Großraum Erste Klasse

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Jenny K

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Es war ein Samstag nachmittag im Frühjahr. Dreieinhalb Stunden im ICE lagen zwischen der ComicCon NRW, die ich gerade verlassen hatte, und meiner Studentinnen-WG, "daheim". Ich hatte mich relativ spontan zu der Reise entschlossen und mich von der Bahn-Webseite zum "Sparpreis 1. Klasse" überreden lassen, der nur ein paar Euro über dem Normalpreis in der zweiten lag. Ich verstaute meinen Koffer auf der Gepäckablage, ließ mich in den Sitz fallen (Fensterplatz, mit Tisch, Reservierung im Preis inbegriffen) und dankte innerlich Jonas, unserem Handballtrainer, dafür, dass er uns im Training mit Kraftübungen triezte - wenigstens war ich dadurch eine der wenigen Frauen, die ihren Koffer auch ohne Hilfe zähmen konnten. Die Rolle der Hilfsbedürftigen liegt mir nicht so.

Den meisten Platz im Koffer namen zwei Paar ausgefallene Stiefel ein, die zu meiner Garderobe gehörten, wenn ich im Metier ausging; nun trug ich zwar noch den Rock von heute morgen, aber das Top war einem T-Shirt gewichen, die Stiefel hatte ich durch bequeme Sneakers ausgetauscht, und das Make-Up war so gut es ging entfernt, so dass ich hier nicht weiters auffiel. Was auf der ComicCon ein normales (oder, sind wir ehrlich, fast schon langweiliges) Outfit ist, hätte hier sicherlich noch für die eine oder andere hochgezogene Stirn gereicht.

Der Zug war einigermaßen voll. Ich fühlte mich falsch hier in der "1. Klasse", als wäre ich als Spionin eingeschleust. Natürlich kann es jedem anderen Fahrgast genauso gegangen sein, dass das Ticket fast nichts extra kostete, aber ich malte mir aus, dass jeder andere hier im Wagen ohne mit der Wimper zu zucken regelmäßig erste Klasse fährt. Eine Dame im kastanienfarbenen Kostüm und auffallend goldener Halskette auf der anderen Seite des Flurs las in einem französischen Buch (Hardcover). Den Mann hinter mir sah ich nicht, aber er gab am Handy den wichtigen Manager, der mit seinem Kollegen noch schnell die "talking points" für ein Meeting am Montag durchgehen musste. Mir direkt gegenüber ein milchgesichtiger Junge im grauen Anzug, der offenbar einen Film auf dem Smartphone schaute. Ich bin nicht sicher, ob das an den Anzügen liegt oder an den Männern, aber manche sehen einfach aus, als ob der Anzug ihre zweite Haut ist (Sean Connery *schwärm*), und andere, als ob ihre Mutter sie gegen ihren Willen eingekleidet hat. Aber ich will nichts sagen, ich selber fühle mich in meinen Business-Klamotten, die ich manchmal für Nebenjobs brauche, auch nicht superwohl.

Ich zog die Kopfhörer an, aktivierte die Playlist an meinem Handy, und begann, die Social-Media-Ausbeute der vergangenen Tage zu sichten, ein paar Bilder zu kommentieren und die, auf denen ich im kompletten Outfit zu sehen war, mit Freundinnen zu teilen. In Gedanken war ich wieder da, wieder auf der Party gestern, wieder mit Leuten, die so waren wie ich, und die nicht wie die meisten meiner Kommilitonen "soso, aha" sagten, wenn ich von meinem Faible erzählte.

Ich wurde aufmerksam, als ich eine Hand auf meinem Knie spürte. Die gehörte zu dem jungen Mann im Anzug mir gegenüber, der mich halb entschuldigend, halb mitleidsvoll ansah. Auch die anderen Mitreisenden musterten mich - oh Scheiße, ich hatte wieder mal lauter mitgesungen, als sich das für den ICE-Großraumwagen gehört. Am liebsten wäre ich vor Scham im Boden versunken. "Schuldigung," sagte ich zu niemand bestimmtem, und gab vor, mich wieder in mein Handy zu vertiefen.

"Macht nichts", sagte er, bevor ich den Kopfhörer wieder ins Ohr stecken konnte, "die Leute hier sehen wir vermutlich eh zum ersten und zum letzten Mal." Ich lächelte und hörte weiter Musik.

Als ich später die Augen aufmachte, fiel mir auf, dass mein Gegenüber mich anschaute...

Mir ging der Spruch mit dem "zum ersten und letzten Mal sehen" nicht aus dem Kopf. Er hatte schon recht damit; der Zug hier war wie eine Welt zwischen meinem Alltags-Studentendasein und meinen Freunden vom Event. Dieses Großraumabteil, dieser Zug, das war temporär, das würde morgen gar nicht mehr existieren. Warum hatte er das gesagt. Ging es ihm genauso? War er auch ein Fremder hier im Zug?

Ich zog meinen rechten Schuh aus und bewegte den Fuß vorsichtig vor, bis ich die Vorderseite seines Sitzes spürte. Das war bestimmt keine gute Idee. Eigentlich war es gar keine Idee, sondern bloß ein Impuls. Und schon berührte mein Fuß die Innenseite seines linken Oberschenkels. Er schaute mich an, fragend, erschrocken. Ich setzte ein unschuldiges Gesicht auf und ließ meinen Fuß etwas weiter wandern, bis ich auf einen Widerstand traf. Ich schmunzelte, warf meinem Gegenüber aber nur einen kurzen Blick zu.

So eine Anzughose ist keine Jeans, und das Volumen, an das sich mein Fuß anschmiegte, veränderte sich deutlich. Ich strich nun mit meinem Ballen an der Hose auf und ab. Mein Gegenüber rutschte ein bißchen auf dem Sitz nach vorne. Er fixierte mich mit starrem Blick, ganz so, als ob er sich für meinen Gesichtsausdruck interessierte, den ich nach wie vor unbeteiligt-neutral hielt - zumindest mir konnte niemand hier im Zug anmerken, was unter dem Tisch vor sich ging. Mit meinem Fuß massierte ich seine Erektion; fast kam ich mir etwas grob dabei vor, doch seine Augen wollten mehr. Er öffnete die Lippen einen Spalt breit und zog unhörbar etwas Luft ein. Seine Augen waren immer noch auf mich gerichtet, schienen zugleich aber einen Punkt in der mittleren Entfernung zu fokussieren. Ich kannte diesen Blick. Wenn ich jetzt weiter mache, ist der Spaß in zehn Sekunden vorbei. Zwanzig, höchstens.

Ich habe später oft über diesen Moment nachgedacht. Ich glaube, in diesem Großraumwagen erster Klasse hat sich für mich eine Weiche gestellt. Das seltsame war, dass ich keine sexuelle Erregung verspürte, zumindest keine der mir bekannten Art. Ich begehrte den jungen Kerl von gegenüber nicht, ich verspürte nicht das Verlangen, es mit ihm in der Zugtoilette zu treiben. Ich genoss stattdessen, dass ich die Kontrolle hatte, während mein Gegenüber kaum zu einem klaren Gedanken fähig schien. Und wie wenig es gebraucht hatte, um an diesen Punkt zu kommen!

Ich hatte meinen Fuß ein wenig zurückgenommen, um die Frage, die Angst, die drohende Enttäuschung auf seinem Gesicht zu sehen.

Beim Einchecken im Hotel hatte eine kleine Tüte Gummibären auf meinem Kopfkissen gelegen. Die holte ich jetzt aus meiner Handtasche und riss sie auf, nahm einen heraus und führte ihn langsam zu meinem Mund. Ich brachte meinen Fuß wieder in Position und machte weiter, wo ich vorhin aufgehört hatte. Genau in dem Moment, in dem ich langsam den Mund öffnete und meine Lippen etwas mit der Zunge befeuchtete, sah ich meinem Gegenüber fest in die Augen. Ich schloß langsam meine Lippen um das kleine rote Gummibärchen und ließ die Augen nicht von seinen, während ich zu kauen begann. Das muß der Moment gewesen sein, in dem er zum Höhepunkt kam, denn seine Augen wandten sich nach oben und schlossen sich leicht, und vielleicht war es nur Einbildung, aber ich meinte sogar, mit meinem Fuß zu spüren, wie er in drei oder vier heftigen Schüben ejakulierte. Uh-oh, jetzt dauert es bestimmt nicht lange, bis man einen Fleck auf der Hose sieht!

Ich lächelte ihn an und verspeiste ein zweites Gummibärchen. Ich konnte sehen, wie in seinem kleinen Männerhirn die Gedanken rasten: Was müsste er jetzt sagen, was müsste er jetzt tun, um mehr davon zu bekommen? Liegt hier ein Angebot auf dem Tisch? Wie kommt er mit seinen Händen in mein T-Shirt? Aber er war nicht der Draufgängertyp, und ich war mir sicher, dass ich ihn abschütteln könnte, wenn in 20 Minuten mein Bahnhof kommt. Sicherlich muss er weiter, zu Mama oder Papa oder dem Boss. Ich wandte mich meinem Handy zu und verhielt mich so, als sei nichts gewesen. Jetzt bloß keinen Fehler machen und irgendwelche Gefühle wecken. Ich will nach Hause, ich will unter die Dusche, und dann mit meinen Mitbewohnerinnen in der Küche Spaghetti essen.

Mein Bahnhof wird angesagt. Ich packe meine Sachen, habe den Koffer in der Hand, noch bevor mir jemand Hilfe anbieten kann, und verlasse den Wagen, ohne mich noch einmal umzusehen und ohne an ihm vorbeizugehen. Es tut mir fast ein bisschen leid, aber Männer brauchen eine klare Ansage. Gib ihm das Gefühl, er bedeute Dir was, und er läuft dir hinterher wie ein Schoßhund.

Zu Hause angekommen, war alles schnell vergessen. Der Zug, in dem ich ein anderer Mensch gewesen war, war einer vertrauten Umgebung gewichen. "Und, gute Reise gehabt?" fragte Annabell. "Ja, bißchen mühsam zwischendurch, aber dann doch Happy End", schmunzelte ich.
 

Frodomir

Mitglied
Liebe Jenny K.,

herzlich Willkommen im Forum!

Meiner Meinung nach hast du einen erfrischenden Einstand hingelegt. Dein Text war für mich zu jeder Zeit spannend zu lesen und dein Schreibstil lässt vermuten, dass du nicht zum ersten Mal Prosa verfasst hast. Dein Text wirkt auf mich professionell.

Positiv finde ich auch, dass mir als Leser die Erotik nicht aufgedrängt wird, sondern sie sich erst im Laufe des Textes entwickelt. Kritisch sehe ich allerdings das Männerbild, welches die Geschichte vermittelt. Freilich, der Text ist kein Essay, welcher eine Meinung darlegen möchte und die Sicht der Protagonistin muss keineswegs die der Autorin sein. Allerdings habe ich bei einer solchen Aussage wie dieser hier:

Es tut mir fast ein bisschen leid, aber Männer brauchen eine klare Ansage. Gib ihm das Gefühl, er bedeute Dir was, und er läuft dir hinterher wie ein Schoßhund.
den Eindruck, dass hier ein Geschlechterstereotyp gezeichnet wird, welcher heutzutage nur noch schwer vermittelbar ist.

Unabhängig davon habe ich deine Geschichte aber sehr gern gelesen!

Herzliche Grüße
Frodomir

PS:
Natürlich kann es jedem anderen Fahrgast genauso gegangen sein, dass das Ticket fast nichts extra kostete, aber ich malte mir aus
 
Hallo Jenny K.,
Deine Geschichte ist schön und unaufgeregt erzählt. Es ist eine Geschichte aus dem Leben, denn solche kleinen Anekdoten könnten sich gewiss auf einer solchen Reise ereignen, wenn es keine aufdringlichen Zeugen gibt.
Zuerst weiß man ja gar nicht so recht, wo es hinführt, ob die beiden einfach nur ins Gespräch kommen, aber dann passiert es einfach, ganz subtil und doch unauffällig.
Bei der Verallgemeinerung des Männerbildes muss ich Frodomir zustimmen. Das ist schon sehr plakativ. Es mag solche Männer geben, aber das sind dann vielleicht schüchterne Einzelkinder gewesen, die gewissermaßen einen Lebenspol suchen, an den sie sich heften können, egal, wie er auch daherkommt. Aber auch das ist jetzt ein Bild, das man nicht verallgemeinern kann.
Die Antwort am Ende auf die Frage der Freundin machte die Protagonistin für mich irgendwie liebenswert.
Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

Jenny K

Mitglied
Hey Rainer und Frodomir, danke für Eure Antworten! Ja sorry, ich weiss natürlich schon dass es auch andere Männer gibt, aber meine Protagonistin muss das vielleicht erst noch lernen *g*

LG Jenny
 

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