Großstadt der Toten - Südwest-Kirchhof Stahnsdorf bei Berlin

Nein, romantisch ist er nicht. Da sind einfach zu viele Motive wie von Caspar David Friedrich oder Böcklin. Der Südwestkirchhof, das sind gleich Zigtausende von verfallenen Gräbern - es ist auf eine großartige Weise deprimierend. Man kann sich dem auf stundenlangen Spaziergängen aussetzen …

Der Name täuscht. Das ist kein Kirchhof, also kein überschaubarer Ort für Gräber rund um eine Kirche, vielmehr der flächenmäßig zweitgrößte deutsche Friedhof mit den Gebeinen von mehr als Hunderttausend Bestatteten. 1909 als moderner Park- und Waldfriedhof eröffnet, hatte er seine große Zeit etwa von 1920 – 1945. In der Weimarer Republik wie in der Hitlerzeit war er bevorzugter Ort für Bestattungen Prominenter. Der Stummfilmregisseur Murnau (gest. 1931) sei stellvertretend genannt. Beliebt war der Südwestkirchhof auch bei breiten bürgerlichen Schichten. Er hatte seit 1913 eine eigene Bahnverbindung nach Berlin. In den späten Dreißigern bekam er starken Zuwachs – die Nazis schlossen, um Berlin in „Germania“ umbauen zu können, eine Reihe von Friedhöfen in Schöneberg. Dabei erfolgten ca. 15.000 Umbettungen, oft mit den alten Grabmonumenten. So liegen seitdem z.B. die sterblichen Reste von Zille oder von Werner von Siemens in Stahnsdorf.

Der Friedhof war für die Bevölkerung der westlichen und südwestlichen Stadtteile und Vororte angelegt worden, doch nicht auf Berliner Territorium, sondern auf dem der späteren DDR. Daraus resultierte nach 1945 ein starker Rückgang der Bestattungen. Die West-Berliner brauchten bald, um die Gräber ihrer Toten besuchen zu können, Passierscheine. Ab 1961 wurde in Stahnsdorf nur noch ausnahmsweise beerdigt. Gleichzeitig verfiel die Masse der Grabanlagen, überwuchert von der märkischen Vegetation. Heute erinnert das ein wenig an die Überreste der Khmertempel im tropischen Urwald. Zwar hat das Bestattungswesen in jüngerer Zeit wieder einen Aufschwung genommen, Stahnsdorf ist ein wenig in Mode gekommen - doch erscheint es aussichtslos, die Nekropole angesichts ihrer Größe und der schieren Zahl vorhandener, außer Kontrolle geratener Grabstätten jemals wieder in einen normalen Friedhof zurückverwandeln zu können.

Schlendert man über die Wege und zwischen den Gräbern umher, fällt einem auf, wie geschmackvoll die meisten Grabmäler wirken. Abgesehen von manchen älteren, hierher verlagerten Anlagen findet sich wenig Protziges. Das meiste zeugt noch von relativem Wohlstand, war einmal solide, gediegen. Nur ist jetzt fast alles durchweg verfallen. Man staunt über die vielen Abstufungen dieses Verfalls, von leichten Beschädigungen über stark Ruinöses bis zur weitgehenden oder völligen Auflösung. Gelegentlich ist man versucht, die Besichtigung abzubrechen, zu stark sind manche Eindrücke …

Im Block „Reformation“ finden wir das Epitaph eines 1943 bei einem Bombenangriff getöteten Reichsbankrats, die Gebeine neben denen seiner Schwiegermutter, verstorben 1948. Die Witwe bzw. Tochter, wohl Besorgerin der Bestattungen, hat vorsorglich auch von sich Namen und Geburtsjahr auf der Tafel einmeißeln lassen, ist dort jedoch nie beerdigt worden – im Tode unvereint. Und der gut erhaltene Grabstein des Bankrats steht heute schief, Baumwurzeln haben ihn um 30 Grad über die Waagerechte angehoben. Das stört hier keinen … Woanders ein Kadett aus adliger Familie, Anfang 1918 mit sechzehn gestorben – gefallen? Schmal und hoch seine helle Grabstele, nach bald hundert Jahren noch lotrecht und in jeder Beziehung untadelig, und das in stark verwüsteter Umgebung. Man kann es als Sinnbild des Militärischen auffassen - und von dessen Sinnlosigkeit.

Viel, allzu viel Natur zwischen und über den Gräbern. Doch diese Natur wirkt nicht natürlich. Es bleibt der Eindruck von gescheiterter Zivilisation, von einer Totengroßstadt, deren Entwicklung auf ihrem Höhepunkt abbrach. Die Verwaltung des Friedhofs müht sich, der gelegentlich den Friedhof heimsuchenden Wildschweinrotten Herr zu werden. Es werden auf ihm Ansitzdrückjagden veranstaltet.

Der Südwestkirchhof vermittelt insgesamt das Bild eines materiell und kulturell hoch entwickelten Bürgertums, dessen Projekt eines modernen Großstadtfriedhofs in der Sackgasse einer gesellschaftlich-politischen Krise scheiterte. Ist das auch ein Sinnbild, vielleicht von absoluter Nichtigkeit unserer materiellen, ästhetischen und geistigen Kultur? Kommt man an einzelnen „normalen“ Grabfeldern aus jüngerer Zeit vorüber – auch die gibt es hier –, kann man sie bald als eigentümlich deplaciert und unwahrhaftig empfinden. Die wahre Vergänglichkeit, ungeschmückt, ungeschminkt, ungetröstet, denkt man, sieht aus wie der Verfall dieser anderen endlosen Gräberreihen.
 
Vielen Dank für diesen eindrücklichen Text über die Veränderungen in einer Friedhofskultur, die man auch andernorts, sogar bis hinein in die Dorffriedhöfe beobachten kann.


Herzliche Grüße

Winfried Stanzick
 
Danke, Winfried, für die freundliche Wortmeldung. Allerdings sehe ich eher keine Parallelen zwischen Stahnsdorf und dem Durchschnittsfriedhof von heute. Es ist wirklich aufgrund seiner Historie ein Sonderfall, wo die Quantität des Verfalls zu einer eigenen ästhetischen Qualität führt. Allenfalls findet man in Ansätzen Ähnliches auf diversen alten Friedhöfen im Berliner Stadtgebiet, z.B. an der Bergmannstraße.

Über den Stahnsdorfer Friedhof gibt es auch einige sehenswerte Videos bei YouTube. Das von RuedigerTheHearse vermittelt besonders gut den Eindruck von "Khmer-Tempeln im Urwald". Sehr schön auch das Video "Ein Gang über den Friedhof Stahnsdorf in 3D" von 3Dingaling, wobei 3D auch deaktiviert werden kann. Zu beiden Videos auch sehr passende Musik.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Im Grunde bekomme ich einen Eindruck von dem, was du sagen willst, und einige interessante Infos – so richtig vom Hocker Haut mich der Klang des Textes aber nicht. Ein wenig mehr schwelgen? Es ein wenig mehr fließen lassen? Aber das ist Geschmackssache.

Nicht mehr reine Geschmackssache ist jedoch vermutlich diese Passage:
Der Südwestkirchhof vermittelt insgesamt das Bild eines materiell und kulturell hoch entwickelten Bürgertums, dessen Projekt eines modernen Großstadtfriedhofs in der Sackgasse einer gesellschaftlich-politischen Krise scheiterte. Ist das auch ein Sinnbild, vielleicht von absoluter Nichtigkeit unserer materiellen, ästhetischen und geistigen Kultur?
Ich glaube, da hast du doch zu tief in den wissenschaftlich-intellektuellen Sprachtopf gegriffen. Das Bilder-Vergleichende der anderen Passagen (Großstadt, Dschungel, plötzlicher Abbruch der Entwickung) wirkt um Längen besser.

Nicht ganz glücklich finde ich auch den Einschub mit den Wildschweinen. So in der Kürze wirkte es seltsam unrund an „unnatürliche Natur" und "Entwicklung abgebrochen" angehängt. (Ich hätte erwartet, dass die Verwaltung die Natur - also den Bewuchs - unter Kontrolle zu bringen versucht, das läge irgendwie näher.) Als Symbol (für den krampfhaften Versuch, die "Eleganz" der Anlagen nicht zertrampeln zu lassen) taugt das mit dem Wildschweinen durchaus, aber eben mit einem Übergang, der diesen Zusammenhang herstellt.
 
Nun, Jon, der Satz mit dem "Sinnbild" ist ja bewusst als Frage formuliert, eben als Gedanke, der einem leicht verstörten Friedhofsbesucher nach zwei Stunden dort kommen kann. Selbstverständlich ist das in der Sache übertrieben. Der Text soll jedoch gerade die durch den Friedhofsbesuch hervorgerufene Stimmung ein wenig heraufbeschwören.

Nachvollziehen kann ich dagegen dein Befremden über die allzu plötzlich auftretenden Wildschweine. Das könnte besser formuliert werden, ich weiß noch nicht wie.

Arno Abendschön
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Die Frage mit dem "Sinnbild" leuchtet mir schon ein und ich finde sie in der Sache auch sehr passend. Nur der Klang (auch und vor allem des Satzes davor) erscheint mir unpassend, zerstört den eher "(be)sinnlichen" Grundklang durch die sehr kühl-kopfige Wortwahl. Der Klang in dieser Passage zielt eben nicht auf die Stimmung sondern auf eine eher intellektuelle Verarbeitung derselben.
 

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