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Gott ist nicht schüchtern

Rezension zu:
Olga Grjasnowa, Gott ist nicht schüchtern, Aufbau Verlag 2017, ISBN 978-3-351-03665-2

In ihrem neuen Roman erzählt Olga Grjasnowa die Geschichte von zwei jungen Menschen aus Syrien, die Geschichte von Amal und Hammoudi. Zweimal im Laufe des Buches begegnen sie einander kurz, nehmen einander wohlwollend wahr, doch was vielleicht eine ganz neue gemeinsame Geschichte hätte werden können, verliert sich bis kurz vor dem Ende aus den Augen.

In wechselnden Kapiteln verfolgt die Autorin die beiden und sie beginnt mit dem Ausbruch der syrischen Revolution. Amal feiert gerade ihre ersten Erfolge als Schauspielerin und hofft auf weitere Erfolge; sie träumt von kommendem Ruhm. So wie viele andere spürt sie, dass das Assad-Regime all diese kulturelle Vielfalt zerstören und das Land mit seinem Islamismus überziehen will. Unter großen Bedenken ihrer wohlhabenden Eltern nimmt sie an Protesten teil und schließt sich dem Widerstand an.

In den kommt auch Hammoudi, ebenfalls aus gebildetem und wohlhabendem Haus, als er in Paris gerade sein Medizinstudium beendet und in einem der besten Krankenhäuser dort eine Stelle bekommen hat. Für die Verlängerung seines Passes muss er noch einmal kurz in die Heimat nach Syrien zurück. Doch dort wird er festgehalten und darf das Land nicht mehr verlassen.

Grjasnowa beschreibt in einer nüchternen Sprache, die unter die Haut geht, wie zwei junge Menschen unabhängig voneinander kämpfen für ihr Land und für die Revolution, und wie sie blutig und brutal erstickt wird.

Ihr Ton ist direkt, fast berichtend. Das wird noch intensiver durch die Tatsache, dass die Autorin im Präsens schreibt. Verheiratet mit einem syrischen Mann, wollte Olga Grjasnowa mehr und mehr über dieses Land und das Schicksal seiner Menschen, vor allem auch über die Arbeit der vielen Ärzte im Bürgerkrieg wissen. Sie verfolgt die Geschichten von Amal und Hammoudi, und bringt so dem Leser eine Wirklichkeit nahe, die schon seit etlichen Jahren mit den Flüchtlingen auch in unser Land kam, den meisten von uns jedoch fremd geblieben ist.

Auch Amal und Hammoudi müssen unabhängig voneinander irgendwann das Land verlassen und dann mit Schlepperbooten das Mittelmeer überqueren.

Der Roman bringt am Beispiel zweier Menschen und ihre Familien und Freunde dem deutschen Leser die ganze Problematik in Syrien näher, als das die herkömmlichen Medien tun können. Es ist die traurige Geschichte von Leid, Verfolgung, Tod und Überleben, wie sie sich immer wieder abspielt und immer wieder abspielen wird, allen „Nie wieder!“ – Parolen zum Trotz.

Olga Grjasnowa ergreift keine Partei, wenn sie die innersyrischen Auseinandersetzungen auch unter den Oppositionellen schildert, sie beschränkt sich auf das Erzählen dessen, was sie in unzähligen Gesprächen nicht nur mit ihrem Mann, sondern auch mit vielen Geflüchteten erfahren hat.

Es ist allein jene unbändige Kraft des Überlebenwollens, was dieses Buch Hoffnung ausstrahlen lässt. Bei dem Zustand ihres Landes und dem Stillstand in der internationalen Bemühungen um eine Friedenslösung, müssen sich all die Geflüchteten auf ein langes Exil einstellen, ähnlich wie das Hisham Matar eben in seinem Buch „Die Rückkehr“ eindrucksvoll und schmerzhaft am Beispiel seiner libyschen Familie beschrieben hat.
 

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