Gott auf der Couch

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Rezension zu:

Tilmann Moser, Gott auf der Couch, Gütersloher Verlagshaus 2011, ISBN 978-3-579-06572-4

Sein Buch „Gottesvergiftung“ hat mich als junger Theologe vor 30 Jahren nachhaltig geprägt. Damals schrieb sich Tilmann Moser im Zuge seiner Lehranalyse als Psychoanalytiker in einem Brief an Gott seine eigenen religiösen Neurosen von der Seele in einer bitteren Anklage an einen strengen und strafenden Gott, so wie Moser ihn in seiner eigenen Kindheit in der Familie und in seiner Umgebung erlebt hatte.

Diese harte persönliche Arbeit hat ihn über drei Jahrzehnte als Psychoanalytiker immer wieder ein ganz besonderes Verständnis aufbringen lassen für Patienten mit religiösen Neurosen. Unter dem Titel „Der grausame Gott und seine Dienerin“ hat er 2010 im Psychosozial Verlag eine lückenlose Dokumentation einer psychoanalytischen Körperpsychotherapie mit einer unter einem grausamen Gott leidenden Patientin veröffentlicht. War dieses Buch hauptsächlich an Therapeuten gerichtet, wendet sich die vorliegende Sammlung von Aufsätzen und Essays an ein breiteres Publikum.

In „Gott auf der Couch“ berichtet er von den unterschiedlichen Erfahrungen mit den religiösen Prägungen seiner Patienten. Und es wird klar, dass bei den meisten Menschen tief in ihrer Seele es etwas gibt wie einen selbstverständlichen Glauben bzw. Religiosität. Moser nennt das die Fähigkeit zur Andacht und hält sie für unendlich wertvoll für die Heilung von Menschen und für ein stabiles Leben. Vielen Menschen vermittelt ihr Gottvertrauen eine Stabilität in ihrem Leben mit anderen und nimmt ihnen Angst.

Moser ist davon überzeugt, dass Religion als eine heilsame Ressource in den Therapie angesehen werden muss, solange sie bei vielen Menschen noch eine solche Wirkung erzeugt. Er lässt offen, ob das irgendwann anders sein wird, wenn die Entkirchlichung und das Verschwinden des Glaubens weiter voranschreiten.

Vielleicht, so wage ich anzumerken, wird aber auch eine Verkündigung, die sich bemüht, keine neurotisierenden Gottesbilder mehr entstehen zu lassen, irgendwann die dem Menschen eigene Fähigkeit zur Andacht so festigen und kräftigen, dass der Gott, wie Jesus ihn gepredigt und verkündet hat, den strafenden und grausamen abgelöst haben wird.

So oder so: Therapien und Therapeuten müssen, unabhängig von ihrer eigenen Haltung zur Religion, Gläubige unter ihren Patienten ihren eigen Weg finden lassen und ihnen helfen, ihr Gottesbild zu „entneurotisieren.“

Ich empfehle dieses Buch ganz besonders meinen Kolleginnen und Kollegen auf den katholischen und protestantischen Kanzeln dieses Landes. Möge es ihnen helfen, ihre eigene Rede von Gott zu überprüfen auf ihre Menschenfreundlichkeit.
 
A

AchterZwerg

Gast
Hallo Winfried,
deinen Artikel habe ich mit großem Interesse gelesen, kenne Tilman Moser noch von gaaanz, ganz früher.
Ähnlich wie er sich mit religiös geprägten Neurosen auseinandersetzt, scheint dies auch für dich ein wichtiges Thema zu sein.
Allerdings fürchte ich, dass er (und damit auch du) derzeit ziemlich in den Wind reden. - Solange unser gesamtes Rechtssystem auf Strafe und Vergeltung beruht, ist kaum Abhilfe zu erwarten. Daran ändern auch therapeutische Maßnahmen wenig.
Moser ist davon überzeugt, dass Religion als eine heilsame Ressource in den Therapie angesehen werden muss, solange sie bei vielen Menschen noch eine solche Wirkung erzeugt. Er lässt offen, ob das irgendwann anders sein wird, wenn die Entkirchlichung und das Verschwinden des Glaubens weiter voranschreiten.
Natürlich nutzt ein Therapeut, was da ist. Schon Jung sagte zu Süchtigen: "Nehmen Sie Gott!" und Riemann zog ebenfalls alle Register. Das ist gut und notwendig.
Bedenken wir allerdings, dass unser sog. Gewissen, also das in unserer eigenen Kultur platzierte, gerade durch den alttestamentarischen Schuld-Und-Sühne-Begriff geprägt worden ist, ist die Trennung hiervon schier unmöglich.
Ich persönlich setze diesbezüglich deshalb (wie Moser) auf eine sich abzeichnende christlich-religiöse Abkehr, die das Gesamtsystem ins Wanken bringen wird.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Dies ist nicht das, was ich mir ad hoc wünsche. Denn der Zusammenbruch eines ganzen Wertesystems erfordert angemessenen Ersatz.
Davon ist weit und breit nichts zu sehen.
Freundliche Grüße
der 8. Zwerg
 
Lieber Achter Zwerg ( kann ich Sie auch anders anreden?),


vielen Dank für die ausführliche Beschäftigung mit meiner Rezension. Ich bin mir nicht sicher, ob es während und nach der ja schon seit langem erfolgenden Abkehr von den durch die jüdisch-christliche Tradition verbrieften Werten einen angemessenen und Mensch und Gesellschaft tragenden Ersatz geben wird.

Ich baue in persönlicher Lebensführung und Sinnstiftung, aber auch für das Gemeinwesen nach wie vor auf meine Tradition. Natürlich immer im Gespräch und in der Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Welt und ihren Erscheinungsformen und Problemen.So werde ich am kommenden Sonntag in der Kirche unseres Ortes im Rahmen einer vor etwa einem halben Jahr begonnenen Reihe über die Aktualität und die Bedeutung der Zehn Gebote über das sechste Gebot sprechen. Vgl. auch einen Text dazu von mir auf der LL.

Ob allerdings Gott etc. in einer oder zwei Generationen nicht doch zu einer Lebenshaltung einer immer kleiner werdenden Minderheit schrumpft - möglich ist es.

Mit guten Wünschen für ein schönes Wochenende


Winfried Stanzick
 
Lieber Achter Zwerg,

Vielen Dank für die freundliche Bewertung. Freuen würde ichf mich allerings auch über eine Fortsetzung unseres "Gesprächs".


LG

Winfried Stanzick
 

 
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