Go Taxi Go

Dies war der erste Tritt, dem ich jemals einem Menschen ins Gesicht verpasst hatte. Zugleich hoffte ich, dass er der letzte gewesen war. In den Actionfilmen sieht das immer so leicht aus, aber das ist es nicht, glauben Sie mir.
Der Lohn für diesen Ausraster war Marias zarte Hand in meiner. „Jetzt musst du schnell sein“, sagte ich nur zu ihr und zog sie hinter mir her wie einen kleinen Holzschlitten. Sie war so klug gewesen und hatte ihre Stöckelschuhe ausgezogen, um einigermaßen mithalten zu können.


Wir rannten durch die engen Gassen, vorbei an zwei, drei Cafés und bogen schlussendlich an einer Tanzschule namens Dive Export ab. Hinter diesem Gebäude legten wir eine Pause ein. Aus der Ferne hörten wir die Gorillas brüllen, die uns vom Club aus gefolgt waren.
„Danke, danke“, sagte Maria keuchend und warf sich mir um den Hals. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Frauen trotz der ganzen Aufregung noch so gut riechen konnten. Ich schwitzte immer wie ein Schwein und hatte das Gefühl, für mich müsste das passende Deo erst noch erfunden werden.
„Hatte ich richtig gehört? Der Kerl meinte, du schuldest ihm Geld?“
„Das ist seine Sicht der Dinge ... nach einem Korb wohlbemerkt.“
„Ich verstehe nicht ganz.“
Wieder so ein grauenhafter Schrei. Begleitet von einem Grunzen. „Kommt raus.“
Sie zupfte eine Strähne aus ihrem Mund. „Letzte Woche hatte er mich angebaggert, mir ein paar Getränke ausgegeben. Nachdem ich ihn abblitzen ließ, wollte er die Rechnung von mir erstattet haben. Er meinte, die Zeit gebe ihm niemand zurück. Aber das Geld.“
Ich kräuselte die Stirn, spuckte kurz.
„So viel kann das doch gar nicht gewesen sein“, sagte ich.
„Zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Mäuse, meinte sie und schob sich an, um die Ecke zu linsen. „Aber es ging dabei nicht ums Geld. Um seinen verdammten Ego, was denn sonst? Dass Ihr Männer da immer so eitel werdet, wenn ihr einen Korb bekommt.“
So zickig, wie sie es sagte, fragte ich mich, ob sie schon vergessen hatte, was ich für sie getan hatte.
Dann sagte sie irgendwas auf spanisch, was ich natürlich verstand. Aufgrund der besten Tony Montana-Imitation aller Zeiten (jahrelang geübt), die ich gegeben hatte, dachte sie, ich wäre ein Landsmann. Dabei sehe ich mit meinen blauen Augen und der relativ hellen Haut alles andere wie einer vom Bananenboot aus. Dieses Filmzitat hatte ich mir zunutze gemacht, was sie direkt wieder zum Lachen brachte, trotz der angespannten Situation.
Jedoch wurde mir langsam klar, dass die kleine Kubanerin es faustdick hinter den Ohren hatte. Aber sie war zum Anbeissen schön.
„Wir gehen jetzt besser getrennte Wege, Jeff“, meinte sie, was mir so gar nicht in den Kram passte. Das traurige Gesicht hatte ich nicht jahrelang geübt, schien trotzdem Eindruck zu schinden.
Sie gab mir ihre Telefonnummer. Sie meinte, ich sollte mir ein fabelhaftes Pseudonym für sie ausdenken. Ob das irgendein Vorlebe ihrerseits war, wusste ich nicht, aber ich spielte das Spiel einfach mit.
Sie gab mir einen feuchten Kuss auf die Wange und verschwand in der Nacht.


Am nächsten Tag stand ich an der Tankstelle und eschauffierte mich gerade über die unverschämt hohen Benzinpreise, da stieg ein grauhaariger Mann mit Vollbart und aufgeplatzten Lippen ungefragt in mein Taxi ein. Die Tür rumste, der Wagen wackelte. Im Rückspiegel bedachte mich ein düsterer Blick. Er hatte dunkle Augenränder und auf der rechten Wange zierte eine Narbe seine ledrige Haut. Sie war etwa fünf Zentimeter lang. Die braunen Augen standen tief in ihren Höhlen drin.
„Lust, etwas Geld zu verdienen?, fragte er mit einer metallenen Stimme.
„Dafür sitz ich mir tagtäglich den Arsch hier drin platt“, antwortete ich. Gab mir Mühe, so gelassen wie möglich zu klingen. Keine Ahnung, ob ihm mein Schauspiel gefallen hatte. Wahrscheinlich hatte er ganz andere Probleme, so paranoid wie seine Blicke vom linken zum rechten Fenster gewandert waren.
„Schafft deine Karre es noch bis zu dem Fischerdorf?“
Ich nickte.
„Dann lass uns dorthin.“
„Und wo tanke ich dann?“
„Mach dir keine Sorgen. Da kümmer ich mich drum.“
Also gut, dachte ich und stellte den Schalthebel auf D.

Von der verrotteten Tankstelle bis zu dem Fischerdorf waren es etwa zwanzig Minuten Fahrt. Wir kamen passabel durch den Verkehr, und bogen an dem hellen Schild rechts ab, auf dem in blauer Kursivschrift stand: Tiffany County, Fischerdorf.
Der Typ wies mich an, neben einem Forellenstand zu halten, was die Frage nach meinem heutigen Glück erübrigt hatte. Für gewöhnlich suchte ich mir meine Parkplätze selbst aus, aber die Ausstrahlung dieses Mannes schränkte meine Bewegungsabläufe irgendwie ein. Wahrscheinlich weil ich schon ahnte, dass er nicht ganz sauber war.
Jedoch ließ ich es mir nicht nehmen, dem Münzfernrohr gegenüber einen Besuch abzustatten. Noch nie hatte ich die Zeit gefunden, einen Blick in die Weiten des Ozeans zu werfen.
Dabei sollte es auch bleiben. Der Münzschlitz war von Kaugummi zerklebt, die Linse mit Graffiti besprüht.
Dann lauschte ich noch kurz dem Rauschen der Wellen und wie sie gegen die Bucht schlugen. Auf dem Rückweg zu meinem Wagen beobachtete ich ein paar Möwen, die drüben am Steg um irgendetwas rangelten.

Wieder im Wagen, umgeben von dem Fischgeruch, hatte sich mein Verlangen nach einem Mittagssnack von dannen gemacht. Viel Zeit blieb mir ohnehin nicht mehr, da mein Fahrgast zurückgekehrt war.
Er betrachtete sein Spiegelbild im Wagenfenster. Ließ ihn für einen kurzen Moment eitel wirken. Doch er sah wieder wie frisch herausgeputzt aus. Sein Körper steckte in einem frischen, grauen Anzug. In der rechten Hand hielt er einen Aktenkoffer. Seine Haare waren feucht, als hätte er sie eben noch gewaschen und nur kurz angefönt. Sie waren von der Stirn aus zurückgekämmt. Er stellte den Koffer neben dem Hinterreifen ab. Mit einer Hand striff er über seine buschigen Koteletten und wandte sich mir zu. In der anderen Hand hielt er einen schwarzen Benzinkanister, woher auch immer er den hatte. Ein stummes Nicken folgte.
Während er grinsend den Tank befüllte, flog eine kreischende Möwe über seinen Kopf hinweg, was ihn dazu bewegte, jenen einzuziehen. Er schaute ihr so lange hinterher, bis der Kanister leer war. „Ist der Kofferraum offen?“, fragte er mich.
„Ja.“
„Wunderbar.“
War es das wirklich? Ich begann zu zweifeln.
Nachdem er eingestiegen war, klatschte er in die Hände, was mir einen kleinen Schrecken einjagte. Ich hoffte allerdings, dass er es nicht bemerkt hatte. Wenn dem doch so war, hatte er es aber gut versteckt. Auf mich machte er ohnehin einen ziemlich kontrollierten Eindruck, was mir irgendwie Angst einflößte. Etwas, das mir suggerierte, aus dieser Nummer nicht mehr hearauszukommen.
„Kennst du die Lagerhalle von Z&Z unten am Hafen?“, fragte er mich, als er wieder im Wagen saß.
Ich bejahte.
„Gut, dann gib mal Gas“, sagte er.

Wir rollten im Schritttempo aus dem kleinen Fischerdorf heraus. Machten einen großen Bogen über die Ostseite, sodass wir den Ort genau von der anderen Seite betrachten konnten.
Entgegen meiner Erwartung forderte der Mann mich auf, anzuhalten.
Er kurbelte sein Fenster herunter, zückte eine silberne 44er Magnum, und legte sie auf dem freien Handgelenk, das auf der Fensterkante weilte, an. Dabei kniff er ein Auge zu und murmelte in seinen Bizeps hinein: „Du kleines Mistvieh.“
Er hatte die Möwe im Visier, die ihn fast den Scheitel gezogen hatte. „Boom“, machte er und ich zuckte zusammen.
Ich hatte das Tier schon in seine Einzelteile fliegen sehen, konnte mir allerdings schwer vorstellen, dass man mit solch einem Kaliber aus der Entfernung treffen könnte. Auch wenn ich keine Waffenguru war, Filme hatte ich genug gesehen.
Ich schätzte, dass diese Aktion mehr seiner Belustigung diente, als einem ernstzunehmenden Mordanschlag. Aber was wusste ich schon? Mir kam es immer mehr vor, als hätte ich mein Leben in die Hände eines Wahnsinnigen gelegt.

Auf dem Weg zu Z&Z fragte der Mann nach meinen Namen.
„Jeffrey“, antwortete ich.
„Ich bin Steven. Angenehm. Darf ich dich Jeff nennen? Macht die Dinge leichter.“
Welche Dinge denn?, fuhr es mir durch den Kopf. Gab seinem Wunsch jedoch statt.
Es herrschte kurze Stille. Er schien irgendwas in seiner Hosentasche zu suchen. „Darf ich dich dann Steve nennen?“ Ich fühlte mich mutig, weil ich es in Aussicht stellte, einen verdammten Buchstaben aus seinem Namen zu streichen. Aber wer wusste schon, wofür es gut war? Vielleicht ein erster Schritt zu etwas mehr Mut. Mut, den ich möglicherweise gut gebrauchen könnte.
„Was?“, sagte er in dieser merkwürdigen Position, in der man sein Becken anhebt.
„Steven – Steve.“ Aus meinem Mund klang es wie der Vergleich zweier Wurstsorten.
„Oh, ja“, sagte er und ließ sich wieder in den Ledersitz sinken.

Nun waren wir angekommen. Die blaue Lagerhalle hatte ich zuletzt als Kind gesehen. Sie hatte an ihrem Treppengeländer zwar etwas mehr Rost angesetzt, hatte sich meiner Erinnerung nach aber kaum verändert. Wenn mich nicht alles täuschte, war eines der oberen Fenster genau so rissig wie damals, als ich hier mit ein paar Kumpels zum ersten Mal an einer Zigarette gezogen hatte. Ja, ich war noch ein Kind, als ich das Rauchen für mich entdeckt hatte. Neun, um genau zu sein. Den Schwachsinn zog ich dann bis zu meinem zehnten Geburtstag durch, an dem ich von Ma erwischt worden war, und kehrte nach einer längeren Pause mit vierzehn ins Reich der Selbstzerstörung zurück. Manchmal war ich eben unverbesserlich.
Hätte ich gewusst, dass Steve so schnell zurückkehrte, hätte ich den Motor laufen lassen. Doch er war nicht alleine. Er zerrte einen schmalen Typen in Jogginghose hinter sich her. Dieser winselte, bat um Verzeihung, startete den Versuch, sich auf die Knie fallen zu lassen, um Steve in seiner Aktion zu unterbrechen. So toll lief das aber nicht. Er fing sich einen fiesen Schlag auf den Kehlkopf ein. Ich stellte mir vor, wie es sich anfühlen musste. Anscheinend dachte er, seine Atemwege seien eng wie die Kanüle einer Injektionsspritze.
„Steh auf“, brüllte Steve den armen Kerl an und zog ihn an seinem Kragen wieder hoch. Jetzt trieb er ihn mit einer Eisenstange, die er sich von einer Holzkiste nahm, vor sich her. Immer weiter in Richtung Pier.
Steve war nicht dumm. Er suchte sich eine kleine ruhige Ecke aus, für das, was auch immer er vorhatte. Die beiden Männer begannen zu diskutieren. Leider waren sie jetzt so weit weg, dass ich kein einziges Wort verstehen konnte. Dafür sah ich umso mehr. Mit fünfundfünfzig Jahren funktionierten meine Auge noch erstaunlich gut.
Mit einem Mal griff der Schmale in seinen Hosenbund und zauberte ein Messer hervor. Er fuchtelte damit wie ein Geisteskranker herum, während Steve so ruhig stehen blieb, als warte er in einer Kantine auf sein Essen.
Gerade als der Schmale einen riesigen Schritt auf Steve zumachte, griff dieser blitzartig sein Handgelenk, knickte es mit einem gekonnten Griff ab, gelang dabei irgendwie hinter ihn und schoss mit einer schallgedämpften Pistole in seinen Nacken.
Verflucht, noch mal. Jetzt waren all die Filme, die ich gesehen hatte, Realität geworden.
Breitbeinig stand Steve über seinem Opfer, durchsuchte es und winkte mich zu sich.
Zuerst einmal schaute ich mich unverfroren um. Vielleicht meinte er jemand anderen. Um ehrlich zu sein, war das nur ein Wunsch gewesen, den mir gerade niemand erfüllen konnte.
Da kamen dann auch wieder meine guten Augen ins Spiel. Ich sah nämlich wie Steves komisches Winken hektischer, gezielter wurde. Hätte ich jetzt einen auf verträumter Taxifahrer gemacht, wäre ich das nächste Opfer gewesen.
Unter einem gequälten Schnaufen startete ich den Motor und fuhr hinüber ans Pier.
Ich fuhr meine Fensterscheibe runter, doch Steve öffnete den Kofferraum und warf sein Opfer wie einen Müllsack dort hinein. Die Stoßdämpfer knarzten. Könnten mal wieder etwas Fett gebrauchen.
Dann stieg Steve wieder ein und rückte sein Jackett zurecht.


Ein Moment der Stille verging. Ich hatte keine Ahnung, wie man mit jemandem spricht, der gerade einen Menschen ermordet hat. Ich sah nur, wie Steves Blick zu seiner Armbanduhr und wieder auf den Aktenkoffer in seinem Schoß fiel. Dieses Spielchen trieb er mehrere Male. Irgendetwas glich er da ab.
„Und nun?“, fragte ich kleinlaut.
Es dauerte zwei, drei Sekunden bis er antwortete. Er hatte eine Serviette aus dem Jackett gezogen, mit der er sich die Hände wie nach einem Dinner säuberte. Wie lange brauchen wir von hier zum Stadion der Red York Signs?
„Das neue oder das alte?“
„Das alte.“
„Bei ruhigem Verkehr neunzig Minuten, bei starkem hundertzwanzig.“
Steve schaute auf seine Uhr. „Okay. Das sieht gut aus.“
„Also?“, hakte ich nach. Es kam nämlich jetzt drauf an, von welcher Seite aus ich den Hafen verlassen würde und ich wollte nichts falsch machen.
„Fahr einfach“, sagte er. „Immer der Nase lang. Oder hast du noch was zu erledigen?“
Was sollte ich denn zu erledigen haben? Ich arbeite. Genau das dachte ich. Schüttelte dann aber mit dem Kopf.
„Du siehst durstig aus“, meinte Steve. „Ich lade dich auf einen Drink ein.“


Wir verließen den Hafen über seine südliche Seite und fuhren die Interstate 98 hinab. Irgendwann lotste Steve mich eine Ausfahrt herab und wir landeten in Midtown. Genauer gesagt in Chelsea Course. Einem Arbeiterviertel. Auf einer Straße, dessen Name ich mir einfach nicht merken konnte (kein Taxifahrer ist perfekt), reihte sich ein Café ns andere. Zwischendurch blitzte mal eine Eisdiele oder ein Souveniershop heraus. Alles in allem eine gut belebte Gegend.
Wir setzten uns in eines davon. Den Namen konnte ich mir aber merken. Jessies, Punkt. Warum ging das nicht immer so einfach? Wer auch immer sie war, am liebsten hätte ich dieser Jessie gerade für ihre Bescheidenheit gedankt.
Der Laden hatte einen gewissen Diner-Charme, und war farblich solide zusammengestellt. Alles worauf man saß war ledrig und rot. Alles, auf dem etwas stand, war braun. Na gut, mal von der Kuchentheke abgesehen. Die war nämlich weiß. Und ich sah bereits, wie Steve sie anvisiert hatte. „Ich liebe Erdbeerkuchen“, sagte er und rieb sich seine Mörderhände.
Zwar war ich auch ein Fan sämtlicher Erdbeerspeisen, doch erinnerte mich dieses charakteristische Rot gerade nur an die Blutspritzer, die ich aus Steves Opfer am Hafen segeln sah.
„Nimm doch schon mal Platz“, sagte er.
Sein Vorschlag klang so vertrauensvoll. Als wären wir zwei Freunde auf der Durchreise. Ich meine, dies wäre eine Chance gewesen, das Weite zu suchen. Den beschissenen Notausgang neben den Toiletten hatte ich nämlich schon gesehen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte mir die Farbe Grün tatsächlich etwas Hoffnung gegeben.
Und dann kam ich mir so endendlich klug vor, indem ich mich vor die rettende Tür auf ein Knie sinken ließ, um mir den Schnürsenkel neu zu binden. Dabei stupste ich die Tür mit meinen Fingerspitzen an, um zu kontrollieren , ob sie wirklich offen war. Selbstverständlich müssen Notausgänge das sein, aber heute morgen zog ich es auch noch nicht in Betracht, einen Psychopathen durch die Stadt zu fahren.
"Wow, Jeff.“ Sergeant Deputy Price. Ein alter Bekannter. In Red York waren Taxifahrer und Polizisten in neunzig Prozent der Fälle Verbündete. Wer so viel auf den Straßen rumhängt, kommt nun mal irgendwann ins Gespräch.
„Hey“, sagte ich mit der Kraft einer Kohlmeise.
„Mein Sohn ist so scharf auf diese Schuhe.“
Ich sah kurz zu dem hellen Fleck auf seinem Oberschenkel, dann in sein Gesicht. „Sag bloß … ist der Kleine da?“
„Oh ja. Mit Pauken und Trompeten, sag ich dir.“
„Das ist ja großartig.“ Ich erhob mich endlich aus der unvorteilhaften Position und schüttelte ihm wie ein Irrer die Hand. „Gratuliere. Ist er gesund?“
„Meine Frau sagt, er sei so gesund, dass es schon wieder ungesund ist.“
„Für sie wohl allemal.“
Wir lachten. Ich sah etwas Freudentränen in den Augen des Deputys. Sein Stolz sprang mich förmlich an.
„Ich weiß aber gar nicht, ob es die Schuhe in seiner Größe gibt“, meinte ich.
„Ach, das war auch nur ein Scherz. Er hatte ein, zwei Mal die Schuhe seines großen Bruders angefasst. Meine Frau würde das sowieso nicht gutheißen, den Kleinen in solch teure Schuhe zu stecken.“
„Im Sale waren die gar nicht so teuer.“
Price lachte herzhaft. Man konnte die silberne Krone auf seinem Backenzahn sehen.
„Was gibt‘s denn hier zu lachen?“ Price steckte noch in den letzten Zügen, als Steve dazugestoßen war.
Mir war das Lachen vergangen. Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken.
„Wir sprachen über Kinder, Schuhe und Gesundheit. Manchmal doch ganz schön erheiternd“, sagte Price.
„Allerdings, Deputy“, entgegnete Steve und richtete unseren Erdbeerkuchen sowie die zwei Cokes auf dem Tablett in seiner Hand an. „Sind sie nicht sogar Teile einer Symbiose?“
„Gesundheit und Kinder gehören unzertrennlich zusammen, ja.“
„Sollten sie zumindest. Und sie tun auch was Gutes für uns, nicht wahr? Ich meine, sind unsere Kinder gesund, sind wir es doch meistens auch.“
„Mein Reden“, sagte Price begeistert und tat etwas, wovon ich ihm dringend abgeraten hätte, wäre ein Möglichkeit vorhanden gewesen. Er zückte ein Foto seines Kindes auf dem Arm seiner Frau.
„Donnerwetter“, johlte Steve und senkte das Tablett etwas herab, als versperrte es seine Sicht. Durch eine ungünstig liegende Falte seines Jacketts wäre beinahe seine Pistole zum Vorschein gekommen. Ich hielt es aber auch für möglich, dass Steve das ganz bewusst gesteuert hatte, um mir zu bedeuten, die Klappe zu halten. „Glückwunsch. Schönes Kind, und eine noch schönere Frau. Das ist doch der amerikanische Traum, oder Jeff?“
„Mag schon sein.“ Ich kratzte mir am Kopf.
„Ja, Jeff kann sich da noch nicht durchringen“, sagte Price beinahe urteilend. „Er hat immer noch nicht die Richtige gefunden.“
„Ich glaube, um mich gehts hier gerade gar nicht“, warf ich ein.
Steve schaute den Deputy an und sprach zu ihm, als wäre ich gar nicht da. „Ich meine, dabei sollte es viel mehr um ihn gehen. Der Arme wird doch als Taxifahrer bei lebendigem Leibe gehäutet. Mit dem Einkommen kann man sich doch niemals etwas Vernünftiges aufbauen. Ich bin mir sicher, Deputy, und verzeihen sie meine Indiskretion, aber sie haben bestimmt ein Haus mit Garten und Pool.“
„Bingo“, sagte Price.
„Als Beschützer unseres Wohls absolut gerechtfertigt.“
„Und haben Sie schon die Richtige gefunden?“
„Ich habe mehr Richtige als beim Sechser im Lotto.“
Wieder lachte Price laut auf und präsentierte uns seine Silberkrone.
„Aber alles halb so wild. Ich werde Jeff unter meine Fittiche nehmen“, fügte Steve hinzu.
„Kling gut“, entgegnete Price und steckte das Foto wieder weg. Anschließend schüttelte er Steves Hand. „War mir eine Freude. Ich muss nur langsam mal aufs Klo. Etwas Platz machen für die nächsten Kaffeekannen.“
„Ich sag ja, der amerikanische Traum“, scherzte Steve und hob das Tablett wieder an.


Mein neuer Freund und ich setzten uns an einen Tisch. „Netter Kerl, dieser Deputy“, sagte Steve und faltete eine Serviette in seinem Schoß auseinander.
„Jep, kann man nicht meckern.“ Ich war irgendwie erschöpft von dieser Anspannung, die in mir herrschte. Ich hatte nie einen blassen Schimmer, was dieser Verrückte als Nächstes tat. Mir war noch nie ein Mensch untergekommen, der so schlecht zu lesen war.
„Ich müsste auch mal aufs Klo.“ Gott, es klang beinahe wie eine Frage.
„Geh nur“, sagte Steve ganz locker, während er noch mit der Serviette beschäftigt war.
Als ich aufgestanden war, um loszumarschieren, hielt er mich am Handgelenk fest. „Ich sag dir was, mein Freund.“ Er rammte die Gabel in seinen Kuchen und schaute mir tief in die Augen. „Überlege dir ganz genau, was du jenseits der Keramik von dir lässt, denn wenn es mir in den Kram passt, löse ich auch mal Hausstände auf.“
Ich formte meine Augen zu Schlitzen. „Du hast gelogen.“
„Ich war noch nie dem Gesetz gegenüber ehrlich. Und heute wäre ein schlechter Tag damit anzufangen. Auch für dich. Übrigens war das Foto nicht so schön.“
„Schon gut, hab‘s kapiert“, sagte ich und riss mein Handgelenk von ihm los.
Er schaute mich fordernd an, als wollte er es noch mal aus meinem Mund hören. Den Gefallen tat ich ihm aber nicht.


Und um gleich die Wahrheit zu sagen, ich erzählte Deputy Price nichts. Zwar war ich ihm auf dem Klo noch mal begegnet, und die Gelegenheit wäre da gewesen, doch ich bekam einfach nichts heraus. Der Pfundskerl schnäuzte sich noch die Nase und kontrollierte sie im Spiegel anschließend auf Rückstände. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Denn desto länger er da war, desto länger hatte ich die Möglichkeit, ihm ein Verbrechen zu melden. Vielleicht ja sogar zwei, wenn man meine Anstellung bei Steve schon als Entführung zählen konnte.
Aber nein. Ich hatte Angst, dass Steve den ganzen Laden auseinandernimmt.
Stattdessen saß ich auf der Klobrille und schickte Maria die erste SMS. Ich hatte sie übrigens unter Salsa Baby eingespeichert. Auf die Schnelle war mir gestern nichts besseres eingefallen. Selbstverständlich hielt ich mir die Option offen, das noch zu ändern vor dem nächsten Date. Wenigstens wurde dieser Kosename ihrem eleganten Hüftschwung gerecht, den ich gestern Abend ausgiebig bestaunen konnte.
Für die Kurzmitteilung war mit auch nichts Originelleres als Hola, hier ist Jeffrey. Bist du gut nach Hause gekommen? eingefallen.
Ich hoffte so sehr, dass ich diesen Tag überstehen würde, und mich endlich dieser wunderschönen Frau widmen konnte.


Der Erdbeerkuchen schmeckte ... wie soll ich sagen? Er schmeckte wie überhitztes Weingummi. Das mochte ich überhaupt nicht. Wenn Ihnen das noch zu positiv klingt, dann vergessen sie es ganz schnell wieder. Er mundete einfach nicht.
Am Tisch fragte ich Steve, was der Typ vom Hafen eigentlich getan hatte.
„Der Kerl hatte die falschen Buchhalter“, sagte er und schob sich ein Stück Kuchen rein.
„Das bedeutet, er hatte irgendwo Schulden?“
Er schabte die letzen Krümel seines Kuchens zusammen und schaute zu mir auf. „Ganz genau, Jeff. Du kennst dich ja gut aus. Was hast du vor deinem Taxijob so gemacht?“
„Filme geschaut“, sagte ich.
Steve verzog anerkennend die Mundwinkel.


Dann kehrten wir in unser Gefährt zurück. Es ging Richtung Stadion.
Ich merkte, dass etwas anders war. Steve wurde ruhiger. Wirkte beinahe abwesend. Und wenn ich ihn genau im Rückspiegel betrachtete, hatte er etwas Farbe verloren. Seine Narbe war jetzt deutlich sichtbar. Von Minute zu Minute atmete er schwerer.
Er kramte in seiner Jackentasche. Machte in der Hose weiter und langte in seinen Aktenkoffer, dessen Zahlenschloss er unruhig entriegelt hatte.
Jetzt führte er einen Inhalator zu seinem Mund und zog kräftig am ihm. Ein Mal, zwei Mal. Es zischte wie ein aufgespießter Fußball.
„Asthma?“, fragte ich.
„Jep. Seit meinem fünften Lebensjahr“, entgegnete er.
Mehr sagte ich nicht dazu. Vielmehr ertappte ich mich dabei, es als einen den Teil einer gerechten Strafe anzusehen. Wer Menschen tötet, kann auch ruhig mal die Pein eines verstopften Abflussrohrs durchleben. Eine Form des Anstands, wenn man so will.
Mein Handy klingelte. Salsa Baby rief an. Doch ich nahm nicht ab.
„Möchtest du da nicht rangehen? Salsa Baby klingt interessant.“
In mir flammte derselbe Beschützerinstinkt auf, den ich gestern in der Kneipe an den Tag gelegt hatte. Alles zu tun, damit Maria unversehrt bleibt. Außerdem ging es den Ganoven da hinten einen Scheißdreck an.
„Ach, das ist meine Cousine“, sagte ich schnell. Etwas zu schnell. Ich klang wie ein spulendes Tonband.
„So so“, sagte Steve. „Deine Cousine.“ Er machte eine Geste, als hielt er eine Tanzpartnerin in den Armen.


Plötzlich, wir waren etwa fünf Meilen gefahren, tippte Steve mir auf die Schulter. „Fahr rechts ran.“
Was hatte der Typ denn jetzt wieder vor?
Mein Taxi war noch nicht mal ganz zum Stillstand gekommen, da öffnete er die Tür und setzte ein Bein raus.
Er ging hinüber zu einer Telefonzelle, vor der ein Hund angebunden war.
Jetzt werden sie denken: „Ja, klasse , Jeff. Deine Chance, hau ab.“ Jedoch muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich noch die Leiche im Kofferraum hatte, und wo sollte ich mit der hinkurven? Die Story nahm mir doch niemand ab. Besonders nachdem ich Deputy Price kein Sterbenswort gesagt hatte. So etwas Ähnliches war mir im Alter von zweiunddreißig Jahren passiert. Ich erinnere mich ganz genau. Ich hatte so zwei Halbstarke, nicht älter als fünfundzwanzig, dabei erwischt, wie sie eines unserer Taxis klauen wollten. Weiß der Geier, was sie damit vorhatten. Jedenfalls hielten die Pickelgesichter mir ein Messer an den Hals und versprachen mir, meine Initialen in den Leib zu ritzen, sollte ich irgendjemandem davon erzählen. Das hätten sie bestimmt nicht gemacht, dennoch ließ ich sie gewähren. Die Problematik daran war, dass mein Chef „nicht immer mit dem Gesetz in einer Korrespondenz lag.“ So hatte es der Richter genannt, der ihn zu fünf Jahren wegen Versicherungsbetruges verdonnerte. Zwei Taxis waren abhanden gekommen, ja-ja. Gegen den Rat meines Chefs hatte ich den Vorfall mit den Arschgeigen der Polizei gemeldet, doch die winkten genervt ab. Wer glaubt denn so einem Betrügerverein noch?
So langsam versuchte ich mich damit abzufinden, dass ich diesen Tag einfach nur überstehen musste. Vielleicht konnte ich mir damit eine Menge Ärger ersparen, so absurd das auch klingen mag.
Eine Telefonzelle war übrigens gar nicht mal so schlecht. Ich versuchte, Maria anzurufen. Das Guthaben auf meinem Telefon war leer seit der letzten SMS.
Während ich auf ein Freizeichen wartete, sah ich Steve vor dem Hund knien.
Mein Blick war die ganze Zeit auf dieses unwirkliche Schauspiel gerichtet, während sich das Tröten in meine Ohrmuschel bohrte. Ich ließ es sechs Mal klingeln, dann legte ich auf.
„Hattest du ihre Nummer im Kopf?“, fragte Steve und kraulte dem Hund die Lefzen.
„Kann schon sein“, sagte ich. Ein bisschen Privatsphäre konnte ich ja wohl noch verlangen.
Steve erhob sich wieder vor dem Hund. Der braungefärbte Bursche schaute ihn mit großen, vertrauenswürdigen Augen an. Dann tippelte er mit seinen weißen Pfoten auf der Stelle herum.
„Ist das ein Boxer?“, fragte ich.
„Nein, ein Pitbull-Amstaff Mix.“
„Ach so.“
„Fällt dir was an ihm auf?“
„Ich habe doch eben unter Beweis gestellt, dass ich nicht der Fachmann bin.“
„Vergleiche mal seine Ohren.“
Eine gestresste Frau mit Einkaufstüten rempelte mich an. Auf der Straße stachelten sich zwei hupende Männer gegenseitig auf.
„Das eine ist kleiner.“
„Ganz genau“, sagte er und schaute sich um.
„Was schätzt du, ist ihm passiert?“
„Geh einen Schritt auf ihn zu, dann weißt du es.“
„Das muss ja nun nicht sein“, sagte ich und schaute dem kräftigen Tier dabei zu, wie es sich schüttelte.
„Geh auf ihn zu“, forderte Steve erneut mit sonorer Stimme, nachdem sein Blick von den Straßenbuchten auf mich zurückgefallen war.
Nun gut, dachte ich. Dann werde ich eben von einem Pitbull-Amstaff Mix gefressen. Verkürzt den beschissensten Arbeitstag meines Lebens auch.
Zwar zögerte ich noch einen Moment, tat dann aber wie mir geheißen.
Ich hatte den Schritt noch nicht mal ganz vollführt, da sprang der Hund auf seine Hinterbeine und fletschte seine Zähne. Mann, sah das gruselig aus. Auch wenn ich kein großer Hundefreund bin, hatte ich doch eine gewisse Schönheit in dem Tier gesehen. Bis zu diesem Augenblick jedenfalls.
Ich schrak zurück. War hinter Steve in Deckung gegangen.
Dieser ging jetzt seinerseits mit einem beruhigenden „Scht“ auf den Hund zu. Es war kaum zu glauben, wie schnell der Junge sich beruhigte. „Der Kleine wurde misshandelt. Eindeutig“, sagte Steve. „Die armen Tiere werden an den ungewöhnlichsten Stellen beschnitten.“
Unwillkürlich hatte ich bei dem Wort “Beschnitten“ kurzerhand etwas anderes vor Augen, fing mich dann aber wieder. „Und warum würde er mich zerfleischen und dich nicht?“
„Hast du dir schon mal selbst beim Laufen zugesehen?“
„Wüsste nicht, wie ich das anstellen soll.“
Der Hund leckte Steves Hand ab, als wäre sie ein Vanilleeis. „Du hast die Körperhaltung eine gebogenen Astes. Der Hund war von deiner Körperhaltung irritiert. Er dachte, du willst dich über ihn beugen.“
„So schlimm?“, fragte ich.
„Du kannst dir im Gehen fast die Schuhe zubinden.“
„Jetzt ist aber gut. Woher weißt du das alles?“
„Ich war mal Hundetrainer“, sagte Steve und lächelte die Fellnase neben sich an. Dieses Grinsen war nicht zu vergleichen mit dem, was er bei Deputy Price oder beim Betanken meines Wagens aufgesetzt hatte.


„Hey“, rief jemand. Ein großer Typ mit der Figur einer Fußleiste kam auf uns zu. „Wer hat euch erlaubt, meinen Hund anzufassen? Ihr jagt ihm noch Angst ein.“
„Ich bin mir sicher, das hat schon jemand anders für uns übernommen“, entgegnete Steve und ließ seine Hand von dem Hund ab.
„Verzieht euch“, sagte Fußleiste und baute sich vor uns auf. In seiner Hand hielt er eine offene Bierflasche. Er stank aus dem Mund wie ein Gulli.
„Schon gut, schon gut“, meinte Steve und hob die Hände ergebend.
Ich stieg wieder in mein Taxi und Steve verschwand in der Telefonzelle. Es dauerte eine knappe Minute, da legte er wieder auf.
Mit einem Mal beobachtete ich, wie er den Hörer samt seiner Schnur abriss, die Glastür auftrat und auf den Hundebesitzer zustolzierte. Gerade als dieser sich umdrehte, zog Steve ihm den Hörer durchs Gesicht. Der Suffkopp klatschte zu Boden. Steve beugte sich über ihn und rammte den Hörer mehrere Male auf seine Stirn. Die graue Sprechkapsel war getränkt in Blut.
Die erste Biene des Jahres flog durch mein Taxi, und ich hatte panische Angst vor den Viechern, da ich eine Allergie gegen sie hatte. Doch in diesem Moment war ich so perplex, dass das Vieh ohne große Gegenwehr auf meiner Schulter landen konnte. Das wurde mir erst hinterher klar, als Steve mit dem Hund in mein Auto gestiegen war.
Wir passierten die letzten befahrenen Straßen, näherten uns dem alten Stadion der Red York Signs. „Und wie gehts dem Racker da hinten?“, fragte ich mit einem Blick in den Rückspiegel.
„Prächtig, würde ich mal sagen.“ Steve kraulte ihm den Kopf.
Hier draußen war niemand und es kehrte eine trügerische Stille ein. Ich hörte den Hund schnuppern und an meinen Sitzen lecken. Aber den Wagen konnte ich dank der Leiche im Kofferraum ohnehin wegschmeißen. Meinem Chef würde schon was einfallen.
Apropos Chef: Der meldete sich auch auf einmal. Das olle Funkgerät raschelte wie gewohnt erst einmal, bis er zu mir durchkam. Dann bölkte er mich wie ein Elefant an. „Jeff, du Kürbiskopf. Wo steckst du schon wieder?“
„So lässt du mit dir Sprechen?“, sagte Steve von hinten. Der Hund lutschte an seinem Ohr.
„Ist nun mal mein Chef“, entgegnete ich und nahm das Mikro in die Hand.
„Ich habe noch einen Kunden“, antwortete ich.
Unser neuer Fahrgast bellte.
„Fährst du etwa einen Hund durch die Gegend?“, schrie mein Chef. „Die versauen uns die ganzen Sitze, das weißt du doch.“
„Gib mal her“, sagte Steve und riss mir das Mikro aus der Hand. „Hey“, sprach er hinein. „Wer hat Ihnen das Sprechen beigebracht?“
„Wer ist da?.“ Ich dachte, gleich hören wir meinen Chef explodieren.
„Das Einzige, was Sie Pissbacke zu interessieren hat, ist, dass Jeff gut beschäftigt ist und garantiert mit den dreifachen Einnahmen eines gewöhnlichen Tages zurückkommt.“
Das andere Ende hüllte sich in Schweigen. Es rauschte nur kurz.
„Und übrigens, mein Hund hatte heute noch nichts zu essen. Er wirkt auf mich ein bisschen gestresst. Und glauben Sie mir, Sie möchten ihm in diesem Zustand nicht begegnen.“
„Gute Fahrt“, sagte mein Chef kleinlaut.


Das alte Stadion der Red York Signs. Was steckten hier für Geschichten drin.
„Pepper“, sagte Steve.
„Was?“
„Na, Pepper. Der Genosse hier heißt jetzt Pepper.“
„Glaubst du, der checkt das überhaupt?“
„Wenn mich nicht alles täuscht …“

Er wurde von einem heftigen Knall unterbrochen. Meine Windschutzscheibe zersprang. Ich spürte wie eine Kugel an meinem Ohr vorbeigezischt war. Das Geschoss hatte sich durch meine Kopflehne gebohrt und war aus der linken Scheibe der Rücksitzbank ausgetreten. Ich weiß nicht genau, welches Pedal ich im Fußraum betätigte, nur dass ich das Lenkrad herumriss und wir einen heftigen Schlenker machten. Ich hörte den Hund jaulen, der gegen die rechte Tür da hinten geflogen war. Allem Anschein nach war Steve auf ihm gelandet. Was musste das Tier denn noch alles erleiden? Jedenfalls kamen wir kurz vor der Betonwand der Südtribüne zum Stehen.
„Verdammte Scheiße“, brüllte ich. „Was war das denn?“
„Scharfschütze auf ein Uhr.“
„Willst du mich verarschen?“
Der Hund bellte.
„Beruhigt euch. Beide.“
Pepper und ich waren sofort still. Der Racker schaute mich sogar an, als könnte ich ihm das Maleur erklären.
„Da ist aber jemand deutlich zu früh zu unserer Verabredung gekommen“, sagte Steve und lud seine Waffe durch.
Ein weiterer Schuss. Er riss einen apfelgroßen Brocken aus der Kante des Betons.
„Wie ist jetzt der Plan?“, fragte ich panisch.
„Zuerst einmal aus diesem Taxi raus. Und du passt auf Pepper auf.“ Aus Steves Mund hörte sich das alles immer nach einer Kaffeefahrt an. „Und denk dran. Gerade gehen.“
„Wenn‘s weiter nichts ist.“
Vorsichtig verließen wir das Taxi. Steve war schon an der Betonwand angelangt, gegen die er sich mit dem Rücken presste.
Pepper schnupperte am Autoreifen und hob ein Bein. „Wie wär ‘s wenn wir heute noch nicht sterben?“, fragte ich ihn, doch er schaute mich nur mit schräg gehaltenem Kopf an.
Steve schnalzte mit der Zunge und Pepper zog mich wie ein Irrer hinter sich her. Jetzt waren auch wir in Deckung.
„Auf drei laufen wir weiter“, sagte Steve und zwinkerte seinem neuen Hund zu.
„Wohin?“, fragte ich und schaute mich um.
„Drei!“
Pepper zog mich hinter sich her, wie ich es gestern mit Maria tat. Tatsächlich dachte ich trotz der nervenaufreibenden Umstände kurz an sie. Auf dem Asphalt sah ich sogar ihre schwarzen Stöckelschuhe liegen, die sie gestern Abend auf halbem Wege ausgezogen hatte, um mit mir Schritt halten zu können. Zumindest bildete ich mir das ein. Das war mein Wille. Irgendwas von ihr sehen, hören, riechen oder fühlen. Stattdessen rannte ich um mein Leben. Gestern hätte es bestimmt nur eine Tracht Prügel gegeben, wären wir erwischt worden. Heute ging’s um weitaus mehr.


Beim ersten Zwischenstopp angekommen, war mir dann erst aufgefallen, dass Pepper mich nicht gebissen hatte. Wenigstens ein Erfolg.
„Guter Junge“, presste Steve bemerkenswert ruhig für eine Asthmalunge hervor und kraulte Pepper hinter den Ohren.
Einen Augenblick später schlug die nächste Kugel in unserer Deckung ein.
Bezüglich der Asthmalunge fragte ich ihn, ob er regelmäßig so viel läuft, was er mit einem Kopfschütteln beantwortete.
„Man will uns aus der Deckung locken“, sagte er als Nächstes und musterte die Gegend. „Du rennst jetzt mit Pepper da rüber.“ Er deutete zu den Kabinengängen.
„Hast du nicht gerade gesagt, man will uns aus der Deckung locken?“
„Ja.“
„Warum sollte ich dem Bastard den Gefallen tun?“
„Weil du klüger bist.“
„Das wage ich zu bezweifeln.“
Er kontrollierte noch einmal das Magazin seiner Waffe. „Wir werden mit einem G22 beschossen. Sobald das Miststück den nächsten Schuß abgefeuert hat, muss sie nachladen. Das ist unser Moment. Ihr rennt zu den Kabinen und ich nähere mich über die Tribünen. Alles klar?“
„Ich weiß ni…“
„Alles klar“, sprach er für mich.
Steve steckte kurz den Kopf aus der Deckung und das nächste Projektil kam herangesaust. Langsam machte ich mir Sorgen um die Betonmauer.
„Los.“ Er schubste mich aus der Deckung, sodass Pepper und ich wie auf dem Präsentierteller standen. Was blieb uns also anderes übrig, als zu laufen?
Wir spurteten in östliche Richtung, über Sand und Schotter hinweg. Ich glaube, Pepper hatte das ganze langsam richtig Spaß gemacht. Er hatte aufgerissene Augen und ließ die Zunge rollen. Nach etwa dreihundert Metern hatten wir es geschafft. Spätestens jetzt bemerkte ich, dass ich wirklich nur ein Taxifahrer war. Mein Gott, mir zogen die Waden noch vom gestrigen Lauf mit Maria. Wie dem auch sei, Pepper und ich waren in Sicherheit. Sich seines Glückes wohl kaum bewusst, schaute der Hund mich erwartungsvoll an, als hätte ich noch Reserven für eine weitere Runde. „Das sieht mehr als schlecht aus“, sagte ich zu ihm.


Dann verging mindestens eine viertel Stunde, in der nichts geschah. Soweit ich es aus dem Kabinengang sehen konnte, zog sich der Himmel zu. Der löchrige Rasen auf dem Spielfeld verwandelte sich in dunkelgrünes Tiefland.
Es knallte wieder. Ein Schuss, ein Fenster. Das war das Scharfschützengewehr. Langsam hatte sich der Sound in mein Hirn gebrannt.
Nun feuerte Steve ein paar Kugeln ab. In meinem Kopf entstand das Bild einer wilden Schießerei. Von Deckung zu Deckung, um Leben und Tod.
Dem Ganzen gesellten sich weiter Schüsse hinzu, die wieder etwas anderes klangen. War eine dritte Person dazugekommen? Hatte der Scharfschütze Hilfe bekommen? Steve wäre unterlegen. Welch eine Schweinerei.
Und jetzt hatten Pepper und ich eines gemeinsam. Unsere Neugierde hätte es uns fast umgebracht. Wir gingen in dem Kabinengang auf und ab. Steves Untlerlegenheit deutlich vor Augen. Also zumindest traf das auf mich zu. Pepper hatte wohl ein saftiges Steak oder einen riesigen Teich im Sinn, den er leerschlabbern könnte.
„Ok, Kumpel“, sagte ich und hockte mich vor ihm hin. „Du wartest hier einen Moment. Ich schaue nur nach deinem Herrchen.“ Ich checkte kurz die Standfestigkeit eines stählernen Werbeträgers in dem Kabinengang. So ein zerkratzte Tafel, dessen Standbeine in den Boden einbetoniert waren. Die mussten das Tier halten können. Also band ich ihn daran fest und schlich mich langsam den Kabinengang hinauf. Selbstverständlich kam mir auch die glorreiche Idee, durch die Korridore der Kabinen zu schleichen, um so vielleicht auf einer anderen Seite der Tribüne rauszukommen, doch wurden diese Gänge nach der Stilllegung des Stadions zugemauert. Weiß der Geier warum.


Mittlerweile hatte ich die ersten Stufen der Tribüne bestiegen, da feuerte Waffe Nummer drei. Da ich mich schnell hinter den Zuschauersitzen geworfen hatte, konnte ich nicht sehen, woher die Schüsse kamen. Aber meine Ohren wussten es. Sie kamen aus derselben Richtung wie die des Scharfschützen und schlugen in dem Häuschen des Stadionsprechers ein. Also schossen die zwei Arschgeigen auf den in Deckung befindlichen Steve hinter besagtem Häuschen.
Da ich früher auch das eine oder andere Mal im Stadion zugegen gewesen war (eigentlich wurde ich mehr von Freunden mitgeschliffen, ich bin wie gesagt kein sportbegeisterter Mensch), wusste ich ungefähr wie man am schnellsten zu der Sprecherkabine gelangen konnte.
Und ich muss sagen, ich stellte mich gar nicht so dumm an.
Was dann aber ganz blöde lief, war eine Szene, die ich mir gar nicht hätte unpassender ausmalen können. Auf dem Bauch kriechend war ich fast an meinem Ziel angekommen, da flog Steve infolge eines Schusses aus seiner Deckung heraus. Er wurde getroffen. Verdammte Scheiße! Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass man diesen Teufelskerl erwischen konnte. Der Schütze da drüben musste verdammt gut sein.
„Was macht du hier?“, sagte er zu mir auf dem Rücken liegend.
„Ich dachte …“ Peng. Kacke. Arrh. Feuer. Jetzt war ich an der Reihe. Ein heißer, vulkanischer Schmerz rannte durch meine Schulter. Ich spürte Blut an ihr herunterlaufen.
Steve kam zu mir gekrochen. Merkwürdigerweise klebte an ihm kein Flecken Blut, obwohl ich fest der Meinung war, dass er auch getroffen wurde. So einen Flug, wie er ihn zuvor hingelegt hatte, bekommt man nicht ohne Fremdeinwirkung hin.
Kurz bevor er bei mir war – und wie zur Hölle konnte ich mich nur unter den stechenden Schmerzen drauf konzentrieren – realisierte ich, wie verkrüppelt er aussah. Sein rechts Bein sah aus wie der krumme Ast, der angeblich aus meiner Körpersprache resultierte. Dennoch kein Blut.
Er lag neben mir und presste mich an die Rückseite der Sitzplatzreihe. Dann riss er ein beträchtliches Stück seiner Anzughose ab und hielt es mir auf die Wunde. „Ist nur ein Streifschuss. Drück es darauf“, sagte er und ich sah das freigelegte Holzbein.
Heilige Maria! Der Kerl war die ganze Zeit laufen, morden und schlagen gegangen mit diesem Holzbein? Das war ja völligst abgefahren. Ich glaube, von diesem Punkt an, brauchte ich keinen einzigen Actionfilm mehr zu schauen. Das hier war ein Meisterwerk. Wenn auch ein sehr bedrohliches.
Anschließend stopfte er mir ein weißes Tuch in den Mund, um meinen Schmerzensschrei zu unterdrücken. Doch das war dann zu spät. Ich hatte es versaut. Wir bekamen Besuch.


Und jetzt denken Sie, was könnte jetzt noch kommen, wenn der lausige Taxifahrer und Infanterist sagt, ihn habe dann die nächste Kugel getroffen, und zwar mitten ins Herz.
Ich verrate es ihnen. Vor uns tauchte der Schütze auf. Oder sollte ich sagen: DIE Schützin? Es war Maria.
Die Frau, der ich gestern den Arsch gerettet hatte. Die Frau, die mir den Kopf verdreht hatte. Die Frau, die es fertig gebracht hatte, mich um den Schlaf zu bringen. Sie sollte eine eiskalte Killerbraut sein? Ich verstand die Welt nicht mehr.
„Jeffrey?“, sagte sie entgeistert.
„Maria?“
Aus der Ferne hörte man Pepper bellen.
Sie hielt ihre Handfeuerwaffe auf Steve. Schwankte sogar kurz zu mir ab. Dann wieder zurück. Das war dann auch wohl Schütze, beziehungsweise, Waffe Nummer drei. Immerhin etwas.
„Was machst du hier?“, fragte sie mich.
„Dasselbe könnte ich dich fragen.“
Dann meldete Steve sich zu Wort. „So so, Salsa Baby.“
„Schmierig wie eh und je“, sagte Maria zu ihm.
„Ihr kennt euch?“, fragte ich.
„Zu unser beider Leibwesen, ja“, sagte sie.
„Und heute stehen wir am Höhepunkt unserer Amore“, scherzte Steve.
„Das ist ganz schön schräg, wisst ihr das?“
„Das habe ich auch irgendwann bemerkt“, sagte sie mit einem verächtlichen Blick auf Steves Holzbein. Spätestens als der Schlappschwanz mir keinen gesunden Braten in die Röhre schieben konnte. Der Penner war so großzügig und hat seine Geburtsfehler, wie das fehlende Bein zum Beispiel, an unsere zwei Kinder weitergegeben.“
Der letzte Satz donnerte wie eine Kirchenglocke in meinen Ohren. „Ihr habt Kinder?“
„Nicht wirklich“, sagte Maria. „Ich habe sie abtreiben lassen.“
Ich schaute rüber zu Steve, der nicht lange meinem Blick standhalten konnte. Danach begutachtete er die Schäden an seinem Holzbein. Auf mich wirkte es wie das Resultat aufsteigender Verlegenheit.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
„Dazu musst du auch nichts sagen, Jeff.“ Maria rieb sich ein Auge und spuckte auf den Boden. „Das ist alles ewig her. Du solltest dir nicht unseren Kopf zerbrechen.“
„Tut mir leid, dass ich Romeo und Julia unterbrechen muss, aber…“ Blitzschnell zog Steve aus dem Hosenbein seiner funktionstüchtigen Seite ein Messer und warf es in Marias Schulter.
Diese fiel von der ungeheuren Wucht, die in dem Wurf lag, rückwärts auf den Boden, wobei sich ein Schuss löste. Ihre Waffe purzelte danach die Tribüne herab.
Gerade als Steve sich erheben wollte (keine Ahnung, wie genau das aussehen sollte, aber er schien da irgendeine Technik zu haben), feuerte jemand aus westlicher Richtung auf uns.
Steve ließ sich wieder hinter die Deckung fallen. Wer war das denn nun?



„Alle Mann kommen jetzt mit erhobenen Händen raus.“ Die Stimme kannte ich doch. Deputy Price.
Mein Kompagnon erkannte ihn auch und packte mich am Kragen. Dabei verrückte er mein Shirt, dass sich auf meiner verletzten Schulter wie ein Film flüssigen Jods anfühlte. „Du mieser Penner hast gesungen.“
„Was? Nein. Einen Scheiß habe ich.“
„Nein, das hat er nicht.“ Prices Stimme kam immer näher. „Ich habe den Braten im Café gerochen, Steve. Für wie dumm hältst du mich eigentlich?“
„Ich habe deine Frau und deine Kinder gesehen, Price“, rief Steve aus der Deckung zu ihm. „Ich wäre jetzt ganz aufmerksam.“
„Aufmerksamkeit ist ein gutes Stichwort“, insistierte Price. „War dir gar nicht aufgefallen, welche Augenfarbe das Kind auf dem Foto hatte?“
„Grün“, sagte Steve.
„Für wie wahrscheinlich hälst du es, dass Eltern mit braunen Augen ein grünäugiges Kind bekommen?“
„Da gibt es immer ein Chance.“
Innerlich stimmte ich Steve da voll und ganz zu.
„Das mag sein“, fuhr Price fort. „Jedoch nicht bei uns. Das Foto zeigt Familie Harrison. Vor vier Jahren in Tiffany County bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Da hättest du lange suchen können.“
„Du krankes Schwein“, sagte Steve, mit dem Holzbein auf den Boden schlagend.
Pepper bellte wieder mal und die Schritte des Deputys näherten sich unaufhaltsam.


„Zurück.“ Maria hatte geschrien und blind aus ihrer Deckung geschossen. Entweder hatte sie ihre Waffe zurückerlangt, oder eine auf Reserve. Wer wusste das schon? Die Irre hatte sich das Messer aus der Schulter gezogen und warf es uns rüber. Dabei nickte sie uns zu, was anscheinend nur Steve richtig verstanden hatte. So eine Art Codesprache unter Killern. Allem Anschein nach wollte sie jetzt mit uns zusammenarbeiten. Gegen den gemeinsamen Feind sozusagen.
Und Himmel, für mich waren die einfach alle nur noch durchgeknallt. Hatten die alle nichts Besseres zu tun? Am liebsten wäre ich einfach aufgestanden und hätte gesagt, dass ich raus bin. So wie an einem Roulettetisch im Casino oder so. Wirklich drauf ankommen lassen wollte ich es dann aber doch nicht.
Während Steve das Messer an sich nahm, begann sein Brustkorb sich auffällig stark zu heben und zu senken. Es war wieder soweit. Das Asthma meldete sich zurück. Ich hatte keine Ahnung, ob er es nicht wahrnehmen konnte oder wollte. Jedenfalls warf er – und das muss man sich mal vorstellen – das Messer blind über die Sitzplätze hinweg und traf den Deputy.
„Los“, brüllten Maria und er beinahe im Einklang.
Aber wohin? Ich orientierte mich einfach an Peppers Bellen, und ich glaube, das taten die anderen auch.
Zwischendurch schaute ich zurück. Sah Steve auf anderthalb Beinen hinterherhumpeln. Maria schloss langsam zu mir auf.
Ich sprintete etwa hundert Meter weiter, da war sie auf gleicher Höhe. „Was ist hier los?“, keuchte ich.
„Erklär ich dir alles später“, meinte sie.
Dann sah ich, wie Steve immer langsamer wurde. Er fiel ins sich zusammen. Bekam keine Luft mehr. Deputy Price schleppte sich währenddessen die Tribüne hinab. Die Sonne brach durch die Wolkendecke hindurch. Ich kniff meine Augen zusammen und hielt eine innere Zwiesprache ab.
„Komm“, sagte Maria. Ihre Wangen waren hektisch rot angelaufen.
„Lauf weiter zu Pepper.“
„Wer ist Pepper?“
„Das Bellen.“, sagte ich. „Da drüben bei den Kabinen.“


Maria lief also weiter Richtung Kabine und ich drehte wieder um. Als ich bei Steve ankam, war er dabei, sich das Hemd aufzuknüpfen und hechelte wie wild nach Luft. Seine Lippen waren zerbissen und blutig. Ich durchwühlte seine Hosentaschen. „Wo ist das verdammte Asthmaspray?“
„Ich … muss es … verloren haben“, quälte er raus.
Er wälzte sich über den hässlichen Rasen, wurde jedoch immer schwächer.
Deputy Price kam hinzu. „Jetzt ist es vorbei“, sagte er und ließ das leere Magazin aus seiner Waffe gleiten.
Ich ging auf die Knie und beugte mich über Steve. Der sagte mit dünner Stimme zu mir: „Immer aufrecht gehen.“
Price hatte mittlerweile nachgeladen und zielte auf mich. „Weg da“, plärrte er.
Verzweifelt versuchte ich ihn wegzudrängen, doch er konterte mich mit so einem merkwürdigen Griff aus, den man wohl auf der Polizeischule lernt. Danach schoss er Steve in den Kopf.
„Grundgütiger, Price“, raunzte ich in Rückenlage.
„Jetzt tu nicht so, als hätte er es nicht verdient gehabt, Jeff. Der Typ war gemeingefährlich.“
„Du hättest ihn festnehmen können.“
„Ich glaube nicht, dass das in seinem Interesse gewesen wäre.“
„Ich werde das melden.“
Der Deputy hielt sich die blutende Wunde von dem Messerwurf und verzog das Gesicht. „So wie du seine anderen Taten auch gemeldet hast?“
Und da waren wieder meine Bedenken. Diese Furcht davor, dass mir niemand glauben würde. Darum stand ich wieder auf und rannte davon. Ich wusste zwar, dass das nicht gut aussehen würde, dennoch schien es für mich gerade keinen anderen Ausweg zu geben. Und zu allem Übel hatte ich noch etwas mit Maria zu klären.
„Lauf nur“, rief Deputy Price mir hinterher. „Wir sehen uns schon noch.“


Als ich bei den Kabinen ankam, saß Maria tatsächlich bei Pepper. Besser gesagt, hockte er zwischen ihren Oberschenkeln und versuchte ein ums andere Mal ihre Wunde zu lecken.
Sie wirkte blass und sprach etwas schwammig. „Conjo, ist der süss.“
„Was war das da alles?, sagte ich und deutete zum Spielfeld hinaus.
„Das hätte ich dir auch lieber bei einem Kaffee erzählt, aber es ist wie es ist.“
„Und wie ist es?“
Sie schluckte schwer. Streichelte Pepper den Hals. „Ich bin derselbe arme Teufel wie Steve es war. Menschen für Geld töten.“
„Dann nehm ich mal an, gestern in der Kneipe ging’s dann nicht nur um gekränkten Männerstolz.
Sie schüttelte den Kopf und schaute in Peppers Gesicht.
Vom Spielfeld her hörte man Price‘s Funkgerät. Er schien Verstärkung zu rufen.
„Nicht ganz“, sagte sie. „Angebaggert hatte er mich wirklich mal, aber kurz darauf war unser Deal schiefgegangen.“
„Welcher Deal?“, fragte ich.
„Ich hatte den Auftrag einen Bänker umzubringen, der sagen wir mal, zu genau in seinen Steuerrecherchen war. Mein Boss hatte Bedenken aufzufliegen, also sollte ich den Typen umlegen. Meine Recherchen wiederum ergaben, dass der Penner eh nicht mehr lange zu leben hatte. Der hatte irgendso eine Autoimmunkrankheit, also wollte ich ihn dahinsiechen lassen, statt abzuknallen. Ich hatte die Schnauze voll vom Morden. Das Geld habe ich im Voraus bekommen und an meine Familie auf Kuba geschickt.“
„Doch der Auftrag war nicht erfüllt“, schlussfolgerte ich.
Sie nickte.
Polizeisirenen waren aus der Ferne zu hören.
Ich holte tief Luft und pustete sie mit aufgeplusterten Backen wieder aus. „Und das mit Steve?“
„Ist Ewigkeiten her. Ich dachte auch, er hätte es mittlerweile weggesteckt.“
„Ich glaube, so was steckt man niemals weg.“
„Mag sein“, sagte sie kraftlos.


Price‘s Verstärkung war eingetroffen.
Ich schnappte mir Peppers Leine. „Komm, mein Großer.“ Dann ging ich mit ihm auf das Spielfeld, das gerade von den Polizisten gestürmt wurde. Deputy Price saß neben der Leiche von Steve.
Ich streckte sofort die Hände in die Höhe. Die Bullen schrien mir entgegen, dass ich stehen bleiben soll. Zu meiner Verwunderung wies Deputy Price sie an, nicht mehr auf mich zu zielen. „Der ist sogut wie sauber. Nehmt ihn zum Verhör mit.“
„Aber nur unter einer Bedingung“, sagte ich.
Price warf mir einen ermatteten Blick zu.
„Der Hund bleibt bei mir.“

Ende.
 
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