„Gott ist ein Kind, dem man die Windeln wechseln muss“

Rezension zu:

Susanna Tamaro, Mein Herz ruft deinen Namen, Piper 2013, ISBN 978-3-492-05509-3

Ihr Roman „Geh, wohin dein Herz dich trägt“ und seine nach zwölf Jahren geschriebene Fortsetzung „Erhöre mein Flehen“ haben die italienische Schriftstellerin Susanna Tamaro auch in Deutschland berühmt gemacht. Auch in ihren bei uns weniger bekannt gewordenen Büchern aus den letzten beiden Jahrzehnten hat sie sich immer wieder mit einer ganz eigenen, poetisch- spirituellen Sprache mit der Liebe auseinandergesetzt und mit ihrem Verlust durch den Tod oder durch eigene Schuld. Versöhnung und Frieden mit der eigenen Vergangenheit als wichtige Voraussetzungen für ein glückliches und sinnvolles Leben sind weitere Themen, die immer wieder in ihren Büchern auftauchen. Die Suche und das Fragen nach Gott, die sie ausdrücklich und zwischen den Zeilen thematisiert, haben ihr manchmal den Ruf einer „katholischen“, also nicht ganz ernst zu nehmenden Autorin eingebracht.

Auch ihr neuer Roman „Mein Herz ruft deinen Namen“ zeigt, wie ungerecht und banausenhaft ein solches Urteil ist. Sie lässt darin den Ich-Erzähler Matteo zu Wort kommen, der nach dem tödlichen Unfall seiner Liebsten seinen Beruf als angesehner Kardiologe aufgibt und sich in eine kleine einsame Berghütte mitten im Wald zurückzieht, wo er ein recht eigenbrötlerisches Leben führt. Ab und an verirrt sich ein einzelner Wanderer zu ihm, manch einer bleibt auch ein paar Tage, doch die meisten ziehen angesichts seiner schweigsamen Art schnell weiter.

Er sucht nach Antworten, die ihm seine quälenden Fragen auflösen, die seine Sehnsucht nach der über Alles geliebten Frau stillen könnten. Und wie in einem langen Brief an sie rekapituliert er sein Leben. In vielen Rückblenden führt Susanna Tamaro den Leser hinein in Matteos aufregende Vergangenheit, ein Leben, das, so begreift er in einem langen, schmerzhaften und spirituellen Prozess, letztendlich dort enden musste, wo er sich jetzt befindet: in einer einsamen Hütte auf einen Berg mitten im Wald.

Susanna Tamaro, die man in ihrem Heimatland 2011 mit diesem Buch so etwas wie „wiederentdeckt“ hat, hat ein schönes, ein berührendes Buch geschrieben voller Weisheit, Poesie, Liebe und Spiritualität, das den Leser mit seiner schlichten Sprache gefangen nimmt. Eine der zentralen Botschaften lässt sie Matteos Vater in einem Brief an ihn so formulieren:
„Nicht die Dinge, die wir tun, verleihen unseren Tagen Qualität, sondern wie wir sie tun. Deshalb müssen wir sie immer auf die menschlichste, beste Weise tun. In jeder einzelnen Geste muss Größe und Würde liegen. Man darf sich nie klein machen lassen, nie erniedrigen lassen, denn das Leben ist wie das Meer: Es gibt windstille Augenblicke, und es gibt Stürme; in beiden Fällen muss man sich bewusst sein, dass es das Wichtigste ist, aufrecht auf der Kommandobrücke zu stehen.“

Ein Buch, das mit der genialen theologischen Weisheit endet: „Gott ist ein Kind, dem man die Windeln wechseln muss.“
 

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