich nicht. Meinst du meinen Tipp, dass du, wenn du dich für die Form der „typischen Rezension" entscheidest, (entweder das Buch zu Ende lesen solltest oder) so tun sollst, als hättest du es gelesen und würdest halt nur über das Ende nicht reden wollen?


Du musst (bei der Porträt-Form) nicht über dich schwadronieren. „Über dich“ schon (es soll ja dich spiegeln), aber nicht schwadronieren. Die Passage "bis ich physisch mit ihm in seinen Kellerwanderungen zu ersticken meinte und nach Luft schnappend auftauchen musste." ist z. B. eine passende Form.
Es geht nicht um vordergründige "Ich bekam eine Gänsehaut"-Aussagen, sondern "einfach" um eine Vertiefung in die Wirkung. Der Satz „Im Gegenteil ist es die Alltäglichkeit und Unaufgeregtheit, ja sogar Tristesse, die die bisher erfolglose Jagd so eindringlich macht." z.B. lässt sich mit einer Fortführung ergänzen: „…eindringlich macht. In diesem Raum, der sich zwischen dem ständigen Belauern und dem Belauertwerden aufspannt, entsteht ein idealer Boden für eine Selbstfesselung. Ein Mensch in dieser Lage hat nur zwei Möglichkeiten: Entweder auszubrechen oder innerlich abzusterben. Dieser Mensch hier ist auf dem Weg, letzteres zu tun." Verstehst du, was ich meine? Schwelge bei der Inhaltswiedergabe in dieser Wirkung.

PS: Normale Rezis schreibt man oft mit Abstand, indem man so tut, als sei das, was man als Eindruck/Erfahrung gewonnen hat, eine sachlich vorhandene und objektiv reproduzierbare Eigenschaft des Textes. Die explizite Ich-Form schafft - das ist den meisten nicht klar – auch Abstand. Sie setzt die Selbstbeobachtung voraus, um dann feststellen zu können, was (mit) dem Ich passiert. Eine Zwischenform besteht darin, den Moment zu schreiben. Also nicht "Ich fühle die Kälte" sondern "Kälte erfüllt alles", das erzeugt eine Situation, die der Leser „ungefiltert“ wahrnimmt. Der Leser der Rezi „erlebt“ es - er bekommt nicht gesagt, was andere erleben („ich“ oder „der Leser des Buches").

Bei dem Porträt-Projekt kannst du auf diesem Weg das Buch (in seiner Wirkung) vorstellen und deinem Leser zugleich schon einiges von dem vermitteln, was dich so "angriff", dass du das Buch nicht weitergelesen hast. Aber das ist nur der Boden, der Grund, warum du es nicht fertigbringst, weiterzulesen, muss trotzdem rein. Bezugnehmend auf das Keller-/Erstick-Bild und "Selten hat mich eine Sprache so vereinnamt und wehrlos gemacht." könnte es so aussehen: "Seit zwei Jahren liegt das Buch nun auf dem Stapel der zu lesenden Bücher, lockt mit seinen Abgründen. Bisher hatte ich nicht den Mut, mich erneut den muffigen Kellern dieser Welt auszuliefern. Fürchte ich so sehr, nicht wieder daraus auftauchen zu können?"

***
Diese Form empfinde ich tatsächlich als "unmöglich". Vielleicht auch deshalb, weil der Text an sich so "unfließend" ist, so inhomogen.
Alles, was ich zum Porträt-Ansatz schrieb, geht auch für deine Idee "Buchempfehlung" (nur ist es dann nicht so wichtig, warum du nicht weiterliest; obwohl der Rezi-Leser sich das sicher fragen wird). Du musst extrem starke emotionale Gründe erzeugen (nicht „nennen“!), warum jemand das Wagnis eingehen soll, von dem du nicht mal sagen kannst, ob es sich am Ende lohnt (weil die Story beeindruckend endet oder zumindest nicht so abkackt, dass der Gewinn beim Leseprozess davon zunichte gemacht wird).

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Sowas wie eine "lose Reihe" kann zwei Qualität haben: Entweder die Einbettung ist für das Verstehen wichtig, dann kannst du etwas machen wie vB-hier(*), oder es ist eher unerheblich und jeder Text wirkt auch allein, dann sollte aber auch kein "Teil x"-Vermerk Verwirrung stiften.
(* das ist nicht das klassische Mehrteilerverfahren der LL)
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((Wie bin ich den oben auf "2 Wochen ungelesen" gekommen? Sorry! Zwei Jahre sind tatsächlich eine relevante Spanne.))
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Jon,

ich kann Deinen Ansatz nachvollziehen, aber ich kann ihn nicht teilen.
Wenn ich Dich richtig verstanden haben, wäre es zum jetzigen Zeitpunkt die einzige Option, meinen Text biographisch zu 'dramatisieren', das eigene Erleben mehr einzubauen, um so dem Eindruck entgegen zu wirken, es könnte sich um eine Rezension handeln.
Dem kann ich keinen Geschmack abgewinnen, aber ich beuge mich den Regeln und entferne den Text.
Da warte ich doch lieber, bis ich das Buch gelesen habe.
Kann aber dauern ;)

Liebe Grüße
Petra
 

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