Gerlinde fährt nach Bad Gastein

4,20 Stern(e) 6 Bewertungen

Ciconia

Mitglied
Gerlinde nimmt den frühen Zug nach Bad Gastein,
ihr Siegfried schläft noch fest, beschwipst vom Frankenwein.
„Ich bin dann fort, komm ganz bestimmt nicht mehr zurück!“
schreibt sie auf Briefpapier aus Zeiten voller Glück.

Erschöpft, doch frohgemut erreicht sie Bad Gastein,
jetzt fühlt sie erstmals wie es ist, allein zu sein.
Zum Essen will sie ausgehn, putzt sich fein heraus,
doch schnell erkennt sie, hier schaut niemand nach ihr aus.

Am zweiten Tag trübt Regen ihre Stimmung schwer,
das Wolkengrau gibt gar kein Panorama her.
Sie langweilt sich, sieht alte Fernsehfilme an,
und ab und zu denkt sie an ihren Ehemann.

Am dritten Tag beschließt sie: Es hat keinen Zweck,
in meinem Alter wirft man nicht den Partner weg.
Ein Anruf nur: „Ich komm heut Abend wieder heim!“
Der Mittagszug bringt sie zurück nach München-Laim.

Zuhause wartet Siegfried mit dem Abendbrot,
er glaubt, sein Leben mit Gerlinde sei im Lot.
Sie seufzt. So wird‘s nun bis ans Lebensende sein:
Mit Siegfried, Schnittchen, Fernsehn und viel Frankenwein.
 
Schöne Ballade vom häuslichen Unglück. Immerhin: Sie hat bald schon an ihn gedacht, in Gastein. Nehmen wir das als Zeichen organischer Verbundenheit, wie sie lang dauernde Ehen erzeugen. Und wünschen wir Gerlinde, dass sie erkennt: Jene Bindung steht über dem Verdruss, den ihr das Zusammensein auch bereitet.

Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Danke, Arno, das hast Du kurz und trefflich formuliert. In jeder langjährigen Verbindung kommt wohl mal der Punkt, an dem man über „Flüchten oder Standhalten“, Ausreißen oder Aussitzen nachdenkt. Gerlinde hat ihre Lösung offensichtlich sehr schnell gefunden.

Schönen Sonntag!
Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Patrick,

kannst Du bitte die Stellen präzisieren, an denen es für Dich holpert? Nach meinem Dafürhalten ist das Gedicht von Anfang bis Ende im klaren Jambus geschrieben.

Gruß Ciconia
 
Gerlinde hat gemerkt, dass das tägliche Einerlei doch besser ist, als das Alleinsein in der Fremde.
Mir hat das Gedicht sehr gut gefallen.
Holprig? Patrick hat sich wohl verguckt.

Viele Grüße,
Marie-Luise
 

Ciconia

Mitglied
Danke, Marie-Luise!

Ja, Patrick hat sich wohl „verguckt“ - zumal Metrik keine Geschmackssache ist.

Gruß Ciconia
 
Guten Morgen Ciconia
Ich habe es jetzt nach einigen Tagen nochmal gelesen
und bin wieder hängengeblieben.

Woran das liegt?
Wahrscheinlich an mir.

Nebenbei: bedeutet passende Metrik immer passender Rythmus?

L.G
Patrick
 

Ciconia

Mitglied
Nun, lieber Patrick, immerhin gibt die Metrik den Rhythmus vor, wenn ich mich nicht irre.

Ich kann mir schon vorstellen, dass die Thematik für einen jungen Menschen nicht besonders interessant ist. Das lasse ich gelten. Allerdings sind pauschale Aussagen wie „ich bin hängengeblieben“ nicht besonders hilfreich, wenn Du nicht klar definieren kannst, an welchen Stellen dies passiert. Hast Du denn Verbesserungsvorschläge?

Gruß Ciconia
 
Ich wünschte ich könnte dir genauer erklären wo und
warum ich stocke. Kann es aber nicht.
Fast schäme ich mich ein bischen dafür.

So bleibt mein Kommentar sinnlos und wirft vielleich
ein negatives Licht auf den Text, obwohl er es gar nicht
verdient hat.
Entschuldige.

L.G
Patrick
 

ENachtigall

Mitglied
Der fußkranke Hase liegt hier wohl im Pfeffer von "Bad Gastein", weil alle Orte mit "Bad" oder "Stankt" am Anfang gewohnheitsmäßig auf dem "Nachnamen" (also Gastein oder Augustin) betont werden; jedenfalls auf deren erster Silbe. Oder aber beide Begriffe werden auf der ersten Silbe betont.
Oder ist das eine Nordrhein-Westfälische Mundart?

Grüße von Elke
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Elke,

ich hatte es als allgemein bekannt vorausgesetzt, dass man einen berühmten Kurort wie Bad Gastein richtig auszusprechen weiß: nämlich Bad Gastein. In Nordrhein-Westfalen, wo dann wohl auch Patrick wohnt, scheint dies nicht der Fall zu sein.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Da brauch ich nicht zu raten, liebe Elke, ich war schon dort. Aber was hat das mit dem Halbwissen zu tun, mit dem hier Gedichte bewertet werden??

Ciconia
 

molly

Mitglied
Hallo ciconia,

hier im "Lädle" kenne auch nur Deine Betonung. :)

So ist es ja manchmal im Leben, man sehnt sich fort und merkt dann, wo man Daheim ist.

Liebe Grüße

molly
 

ENachtigall

Mitglied
Ich habe das mit der Aussprache tatsächlich nicht gewusst, da ich weder selbst je dort war, noch davon hab reden hören.

Ich habe ihn nicht schlecht bewertet. Auch nicht mittelmäßig.

Ich nehme an, die Zeilenlänge ist hier stilistisches Mittel, um die Langeweile, die in der Partnerschaft aufgekommen ist (und auch mit nach Bad Gastein reist), hervorzuheben. Das ist gelungen, jedoch mit der Nebenwirkung, dass der Text diese Langeweile perfekt auf mich als Leserin überträgt.

Sei mir nicht böse, dass ich das so frank von der Leber weg eingestehe.

Metrisch ist nach Klärung der korrekten Aussprache jedenfalls alles in bester Ordnung.

Grüße von Elke
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Elke,

warum sollte man jemandem böse sein, wenn er seine ehrliche Meinung sagt? Für mich ist Offenheit etwas ganz Normales, ich mag klare Ansagen.
Ich habe ihn nicht schlecht bewertet. Auch nicht mittelmäßig.
Das habe ich auch nie behauptet. Ich hatte nur den Eindruck, dass Deine Erklärungen auch Patricks Unverständnis rechtfertigen sollten – und der hatte gewertet, obwohl er nicht erklären konnte, was ihn störte.
Ich nehme an, die Zeilenlänge ist hier stilistisches Mittel
Nö, über derartige stilistische Mittel verfüge ich gar nicht. Ich habe einfach mal so vor mich hin gereimt. Den Einen gefällt’s, die Anderen finden es langweilig. Damit muss man leben.
Aber wenigstens die Metrik haben wir jetzt geklärt. ;)

Gruß Ciconia
 

Oben Unten