Gesellschaftlicher Verkehr (DSK 3)

Es geht um machtvolle Brunstgeschäfte

Wenn die nicht einvernehmliche sexuelle Gewalttat der ungleichen Macht von Täter und Opfer geschuldet ist, kommt das aggressive Triebhandeln als alleinige Quelle zerstörerischen Wirkens weniger in Betracht. Als Begleiterscheinung ungleicher Macht geraten so weitere Motive in’ s Blickfeld. Die müssen den spezifischen Verhältnissen der jeweiligen Gesellschaft entnommen werden. Des Zusammenhangs sich ständig zu vergewissern, kann unser Reflexionsvermögen verbessern, und vor übereilten Schlüssen schützen.
Gewohnheitsmäßig wird jedoch oft vorausgesetzt, dass die Charakterzüge des Individuums bloß irgendwie gefunden werden müssten, und schon sei eine brauchbare Erklärung für Taten und Verantwortlichkeit gewonnen. Eine Unterschätzung der äußeren Erfahrungswelt, besonders gesellschaftlicher Faktoren, ist daher üblich.

Damit geht etwas verloren, was doch vorhanden ist. Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn(DSK), hatte im Mai 2011 mit >seiner< New Yorker >Sofitel – Affaire< vorgeführt, dass er unter dem vermeintlichen Schutz des feudal luxuriösen Lebenswandels und des >einvernehmlichen Sex< eine Lawine mit ungewissen Wirkungen lostrat. Wer hatte hier überhaupt an etwas anderes als an Karriereknick und Strafprozess gedacht? Es türmt sich weiteres Material auf. Enthüllungen über Call-Girl-Ringe tendieren dazu, den politisch entmachteten DSK in eine Position der gesellschaftlichen Ächtung zu drängen. Fotos zeigen ihn bereits gebeugt und scheinbar ungepflegt. Seine Nibelungen Ehe soll angeblich scheitern. Die im Mai aufgekommene Behauptung, die New Yorker Anklage gründe tatsächlich auf einem inszenierten Komplott, kam jetzt wieder in‘ s Spiel. Innenminister Gueant sah sich erneut gezwungen, den Verdacht auf der französischen Regierung zurückzuweisen. Die gescheiterte New Yorker Anklage reichte nicht, um die Sache aus der Welt zu schaffen.

Politischen Beobachtern werden die Grenzen ihres Erkenntnisinteresses aufgezeigt. Unbefriedigend daran ist, dass die politischen Klassen selbst schwerwiegende Verstöße gegen anerkannte Moralgrundsätze abschirmen können. Aber dort, wo Risse in den Fassaden auftreten, sollten auch Einblicke genommen werden. Die französische Journalistin und Schriftstellerin Tristane Banon zeigt sich angesichts der neueren Enthüllungen nicht >überrascht<. Sie spricht heute als bereits 2003 betroffene Frau verhältnismäßig nüchtern und distanziert: >In dieser Affäre frage ich als Bürgerin und Journalistin, ob diese Prostituierten mit öffentlichen Geldern bezahlt wurden. Einzelne Rechnungen wurden mit Kreditkarten bezahlt, die dem Staat gehörten. Das wäre rechtlich relevant<.* Die Frage provoziert, problematisiert.

Der mit >öffentlichen Geldern< gezähmte Aggressor befriedigt seine leicht aus dem Ruder laufenden Bedürfnisse, weil professionelle Sex-Arbeiterinnen die schädlichen Folgen der Aggression ablenken. Man muss bei dieser staatlich generierten Strategie voraussetzen, dass die Prostituierten freiwillig arbeiten, abgesichert mit einer Versorgungsperspektive u.s.w. Dass es aus unterschiedlicher Sicht daran Zweifel gibt, scheint den unproblematischen Erfolg dieser Ablenkungsmethode so in Frage zu stellen, wie er zugleich gewünscht wird.

Banon pflegt eine differenzierte Auseinandersetzung, die bewusst machen will, dass die sexuelle Aggression DSKs gegen ihre Person nicht mit ihrer panischen Flucht vom Ort des Interviews in 2003 beendet war. Sie dauert bis heute an. Die harten Prüfungen seither erforderten wachsames Durchhaltevermögen. In einer Fernsehsendung 2007 beschrieb sie ihre Panik im Büro Strauss - Kahns, indem sie ihn einen >brünstigen Schimpansen< nannte, der ihr auf die Pelle rückte. Die TV-Manager hatten vorbeugend einen Piepton über seinen Namen gelegt. Damals hatte sie noch keine Klage eingereicht, da diese nicht nur aussichtslos gewesen wäre. Sie sagt heute: >Ich hätte die Attacken< als unbedarfte 24-Jährige kaum überstanden.< DSK bewegte sich noch in einer geschlossenen Gesellschaft, deren etablierte Parteien offenbar Gründe haben für ihr >enormes Schweigen. <

Im Gespräch mit Stefan Brändle erklärt sie ihre Wortwahl: >Der Ausdruck stammt nicht von mir. Ich hörte ihn in der Nationalversammlung und zwar von einem Journalisten, der mir erzählte, im Parlament bezeichne man Dominique Strauss – Kahn so. … Natürlich, alle kannten ihn. Es hieß sogar: Wie konnte sie nichts wissen, bei Strauss – Kahns Ruf. Ich war aber damals eine Praktikantin! Als ich nachher befreundeten Journalisten erzählte, was mir bei Dominique Strauss – Kahn passiert war, meinten sie, ich müsse das unbedingt publik machen. Deshalb erzählte ich das Vorgefallene im Fernsehen. <

Erst durch New York erhielt die Fassade des >einvernehmlichen Sex< solche Risse, dass Banon mit Aussicht auf zumindest relativen Erfolg Klage einreichte. Aussage stand gegen Aussage, ein Beweis für versuchte Vergewaltigung war nicht möglich, aber immerhin sprach der Staatsanwalt von >sexueller Aggression<. DSK verharmloste, was er 2003 in seinem Büro gegen die Interviewerin unternahm. Er habe >nur zu küssen< versucht. Aber die Journalistin erkennt darin heute die Arroganz des Aggressors und verschärft ihren Ton: >Am Tag meiner gerichtlichen Konfrontation mit Dominique Strauss-Kahn spürte ich genau diese Süffisanz und Überheblichkeit, mit der er nicht nur mich, sondern auch die anwesenden Polizisten behandelte. Leute wie er merken gar nicht, dass sie die Existenz anderer zerstören ! <

Man sollte wissen, dass in Frankreich das Sexualleben locker, leicht aufgefasst wird - >une bagatelle<. Ist also diese Frau noch bei Trost, ernsthaft von Zerstörung ihrer Existenz zu sprechen, wo doch alles nicht so schlimm sein kann ? Eine andere Frau hielt ihr auf der Straße vor, sie habe ja das Sex-Abenteuer gesucht, denn sie sei zum Interview mit DSK nur dürftig gekleidet gegangen. >Ich antwortete der Frau, ich hätte einen Rollkragenpullover, Jeans und Stiefel getragen. Die Frau erwiderte: Nein, Sie waren knapp bekleidet, ich habe das gelesen. Ich hätte sie anschreien mögen, aber ich wusste, dass es nicht ihr Fehler war. <

DSK hatte sie hart attackiert, versuchte rasend ihr den BH und die Jeans zu öffnen. >Wir waren umgefallen, und als ich schreien wollte, wechselte er den Handgriff, ließ ein wenig locker. Ich konnte mich erheben, wobei mein Absatz auf einem Kleidungsstück von ihm zu stehen kam. Vielleicht war es sein Hosenbein, aber ich schaute nicht hin, ich wollte nur weg. Auf jeden Fall konnte er sich deshalb nicht gleich erheben. Und da war ich schon bei der Tür, wo der Schlüssel steckte. Die Hälfte meiner Unterlagen ließ ich vor Ort. < Diese aktuellen Formulierungen und die TV-Darstellung Banons in 2007 stehen dafür, dass der damalige Kampf zwischen Opfer und Aggressor nicht einfach beendet, sondern mit Folgewirkungen zu rechnen war.

Auf welche Weise diese zu einer Art Lernprozess sich verknüpften, das freilich schrieb erst das Leben auf. Tristane Banon ist überzeugt, dass ihr berufliches Vorankommen >von oben< jahrelang gezielt hintertrieben worden ist. >Vorbeugend< für den Fall, dass irgendwann mal etwas herauskommen sollte. Sie empfindet es noch immer als Zerstörung ihres Lebens, nennt den Lagardere-Konzern und Strauss-Kahns Kommunikationsagentur Euro RSCG als Mächte, die im Hintergrund die Strippen gezogen haben. Hinzu kommt eine Art Schweigekartell der >etablierten Parteien< in der DSK-Affäre, worin die üblichen Scheingefechte verstummen, um ungestört in Marrakesch, N.Y und Wien die >Magd – oder kleine Jungen zu bespringen. <

Tristane Banon, Patentochter einer früheren Ehefrau DSKs, wurde in Folge der >Sofitel-Affäre< so kräftig durchgeschüttelt, dass ihre Identität gefährdet schien. >Meine Worte, mein Gesicht gehörten mir nicht mehr. An meiner Stelle sprachen Leute über mich, die ich nicht kannte. … Ich glaubte, die Welt stehe Kopf…. Ein US-Sender bot mir 50000 Dollar plus Flugticket und Hotel, wenn ich ihm exklusiv erklären würde, dass ich gegen DSK Klage einreichen würde <

*Stefan Brändle führte mit Tristane Banon ein >Gespräch über Macht und Ohnmacht<, das unter der Überschrift SIE ALLE HABEN IHN GEKANNT im Magazinteil der Frankfurter Rundschau am 22. November 2011 abgedruckt ist.
 

FrankK

Mitglied
Hallo Herbert

Durch "Das neueste Prosa-Werk" bin ich über Deinen Text gestolpert.

Es geht um machtvolle Brunstgeschäfte
Davon ist später im Text nichts mehr zu finden.
Die Andeutung über "Call-Girl-Ringe" ist viel zu flüchtig, um eine solche Einleitung zu rechtfertigen.

Wenn die nicht einvernehmliche sexuelle Gewalttat der ungleichen Macht von Täter und Opfer geschuldet ist, kommt das aggressive Triebhandeln als alleinige Quelle zerstörerischen Wirkens weniger in Betracht.
Was für ein Satz!
Eine "nicht einvernehmliche sexuelle Gewalttat" ist fast schon ein Ansatz für einen satirischen Text:
Gibt es denn eine "einvernehmliche sexuelle Gewalttat" oder gibt es "nicht einvernehmlichen Sex" der keine Gewalttat ist?
Wieso ist das "aggressive Triebhandeln" bei einer "ungleichen Macht" weniger zu betrachten? Passt alles irgendwie nicht zusammen.

Damit geht etwas verloren, was doch vorhanden ist.
Verstehe ich nicht.

Dominique Strauss-Kahn(DSK), hatte ... vorgeführt, dass er ... eine Lawine mit ungewissen Wirkungen lostrat.
Auch der Sinn dieses Satzes erschließt sich mir nicht. Fürchterlich verklausuliert und (so erweckt es bei mir den Anschein) vielleicht nicht mehr ganz vollständig.

Politischen Beobachtern werden die Grenzen ihres Erkenntnisinteresses aufgezeigt. Unbefriedigend daran ist, dass die politischen Klassen selbst schwerwiegende Verstöße gegen anerkannte Moralgrundsätze abschirmen können.
Die Grenzen meines "Erkenntnisinteresses" lege ich doch wohl selbst fest. Daher haben "politische Klassen" keinen Einfluß darauf. Dass selbige sich sich abschirmen können, ist nichts neues und hat mit den Erkenntnisinteressen der politischen Beobachter nichts zu tun.

Der Rest des Textes zeigt Überwiegend sachliche Details über neue Vorwürfe gegenüber SDK, die ich (mangels notwendigen Interesses) nicht weiter verfolgt habe.

Vielleicht noch eins:
Man sollte wissen, dass in Frankreich das Sexualleben locker, leicht aufgefasst wird - >une bagatelle<.
Sexualität (wie viele andere Dinge auch) wird in Frankreich etwas lockerer gesehen. Im Zusammenhang mit Vergewaltigungsvorwürfen ist das "une bagatelle" unangebracht. Bei aller Lockerheit werden solche Dinge auch von französischen Staatsanwälten sehr Ernst genommen.


Viele vorweihnachtliche Grüße aus Westfalen
Frank
 
Es geht um Brunstgeschäfte des Mächtigeren

Wenn die sexuelle Gewalttat der ungleichen Macht von Täter und Opfer geschuldet ist, kommt das aggressive Triebhandeln als alleinige Quelle zerstörerischen Wirkens weniger in Betracht. Als Begleiterscheinung ungleicher Macht geraten weitere Motive in’s Blickfeld. Die müssen den spezifischen Verhältnissen der jeweiligen Gesellschaft entnommen werden. Des Zusammenhangs sich ständig zu vergewissern, kann unser Reflexionsvermögen verbessern, und vor übereilten Schlüssen schützen.
Gewohnheitsmäßig wird jedoch oft vorausgesetzt, dass die Charakterzüge des Individuums bloß irgendwie gefunden werden müssten, und schon sei eine brauchbare Erklärung für Taten und Verantwortlichkeit gewonnen. Eine Unterschätzung der äußeren Erfahrungswelt, besonders gesellschaftlicher Faktoren, ist daher üblich.

Damit verlieren wir oft etwas aus dem Blick, was doch vorhanden ist. Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn(DSK), hatte im Mai 2011 mit >seiner< New Yorker >Sofitel – Affaire< vorgeführt, dass er unter dem vermeintlichen Schutz des feudal luxuriösen Lebenswandels und des >einvernehmlichen Sex< eine Lawine mit ungewissen Wirkungen lostrat. Wer hatte überhaupt an etwas anderes als an Karriereknick und Strafprozess gedacht? Nun türmt sich weiteres Material auf, nachdem im August in N.Y. die Akten geschlossen wurden. Enthüllungen über Call-Girl-Ringe tendieren dazu, den politisch entmachteten DSK in eine Position der gesellschaftlichen Ächtung zu drängen. Fotos zeigen ihn bereits gebeugt und scheinbar ungepflegt. Seine Nibelungen Ehe soll angeblich scheitern. Die im Mai erhobene Behauptung, die New Yorker Anklage sei tatsächlich Bestandteil eines inszenierten Komplotts, kam jetzt wieder in‘s Spiel. Innenminister Gueant sah sich erneut gezwungen, den Verdacht auf der französischen Regierung zurückzuweisen. Die gescheiterte New Yorker Anklage reichte nicht, um die Sache aus der Welt zu schaffen.

Politischen Beobachtern werden die Grenzen aufgezeigt, ihr Erkenntnisinteresse möglichst unbeeinflusst durch manipulierte Informationen wahrzunehmen. Unsere Erfahrung und zugleich unbefriedigend ist in diesem Zusammenhang, dass die politischen Klassen selbst schwerwiegende Verstöße gegen anerkannte Moralgrundsätze abschirmen. Das motiviert wiederum, nicht nachzulassen bei der Aufzeichnung der Realität. Also dort, wo Risse in den Fassaden auftreten, sollten auch Einblicke genommen werden.

Die französische Journalistin und Schriftstellerin Tristane Banon zeigt sich angesichts der neueren Enthüllungen nicht >überrascht<. Sie spricht heute als bereits 2003 betroffene Frau verhältnismäßig nüchtern und distanziert: >In dieser Affäre frage ich als Bürgerin und Journalistin, ob diese Prostituierten mit öffentlichen Geldern bezahlt wurden. Einzelne Rechnungen wurden mit Kreditkarten bezahlt, die dem Staat gehörten. Das wäre rechtlich relevant<.* Die Frage provoziert, problematisiert.

Der mit >öffentlichen Geldern< gezähmte Aggressor befriedigt seine leicht aus dem Ruder laufenden Bedürfnisse, weil professionelle Sex-Arbeiterinnen die schädlichen Folgen der Aggression ablenken. Man muss bei dieser staatlich generierten Strategie voraussetzen, dass die Prostituierten freiwillig arbeiten, abgesichert mit einer Versorgungsperspektive u.s.w. Dass es aus verschiedener Sicht daran Zweifel gibt, scheint den Erfolg dieser Ablenkungsmethode so in Frage zu stellen, wie er zugleich gewünscht wird.

Banon pflegt eine differenzierte Auseinandersetzung, die bewusst machen will, dass die sexuelle Aggression DSKs gegen ihre Person nicht mit ihrer panischen Flucht vom Ort des Interviews in 2003 beendet war. Sie dauert bis heute an. Die harten Prüfungen seither erforderten wachsames Durchhaltevermögen. In einer Fernsehsendung 2007 beschrieb sie ihre Panik im Büro Strauss - Kahns, indem sie ihn einen >brünstigen Schimpansen< nannte, der ihr auf die Pelle rückte. Die TV-Manager hatten vorbeugend einen Piepton über seinen Namen gelegt. Damals hatte sie noch keine Klage eingereicht, da diese nicht nur aussichtslos gewesen wäre. Sie sagt heute: >Ich hätte die Attacken< als unbedarfte 24-Jährige kaum überstanden.< DSK bewegte sich noch in einer geschlossenen Gesellschaft, deren etablierte Parteien offenbar Gründe haben für ihr >enormes Schweigen. <

Im Gespräch mit Stefan Brändle erklärt sie ihre Wortwahl: >Der Ausdruck stammt nicht von mir. Ich hörte ihn in der Nationalversammlung und zwar von einem Journalisten, der mir erzählte, im Parlament bezeichne man Dominique Strauss – Kahn so. … Natürlich, alle kannten ihn. Es hieß sogar: Wie konnte sie nichts wissen, bei Strauss – Kahns Ruf. Ich war aber damals eine Praktikantin! Als ich nachher befreundeten Journalisten erzählte, was mir bei Dominique Strauss – Kahn passiert war, meinten sie, ich müsse das unbedingt publik machen. Deshalb erzählte ich das Vorgefallene im Fernsehen. <

Erst durch New York erhielt die Fassade des >einvernehmlichen Sex< solche Risse, dass Banon mit Aussicht auf zumindest relativen Erfolg Klage einreichte. Aussage stand gegen Aussage, ein Beweis für versuchte Vergewaltigung war nicht möglich, aber immerhin sprach der Staatsanwalt von >sexueller Aggression<. DSK verharmloste, was er 2003 in seinem Büro gegen die Interviewerin unternahm. Er habe >nur zu küssen< versucht. Aber die Journalistin erkennt darin heute die Arroganz des Aggressors und verschärft ihren Ton: >Am Tag meiner gerichtlichen Konfrontation mit Dominique Strauss-Kahn spürte ich genau diese Süffisanz und Überheblichkeit, mit der er nicht nur mich, sondern auch die anwesenden Polizisten behandelte. Leute wie er merken gar nicht, dass sie die Existenz anderer zerstören ! <

Man sollte wissen, dass in Frankreich das Sexualleben locker, leicht aufgefasst wird - >une bagatelle<. Ist also diese Frau noch bei Trost, ernsthaft von Zerstörung ihrer Existenz zu sprechen, wo doch alles nicht so schlimm sein kann? Eine andere Frau hielt ihr auf der Straße vor, sie habe ja das Sex-Abenteuer gesucht, denn sie sei zum Interview mit DSK nur dürftig gekleidet gegangen. >Ich antwortete der Frau, ich hätte einen Rollkragenpullover, Jeans und Stiefel getragen. Die Frau erwiderte: Nein, Sie waren knapp bekleidet, ich habe das gelesen. Ich hätte sie anschreien mögen, aber ich wusste, dass es nicht ihr Fehler war. <

DSK hatte sie hart attackiert, versuchte rasend ihr den BH und die Jeans zu öffnen. >Wir waren umgefallen, und als ich schreien wollte, wechselte er den Handgriff, ließ ein wenig locker. Ich konnte mich erheben, wobei mein Absatz auf einem Kleidungsstück von ihm zu stehen kam. Vielleicht war es sein Hosenbein, aber ich schaute nicht hin, ich wollte nur weg. Auf jeden Fall konnte er sich deshalb nicht gleich erheben. Und da war ich schon bei der Tür, wo der Schlüssel steckte. Die Hälfte meiner Unterlagen ließ ich vor Ort. < Diese aktuellen Formulierungen und die TV-Darstellung Banons in 2007 stehen dafür, dass der damalige Kampf zwischen Opfer und Aggressor nicht einfach beendet, sondern mit Folgewirkungen zu rechnen war.

Auf welche Weise diese zu einer Art Lernprozess sich verknüpften, das freilich schrieb erst das Leben auf. Tristane Banon ist überzeugt, dass ihr berufliches Vorankommen >von oben< jahrelang gezielt hintertrieben worden ist. >Vorbeugend< für den Fall, dass irgendwann mal etwas herauskommen sollte. Sie empfindet es noch immer als Zerstörung ihres Lebens, nennt den Lagardere-Konzern und Strauss-Kahns Kommunikationsagentur Euro RSCG als Mächte, die im Hintergrund die Strippen gezogen haben. Hinzu kommt eine Art Schweigekartell der >etablierten Parteien< in der DSK-Affäre, worin die üblichen Scheingefechte verstummen, um ungestört in Marrakesch, N.Y und Wien die >Magd – oder kleine Jungen zu bespringen. <

Tristane Banon, Patentochter einer früheren Ehefrau DSKs, wurde in Folge der >Sofitel-Affäre< so kräftig durchgeschüttelt, dass ihre Identität gefährdet schien. >Meine Worte, mein Gesicht gehörten mir nicht mehr. An meiner Stelle sprachen Leute über mich, die ich nicht kannte. … Ich glaubte, die Welt stehe Kopf…. Ein US-Sender bot mir 50000 Dollar plus Flugticket und Hotel, wenn ich ihm exklusiv erklären würde, dass ich gegen DSK Klage einreichen würde <

*Stefan Brändle führte mit Tristane Banon ein >Gespräch über Macht und Ohnmacht<, das unter der Überschrift SIE ALLE HABEN IHN GEKANNT im Magazinteil der Frankfurter Rundschau am 22. November 2011 abgedruckt ist.
 
Es geht um Brunstgeschäfte des Mächtigeren

Wenn die sexuelle Gewalttat der ungleichen Macht von Täter und Opfer geschuldet ist, kommt das aggressive Triebhandeln als alleinige Quelle zerstörerischen Wirkens weniger in Betracht. Als Begleiterscheinung ungleicher Macht geraten weitere Motive in’s Blickfeld. Die müssen den spezifischen Verhältnissen der jeweiligen Gesellschaft entnommen werden. Des Zusammenhangs sich ständig zu vergewissern, kann unser Reflexionsvermögen verbessern, und vor übereilten Schlüssen schützen.
Gewohnheitsmäßig wird jedoch oft vorausgesetzt, dass die Charakterzüge des Individuums bloß irgendwie gefunden werden müssten, und schon sei eine brauchbare Erklärung für Taten und Verantwortlichkeit gewonnen. Eine Unterschätzung der äußeren Erfahrungswelt, besonders gesellschaftlicher Faktoren, ist daher üblich.

Damit verlieren wir oft etwas aus dem Blick, was doch vorhanden ist. Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn(DSK), hatte im Mai 2011 mit >seiner< New Yorker >Sofitel – Affaire< vorgeführt, dass er unter dem vermeintlichen Schutz des feudal luxuriösen Lebenswandels und des >einvernehmlichen Sex< eine Lawine mit ungewissen Wirkungen lostrat. Wer hatte überhaupt an etwas anderes als an Karriereknick und Strafprozess gedacht? Nun türmt sich weiteres Material auf, nachdem im August in N.Y. die Akten geschlossen wurden.

Enthüllungen über Call-Girl-Ringe tendieren dazu, den politisch entmachteten DSK in eine Position der gesellschaftlichen Ächtung zu drängen. Fotos zeigen ihn bereits gebeugt und scheinbar ungepflegt. Seine Nibelungen Ehe soll angeblich scheitern. Die im Mai erhobene Behauptung, die New Yorker Anklage sei tatsächlich Bestandteil eines inszenierten Komplotts, kam jetzt wieder in‘s Spiel. Innenminister Gueant sah sich erneut gezwungen, den Verdacht auf der französischen Regierung zurückzuweisen. Die gescheiterte New Yorker Anklage reichte nicht, um die Sache aus der Welt zu schaffen.

Politischen Beobachtern werden die Grenzen aufgezeigt, ihr Erkenntnisinteresse möglichst unbeeinflusst durch manipulierte Informationen wahrzunehmen. Unsere Erfahrung und zugleich unbefriedigend ist in diesem Zusammenhang, dass die politischen Klassen selbst schwerwiegende Verstöße gegen anerkannte Moralgrundsätze abschirmen. Das motiviert wiederum, nicht nachzulassen bei der Aufzeichnung der Realität. Also dort, wo Risse in den Fassaden auftreten, sollten auch Einblicke genommen werden.

Die französische Journalistin und Schriftstellerin Tristane Banon zeigt sich angesichts der neueren Enthüllungen nicht >überrascht<. Sie spricht heute als bereits 2003 betroffene Frau verhältnismäßig nüchtern und distanziert: >In dieser Affäre frage ich als Bürgerin und Journalistin, ob diese Prostituierten mit öffentlichen Geldern bezahlt wurden. Einzelne Rechnungen wurden mit Kreditkarten bezahlt, die dem Staat gehörten. Das wäre rechtlich relevant<.* Die Frage provoziert, problematisiert.

Der mit >öffentlichen Geldern< gezähmte Aggressor befriedigt seine leicht aus dem Ruder laufenden Bedürfnisse, weil professionelle Sex-Arbeiterinnen die schädlichen Folgen der Aggression ablenken. Man muss bei dieser staatlich generierten Strategie voraussetzen, dass die Prostituierten freiwillig arbeiten, abgesichert mit einer Versorgungsperspektive u.s.w. Dass es aus verschiedener Sicht daran Zweifel gibt, scheint den Erfolg dieser Ablenkungsmethode so in Frage zu stellen, wie er zugleich gewünscht wird.

Banon pflegt eine differenzierte Auseinandersetzung, die bewusst machen will, dass die sexuelle Aggression DSKs gegen ihre Person nicht mit ihrer panischen Flucht vom Ort des Interviews in 2003 beendet war. Sie dauert bis heute an. Die harten Prüfungen seither erforderten wachsames Durchhaltevermögen. In einer Fernsehsendung 2007 beschrieb sie ihre Panik im Büro Strauss - Kahns, indem sie ihn einen >brünstigen Schimpansen< nannte, der ihr auf die Pelle rückte. Die TV-Manager hatten vorbeugend einen Piepton über seinen Namen gelegt. Damals hatte sie noch keine Klage eingereicht, da diese nicht nur aussichtslos gewesen wäre. Sie sagt heute: >Ich hätte die Attacken< als unbedarfte 24-Jährige kaum überstanden.< DSK bewegte sich noch in einer geschlossenen Gesellschaft, deren etablierte Parteien offenbar Gründe haben für ihr >enormes Schweigen. <

Im Gespräch mit Stefan Brändle erklärt sie ihre Wortwahl: >Der Ausdruck stammt nicht von mir. Ich hörte ihn in der Nationalversammlung und zwar von einem Journalisten, der mir erzählte, im Parlament bezeichne man Dominique Strauss – Kahn so. … Natürlich, alle kannten ihn. Es hieß sogar: Wie konnte sie nichts wissen, bei Strauss – Kahns Ruf. Ich war aber damals eine Praktikantin! Als ich nachher befreundeten Journalisten erzählte, was mir bei Dominique Strauss – Kahn passiert war, meinten sie, ich müsse das unbedingt publik machen. Deshalb erzählte ich das Vorgefallene im Fernsehen. <

Erst durch New York erhielt die Fassade des >einvernehmlichen Sex< solche Risse, dass Banon mit Aussicht auf zumindest relativen Erfolg Klage einreichte. Aussage stand gegen Aussage, ein Beweis für versuchte Vergewaltigung war nicht möglich, aber immerhin sprach der Staatsanwalt von >sexueller Aggression<. DSK verharmloste, was er 2003 in seinem Büro gegen die Interviewerin unternahm. Er habe >nur zu küssen< versucht. Aber die Journalistin erkennt darin heute die Arroganz des Aggressors und verschärft ihren Ton: >Am Tag meiner gerichtlichen Konfrontation mit Dominique Strauss-Kahn spürte ich genau diese Süffisanz und Überheblichkeit, mit der er nicht nur mich, sondern auch die anwesenden Polizisten behandelte. Leute wie er merken gar nicht, dass sie die Existenz anderer zerstören ! <

Man sollte wissen, dass in Frankreich das Sexualleben locker, leicht aufgefasst wird - >une bagatelle<. Ist also diese Frau noch bei Trost, ernsthaft von Zerstörung ihrer Existenz zu sprechen, wo doch alles nicht so schlimm sein kann? Eine andere Frau hielt ihr auf der Straße vor, sie habe ja das Sex-Abenteuer gesucht, denn sie sei zum Interview mit DSK nur dürftig gekleidet gegangen. >Ich antwortete der Frau, ich hätte einen Rollkragenpullover, Jeans und Stiefel getragen. Die Frau erwiderte: Nein, Sie waren knapp bekleidet, ich habe das gelesen. Ich hätte sie anschreien mögen, aber ich wusste, dass es nicht ihr Fehler war. <

DSK hatte sie hart attackiert, versuchte rasend ihr den BH und die Jeans zu öffnen. >Wir waren umgefallen, und als ich schreien wollte, wechselte er den Handgriff, ließ ein wenig locker. Ich konnte mich erheben, wobei mein Absatz auf einem Kleidungsstück von ihm zu stehen kam. Vielleicht war es sein Hosenbein, aber ich schaute nicht hin, ich wollte nur weg. Auf jeden Fall konnte er sich deshalb nicht gleich erheben. Und da war ich schon bei der Tür, wo der Schlüssel steckte. Die Hälfte meiner Unterlagen ließ ich vor Ort. < Diese aktuellen Formulierungen und die TV-Darstellung Banons in 2007 stehen dafür, dass der damalige Kampf zwischen Opfer und Aggressor nicht einfach beendet, sondern mit Folgewirkungen zu rechnen war.

Auf welche Weise diese zu einer Art Lernprozess sich verknüpften, das freilich schrieb erst das Leben auf. Tristane Banon ist überzeugt, dass ihr berufliches Vorankommen >von oben< jahrelang gezielt hintertrieben worden ist. >Vorbeugend< für den Fall, dass irgendwann mal etwas herauskommen sollte. Sie empfindet es noch immer als Zerstörung ihres Lebens, nennt den Lagardere-Konzern und Strauss-Kahns Kommunikationsagentur Euro RSCG als Mächte, die im Hintergrund die Strippen gezogen haben. Hinzu kommt eine Art Schweigekartell der >etablierten Parteien< in der DSK-Affäre, worin die üblichen Scheingefechte verstummen, um ungestört in Marrakesch, N.Y und Wien die >Magd – oder kleine Jungen zu bespringen. <

Tristane Banon, Patentochter einer früheren Ehefrau DSKs, wurde in Folge der >Sofitel-Affäre< so kräftig durchgeschüttelt, dass ihre Identität gefährdet schien. >Meine Worte, mein Gesicht gehörten mir nicht mehr. An meiner Stelle sprachen Leute über mich, die ich nicht kannte. … Ich glaubte, die Welt stehe Kopf…. Ein US-Sender bot mir 50000 Dollar plus Flugticket und Hotel, wenn ich ihm exklusiv erklären würde, dass ich gegen DSK Klage einreichen würde <

*Stefan Brändle führte mit Tristane Banon ein >Gespräch über Macht und Ohnmacht<, das unter der Überschrift SIE ALLE HABEN IHN GEKANNT im Magazinteil der Frankfurter Rundschau am 22. November 2011 abgedruckt ist.
 
Es geht um Brunstgeschäfte des Mächtigeren

Wenn die sexuelle Gewalttat der ungleichen Macht von Täter und Opfer geschuldet ist, kommt das aggressive Triebhandeln als alleinige Quelle zerstörerischen Wirkens weniger in Betracht. Als Begleiterscheinung ungleicher Macht geraten weitere Motive in’s Blickfeld. Die müssen den spezifischen Verhältnissen der jeweiligen Gesellschaft entnommen werden. Des Zusammenhangs sich ständig zu vergewissern, kann unser Reflexionsvermögen verbessern, und vor übereilten Schlüssen schützen.
Gewohnheitsmäßig wird jedoch vorausgesetzt, dass die Charakterzüge des Individuums bloß irgendwie gefunden werden müssten, und schon sei eine brauchbare Erklärung für Taten und Verantwortlichkeit gewonnen. Eine Unterschätzung der äußeren Erfahrungswelt, besonders gesellschaftlicher Faktoren, ist daher üblich.

Damit verlieren wir oft etwas aus dem Blick, was doch vorhanden ist. Worum es hier geht, hatte der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn(DSK),im Mai 2011 mit >seiner< New Yorker >Sofitel – Affaire< vorgeführt. Wie inzwischen klar wurde, kann sich der >einvernehmliche Sex< mit dem im US-Asyl lebenden >Zimmermädchen< Nafissatou Diallo in eine Kette sexistischer Machenschaften einreihen, die sich meistens nachteilig für die >Objekte der Begierde< auswirken. Im vermeintlichen Schutz feudal luxuriösen Lebenswandels hatte DSK eine Lawine mit ungewissen Wirkungen losgetreten.Wer hatte überhaupt an etwas anderes als an Karriereknick und Strafprozess gedacht? Nun türmt sich weiteres Material auf, nachdem im August in N.Y. die Akten geschlossen wurden.

Enthüllungen über Call-Girl-Ringe tendieren dazu, den politisch entmachteten DSK in eine Position der gesellschaftlichen Ächtung zu drängen. Fotos zeigen ihn bereits gebeugt und scheinbar ungepflegt. Seine Nibelungen Ehe soll angeblich scheitern. Die im Mai erhobene Behauptung, die New Yorker Anklage sei tatsächlich Bestandteil eines inszenierten Komplotts, kam jetzt wieder in‘s Spiel. Innenminister Gueant sah sich erneut gezwungen, den Verdacht auf der französischen Regierung zurückzuweisen. Die gescheiterte New Yorker Anklage reichte nicht, um die Sache aus der Welt zu schaffen.

Politischen Beobachtern werden die Grenzen aufgezeigt, ihr Erkenntnisinteresse direkt und möglichst unbeeinflusst durch manipulierte Informationen wahrzunehmen. Unsere Erfahrung ist in diesem Zusammenhang, dass die politischen Klassen selbst schwerwiegende Verstöße gegen anerkannte Moralgrundsätze abschirmen, nur scheibchenweise herauskommt, was Sache ist. Der Verstoss gegen die selbst gemachten und propagierten Gesetze motiviert wiederum, nicht nachzulassen bei der Aufzeichnung der Realität. Also dort, wo Risse in den Fassaden auftreten, sollten auch Einblicke genommen werden.

Die französische Journalistin und Schriftstellerin Tristane Banon zeigt sich angesichts der neueren Enthüllungen nicht >überrascht<. Sie spricht heute als bereits 2003 betroffene Frau verhältnismäßig nüchtern und distanziert: >In dieser Affäre frage ich als Bürgerin und Journalistin, ob diese Prostituierten mit öffentlichen Geldern bezahlt wurden. Einzelne Rechnungen wurden mit Kreditkarten bezahlt, die dem Staat gehörten. Das wäre rechtlich relevant<.* Ihre Frage provoziert, problematisiert.

Der mit >öffentlichen Geldern< gezähmte Aggressor befriedigt seine leicht aus dem Ruder laufenden Bedürfnisse, weil professionelle Sex-Arbeiterinnen die schädlichen Folgen der Aggression ablenken. Man muss bei dieser staatlich generierten Strategie voraussetzen, dass die Prostituierten freiwillig arbeiten, vielleicht sogar abgesichert mit einer Versorgungsperspektive u.s.w. Dass es an dieser Ablenkungsmethode Zweifel gibt, ändert nichts daran, ihr breitest möglichen Erfolg zu wünschen.

Banon pflegt eine differenzierte Auseinandersetzung, die bewusst machen will, dass die sexuelle Aggression DSKs gegen ihre Person nicht mit ihrer panischen Flucht vom Ort des Interviews in 2003 beendet war. Sie dauert bis heute an. Die harten Prüfungen seither erforderten wachsames Durchhaltevermögen. In einer Fernsehsendung 2007 beschrieb sie ihre Panik im Büro Strauss - Kahns, indem sie ihn einen >brünstigen Schimpansen< nannte, der ihr auf die Pelle rückte. Die TV-Manager hatten vorbeugend einen Piepton über seinen Namen gelegt. Damals hatte sie noch keine Klage eingereicht, da diese wohl aussichtslos gewesen wäre. Sie sagt heute: >Ich hätte die Attacken< als unbedarfte 24-Jährige kaum überstanden.< DSK bewegte sich noch in einer geschlossenen Gesellschaft, deren etablierte Parteien offenbar Gründe haben für ihr >enormes Schweigen<.

Im Gespräch mit Stefan Brändle erklärt sie ihre Wortwahl: >Der Ausdruck stammt nicht von mir. Ich hörte ihn in der Nationalversammlung und zwar von einem Journalisten, der mir erzählte, im Parlament bezeichne man Dominique Strauss – Kahn so. … Natürlich, alle kannten ihn. Es hieß sogar: Wie konnte sie nichts wissen, bei Strauss – Kahns Ruf. Ich war aber damals eine Praktikantin! Als ich nachher befreundeten Journalisten erzählte, was mir bei Dominique Strauss – Kahn passiert war, meinten sie, ich müsse das unbedingt publik machen. Deshalb erzählte ich das Vorgefallene im Fernsehen. <

Erst durch New York erhielt die Fassade des >einvernehmlichen Sex< solche Risse, dass Banon mit Aussicht auf relativen Erfolg Klage einreichte. Aussage stand gegen Aussage, ein Beweis für versuchte Vergewaltigung war nicht möglich, aber immerhin sprach der Staatsanwalt von >sexueller Aggression<. DSK verharmloste, was er 2003 in seinem Büro gegen die Interviewerin unternahm. Er habe >nur zu küssen< versucht. Aber die Journalistin erkennt darin heute die Arroganz des Aggressors und verschärft ihren Ton: >Am Tag meiner gerichtlichen Konfrontation mit Dominique Strauss-Kahn spürte ich genau diese Süffisanz und Überheblichkeit, mit der er nicht nur mich, sondern auch die anwesenden Polizisten behandelte. Leute wie er merken gar nicht, dass sie die Existenz anderer zerstören ! <

Man sollte wissen, dass in Frankreich das Sexualleben locker, leicht aufgefasst wird - >une bagatelle<. Ist also diese Frau noch bei Trost, ernsthaft von Zerstörung ihrer Existenz zu sprechen, wo doch alles nicht so schlimm sein kann? Eine Frau hielt ihr auf der Straße vor, sie habe ja das Sex-Abenteuer gesucht, denn sie sei zum Interview mit DSK nur dürftig gekleidet gegangen. >Ich antwortete der Frau, ich hätte einen Rollkragenpullover, Jeans und Stiefel getragen. Die Frau erwiderte: Nein, Sie waren knapp bekleidet, ich habe das gelesen. Ich hätte sie anschreien mögen, aber ich wusste, dass es nicht ihr Fehler war<.

DSK hatte sie hart attackiert, versuchte rasend ihr den BH und die Jeans zu öffnen. >Wir waren umgefallen, und als ich schreien wollte, wechselte er den Handgriff, ließ ein wenig locker. Ich konnte mich erheben, wobei mein Absatz auf einem Kleidungsstück von ihm zu stehen kam. Vielleicht war es sein Hosenbein, aber ich schaute nicht hin, ich wollte nur weg. Auf jeden Fall konnte er sich deshalb nicht gleich erheben. Und da war ich schon bei der Tür, wo der Schlüssel steckte. Die Hälfte meiner Unterlagen ließ ich vor Ort<. Diese aktuellen Formulierungen und die TV-Darstellung Banons in 2007 stehen dafür, dass der damalige Kampf zwischen Opfer und Aggressor nicht einfach beendet, sondern mit Folgewirkungen zu rechnen war.

Auf welche Weise diese zu einer Art Lernprozess sich verknüpften, das freilich schrieb erst das Leben auf. Tristane Banon ist überzeugt, dass ihr berufliches Vorankommen >von oben< jahrelang gezielt hintertrieben worden ist. >Vorbeugend< für den Fall, dass irgendwann mal etwas herauskommen sollte. Sie empfindet es noch immer als Zerstörung ihres Lebens, nennt den Lagardere-Konzern und Strauss-Kahns Kommunikationsagentur Euro RSCG als Mächte, die im Hintergrund die Strippen gezogen haben. Hinzu kommt eine Art Schweigekartell der >etablierten Parteien< in der DSK-Affäre, worin die üblichen Scheingefechte verstummen, um ungestört in Marrakesch, N.Y und Wien die >Magd – oder kleine Jungen zu bespringen<.

Tristane Banon, Patentochter einer früheren Ehefrau DSKs, wurde in Folge der >Sofitel-Affäre< so kräftig durchgeschüttelt, dass ihre Identität gefährdet schien. >Meine Worte, mein Gesicht gehörten mir nicht mehr. An meiner Stelle sprachen Leute über mich, die ich nicht kannte. … Ich glaubte, die Welt stehe Kopf…. Ein US-Sender bot mir 50000 Dollar plus Flugticket und Hotel, wenn ich ihm exklusiv erklären würde, dass ich gegen DSK Klage einreichen würde <

*Stefan Brändle führte mit Tristane Banon ein >Gespräch über Macht und Ohnmacht<, das unter der Überschrift SIE ALLE HABEN IHN GEKANNT im Magazinteil der Frankfurter Rundschau am 22. November 2011 abgedruckt ist.
 
Es geht um Brunstgeschäfte des Mächtigeren

Wenn die sexuelle Gewalttat der ungleichen Macht von Täter und Opfer geschuldet ist, kommt das aggressive Triebhandeln als alleinige Quelle zerstörerischen Wirkens weniger in Betracht. Als Begleiterscheinung ungleicher Macht geraten weitere Motive in’s Blickfeld. Die müssen den spezifischen Verhältnissen der jeweiligen Gesellschaft entnommen werden. Des Zusammenhangs sich ständig zu vergewissern, kann unser Reflexionsvermögen verbessern, und vor übereilten Schlüssen schützen.
Gewohnheitsmäßig wird jedoch vorausgesetzt, dass die Charakterzüge des Individuums bloß irgendwie gefunden werden müssten, und schon sei eine brauchbare Erklärung für Taten und Verantwortlichkeit gewonnen. Eine Unterschätzung der äußeren Erfahrungswelt, besonders gesellschaftlicher Faktoren, ist daher üblich.

Damit verlieren wir oft etwas aus dem Blick, was doch vorhanden ist. Worum es hier geht, hatte der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn(DSK),im Mai 2011 mit >seiner< New Yorker >Sofitel – Affaire< vorgeführt. Wie inzwischen klar wurde, kann sich der >einvernehmliche Sex< mit dem im US-Asyl lebenden >Zimmermädchen< Nafissatou Diallo in eine Kette sexistischer Machenschaften einreihen, die sich meistens nachteilig für die >Objekte der Begierde< auswirken. Im vermeintlichen Schutz feudal luxuriösen Lebenswandels hatte DSK eine Lawine mit ungewissen Wirkungen losgetreten.Wer hatte überhaupt an etwas anderes als an Karriereknick und Strafprozess gedacht? Immerhin hätte DSK aussichtsreicher Präsidentsc haftskandidat der Sozialisten in Frankreich werden können.

Nun türmt sich weiteres Material auf, nachdem im August in N.Y. die Akten geschlossen wurden. Enthüllungen über Call-Girl-Ringe tendieren dazu, den politisch entmachteten DSK in eine Position der gesellschaftlichen Ächtung zu drängen. Fotos zeigen ihn bereits gebeugt und scheinbar ungepflegt. Seine Nibelungen Ehe soll angeblich scheitern. Die Signale deuten auf rasanten gesellschaftlichen Abstieg hin. Die im Mai erhobene Behauptung, die New Yorker Anklage sei tatsächlich Bestandteil eines inszenierten Komplotts, kam jetzt wieder in‘s Spiel. Innenminister Gueant sah sich erneut gezwungen, den Verdacht auf der französischen Regierung zurückzuweisen. Die gescheiterte New Yorker Anklage reichte nicht, um die Sache aus der Welt zu schaffen.

Politischen Beobachtern werden die Grenzen aufgezeigt, ihr Erkenntnisinteresse direkt und möglichst unbeeinflusst durch manipulierte Informationen wahrzunehmen. Unsere Erfahrung ist in diesem Zusammenhang, dass die politischen Klassen selbst schwerwiegende Verstöße gegen anerkannte Moralgrundsätze abschirmen, nur scheibchenweise herauskommt, was Sache ist. Der Verstoss gegen die selbst gemachten und propagierten Gesetze motiviert wiederum, nicht nachzulassen bei der Aufzeichnung der Realität. Also dort, wo Risse in den Fassaden auftreten, sollten auch Einblicke genommen werden.

Die französische Journalistin und Schriftstellerin Tristane Banon zeigt sich angesichts der neueren Enthüllungen nicht >überrascht<. Sie spricht heute als bereits 2003 betroffene Frau verhältnismäßig nüchtern und distanziert: >In dieser Affäre frage ich als Bürgerin und Journalistin, ob diese Prostituierten mit öffentlichen Geldern bezahlt wurden. Einzelne Rechnungen wurden mit Kreditkarten bezahlt, die dem Staat gehörten. Das wäre rechtlich relevant<.* Ihre Frage provoziert, problematisiert.

Der mit >öffentlichen Geldern< gezähmte Aggressor befriedigt seine leicht aus dem Ruder laufenden Bedürfnisse, weil professionelle Sex-Arbeiterinnen die schädlichen Folgen der Aggression ablenken. Man muss bei dieser staatlich generierten Strategie voraussetzen, dass die Prostituierten freiwillig arbeiten, vielleicht sogar abgesichert mit einer Versorgungsperspektive u.s.w. Dass es an dieser Ablenkungsmethode Zweifel gibt, ändert nichts daran, ihr breitest möglichen Erfolg zu wünschen.

Banon pflegt eine differenzierte Auseinandersetzung, die bewusst machen will, dass die sexuelle Aggression DSKs gegen ihre Person nicht mit ihrer panischen Flucht vom Ort des Interviews in 2003 beendet war. Sie dauert bis heute an. Die harten Prüfungen seither erforderten wachsames Durchhaltevermögen. In einer Fernsehsendung 2007 beschrieb sie ihre Panik im Büro Strauss - Kahns, indem sie ihn einen >brünstigen Schimpansen< nannte, der ihr auf die Pelle rückte. Die TV-Manager hatten vorbeugend einen Piepton über seinen Namen gelegt. Damals hatte sie noch keine Klage eingereicht, da diese wohl aussichtslos gewesen wäre. Sie sagt heute: >Ich hätte die Attacken< als unbedarfte 24-Jährige kaum überstanden.< DSK bewegte sich noch in einer geschlossenen Gesellschaft, deren etablierte Parteien offenbar Gründe haben für ihr >enormes Schweigen<.

Im Gespräch mit Stefan Brändle erklärt sie ihre Wortwahl: >Der Ausdruck stammt nicht von mir. Ich hörte ihn in der Nationalversammlung und zwar von einem Journalisten, der mir erzählte, im Parlament bezeichne man Dominique Strauss – Kahn so. … Natürlich, alle kannten ihn. Es hieß sogar: Wie konnte sie nichts wissen, bei Strauss – Kahns Ruf. Ich war aber damals eine Praktikantin! Als ich nachher befreundeten Journalisten erzählte, was mir bei Dominique Strauss – Kahn passiert war, meinten sie, ich müsse das unbedingt publik machen. Deshalb erzählte ich das Vorgefallene im Fernsehen. <

Erst durch New York erhielt die Fassade des >einvernehmlichen Sex< solche Risse, dass Banon mit Aussicht auf relativen Erfolg Klage einreichte. Aussage stand gegen Aussage, ein Beweis für versuchte Vergewaltigung war nicht möglich, aber immerhin sprach der Staatsanwalt von >sexueller Aggression<. DSK verharmloste, was er 2003 in seinem Büro gegen die Interviewerin unternahm. Er habe >nur zu küssen< versucht. Aber die Journalistin erkennt darin heute die Arroganz des Aggressors und verschärft ihren Ton: >Am Tag meiner gerichtlichen Konfrontation mit Dominique Strauss-Kahn spürte ich genau diese Süffisanz und Überheblichkeit, mit der er nicht nur mich, sondern auch die anwesenden Polizisten behandelte. Leute wie er merken gar nicht, dass sie die Existenz anderer zerstören ! <

Man sollte wissen, dass in Frankreich das Sexualleben locker, leicht aufgefasst wird - >une bagatelle<. Ist also diese Frau noch bei Trost, ernsthaft von Zerstörung ihrer Existenz zu sprechen, wo doch alles nicht so schlimm sein kann? Eine Frau hielt ihr auf der Straße vor, sie habe ja das Sex-Abenteuer gesucht, denn sie sei zum Interview mit DSK nur dürftig gekleidet gegangen. >Ich antwortete der Frau, ich hätte einen Rollkragenpullover, Jeans und Stiefel getragen. Die Frau erwiderte: Nein, Sie waren knapp bekleidet, ich habe das gelesen. Ich hätte sie anschreien mögen, aber ich wusste, dass es nicht ihr Fehler war<.

DSK hatte sie hart attackiert, versuchte rasend ihr den BH und die Jeans zu öffnen. >Wir waren umgefallen, und als ich schreien wollte, wechselte er den Handgriff, ließ ein wenig locker. Ich konnte mich erheben, wobei mein Absatz auf einem Kleidungsstück von ihm zu stehen kam. Vielleicht war es sein Hosenbein, aber ich schaute nicht hin, ich wollte nur weg. Auf jeden Fall konnte er sich deshalb nicht gleich erheben. Und da war ich schon bei der Tür, wo der Schlüssel steckte. Die Hälfte meiner Unterlagen ließ ich vor Ort<. Diese aktuellen Formulierungen und die TV-Darstellung Banons in 2007 stehen dafür, dass der damalige Kampf zwischen Opfer und Aggressor nicht einfach beendet, sondern mit Folgewirkungen zu rechnen war.

Auf welche Weise diese zu einer Art Lernprozess sich verknüpften, das freilich schrieb erst das Leben auf. Tristane Banon ist überzeugt, dass ihr berufliches Vorankommen >von oben< jahrelang gezielt hintertrieben worden ist. >Vorbeugend< für den Fall, dass irgendwann mal etwas herauskommen sollte. Sie empfindet es noch immer als Zerstörung ihres Lebens, nennt den Lagardere-Konzern und Strauss-Kahns Kommunikationsagentur Euro RSCG als Mächte, die im Hintergrund die Strippen gezogen haben. Hinzu kommt eine Art Schweigekartell der >etablierten Parteien< in der DSK-Affäre, worin die üblichen Scheingefechte verstummen, um ungestört in Marrakesch, N.Y und Wien die >Magd – oder kleine Jungen zu bespringen<.

Tristane Banon, Patentochter einer früheren Ehefrau DSKs, wurde in Folge der >Sofitel-Affäre< so kräftig durchgeschüttelt, dass ihre Identität gefährdet schien. >Meine Worte, mein Gesicht gehörten mir nicht mehr. An meiner Stelle sprachen Leute über mich, die ich nicht kannte. … Ich glaubte, die Welt stehe Kopf…. Ein US-Sender bot mir 50000 Dollar plus Flugticket und Hotel, wenn ich ihm exklusiv erklären würde, dass ich gegen DSK Klage einreichen würde <

*Stefan Brändle führte mit Tristane Banon ein >Gespräch über Macht und Ohnmacht<, das unter der Überschrift SIE ALLE HABEN IHN GEKANNT im Magazinteil der Frankfurter Rundschau am 22. November 2011 abgedruckt ist.
 
Es geht um Brunstgeschäfte des Mächtigeren

Wenn die sexuelle Gewalttat der ungleichen Macht von Täter und Opfer geschuldet ist, kommt das aggressive Triebhandeln als alleinige Quelle zerstörerischen Wirkens weniger in Betracht. Als Begleiterscheinung ungleicher Macht geraten weitere Motive in’s Blickfeld. Die müssen den spezifischen Verhältnissen der jeweiligen Gesellschaft entnommen werden. Des Zusammenhangs sich ständig zu vergewissern, kann unser Reflexionsvermögen verbessern, und vor übereilten Schlüssen schützen.
Gewohnheitsmäßig wird jedoch vorausgesetzt, dass die Charakterzüge des Individuums bloß irgendwie gefunden werden müssten, und schon sei eine brauchbare Erklärung für Taten und Verantwortlichkeit gewonnen. Eine Unterschätzung der äußeren Erfahrungswelt, besonders gesellschaftlicher Faktoren, ist daher üblich.

Damit verlieren wir oft etwas aus dem Blick, was doch vorhanden ist. Worum es hier geht, hatte der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn(DSK),im Mai 2011 mit >seiner< New Yorker >Sofitel – Affaire< vorgeführt. Wie inzwischen klar wurde, kann sich der >einvernehmliche Sex< mit dem im US-Asyl lebenden >Zimmermädchen< Nafissatou Diallo in eine Kette sexistischer Machenschaften einreihen, die sich meistens nachteilig für die >Objekte der Begierde< auswirken. Im vermeintlichen Schutz feudal luxuriösen Lebenswandels hatte DSK eine Lawine mit ungewissen Wirkungen losgetreten.Wer hatte überhaupt an etwas anderes als an Karriereknick und Strafprozess gedacht? Immerhin hätte DSK aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat der Sozialisten in Frankreich werden können.

Nun türmt sich weiteres Material auf, nachdem im August in N.Y. die Akten geschlossen wurden. Enthüllungen über Call-Girl-Ringe tendieren dazu, den politisch entmachteten DSK in eine Position der gesellschaftlichen Ächtung zu drängen. Fotos zeigen ihn bereits gebeugt und scheinbar ungepflegt. Seine Nibelungen Ehe soll angeblich scheitern. Die Signale deuten auf rasanten gesellschaftlichen Abstieg hin. Die im Mai erhobene Behauptung, die New Yorker Anklage sei tatsächlich Bestandteil eines inszenierten Komplotts, kam jetzt wieder in‘s Spiel. Innenminister Gueant sah sich erneut gezwungen, den Verdacht auf der französischen Regierung zurückzuweisen. Die gescheiterte New Yorker Anklage reichte nicht, um die Sache aus der Welt zu schaffen.

Politischen Beobachtern werden die Grenzen aufgezeigt, ihr Erkenntnisinteresse direkt und möglichst unbeeinflusst durch manipulierte Informationen wahrzunehmen. Unsere Erfahrung ist in diesem Zusammenhang, dass die politischen Klassen selbst schwerwiegende Verstöße gegen anerkannte Moralgrundsätze abschirmen, nur scheibchenweise herauskommt, was Sache ist. Der Verstoss gegen die selbst gemachten und propagierten Gesetze motiviert wiederum, nicht nachzulassen bei der Aufzeichnung der Realität. Also dort, wo Risse in den Fassaden auftreten, sollten auch Einblicke genommen werden.

Die französische Journalistin und Schriftstellerin Tristane Banon zeigt sich angesichts der neueren Enthüllungen nicht >überrascht<. Sie spricht heute als bereits 2003 betroffene Frau verhältnismäßig nüchtern und distanziert: >In dieser Affäre frage ich als Bürgerin und Journalistin, ob diese Prostituierten mit öffentlichen Geldern bezahlt wurden. Einzelne Rechnungen wurden mit Kreditkarten bezahlt, die dem Staat gehörten. Das wäre rechtlich relevant<.* Ihre Frage provoziert, problematisiert.

Der mit >öffentlichen Geldern< gezähmte Aggressor befriedigt seine leicht aus dem Ruder laufenden Bedürfnisse, weil professionelle Sex-Arbeiterinnen die schädlichen Folgen der Aggression ablenken. Man muss bei dieser staatlich generierten Strategie voraussetzen, dass die Prostituierten freiwillig arbeiten, vielleicht sogar abgesichert mit einer Versorgungsperspektive u.s.w. Dass es an dieser Ablenkungsmethode Zweifel gibt, ändert nichts daran, ihr breitest möglichen Erfolg zu wünschen.

Banon pflegt eine differenzierte Auseinandersetzung, die bewusst machen will, dass die sexuelle Aggression DSKs gegen ihre Person nicht mit ihrer panischen Flucht vom Ort des Interviews in 2003 beendet war. Sie dauert bis heute an. Die harten Prüfungen seither erforderten wachsames Durchhaltevermögen. In einer Fernsehsendung 2007 beschrieb sie ihre Panik im Büro Strauss - Kahns, indem sie ihn einen >brünstigen Schimpansen< nannte, der ihr auf die Pelle rückte. Die TV-Manager hatten vorbeugend einen Piepton über seinen Namen gelegt. Damals hatte sie noch keine Klage eingereicht, da diese wohl aussichtslos gewesen wäre. Sie sagt heute: >Ich hätte die Attacken< als unbedarfte 24-Jährige kaum überstanden.< DSK bewegte sich noch in einer geschlossenen Gesellschaft, deren etablierte Parteien offenbar Gründe haben für ihr >enormes Schweigen<.

Im Gespräch mit Stefan Brändle erklärt sie ihre Wortwahl: >Der Ausdruck stammt nicht von mir. Ich hörte ihn in der Nationalversammlung und zwar von einem Journalisten, der mir erzählte, im Parlament bezeichne man Dominique Strauss – Kahn so. … Natürlich, alle kannten ihn. Es hieß sogar: Wie konnte sie nichts wissen, bei Strauss – Kahns Ruf. Ich war aber damals eine Praktikantin! Als ich nachher befreundeten Journalisten erzählte, was mir bei Dominique Strauss – Kahn passiert war, meinten sie, ich müsse das unbedingt publik machen. Deshalb erzählte ich das Vorgefallene im Fernsehen. <

Erst durch New York erhielt die Fassade des >einvernehmlichen Sex< solche Risse, dass Banon mit Aussicht auf relativen Erfolg Klage einreichte. Aussage stand gegen Aussage, ein Beweis für versuchte Vergewaltigung war nicht möglich, aber immerhin sprach der Staatsanwalt von >sexueller Aggression<. DSK verharmloste, was er 2003 in seinem Büro gegen die Interviewerin unternahm. Er habe >nur zu küssen< versucht. Aber die Journalistin erkennt darin heute die Arroganz des Aggressors und verschärft ihren Ton: >Am Tag meiner gerichtlichen Konfrontation mit Dominique Strauss-Kahn spürte ich genau diese Süffisanz und Überheblichkeit, mit der er nicht nur mich, sondern auch die anwesenden Polizisten behandelte. Leute wie er merken gar nicht, dass sie die Existenz anderer zerstören ! <

Man sollte wissen, dass in Frankreich das Sexualleben locker, leicht aufgefasst wird - >une bagatelle<. Ist also diese Frau noch bei Trost, ernsthaft von Zerstörung ihrer Existenz zu sprechen, wo doch alles nicht so schlimm sein kann? Eine Frau hielt ihr auf der Straße vor, sie habe ja das Sex-Abenteuer gesucht, denn sie sei zum Interview mit DSK nur dürftig gekleidet gegangen. >Ich antwortete der Frau, ich hätte einen Rollkragenpullover, Jeans und Stiefel getragen. Die Frau erwiderte: Nein, Sie waren knapp bekleidet, ich habe das gelesen. Ich hätte sie anschreien mögen, aber ich wusste, dass es nicht ihr Fehler war<.

DSK hatte sie hart attackiert, versuchte rasend ihr den BH und die Jeans zu öffnen. >Wir waren umgefallen, und als ich schreien wollte, wechselte er den Handgriff, ließ ein wenig locker. Ich konnte mich erheben, wobei mein Absatz auf einem Kleidungsstück von ihm zu stehen kam. Vielleicht war es sein Hosenbein, aber ich schaute nicht hin, ich wollte nur weg. Auf jeden Fall konnte er sich deshalb nicht gleich erheben. Und da war ich schon bei der Tür, wo der Schlüssel steckte. Die Hälfte meiner Unterlagen ließ ich vor Ort<. Diese aktuellen Formulierungen und die TV-Darstellung Banons in 2007 stehen dafür, dass der damalige Kampf zwischen Opfer und Aggressor nicht einfach beendet, sondern mit Folgewirkungen zu rechnen war.

Auf welche Weise diese zu einer Art Lernprozess sich verknüpften, das freilich schrieb erst das Leben auf. Tristane Banon ist überzeugt, dass ihr berufliches Vorankommen >von oben< jahrelang gezielt hintertrieben worden ist. >Vorbeugend< für den Fall, dass irgendwann mal etwas herauskommen sollte. Sie empfindet es noch immer als Zerstörung ihres Lebens, nennt den Lagardere-Konzern und Strauss-Kahns Kommunikationsagentur Euro RSCG als Mächte, die im Hintergrund die Strippen gezogen haben. Hinzu kommt eine Art Schweigekartell der >etablierten Parteien< in der DSK-Affäre, worin die üblichen Scheingefechte verstummen, um ungestört in Marrakesch, N.Y und Wien die >Magd – oder kleine Jungen zu bespringen<.

Tristane Banon, Patentochter einer früheren Ehefrau DSKs, wurde in Folge der >Sofitel-Affäre< so kräftig durchgeschüttelt, dass ihre Identität gefährdet schien. >Meine Worte, mein Gesicht gehörten mir nicht mehr. An meiner Stelle sprachen Leute über mich, die ich nicht kannte. … Ich glaubte, die Welt stehe Kopf…. Ein US-Sender bot mir 50000 Dollar plus Flugticket und Hotel, wenn ich ihm exklusiv erklären würde, dass ich gegen DSK Klage einreichen würde <

*Stefan Brändle führte mit Tristane Banon ein >Gespräch über Macht und Ohnmacht<, das unter der Überschrift SIE ALLE HABEN IHN GEKANNT im Magazinteil der Frankfurter Rundschau am 22. November 2011 abgedruckt ist.
 
Es geht um Brunstgeschäfte des Mächtigeren

Wenn die sexuelle Gewalttat der ungleichen Macht von Täter und Opfer geschuldet ist, kommt das Triebhandeln als alleinige Quelle zerstörerischen Wirkens weniger in Betracht. Als Begleiterscheinung ungleicher Macht geraten weitere Motive in’s Blickfeld. Die müssen den spezifischen Verhältnissen der jeweiligen Gesellschaft entnommen werden. Dieses Zusammenhangs sich ständig zu vergewissern, kann unser Reflexionsvermögen verbessern, und vor übereilten Schlüssen schützen.

Gewohnheitsmäßig wird jedoch vorausgesetzt, dass die Charakterzüge des Individuums bloß irgendwie gefunden werden müssten, und schon sei eine brauchbare Erklärung für Taten und Verantwortlichkeit gewonnen. Eine Unterschätzung der äußeren Erfahrungswelt, besonders gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Faktoren, ist daher üblich.

Damit verlieren wir oft etwas aus dem Blick, was doch vorhanden ist. Worum es hier geht, hatte der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn(DSK),im Mai 2011 mit >seiner< New Yorker >Sofitel – Affaire< vorgeführt. Wie inzwischen klar wurde, kann sich der >einvernehmliche Sex< mit dem im US-Asyl lebenden >Zimmermädchen< Nafissatou Diallo in eine Kette sexistischer Machenschaften einreihen, die sich meistens nachteilig für die >Objekte der Begierde< auswirken. Im vermeintlichen Schutz feudal luxuriösen Lebenswandels hatte DSK eine Lawine mit ungewissen Wirkungen losgetreten. Wer hatte überhaupt an etwas anderes als an Karriereknick und Strafprozess gedacht? Immerhin hätte DSK aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat der Sozialisten in Frankreich werden können.

Nun türmt sich weiteres Material auf, nachdem im August in N.Y. die Akten geschlossen wurden. Enthüllungen über Call-Girl-Ringe tendieren dazu, den politisch entmachteten DSK in eine Position der gesellschaftlichen Ächtung zu drängen. Fotos zeigen ihn bereits gebeugt und scheinbar ungepflegt. Seine Nibelungen Ehe soll angeblich scheitern. Die Signale deuten auf rasanten gesellschaftlichen Abstieg hin. Die im Mai erhobene Behauptung, die New Yorker Anklage sei tatsächlich Bestandteil eines inszenierten Komplotts, kam jetzt wieder in‘s Spiel. Innenminister Gueant sah sich erneut gezwungen, den Verdacht auf der französischen Regierung zurückzuweisen. Die gescheiterte New Yorker Anklage reichte nicht, um die Sache aus der Welt zu schaffen.

Politischen Beobachtern werden die Grenzen aufgezeigt, ihr Erkenntnisinteresse direkt und möglichst unbeeinflusst durch manipulierte Informationen wahrzunehmen. Unsere Erfahrung ist in diesem Zusammenhang, dass die politischen Klassen selbst schwerwiegende Verstöße gegen anerkannte Moralgrundsätze abschirmen, nur scheibchenweise herauskommt, was Sache ist. Der Verstoss gegen die selbst gemachten und propagierten Gesetze motiviert wiederum, nicht nachzulassen bei der Aufzeichnung der Realität. Also dort, wo Risse in den Fassaden auftreten, sollten auch Einblicke genommen werden.

Die französische Journalistin und Schriftstellerin Tristane Banon zeigt sich angesichts der neueren Enthüllungen nicht >überrascht<. Sie spricht heute als bereits 2003 betroffene Frau verhältnismäßig nüchtern und distanziert: >In dieser Affäre frage ich als Bürgerin und Journalistin, ob diese Prostituierten mit öffentlichen Geldern bezahlt wurden. Einzelne Rechnungen wurden mit Kreditkarten bezahlt, die dem Staat gehörten. Das wäre rechtlich relevant<.* Ihre Frage provoziert, problematisiert.

Der mit >öffentlichen Geldern< gezähmte Aggressor befriedigt seine leicht aus dem Ruder laufenden Bedürfnisse, weil professionelle Sex-Arbeiterinnen die schädlichen Folgen der Aggression ablenken. Man muss bei dieser staatlich generierten Strategie voraussetzen, dass die Prostituierten freiwillig arbeiten, vielleicht sogar abgesichert mit einer Versorgungsperspektive u.s.w. Dass es an dieser Ablenkungsmethode Zweifel gibt, ändert nichts daran, ihr breitest möglichen Erfolg zu wünschen.

Banon pflegt eine differenzierte Auseinandersetzung, die bewusst machen will, dass die sexuelle Aggression DSKs gegen ihre Person nicht mit ihrer panischen Flucht vom Ort des Interviews in 2003 beendet war. Sie dauert bis heute an. Die harten Prüfungen seither erforderten wachsames Durchhaltevermögen. In einer Fernsehsendung 2007 beschrieb sie ihre Panik im Büro Strauss - Kahns, indem sie ihn einen >brünstigen Schimpansen< nannte, der ihr auf die Pelle rückte. Die TV-Manager hatten vorbeugend einen Piepton über seinen Namen gelegt. Damals hatte sie noch keine Klage eingereicht, da diese wohl aussichtslos gewesen wäre. Sie sagt heute: >Ich hätte die Attacken< als unbedarfte 24-Jährige kaum überstanden.< DSK bewegte sich noch in einer geschlossenen Gesellschaft, deren etablierte Parteien offenbar Gründe haben für ihr >enormes Schweigen<.

Im Gespräch mit Stefan Brändle erklärt sie ihre Wortwahl: >Der Ausdruck stammt nicht von mir. Ich hörte ihn in der Nationalversammlung und zwar von einem Journalisten, der mir erzählte, im Parlament bezeichne man Dominique Strauss – Kahn so. … Natürlich, alle kannten ihn. Es hieß sogar: Wie konnte sie nichts wissen, bei Strauss – Kahns Ruf. Ich war aber damals eine Praktikantin! Als ich nachher befreundeten Journalisten erzählte, was mir bei Dominique Strauss – Kahn passiert war, meinten sie, ich müsse das unbedingt publik machen. Deshalb erzählte ich das Vorgefallene im Fernsehen. <

Erst durch New York erhielt die Fassade des >einvernehmlichen Sex< solche Risse, dass Banon mit Aussicht auf relativen Erfolg Klage einreichte. Aussage stand gegen Aussage, ein Beweis für versuchte Vergewaltigung war nicht möglich, aber immerhin sprach der Staatsanwalt von >sexueller Aggression<. DSK verharmloste, was er 2003 in seinem Büro gegen die Interviewerin unternahm. Er habe >nur zu küssen< versucht. Aber die Journalistin erkennt darin heute die Arroganz des Aggressors und verschärft ihren Ton: >Am Tag meiner gerichtlichen Konfrontation mit Dominique Strauss-Kahn spürte ich genau diese Süffisanz und Überheblichkeit, mit der er nicht nur mich, sondern auch die anwesenden Polizisten behandelte. Leute wie er merken gar nicht, dass sie die Existenz anderer zerstören ! <

Man sollte wissen, dass in Frankreich das Sexualleben locker, leicht aufgefasst wird - >une bagatelle<. Ist also diese Frau noch bei Trost, ernsthaft von Zerstörung ihrer Existenz zu sprechen, wo doch alles nicht so schlimm sein kann? Eine Frau hielt ihr auf der Straße vor, sie habe ja das Sex-Abenteuer gesucht, denn sie sei zum Interview mit DSK nur dürftig gekleidet gegangen. >Ich antwortete der Frau, ich hätte einen Rollkragenpullover, Jeans und Stiefel getragen. Die Frau erwiderte: Nein, Sie waren knapp bekleidet, ich habe das gelesen. Ich hätte sie anschreien mögen, aber ich wusste, dass es nicht ihr Fehler war<.

DSK hatte sie hart attackiert, versuchte rasend ihr den BH und die Jeans zu öffnen. >Wir waren umgefallen, und als ich schreien wollte, wechselte er den Handgriff, ließ ein wenig locker. Ich konnte mich erheben, wobei mein Absatz auf einem Kleidungsstück von ihm zu stehen kam. Vielleicht war es sein Hosenbein, aber ich schaute nicht hin, ich wollte nur weg. Auf jeden Fall konnte er sich deshalb nicht gleich erheben. Und da war ich schon bei der Tür, wo der Schlüssel steckte. Die Hälfte meiner Unterlagen ließ ich vor Ort<. Diese aktuellen Formulierungen und die TV-Darstellung Banons in 2007 stehen dafür, dass der damalige Kampf zwischen Opfer und Aggressor nicht einfach beendet, sondern mit Folgewirkungen zu rechnen war.

Auf welche Weise diese zu einer Art Lernprozess sich verknüpften, das freilich schrieb erst das Leben auf. Tristane Banon ist überzeugt, dass ihr berufliches Vorankommen >von oben< jahrelang gezielt hintertrieben worden ist. >Vorbeugend< für den Fall, dass irgendwann mal etwas herauskommen sollte. Sie empfindet es noch immer als Zerstörung ihres Lebens, nennt den Lagardere-Konzern und Strauss-Kahns Kommunikationsagentur Euro RSCG als Mächte, die im Hintergrund die Strippen gezogen haben. Hinzu kommt eine Art Schweigekartell der >etablierten Parteien< in der DSK-Affäre, worin die üblichen Scheingefechte verstummen, um ungestört in Marrakesch, N.Y und Wien die >Magd – oder kleine Jungen zu bespringen<.

Tristane Banon, Patentochter einer früheren Ehefrau DSKs, wurde in Folge der >Sofitel-Affäre< so kräftig durchgeschüttelt, dass ihre Identität gefährdet schien. >Meine Worte, mein Gesicht gehörten mir nicht mehr. An meiner Stelle sprachen Leute über mich, die ich nicht kannte. … Ich glaubte, die Welt stehe Kopf…. Ein US-Sender bot mir 50000 Dollar plus Flugticket und Hotel, wenn ich ihm exklusiv erklären würde, dass ich gegen DSK Klage einreichen würde <

*Stefan Brändle führte mit Tristane Banon ein >Gespräch über Macht und Ohnmacht<, das unter der Überschrift SIE ALLE HABEN IHN GEKANNT im Magazinteil der Frankfurter Rundschau am 22. November 2011 abgedruckt ist.
 

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